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Literatur
Spaniens Himmel breitet seine Sterne... oder
Ein Lied kehrt zurück – Folge 31
Von Christina Seidel und Kurt Wünsch
8. Kapitel
Vom Fischerhaus zur „Villa Stern“ führen verschiedene Wege. Entweder geht man geradlinig und kurz, die Asphaltstraße, oder nimmt einen kleinen Umweg am Fluss entlang, auf schmalen Wegen zwischen Büschen und Bäumen. Sophie wartete gespannt, wie sich Felix entscheiden würde.
Er entschied nicht, sondern fragte seine Begleiterin. Die tat so, als wäre es ihr völlig egal. Also wählte er enttäuscht die geradlinige Asphaltstraße. Auf der liefen sie nebeneinander her und kamen, weil sie kein anderes Gesprächsthema fanden, noch einmal auf das Verhalten des Neffen von Manfred Stern bei ihrem ersten Besuch zurück.
„Dolores hat sich darüber auch gewundert.“
„Dolores?“ Sophie guckte Felix von der Seite an.
„Eine Spanierin.“
„Ach ja? Keine Eskimofrau?“
„Ich war ein paar Tage mit der zusammen.“
„Zusammen?“
„Rein fachlich, verstehst du?“
„Rein fachlich? Wie geht das denn?“ Sophie versuchte vergeblich zu lachen.
„Fachlich“, wiederholte sie noch einmal, „und Null Bock zum Telefonieren?“
Felix wurde rot. Zum Glück standen sie mittlerweile vor dem Zaun der Villa. Der Mathematikdoktor hatte sich dieses Mal auf den Besuch vorbereitet. Im Laufe des Gesprächs setzte er hin und wieder eine Nickelbrille auf und las vom handgeschriebenen Zettel ab.
„Meine Mutter fühlt sich leider wieder nicht wohl. Ich hoffe, ich kann Ihnen ein wenig weiterhelfen. Ja, also, mein Onkel wurde in Woloka bei Czernowitz, im damaligen Österreich-Ungarn geboren. Er studierte Medizin, geriet aber 1915 als Soldat in russische Kriegsgefangenschaft. Dort erlebte er die Oktoberrevolution und kämpfte an der Seite der Bolschewiki gegen die Weißgardisten. Er wurde Stabschef in einem Truppenteil der Roten Armee, 1921 militärischer Berater im mitteldeutschen Aufstand. 1923 unterstützte er Ernst Thälmann in Hamburg. Er wirkte 1927 beim Aufbau der chinesischen Volksarmee mit. 1936 fing er in Spanien in der Stadt Albacete mit der Ausbildung der Interbrigadisten an.“
„Und nannte sich General Kleber?“, fragte Felix.
„Richtig. Aus Verehrung für den französischen General Jean Baptiste Kleber. Aber fragen Sie mich bitte nicht, worauf diese Verehrung beruhte. Ich bin Mathematiker. Aber weiter. Viel Zeit für eine ordnungsgemäße Ausbildung der Interbrigadisten in Albacete blieb leider nicht.“
„Die Faschisten griffen Madrid an!“
Dr. Stern nickte. „Ich registrierte es bereits bei Ihrem ersten Besuch. Sie wissen mehr als ich. Mein Onkel leistete bei der Verteidigung der spanischen Hauptstadt, na ja, wohl Außerordentliches.“
„Viele nannten ihn immerhin Retter von Madrid!“
„Na gut.“ Dr. Stern zündete sich eine Zigarette an.
„Ging Ihr Onkel als Freiwilliger nach Spanien?“
„Gute Frage. Ich glaube nicht. Er kam als Militärberater aus der Sowjetunion für ein Jahr, wie es der vertraglichen Vereinbarung entsprach. Nach den Kämpfen um Belchite, ich weiß nicht einmal wo diese Stadt liegt …“
„Südöstlich von Zaragoza. Im September 1937 wurde Belchite von der Volksarmee erobert.“
Sophie blickte Felix bewundernd an.
„Mein Onkel kehrte also nach diesen Kämpfen in die Sowjetunion zurück“, fuhr Dr. Stern fort „und wurde Oberst der Roten Armee in Fernost. Ende der dreißiger Jahre des vorigen Jahrhunderts begann Stalin mit seinen Säuberungen von sogenannten Staatsfeinden. Millionen von Sowjetbürgern, aber auch viele Menschen, die in der Sowjetunion Schutz gesucht hatten, wurden unter falschen Beschuldigungen hingerichtet oder eingesperrt. Wie viele genau, weiß man bis heute nicht, weil wichtige Archive in Moskau immer noch streng verschlossen bleiben. Mein Onkel wurde als deutscher Spion zuerst für fünf Jahre nach Magadan am Ochotskischen Meer verbannt, durfte aber auch danach nicht heimkehren.“
Der Gastgeber setzte die Brille auf. „1945 wurde er wegen trotzkistischer Verschwörung zu insgesamt 25 Jahren Lagerhaft verurteilt. 1954 starb er im Lager. Elf Jahre später wurde er in der Sowjetunion rehabilitiert.“
„Wussten Sie von Stalins Verbrechen?“, fragte Sophie.
„In der DDR war das Thema tabu. Die Angehörigen der deutschen Opfer erfuhren nichts. Erst jetzt beginnt die Aufarbeitung. Fest steht, dass fast alle Beschuldigungen falsch waren. Die Gefangenen wurden geistig und körperlich gefoltert!“
„Wie im Mittelalter!“
Dr. Stern drückte die Zigarette aus. „So ist es!“
Das klang ein bisschen wie Verabschiedung. Auch sein Gesicht sah so aus und der nächste Satz verstärkte diesen Eindruck. „Mehr kann ich Ihnen leider nicht über meinen Onkel erzählen. Oder wollten Sie noch etwas wissen?“
„Ihre Eltern“, fragte Felix, „kannten die das Schicksal des Retters von Madrid?“
Dr. Stern zögerte mit der Antwort. „Mein Vater war auch in Spanien und hat ebenfalls Madrid verteidigt. Später wurde er Rektor der Universität, 1959 erhielt er einen Arbeitsurlaub, aus dem er nicht zurückkehren durfte. Man machte ihm den Vorwurf, sich zu wenig auf die Kraft des Kollektivs zu stützen und das Zusammenwirken mit der Parteileitung zu vernachlässigen.“
„Eine Straße in unserer Stadt wurde ja in DDR-Zeiten nach ihrem Onkel benannt“, sagte Felix, „dabei hätte man doch eigentlich …?“
Dr. Stern nickte. „Natürlich. In der Zeitung stand damals aber auch kein Wort über die Lagerhaft meines Onkels in der Sowjetunion. Ja, so war es.“
Er kam Sophies nächster Frage zuvor. „Ich begreife das alles auch nicht.“
Verlegen fuhr er sich mit der Hand über den Mund. „Vielleicht, weil ich mich in meinem Leben zu viel mit Mathematik beschäftigt habe.“
Auf dem Weg neben dem Fluss jagten sich zwei Hunde.
„Belchite liegt südlich von Zaragoza und wurde 1937 von der Volksarmee befreit. Was du alles weißt!“
Sophie war nahe daran Felix die fehlenden Anrufe und „sonst noch was“ zu verzeihen, sagte aber erst mal: „Dr. Gärtner scheint teilweise Recht zu haben …“
Felix blieb stehen. „Was soll dieser Schwachsinn?“
„Na, die Verbrechen Stalins und so weiter. Die Lügen und was alles in der DDR verschwiegen wurde.“
„Hör auf Sophie! Erstens brauchen wir den Gärtner nicht, weil wir zweitens auch ohne ihn und er drittens ein großes Arschloch ist. Punkt aus!“
Punkt aus verstand Sophie. Sie drehte sich ohne ein weiteres Wort zu sagen um und lief davon. Du bist auch ein verbohrter Scheißkerl mit deinem oberdoofen Spanien, dachte sie und war wieder einmal den Tränen nahe. Von den Hunden war nichts mehr zu sehen.
Online-Flyer Nr. 107 vom 08.08.2007
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Spaniens Himmel breitet seine Sterne... oder
Ein Lied kehrt zurück – Folge 31
Von Christina Seidel und Kurt Wünsch
8. Kapitel
Vom Fischerhaus zur „Villa Stern“ führen verschiedene Wege. Entweder geht man geradlinig und kurz, die Asphaltstraße, oder nimmt einen kleinen Umweg am Fluss entlang, auf schmalen Wegen zwischen Büschen und Bäumen. Sophie wartete gespannt, wie sich Felix entscheiden würde.
Er entschied nicht, sondern fragte seine Begleiterin. Die tat so, als wäre es ihr völlig egal. Also wählte er enttäuscht die geradlinige Asphaltstraße. Auf der liefen sie nebeneinander her und kamen, weil sie kein anderes Gesprächsthema fanden, noch einmal auf das Verhalten des Neffen von Manfred Stern bei ihrem ersten Besuch zurück.
„Dolores hat sich darüber auch gewundert.“
„Dolores?“ Sophie guckte Felix von der Seite an.
„Eine Spanierin.“
„Ach ja? Keine Eskimofrau?“
„Ich war ein paar Tage mit der zusammen.“
„Zusammen?“
„Rein fachlich, verstehst du?“
„Rein fachlich? Wie geht das denn?“ Sophie versuchte vergeblich zu lachen.
„Fachlich“, wiederholte sie noch einmal, „und Null Bock zum Telefonieren?“
Felix wurde rot. Zum Glück standen sie mittlerweile vor dem Zaun der Villa. Der Mathematikdoktor hatte sich dieses Mal auf den Besuch vorbereitet. Im Laufe des Gesprächs setzte er hin und wieder eine Nickelbrille auf und las vom handgeschriebenen Zettel ab.
„Meine Mutter fühlt sich leider wieder nicht wohl. Ich hoffe, ich kann Ihnen ein wenig weiterhelfen. Ja, also, mein Onkel wurde in Woloka bei Czernowitz, im damaligen Österreich-Ungarn geboren. Er studierte Medizin, geriet aber 1915 als Soldat in russische Kriegsgefangenschaft. Dort erlebte er die Oktoberrevolution und kämpfte an der Seite der Bolschewiki gegen die Weißgardisten. Er wurde Stabschef in einem Truppenteil der Roten Armee, 1921 militärischer Berater im mitteldeutschen Aufstand. 1923 unterstützte er Ernst Thälmann in Hamburg. Er wirkte 1927 beim Aufbau der chinesischen Volksarmee mit. 1936 fing er in Spanien in der Stadt Albacete mit der Ausbildung der Interbrigadisten an.“
„Und nannte sich General Kleber?“, fragte Felix.
„Richtig. Aus Verehrung für den französischen General Jean Baptiste Kleber. Aber fragen Sie mich bitte nicht, worauf diese Verehrung beruhte. Ich bin Mathematiker. Aber weiter. Viel Zeit für eine ordnungsgemäße Ausbildung der Interbrigadisten in Albacete blieb leider nicht.“
„Die Faschisten griffen Madrid an!“
Dr. Stern nickte. „Ich registrierte es bereits bei Ihrem ersten Besuch. Sie wissen mehr als ich. Mein Onkel leistete bei der Verteidigung der spanischen Hauptstadt, na ja, wohl Außerordentliches.“
„Viele nannten ihn immerhin Retter von Madrid!“
„Na gut.“ Dr. Stern zündete sich eine Zigarette an.
„Ging Ihr Onkel als Freiwilliger nach Spanien?“
„Gute Frage. Ich glaube nicht. Er kam als Militärberater aus der Sowjetunion für ein Jahr, wie es der vertraglichen Vereinbarung entsprach. Nach den Kämpfen um Belchite, ich weiß nicht einmal wo diese Stadt liegt …“
„Südöstlich von Zaragoza. Im September 1937 wurde Belchite von der Volksarmee erobert.“
Sophie blickte Felix bewundernd an.
„Mein Onkel kehrte also nach diesen Kämpfen in die Sowjetunion zurück“, fuhr Dr. Stern fort „und wurde Oberst der Roten Armee in Fernost. Ende der dreißiger Jahre des vorigen Jahrhunderts begann Stalin mit seinen Säuberungen von sogenannten Staatsfeinden. Millionen von Sowjetbürgern, aber auch viele Menschen, die in der Sowjetunion Schutz gesucht hatten, wurden unter falschen Beschuldigungen hingerichtet oder eingesperrt. Wie viele genau, weiß man bis heute nicht, weil wichtige Archive in Moskau immer noch streng verschlossen bleiben. Mein Onkel wurde als deutscher Spion zuerst für fünf Jahre nach Magadan am Ochotskischen Meer verbannt, durfte aber auch danach nicht heimkehren.“
Der Gastgeber setzte die Brille auf. „1945 wurde er wegen trotzkistischer Verschwörung zu insgesamt 25 Jahren Lagerhaft verurteilt. 1954 starb er im Lager. Elf Jahre später wurde er in der Sowjetunion rehabilitiert.“
„Wussten Sie von Stalins Verbrechen?“, fragte Sophie.
„In der DDR war das Thema tabu. Die Angehörigen der deutschen Opfer erfuhren nichts. Erst jetzt beginnt die Aufarbeitung. Fest steht, dass fast alle Beschuldigungen falsch waren. Die Gefangenen wurden geistig und körperlich gefoltert!“
„Wie im Mittelalter!“
Dr. Stern drückte die Zigarette aus. „So ist es!“
Das klang ein bisschen wie Verabschiedung. Auch sein Gesicht sah so aus und der nächste Satz verstärkte diesen Eindruck. „Mehr kann ich Ihnen leider nicht über meinen Onkel erzählen. Oder wollten Sie noch etwas wissen?“
„Ihre Eltern“, fragte Felix, „kannten die das Schicksal des Retters von Madrid?“
Dr. Stern zögerte mit der Antwort. „Mein Vater war auch in Spanien und hat ebenfalls Madrid verteidigt. Später wurde er Rektor der Universität, 1959 erhielt er einen Arbeitsurlaub, aus dem er nicht zurückkehren durfte. Man machte ihm den Vorwurf, sich zu wenig auf die Kraft des Kollektivs zu stützen und das Zusammenwirken mit der Parteileitung zu vernachlässigen.“
„Eine Straße in unserer Stadt wurde ja in DDR-Zeiten nach ihrem Onkel benannt“, sagte Felix, „dabei hätte man doch eigentlich …?“
Dr. Stern nickte. „Natürlich. In der Zeitung stand damals aber auch kein Wort über die Lagerhaft meines Onkels in der Sowjetunion. Ja, so war es.“
Er kam Sophies nächster Frage zuvor. „Ich begreife das alles auch nicht.“
Verlegen fuhr er sich mit der Hand über den Mund. „Vielleicht, weil ich mich in meinem Leben zu viel mit Mathematik beschäftigt habe.“
Auf dem Weg neben dem Fluss jagten sich zwei Hunde.
„Belchite liegt südlich von Zaragoza und wurde 1937 von der Volksarmee befreit. Was du alles weißt!“
Sophie war nahe daran Felix die fehlenden Anrufe und „sonst noch was“ zu verzeihen, sagte aber erst mal: „Dr. Gärtner scheint teilweise Recht zu haben …“
Felix blieb stehen. „Was soll dieser Schwachsinn?“
„Na, die Verbrechen Stalins und so weiter. Die Lügen und was alles in der DDR verschwiegen wurde.“
„Hör auf Sophie! Erstens brauchen wir den Gärtner nicht, weil wir zweitens auch ohne ihn und er drittens ein großes Arschloch ist. Punkt aus!“
Punkt aus verstand Sophie. Sie drehte sich ohne ein weiteres Wort zu sagen um und lief davon. Du bist auch ein verbohrter Scheißkerl mit deinem oberdoofen Spanien, dachte sie und war wieder einmal den Tränen nahe. Von den Hunden war nichts mehr zu sehen.
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