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Literatur
Spaniens Himmel breitet seine Sterne... oder
Ein Lied kehrt zurück – Folge 32
Von Christina Seidel und Kurt Wünsch

Schüler des Gymnasiums St. Martin beschließen, eine Geschichtsarbeit über den Spanischen Bürgerkrieg zu schreiben, der 1936 begann. Sie führen Gespräche mit ehemaligen Interbrigadisten aus verschiedenen Ländern und einem „Condorflieger“ der faschistischen deutschen Luftwaffe. Felix besucht die historischen Orte der Kämpfe zwischen Madrid und Barcelona und trifft immer wieder auf gegenwärtige Vergangenheit.

9. Kapitel

Felix verlangsamte seine Schritte im Ahornweg immer mehr. Sophie lief unsichtbar neben ihm. Um so sichtbarer saß Herr Wolfensteiner im Wohnzimmer.
Frau Grabners Frage: „Du kommst schon?“ klang wenig einladend. Der Gast hatte etwas für Felix mitgebracht. Er nahm eine bereitliegende Zeitung und sagte einleitend: „Hier wenden sich Neuburger Bürger, die dem Jagdgeschwader 74 den Namen Mölders zurück geben wollen, an den CSU-Abgeordneten Geis.“

Er setzte seine Brille auf und las vor: „Lassen Sie uns hier gemeinsam einen gangbaren Weg suchen und auch finden, dieses Unrecht, begangen an Mölders und dem JG 74, wieder zu beheben...“
Felix hangelte nach dem Blatt, das der Wolfensteiner auf den Tisch zurück gelegt hatte.

„Danke. Mölders ist sowieso ein Thema. Den Text übernehme ich wörtlich!“
Seine Mutter fiel ihm in den Arm und sagte streng: „Das wirst du nicht tun! Dietmar meint auch...“
„Was? Was meint Dietmar?“
Herr Wolfensteiner zögerte. „Na ja, ich finde es ein bisschen übertrieben. Mölders war doch nur eine Randerscheinung in Spanien. Auf der anderen Seite ist es für euch vielleicht nicht ganz ungefährlich. Lass die Toten ruhen.“
Felix tippte auf das Blatt. „Sie ruhen bloß nicht!“
Auf Frau Grabners Hals zeigten sich rote Flecken. „Du musst die Finger davon lassen, mein Junge!“, sagte sie erregt. „Mit einer Geschichtsarbeit könnt ihr die rechten Randalierer sowieso nicht stoppen! Ich hab dir noch nicht erzählt, dass Onkel Wilhelm angerufen hat. Nein, er war ganz friedlich und hat euch euer Verhalten in Neuburg nicht übel genommen. So sind sie halt, die jungen Leute im …, hat er gesagt.“
„Im was?“, fragte Felix.
„Im Leben“, log Frau Grabner.

Sollte sie ihren Sohn noch mehr reizen? Onkel Wilhelms „im Osten“ war ihr auch sauer aufgestiegen.
„Der Onkel will uns besuchen“, fuhr sie gefasst fort. „Warum auch nicht. Schließlich sind wir verwandt.“
Felix holte tief Luft.
„Meinetwegen, Hauptsache ich muss mir seinen Schwachsinn nicht anhören. Ich will den Typ nicht sehen!“
„Das wird sich leider nicht verhindern lassen, mein Sohn! Onkel Wilhelm möchte nämlich dabei sein, wenn ihr eure Arbeit verteidigt. Ja, und deshalb müsst ihr den Mölders aus der Arbeit rauslassen. Ihr habt doch genug Stoff... Sei doch nicht so stur!“

Bild: Hitler dankt Werner Mölders für seine Untaten.

„Bin ich stur?“, fragte sich Felix später an seinem Schreibtisch. Mölders in der Arbeit zu erwähnen könnte tatsächlich Probleme machen. Nicht wegen dem blöden Wilhelm. Felix rieb sich unschlüssig die Stirn. Er dachte an die Worte seiner Mutter. Rechte Randalierer? Er hatte gelesen, dass in Sachsen ein Landtagsabgeordneter, „für mich ist der Führer immer noch einer der größten Staatsmänner Deutschlands“, öffentlich geäußert hatte.

„Ihr versteht heute vieles nicht“, hatte Silbermann gesagt.

Felix stand auf, holte sich die Zeitung und suchte in seinen Aufzeichnungen nach einer Stelle, wo er den Brief der Neuburger einarbeiten konnte. Das Klingeln an Grabners Haustür unterbrach seine Bemühungen. Alexander tat plötzlich, als wäre alles wie immer. Er umarmte den Freund, schmiss sich gutgelaunt auf den Sessel und redete erst einmal von Fußball und Boxen. Sophie und Spanien waren für beide ein heißer Brei. Aber mit der Zeit kühlte sich der ab, und Alexander rückte mit einem Vorschlag raus, den er mit den Worten, „bleib jetzt mal ganz locker“, einleitete, wobei er zusätzlich noch einmal freundschaftlich seinen Arm um Felix Schultern legte.

„Ich bin mit an Bord in Richtung Spanien, allerdings unter der Bedingung, dass auch Gärtner eine Kabine kriegt. Lass mich ausreden. Was willst du eigentlich, he? Dir den Senf der alten Kämpfer aufs Brot schmieren oder eine objektive Analyse? In die Mölders-Truppe eingetreten, ich? Spinnst du! Ich unterscheide krass zwischen wildgewordenen Glatzen und klugen Leuten, die sich Gedanken über die Zukunft Deutschlands machen. Du hast, bitte sehr, mit den Mölders und so weiter angefangen und uns nach Neuburg gelockt. Du wolltest aktuelle Bezüge! Wir hätten in aller Ruhe ganz normal über den Spanischen Bürgerkrieg schreiben können. Jetzt ist es dafür zu spät.“ Alexander wurde lauter. „Jetzt ist nämlich unsere kleine Geschichtsarbeit leider keine kleine Geschichtsarbeit mehr. Ja, Onkel Wilhelm aus Neuburg wird einreiten, das hat mir deine Mutter am Telefon mitgeteilt, und, was dir noch nicht bekannt sein dürfte, auch die Presse hat die Absicht zu erscheinen. Felix, du solltest meinen Vorschlag abnicken oder dir darüber wenigstens einen Kopf machen. Sophie?“

Der heißeste Teil des Breis war erreicht. Alexander versuchte vergeblich cool zu bleiben. „Sophie ist Sophie“, äußerte er nach einer Weile des Nachdenkens.
„Ist nun mal kein Gretchen.“
„Sondern?“
Alexander grinste. „Bei Goethe kommt so eine wie Sophie meines Wissens überhaupt nicht vor.“ Er wurde philosophisch. „Schreiben oder nicht schreiben, das ist hier die Frage.“
„Ohne Gärtner schreiben!“
„Hol dich endlich ein, Felix. Wir ziehen die Arbeit mit Gärtner durch. Und dann den alten Goethe.“ Alexander legte wieder seine Hand freundschaftlich auf Felix Schulter.
„Du der Faust und Sophie die Margarethe! Kompromisse …“
„Nein!“
Es entstand eine Pause. „Hast du mitgekriegt, dass Sophie und ihre Mutter vielleicht aus dem Fischerhaus müssen?“

Alexander reckte sein Kinn überheblich nach oben. „Müssen sie nicht, müssen sie nicht. Ich bin schließlich auch noch da.“
Gebauer junior hatte längst das Haus verlassen. Sein letzter Satz noch nicht. Er auch noch da?, grübelte Felix. Der Freund hatte sich strikt geweigert, mehr zu verraten. „Nimm's einfach hin.“
Das gelang Felix nicht. Schließlich rief er Sophie an. „Ich wollte dir nur, was eure Miete betrifft, mitteilen, dass Alex auch noch da ist.“
Sophie stellte sich unwissend. Sie verstand nicht, warum Felix ihr das mitteilte und vermutete Schadenfreude dahinter.
„Der Klobitzer schmeißt uns nicht raus!“, schrie sie durchs Telefon. „Kapiert?“
Knack. Aufgelegt. Felix holte das Telefonbuch. Klobitzer. Wer ist Klobitzer?



„Spaniens Himmel ...oder Ein Lied kehrt zurück"
Bestell-Nr. 60146,2006, 206 S.,
zahlr. Abb., 2 Karten, geb., 14.90 Euro
Pahl-Rugenstein Verlag
Nachfolger GmbH
Breite Str. 47, 53111 Bonn
Tel. 0228 63 23 06, Fax 0228 63 49 68
Email:  prv@che-chandler.com
www.pahl-rugenstein.de

Copyright © 2006 Pahl-Rugenstein Verlag – Alle Rechte vorbehalten
ISBN 3-89144-373-0

Umschlagillustration und Zeichnungen: Hans Fritsch, Satz: Arnold Bruns
Druck: Interpress, Budapest


Über das Thema gibt es einen sehenswerten Dokumentarfilm:

„Brigadistas" begleitet einige der letzten noch lebenden Kämpferinnen und Kämpfer der Internationalen Brigaden bei ihrer Rückkehr nach Spanien, 70 Jahre nach Beginn des Spanischen Kriegs. In den Begegnungen mit den Brigadistas wird deutlich, was zehntausende von Menschen dazu bewegt hat, aus der ganzen Welt nach Spanien zu kommen und dort im Kampf gegen den Faschismus ihr Leben aufs Spiel zu setzen. Der Film zeigt, dass die Ideale, die damals Gültigkeit hatten, auch in der Auseinandersetzung mit der heutigen Welt von großer Bedeutung sind.

D 2007 * Doku * 45 Min. * OmU *
Regie: Daniel Burkholz
Mehr dazu unter
Info@roadside-dokumentarfilm.de
oder bei prv@che-chandler.com.


Online-Flyer Nr. 108  vom 15.08.2007

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