SUCHE
Unabhängige Nachrichten, Berichte & Meinungen
Druckversion
Kultur und Wissen
Eine experimentelle Collage und Würdigung zu seinem 37. Todestag
Ein Zimmer für Bernd-Alois Zimmermann
Von Jan Pablo Neruda
Bernd-Alois Zimmermann
expandierende Kugel!
die ständige Ausdehnung des Universums –
ist der Inbegriff von Zeit?
von erfahrbarer Zeit,
so wie sie in dem musikalischen Werk Bernd-Alois Zimmermanns zu Tage tritt?
sich dehnender Charakter einer Zeit des Erzählens: Zimmermanns Arbeit hat einen experimentell-literarischen Erzählungsstil. Es kann fühlbar unterschieden werden zwischen erzählter Zeit, Erzählzeit und dem absoluten Zeitbegriff...
/einschub:
(aus Wikipedia-Artikel)
Eigentlich wollte Zimmermann Theologie studieren, begann aber dann im Wintersemester 1938/39 das Studium der Schulmusik, Musikwissenschaft und Komposition an der Hochschule für Musik Köln. 1940 erfolgte die Einberufung zur Wehrmacht, aus der er im Herbst 1942 wegen einer schweren Hautkrankheit entlassen wurde. Er nahm das Studium wieder auf, dessen Abschluss sich durch Kriegsende und Nachkriegswirren bis 1947 verzögerte.
Zimmermann hat ungefähr auf der Mitte der Zeitachse des 20. Jahrhunderts gewirkt. Er versteht es, dem dreidimensionalen Raum, der Vierdimensionalität von Zeit und Raum eine weitere, höhere Dimension über das Hörerlebnis zu verleihen, ohne darüber zu verklären oder zu verklittern...
Die Relativität der Zeit verkörpert sich sinnbildlich durch seine Kompositionen. Die Krümmung der Zeit eben in jene multiplexe expandierende Kugelgestalt führt in der subjektiven Wahrnehmung zu einer unendlichen Dehnung des inneren Raums. Gleichzeitig kolportiert und überliefert Zimmermann gesellschaftliche, politisch gleichermaßen sowohl brisante als auch engagierte Inhalte, die im Zusammenklang mit wahrhaftig neuer Musikalität zu einer Aufrüttelung von Zeit und Raum in der Gedankensphäre führen.
Am 10. August 1970 hat Bernd-Alois Zimmermann mit nur 52 für sein Leben den Freitod gewählt...
/einschub:
Ausschnitt aus: Intervall und Zeit
Bernd Alois Zimmermann. Aufsätze und Schriften zum Werk.
Hrg. Christof Bitter. B.Schott's Söhne, Mainz. 1974.
Aufsatz Seite 11 u. 12:
„Intervall und Zeit“
„ ...Das Intervall ist also sowohl vertikal wie horizontal erlebbar. Dieses ist nur möglich innerhalb der Zeit. Hier nun wird die Bedeutung der Zeit als Grundform der Erfahrung des Intervalls sowie der Musik überhaupt deutlich.
In der Möglichkeit der Projizierung des Intervalls, sowohl ins Vertikale als auch ins Horizontale, erscheint - vermöge der elementaren Beziehung von Intervall und Zeit - die Zeit auch in beide Richtungen projizierbar. So erleben wir Klang als „Nacheinander“ der Töne im Zeitabstand Null, Tonfolge als „Gleichzeitiges“, in der Zeit verschoben: Vertauschbarkeit der musikalischen Dimensionen, Identität des scheinbar Verschiedenen.
Von dieser Seite gesehen, erhält der Gedanke der Einheit der Zeit als Einheit von Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft – so wie sie Augustinus im Wesen der menschlichen Seele begründet hat, die in einem geistigen Sichausdehnen den flüchtigen Augenblick übergreift und Vergangenheit und Zukunft in eine ständige Gegenwart hineinbezieht – dieser so moderne und zugleich uralte Gedanke, eine neue Perspektive in der Musik als ‚Zeitkunst’, als Kunst der zeitlichen Ordnung innerhalb der ständigen Gegenwart der allumfassenden musikalischen Grundstruktur, die wir als Ordnungsprinzip aller Verhältnisse innerhalb einer Komposition ansetzen müssen...
Welcher Art ist nun die Ordnung, die Musik zwischen dem Menschen und der Zeit setzt? Ganz allgemein eine Ordnung der Bewegung, die auf besondere Weise Zeitlichkeit zum Bewußtsein bringt und den Menschen so in einen Prozeß des inneren Erlebens von geordneter Zeit hineinbezieht; die auf Grund ihrer Kommunikation mit den Grundformen der menschlichen Erfahrung überhaupt in tiefste Erlebnisbezirke hinabreicht; die den Menschen in seiner ganzen Wesenheit erfasst und ihm, jenseits der Erscheinungsformen der Zeit in ihrem Ablauf in der Musik, die Zeit als umfassende Einheit zum Bewußtsein bringt“. (1957)
/nachschub:
Zum Hörerleben empfohlen seien die Oper „Soldaten“ und das „Requiem für einen jungen Dichter“.

Plakat der Aufführung von „Soldaten"
Foto: NRhZ-Archiv
Es ist leider unverständlicherweise äußerst schwierig, an Zimmermanns Musik heranzukommen. Das Repertoire wird wohlbehütet vom WDR, wenn nicht gar unter Verschluss gehalten. Man sollte der wahrscheinlich nach oder mit der BBC größten Rundfunkanstalt Europas einmal ein wenig auf die eingestaubten Füße treten. Gerade im Hinblick auf Zimmermanns 40. Todesjahr im Jahr 2010 könnte neuen Aufführungsprojekten zugearbeitet und im besonderen sein Gesamtwerk editiert werden, dem neben der erwähnten währenden Aktualität wahrlich auch eine intrinsische Wertigkeit innewohnt, die es lebendig zu vermitteln gilt...
Apropos: „die Kugelgestalt der Zeit...“ – diesen Eintrag über eine aktuelle Einspielung habe ich auf Seite 19 bei meiner Google-Recherche gefunden. (CH)
Bernd Alois Zimmermann: Requiem für einen jungen Dichter
SACD-Veröffentlichung (erscheint voraussichtlich September 2007)
Claudia Barainsky (Sopran), David Pittman Jennings (Bariton), Michael Rotschopf (Sprecher I), Lutz Lansemann (Sprecher II), Tschechischer Philharmonischer Chor Brno (Chor I), Slowakischer Philharmonischer Chor (Chor II), EuropaChorAkademie Mainz (Chor III), Holland Symfonia, João Rafael (Klangregie), Bernhard Kontarsky (Leitung)
Eine Co-Produktion mit KRO Radio4
Online-Flyer Nr. 107 vom 08.08.2007
Druckversion
Kultur und Wissen
Eine experimentelle Collage und Würdigung zu seinem 37. Todestag
Ein Zimmer für Bernd-Alois Zimmermann
Von Jan Pablo Neruda
Bernd-Alois Zimmermannexpandierende Kugel!
die ständige Ausdehnung des Universums –
ist der Inbegriff von Zeit?
von erfahrbarer Zeit,
so wie sie in dem musikalischen Werk Bernd-Alois Zimmermanns zu Tage tritt?
sich dehnender Charakter einer Zeit des Erzählens: Zimmermanns Arbeit hat einen experimentell-literarischen Erzählungsstil. Es kann fühlbar unterschieden werden zwischen erzählter Zeit, Erzählzeit und dem absoluten Zeitbegriff...
/einschub:
(aus Wikipedia-Artikel)
Eigentlich wollte Zimmermann Theologie studieren, begann aber dann im Wintersemester 1938/39 das Studium der Schulmusik, Musikwissenschaft und Komposition an der Hochschule für Musik Köln. 1940 erfolgte die Einberufung zur Wehrmacht, aus der er im Herbst 1942 wegen einer schweren Hautkrankheit entlassen wurde. Er nahm das Studium wieder auf, dessen Abschluss sich durch Kriegsende und Nachkriegswirren bis 1947 verzögerte.
Zimmermann hat ungefähr auf der Mitte der Zeitachse des 20. Jahrhunderts gewirkt. Er versteht es, dem dreidimensionalen Raum, der Vierdimensionalität von Zeit und Raum eine weitere, höhere Dimension über das Hörerlebnis zu verleihen, ohne darüber zu verklären oder zu verklittern...
Die Relativität der Zeit verkörpert sich sinnbildlich durch seine Kompositionen. Die Krümmung der Zeit eben in jene multiplexe expandierende Kugelgestalt führt in der subjektiven Wahrnehmung zu einer unendlichen Dehnung des inneren Raums. Gleichzeitig kolportiert und überliefert Zimmermann gesellschaftliche, politisch gleichermaßen sowohl brisante als auch engagierte Inhalte, die im Zusammenklang mit wahrhaftig neuer Musikalität zu einer Aufrüttelung von Zeit und Raum in der Gedankensphäre führen.
Am 10. August 1970 hat Bernd-Alois Zimmermann mit nur 52 für sein Leben den Freitod gewählt...
/einschub:
Ausschnitt aus: Intervall und Zeit
Bernd Alois Zimmermann. Aufsätze und Schriften zum Werk.
Hrg. Christof Bitter. B.Schott's Söhne, Mainz. 1974.
Aufsatz Seite 11 u. 12:
„Intervall und Zeit“
„ ...Das Intervall ist also sowohl vertikal wie horizontal erlebbar. Dieses ist nur möglich innerhalb der Zeit. Hier nun wird die Bedeutung der Zeit als Grundform der Erfahrung des Intervalls sowie der Musik überhaupt deutlich.
In der Möglichkeit der Projizierung des Intervalls, sowohl ins Vertikale als auch ins Horizontale, erscheint - vermöge der elementaren Beziehung von Intervall und Zeit - die Zeit auch in beide Richtungen projizierbar. So erleben wir Klang als „Nacheinander“ der Töne im Zeitabstand Null, Tonfolge als „Gleichzeitiges“, in der Zeit verschoben: Vertauschbarkeit der musikalischen Dimensionen, Identität des scheinbar Verschiedenen.
Von dieser Seite gesehen, erhält der Gedanke der Einheit der Zeit als Einheit von Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft – so wie sie Augustinus im Wesen der menschlichen Seele begründet hat, die in einem geistigen Sichausdehnen den flüchtigen Augenblick übergreift und Vergangenheit und Zukunft in eine ständige Gegenwart hineinbezieht – dieser so moderne und zugleich uralte Gedanke, eine neue Perspektive in der Musik als ‚Zeitkunst’, als Kunst der zeitlichen Ordnung innerhalb der ständigen Gegenwart der allumfassenden musikalischen Grundstruktur, die wir als Ordnungsprinzip aller Verhältnisse innerhalb einer Komposition ansetzen müssen...
Welcher Art ist nun die Ordnung, die Musik zwischen dem Menschen und der Zeit setzt? Ganz allgemein eine Ordnung der Bewegung, die auf besondere Weise Zeitlichkeit zum Bewußtsein bringt und den Menschen so in einen Prozeß des inneren Erlebens von geordneter Zeit hineinbezieht; die auf Grund ihrer Kommunikation mit den Grundformen der menschlichen Erfahrung überhaupt in tiefste Erlebnisbezirke hinabreicht; die den Menschen in seiner ganzen Wesenheit erfasst und ihm, jenseits der Erscheinungsformen der Zeit in ihrem Ablauf in der Musik, die Zeit als umfassende Einheit zum Bewußtsein bringt“. (1957)
/nachschub:
Zum Hörerleben empfohlen seien die Oper „Soldaten“ und das „Requiem für einen jungen Dichter“.

Plakat der Aufführung von „Soldaten"
Foto: NRhZ-Archiv
Es ist leider unverständlicherweise äußerst schwierig, an Zimmermanns Musik heranzukommen. Das Repertoire wird wohlbehütet vom WDR, wenn nicht gar unter Verschluss gehalten. Man sollte der wahrscheinlich nach oder mit der BBC größten Rundfunkanstalt Europas einmal ein wenig auf die eingestaubten Füße treten. Gerade im Hinblick auf Zimmermanns 40. Todesjahr im Jahr 2010 könnte neuen Aufführungsprojekten zugearbeitet und im besonderen sein Gesamtwerk editiert werden, dem neben der erwähnten währenden Aktualität wahrlich auch eine intrinsische Wertigkeit innewohnt, die es lebendig zu vermitteln gilt...
Apropos: „die Kugelgestalt der Zeit...“ – diesen Eintrag über eine aktuelle Einspielung habe ich auf Seite 19 bei meiner Google-Recherche gefunden. (CH)
Bernd Alois Zimmermann: Requiem für einen jungen Dichter
SACD-Veröffentlichung (erscheint voraussichtlich September 2007)
Claudia Barainsky (Sopran), David Pittman Jennings (Bariton), Michael Rotschopf (Sprecher I), Lutz Lansemann (Sprecher II), Tschechischer Philharmonischer Chor Brno (Chor I), Slowakischer Philharmonischer Chor (Chor II), EuropaChorAkademie Mainz (Chor III), Holland Symfonia, João Rafael (Klangregie), Bernhard Kontarsky (Leitung)
Eine Co-Produktion mit KRO Radio4
Online-Flyer Nr. 107 vom 08.08.2007
Druckversion
NEWS
KÖLNER KLAGEMAUER
FILMCLIP
FOTOGALERIE






















