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Globales
Revolutionäre Kunst im öffentlichen Kunstmuseum El Salvadors
Die Künstler werden nicht gefragt
Von Anne Hild
Erzähl mir von MARTE, Deine Geschichte von MARTE.
Die Säle des Museums haben verschiedene Privatunternehmen gestiftet. Die Künstler waren nie direkt an der Gestaltung des Museums beteiligt. Ich war nur dabei, als Präsident Flores, dessen Regierung das Gelände stiftete, den Grundstein gesetzt hat. Seitdem gab es keine Einladungen mehr. Wir haben damit also nichts zu tun. Auch bei den Ausstellungen wird der Künstler nicht konsultiert.

Antonio Bonilla in MARTE
Foto: Anne Hild
Bei der Eröffnung von Marte wurde „Gott und den vereinten Kräften des privaten Sektors, der Bundesregierung und denen, die sich für die Zukunft des Landes einsetzen“ gedankt. Wie siehst Du die Rolle der Kunst für die Bildung eines Nationalgedankens?
Im Unterschied zu Europa haben wir hierzulande bislang kein Museum gehabt. Es gibt eine Nationalsammlung, die in staatlichem Besitz ist und nie dem Publikum zugänglich gemacht wurde. Das Museum ist also eine Anerkennung an die Künstler, aber auch an das Publikum.
Aber ein Museum reicht nicht. In den Lehrplänen für die Grund- und Hauptschulen z.B. wird der ästhetischen Bildung keine Rechnung getragen. Wenn die Kunst nicht von Kind an den Menschen nahe gebracht wird, verläuft jeder Versuch im Sande. Die Bemühungen hier konzentrieren sich auf MARTE und die ausländischen Kulturzentren, wie das Centro Cultural de España und der Alianza Francesa, auch das Centro Cultural de México wird wiederbelebt. Die Unterstützung durch CONCULTURA ist sehr gering.
Welche Kunstrichtungen entwickeln sich in diesem Kontext?
Hier findest Du alle zeitgenössischen Tendenzen: Installationen, abstrakte Kunst, Konzeptkunst, und natürlich ist die menschliche Figur immer präsent, und die Landschaften. Es gibt eine plastische Tradition in San Salvador.
Der Maler Camilo Minero hat einmal gesagt: „Die bourgeoise Welt setzt gegen den Willen des sozial engagierten Künstlers ihre prosaischen Vorlieben, ihren Kult ums Geld und ihre Vulgarität durch, welche sich als unvereinbar mit dem wirklichen Künstler erweisen“. Wenn wir uns mal die Liste der ausgestellten Künstler anschauen: welche Kunstrichtung wird von MARTE gefördert?
Es zeigt wie alle Museen vor allem zeitgenössische Kunst, Salvadorianer und ausländische Künstler. Aber wir finden hier auch Werke, die recht heftig sind, und die im Museum akzeptiert werden. Z.B. meine Werke werden hier ausgestellt. Camilo Minero war einer der traditionellen, Mitglied in der kommunistischen Partei, noch als Greis hat er in den Reihen der FMLN am Bürgerkrieg teilgenommen, und er hat sich immer für das einfache Volk eingesetzt. Als Person war er sehr bescheiden.
Dann haben wir da noch Carlos Cañas ...
Soweit ich weiß, war er nie Mitglied der kommunistischen Partei, aber sein Werk Ende der sechziger, Anfang der siebziger Jahre, stand den sozialen Bewegungen sehr nahe. Z.B. „Sumpul“, ein sehr bekanntes Werk über das Massaker vom Sumpulfluss, ist hier im Museum ausgestellt. Einige der hier ausstellenden Künstler, wie Nolasco, kreieren politische Werke mit einer anderen Herangehensweise, eher surrealistisch, aber immer in Verbindung mit dem einfachen Volk. Dann ist da noch Armando Solís mit seinen Arbeiten über den Krieg, vor allem auch als Skulpturen, über die Verstümmelungen und Verstümmelten. García Ponce arbeitete zu seiner Zeit auch an Werken, die einen Gegenpol zum System darstellten. In den Achtzigern war der Krieg so omnipräsent, dass Du einfach drauf eingehen musstest.

Ausschnitt aus Carlos Canas „Sumpul"
Foto: Antonio Diaz Cerritos
Welche Rolle spielt das politische System in Deinen eigenen Werken?
Ich war zu Zeiten des Krieges hier, ich habe gekämpft und war immer Teil der FMLN, aber ich habe auch immer gemalt, und mein gesamtes Werk der Achtziger ist politisch. Damit meine ich nicht Propaganda. Was wir gemacht haben, war Kunst. Eine Kunst, die von Alpträumen handelte, ihnen eine andere Form gab. Wenn Du in einer Diktatur lebst, musst Du lernen, Dich anders auszudrücken. Die Botschaften müssen sublimer werden. Aber ich habe auch immer den Krieg benannt.
Wie war es, zu Zeiten des Kriegs zu arbeiten? Gab es Austellungen, Galerien, hast Du Bilder verkauft?
Es war eine seltsame Situation. In Deutschland sind während des Ersten Weltkriegs die Preise für die Expressionisten in die Höhe geschossen. Hier in El Salvador sind viele Leute von außerhalb gekommen, und ja, ich habe meine Bilder verkauft, auch wenn es kritische Werke waren.
Gibt es so etwas wie Privilegien für Künstler?
Es gibt da ein Paradigma: wenn wir in einer bourgeoisen Welt leben, mit einer imperialistischen Mentalität, muss der Künstler sich anpassen. Wie überlebt der Künstler in so einer Gesellschaft? Die Privilegien, die Du haben kannst, sind keine. Es ist schwierig. Die Künstler verkaufen nicht viel. Ich glaube nicht, dass wir Privilegien haben. Nicht in diesen Gesellschaften.
Vielleicht mehr Freiheit, sich zu äußern?
Nein, hier in El Salvador sind viele Dichter ermordet worden. Esquimay wurde verschleppt, Vallejo wurde umgebracht, es gibt nicht das Privileg, sagen zu können, was man will. Es gab z.B. Zeitungen wie den CoLatino mit seinen Kulturseiten. Das waren Räume, die wir Künstler uns erkämpft haben. Das war nicht so, dass die Bourgeoisie uns die freundlicherweise überlassen hat. Der Raum für das Werk von Camilo, mein Werk, das von Nolasco, muss erkämpft werden. Die Räume werden durch die Qualität der Arbeit gewonnen. Aber dass wir Priviliegien hätten? Nein!
Trotzdem habt Ihr hier ein Museum, das mit Mitteln der Privatunternehmen, der mächtigen Familien und der Regierung betrieben wird und in dem eine Menge revolutionärer Werke ausgestellt sind.
Hier in El Salvador begeht man oft den Fehler zu sagen, dass die Leute, die Geld haben, grosse Kapitalisten oder Bourgeoises, zwangsläufig eine faschistische Mentalität haben. Das ist in dieser Form falsch. Wenn wir mal nach Europa schauen, wer hat da die Expressionisten unterstützt? Das waren liberale Unternehmer. So ist das auch in El Salvador. Etliche Leute, die Werke von mir in ihren Sammlungen haben, sind Leute, die viel Geld haben.
Wenn wir von Sammlungen sprechen: welche Alternativen hat die Kunstszene in San Salvador aufzuweisen? Welche Räume habt Ihr gewonnen?
Als Künstler haben wir nichts gewonnen. Das jeweilige Werk hat einen Platz gewonnen. Als ich aus der Frente nach San Salvador kam, haben sie meine Werke in den Galerien nicht ausgestellt. Oder sie wurden einen Tag ausgestellt und dann von der Wand genommen. Als sie begonnnen haben, meine Arbeiten bei Ausstellungen hier im Museum mit einzubeziehen, war das nicht wegen größerer Spielräume. Ich habe internationale Preise, ich bin im Ausland anerkannt, ich habe im Ausland ausgestellt.
Oder Camilo. Er hat nach dem Krieg den Nationalen Kulturpreis erhalten, für ein Werk, das im Ausland Anerkennung bekommen hat. Diese Art von Leuten können nicht übergangen werden. Deshalb schaffen wir noch lange kein Werk nach bourgeoisem Geschmack.
Natürlich gibt es auch welche, die das machen. Ich nicht, ich muss mich immer auf die eine oder andere Weise kritisch auseinandersetzen. Denn ich denke, darum geht es bei der Kunst: Kunst als Empowerment, als Kritik, Kunst der Armen. (YH)
Beim letzten Foto handelt es sich um einen Ausschnitt aus dem linken Seitenteil von Antonio Banillos Tryptichon ,Pompas Fúnebres' von 1989,
Foto: Antonio Diaz Cerritos
Online-Flyer Nr. 108 vom 15.08.2007
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Revolutionäre Kunst im öffentlichen Kunstmuseum El Salvadors
Die Künstler werden nicht gefragt
Von Anne Hild
Erzähl mir von MARTE, Deine Geschichte von MARTE.
Die Säle des Museums haben verschiedene Privatunternehmen gestiftet. Die Künstler waren nie direkt an der Gestaltung des Museums beteiligt. Ich war nur dabei, als Präsident Flores, dessen Regierung das Gelände stiftete, den Grundstein gesetzt hat. Seitdem gab es keine Einladungen mehr. Wir haben damit also nichts zu tun. Auch bei den Ausstellungen wird der Künstler nicht konsultiert.

Antonio Bonilla in MARTE
Foto: Anne Hild
Bei der Eröffnung von Marte wurde „Gott und den vereinten Kräften des privaten Sektors, der Bundesregierung und denen, die sich für die Zukunft des Landes einsetzen“ gedankt. Wie siehst Du die Rolle der Kunst für die Bildung eines Nationalgedankens?
Im Unterschied zu Europa haben wir hierzulande bislang kein Museum gehabt. Es gibt eine Nationalsammlung, die in staatlichem Besitz ist und nie dem Publikum zugänglich gemacht wurde. Das Museum ist also eine Anerkennung an die Künstler, aber auch an das Publikum.
Aber ein Museum reicht nicht. In den Lehrplänen für die Grund- und Hauptschulen z.B. wird der ästhetischen Bildung keine Rechnung getragen. Wenn die Kunst nicht von Kind an den Menschen nahe gebracht wird, verläuft jeder Versuch im Sande. Die Bemühungen hier konzentrieren sich auf MARTE und die ausländischen Kulturzentren, wie das Centro Cultural de España und der Alianza Francesa, auch das Centro Cultural de México wird wiederbelebt. Die Unterstützung durch CONCULTURA ist sehr gering.
Welche Kunstrichtungen entwickeln sich in diesem Kontext?
Hier findest Du alle zeitgenössischen Tendenzen: Installationen, abstrakte Kunst, Konzeptkunst, und natürlich ist die menschliche Figur immer präsent, und die Landschaften. Es gibt eine plastische Tradition in San Salvador.
Der Maler Camilo Minero hat einmal gesagt: „Die bourgeoise Welt setzt gegen den Willen des sozial engagierten Künstlers ihre prosaischen Vorlieben, ihren Kult ums Geld und ihre Vulgarität durch, welche sich als unvereinbar mit dem wirklichen Künstler erweisen“. Wenn wir uns mal die Liste der ausgestellten Künstler anschauen: welche Kunstrichtung wird von MARTE gefördert?
Es zeigt wie alle Museen vor allem zeitgenössische Kunst, Salvadorianer und ausländische Künstler. Aber wir finden hier auch Werke, die recht heftig sind, und die im Museum akzeptiert werden. Z.B. meine Werke werden hier ausgestellt. Camilo Minero war einer der traditionellen, Mitglied in der kommunistischen Partei, noch als Greis hat er in den Reihen der FMLN am Bürgerkrieg teilgenommen, und er hat sich immer für das einfache Volk eingesetzt. Als Person war er sehr bescheiden.
Dann haben wir da noch Carlos Cañas ...
Soweit ich weiß, war er nie Mitglied der kommunistischen Partei, aber sein Werk Ende der sechziger, Anfang der siebziger Jahre, stand den sozialen Bewegungen sehr nahe. Z.B. „Sumpul“, ein sehr bekanntes Werk über das Massaker vom Sumpulfluss, ist hier im Museum ausgestellt. Einige der hier ausstellenden Künstler, wie Nolasco, kreieren politische Werke mit einer anderen Herangehensweise, eher surrealistisch, aber immer in Verbindung mit dem einfachen Volk. Dann ist da noch Armando Solís mit seinen Arbeiten über den Krieg, vor allem auch als Skulpturen, über die Verstümmelungen und Verstümmelten. García Ponce arbeitete zu seiner Zeit auch an Werken, die einen Gegenpol zum System darstellten. In den Achtzigern war der Krieg so omnipräsent, dass Du einfach drauf eingehen musstest.

Ausschnitt aus Carlos Canas „Sumpul"
Foto: Antonio Diaz Cerritos
Welche Rolle spielt das politische System in Deinen eigenen Werken?
Ich war zu Zeiten des Krieges hier, ich habe gekämpft und war immer Teil der FMLN, aber ich habe auch immer gemalt, und mein gesamtes Werk der Achtziger ist politisch. Damit meine ich nicht Propaganda. Was wir gemacht haben, war Kunst. Eine Kunst, die von Alpträumen handelte, ihnen eine andere Form gab. Wenn Du in einer Diktatur lebst, musst Du lernen, Dich anders auszudrücken. Die Botschaften müssen sublimer werden. Aber ich habe auch immer den Krieg benannt.
Wie war es, zu Zeiten des Kriegs zu arbeiten? Gab es Austellungen, Galerien, hast Du Bilder verkauft?
Es war eine seltsame Situation. In Deutschland sind während des Ersten Weltkriegs die Preise für die Expressionisten in die Höhe geschossen. Hier in El Salvador sind viele Leute von außerhalb gekommen, und ja, ich habe meine Bilder verkauft, auch wenn es kritische Werke waren.
Gibt es so etwas wie Privilegien für Künstler?
Es gibt da ein Paradigma: wenn wir in einer bourgeoisen Welt leben, mit einer imperialistischen Mentalität, muss der Künstler sich anpassen. Wie überlebt der Künstler in so einer Gesellschaft? Die Privilegien, die Du haben kannst, sind keine. Es ist schwierig. Die Künstler verkaufen nicht viel. Ich glaube nicht, dass wir Privilegien haben. Nicht in diesen Gesellschaften.
Vielleicht mehr Freiheit, sich zu äußern? Nein, hier in El Salvador sind viele Dichter ermordet worden. Esquimay wurde verschleppt, Vallejo wurde umgebracht, es gibt nicht das Privileg, sagen zu können, was man will. Es gab z.B. Zeitungen wie den CoLatino mit seinen Kulturseiten. Das waren Räume, die wir Künstler uns erkämpft haben. Das war nicht so, dass die Bourgeoisie uns die freundlicherweise überlassen hat. Der Raum für das Werk von Camilo, mein Werk, das von Nolasco, muss erkämpft werden. Die Räume werden durch die Qualität der Arbeit gewonnen. Aber dass wir Priviliegien hätten? Nein!
Trotzdem habt Ihr hier ein Museum, das mit Mitteln der Privatunternehmen, der mächtigen Familien und der Regierung betrieben wird und in dem eine Menge revolutionärer Werke ausgestellt sind.
Hier in El Salvador begeht man oft den Fehler zu sagen, dass die Leute, die Geld haben, grosse Kapitalisten oder Bourgeoises, zwangsläufig eine faschistische Mentalität haben. Das ist in dieser Form falsch. Wenn wir mal nach Europa schauen, wer hat da die Expressionisten unterstützt? Das waren liberale Unternehmer. So ist das auch in El Salvador. Etliche Leute, die Werke von mir in ihren Sammlungen haben, sind Leute, die viel Geld haben.
Wenn wir von Sammlungen sprechen: welche Alternativen hat die Kunstszene in San Salvador aufzuweisen? Welche Räume habt Ihr gewonnen?
Als Künstler haben wir nichts gewonnen. Das jeweilige Werk hat einen Platz gewonnen. Als ich aus der Frente nach San Salvador kam, haben sie meine Werke in den Galerien nicht ausgestellt. Oder sie wurden einen Tag ausgestellt und dann von der Wand genommen. Als sie begonnnen haben, meine Arbeiten bei Ausstellungen hier im Museum mit einzubeziehen, war das nicht wegen größerer Spielräume. Ich habe internationale Preise, ich bin im Ausland anerkannt, ich habe im Ausland ausgestellt.
Oder Camilo. Er hat nach dem Krieg den Nationalen Kulturpreis erhalten, für ein Werk, das im Ausland Anerkennung bekommen hat. Diese Art von Leuten können nicht übergangen werden. Deshalb schaffen wir noch lange kein Werk nach bourgeoisem Geschmack.
Natürlich gibt es auch welche, die das machen. Ich nicht, ich muss mich immer auf die eine oder andere Weise kritisch auseinandersetzen. Denn ich denke, darum geht es bei der Kunst: Kunst als Empowerment, als Kritik, Kunst der Armen. (YH)
Beim letzten Foto handelt es sich um einen Ausschnitt aus dem linken Seitenteil von Antonio Banillos Tryptichon ,Pompas Fúnebres' von 1989,
Foto: Antonio Diaz Cerritos
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