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Kultur und Wissen
„Reflecting Vietnam“ im Forum für Fotografie in Köln
Klassisches und Paradoxes aus Fernost
Von Peter V. Brinkemper

Cho Lon Canal, Saigon
Foto: Peter Steinhauer, 1997
Die Ausstellung in der Schönhauser Straße ist als Auftakt zu größeren Vietnam-Zyklus angekündigt. Diesmal sind es zeitgenössische Fotografen, denen die keineswegs leichte Aufgabe zufällt, vom heutigen Land ein Bild zu geben, das immer noch historisch, wirtschaftlich und medial von den Narben und Spätfolgen einer unmenschlichen und brutalen Auseinandersetzung zwischen der Supermacht USA und einem unglaublich widerstandsfähigen Volk gezeichnet ist.
Steinhauer: Unantastbarkeit und Würde der Bilder
Peter Steinhauers großformatige Schwarzweiß-Fotografie hat einen leicht nostalgischen Touch des Endgültigen. Die Bilder schwelgen im Anschein von Natureinblicken und zeitloser Ethnographie, sie ducken sich vor der Normalität der heutigen urbanen Knotenpunkte, aber sie zielen deutlich auf einen Subtext der politischen Kompromisslosigkeit und der kulturellen Unantastbarkeit in den entlegenen Zonen von Küste, Meer, Dschungel und Hochland. Der Mythos der Bergbewohner, der „Montagnards“, den schon die Kriegsberichterstatter hochleben ließen, erhebt wieder sein würdevolles Haupt. Das der Ausstellung zugrunde liegende Fotobuch Peter Steinhauers heißt: „Enduring Spirit of Viet Nam“, Hongkong 2006.

Van Cao, Hanoi – Komponist der vietnamesischen Nationalhymne: „Marschiert an die Front". | Foto: Peter Steinhauer, 1994
Die Aufnahmen datieren von Ende der 90er Jahre bis heute und halten ein wenig orthodox und rückwärtsgewandt in verschiedenen Gattungen vielfältige Sujets fest, die es auch damals, allerdings oft mit US-Kavalerie- Hubschraubern und GIs garniert, zu sehen gab. Stimmungsvolle Küstenlandschaften im Morgenlicht, vom nahezu greifbaren Reishalm bis zur Halmbewegung in Richtung der fernen dunklen Berge, die unergründlichen Windungen des Mekong, die fast schon zu ordentlich, wie eine Plantage erfassten Mangroven-Sümpfe. Weite Blicke, Übersichten, Vogelperspektive, atmosphärisch malerische Panoramen, komponiert aus Licht, Luft, Wasser, Dunst und Nebel, fast wie klassische indochinesische Zeichnungen und Drucke.

Mangroven Wald, Mekong Delta
Foto: Peter Steinhauer 2002
Zuweilen erscheint es, als atme die Kulturlandschaft und der Dschungel in der Retro-Ästhetik der Schwarzweiß-Aufnahmen den Lärm und die Brutalität der vormals umkämpften Kriegsschauplätze ein und absorbiere gleichsam die entsprechenden Foto- und TV-Bildwelten, um sie gleichsam als gereinigtes, fast lautloses Naturschauspiel wieder auszustoßen. Daneben gibt es eher stilistisch schlichte, reportageförmige Aufnahmen des städtischen Lebens wie in Saigon. Und schließlich Einzel- und Gruppenporträts von Angehörigen sogenannter Bergstämme, bewusst im ethnografischen Stil des 19. Jahrhunderts, in traditionellen Kleidern und Haltungen aufgenommen. Leider sind in der Ausstellung nicht die älteren Porträts ergrauter Persönlichkeiten zu sehen: gleichzeitig spirituelle und heroische Aufnahmen von gebildeten und streitbaren Vietnamesen der Kriegsgeneration, wie sie beispielsweise in meditativer Geste ein Buch studieren. Sie werden präsentiert wie damals im Dunkel der Tunnel, von denen man aus gegen die Materialschlacht der Franzosen und der US-Amerikaner äußersten Widerstand leistete.

Le Van Khoi, Hanoi
Foto: Peter Steinhauer, 1993
Strecker-Specht: Postsozialistischer Realismus im fiktiven Design
Logo der Ausstellung,
Graphik: Strecker, Specht
Angela Strecker und Peter Specht, ein Kölner Designer-Team (www.brandit.de) haben Fotos auf ihrer Reise 2002 zu einem mehrfach in Deutschland prämierten Bildband „Spirit of Fu“, Köln 2005 verarbeitet. Die Bilder, dokumentarische Aufnahmen und vor allem subjektive Reiseeindrücke sowie selbst am PC zusammengebaute Bildplakatwelten sind nun erstmals in Form einer Ausstellung, als zum Teil paradoxes Wandmosaik unter der Treppe zum ersten Stock zu sehen.
Einer Anekdote zufolge führte ein Reiseführer das Duo Strecker und Specht auf einen Berg, der für seine Aussicht bekannt war, um dann bei aufziehendem Nebel auf der Spitze zu frohlocken: „Da sind wir.“ Dieser Zustand zwischen Unsichtbarkeit, Fabel, Fantasie und realen Fakten wurde Programm für „Spirit of Fu“. Es ging darum, die Reise als Schneise der selektiven Wahrnehmung im heutigen Vietnam darzustellen, unter jeglichem Verzicht auf Klischee, Verschönerung und Postkartenansichten.
Vor allem die Verschränkung von fotografierbarer Realität und der Einsatz von Graphik-Design, um nicht abbildbare Geschichten in virtuellen Werbetafeln und Comics im Stil des damals bekriegten oder des heutigen Vietnam nachzustellen und auszukomponieren, führt zu einer Verdichtung von postsozialistischem Realismus mit der ganz eigenen Nachfolge-Poesie. Strecker und Specht erreichen durch die Kombination von Fotografie und Design die Vorstellungen im Kopf, Gefühle und Geschichten, die über die kruden Fakten und bekannten Ansichten hinausgehen.

Poetisch in Nachfolge des Sozialismus
Graphik: Strecker/Specht – Fotos 2002, Design 2005
Eine Bildauswahl des vietnamesischen Kriegsfotografen Doàn Công Tính aus den 70er Jahren ist im Café des Forums zu sehen. Man darf gespannt auf den nächsten Ausstellungstermin sein. (CH)
Online-Flyer Nr. 109 vom 22.08.2007
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Kultur und Wissen
„Reflecting Vietnam“ im Forum für Fotografie in Köln
Klassisches und Paradoxes aus Fernost
Von Peter V. Brinkemper

Cho Lon Canal, Saigon
Foto: Peter Steinhauer, 1997
Die Ausstellung in der Schönhauser Straße ist als Auftakt zu größeren Vietnam-Zyklus angekündigt. Diesmal sind es zeitgenössische Fotografen, denen die keineswegs leichte Aufgabe zufällt, vom heutigen Land ein Bild zu geben, das immer noch historisch, wirtschaftlich und medial von den Narben und Spätfolgen einer unmenschlichen und brutalen Auseinandersetzung zwischen der Supermacht USA und einem unglaublich widerstandsfähigen Volk gezeichnet ist.
Steinhauer: Unantastbarkeit und Würde der Bilder
Peter Steinhauers großformatige Schwarzweiß-Fotografie hat einen leicht nostalgischen Touch des Endgültigen. Die Bilder schwelgen im Anschein von Natureinblicken und zeitloser Ethnographie, sie ducken sich vor der Normalität der heutigen urbanen Knotenpunkte, aber sie zielen deutlich auf einen Subtext der politischen Kompromisslosigkeit und der kulturellen Unantastbarkeit in den entlegenen Zonen von Küste, Meer, Dschungel und Hochland. Der Mythos der Bergbewohner, der „Montagnards“, den schon die Kriegsberichterstatter hochleben ließen, erhebt wieder sein würdevolles Haupt. Das der Ausstellung zugrunde liegende Fotobuch Peter Steinhauers heißt: „Enduring Spirit of Viet Nam“, Hongkong 2006.

Van Cao, Hanoi – Komponist der vietnamesischen Nationalhymne: „Marschiert an die Front". | Foto: Peter Steinhauer, 1994
Die Aufnahmen datieren von Ende der 90er Jahre bis heute und halten ein wenig orthodox und rückwärtsgewandt in verschiedenen Gattungen vielfältige Sujets fest, die es auch damals, allerdings oft mit US-Kavalerie- Hubschraubern und GIs garniert, zu sehen gab. Stimmungsvolle Küstenlandschaften im Morgenlicht, vom nahezu greifbaren Reishalm bis zur Halmbewegung in Richtung der fernen dunklen Berge, die unergründlichen Windungen des Mekong, die fast schon zu ordentlich, wie eine Plantage erfassten Mangroven-Sümpfe. Weite Blicke, Übersichten, Vogelperspektive, atmosphärisch malerische Panoramen, komponiert aus Licht, Luft, Wasser, Dunst und Nebel, fast wie klassische indochinesische Zeichnungen und Drucke.

Mangroven Wald, Mekong Delta
Foto: Peter Steinhauer 2002
Zuweilen erscheint es, als atme die Kulturlandschaft und der Dschungel in der Retro-Ästhetik der Schwarzweiß-Aufnahmen den Lärm und die Brutalität der vormals umkämpften Kriegsschauplätze ein und absorbiere gleichsam die entsprechenden Foto- und TV-Bildwelten, um sie gleichsam als gereinigtes, fast lautloses Naturschauspiel wieder auszustoßen. Daneben gibt es eher stilistisch schlichte, reportageförmige Aufnahmen des städtischen Lebens wie in Saigon. Und schließlich Einzel- und Gruppenporträts von Angehörigen sogenannter Bergstämme, bewusst im ethnografischen Stil des 19. Jahrhunderts, in traditionellen Kleidern und Haltungen aufgenommen. Leider sind in der Ausstellung nicht die älteren Porträts ergrauter Persönlichkeiten zu sehen: gleichzeitig spirituelle und heroische Aufnahmen von gebildeten und streitbaren Vietnamesen der Kriegsgeneration, wie sie beispielsweise in meditativer Geste ein Buch studieren. Sie werden präsentiert wie damals im Dunkel der Tunnel, von denen man aus gegen die Materialschlacht der Franzosen und der US-Amerikaner äußersten Widerstand leistete.

Le Van Khoi, Hanoi
Foto: Peter Steinhauer, 1993
Strecker-Specht: Postsozialistischer Realismus im fiktiven Design
Logo der Ausstellung, Graphik: Strecker, Specht
Angela Strecker und Peter Specht, ein Kölner Designer-Team (www.brandit.de) haben Fotos auf ihrer Reise 2002 zu einem mehrfach in Deutschland prämierten Bildband „Spirit of Fu“, Köln 2005 verarbeitet. Die Bilder, dokumentarische Aufnahmen und vor allem subjektive Reiseeindrücke sowie selbst am PC zusammengebaute Bildplakatwelten sind nun erstmals in Form einer Ausstellung, als zum Teil paradoxes Wandmosaik unter der Treppe zum ersten Stock zu sehen.
Einer Anekdote zufolge führte ein Reiseführer das Duo Strecker und Specht auf einen Berg, der für seine Aussicht bekannt war, um dann bei aufziehendem Nebel auf der Spitze zu frohlocken: „Da sind wir.“ Dieser Zustand zwischen Unsichtbarkeit, Fabel, Fantasie und realen Fakten wurde Programm für „Spirit of Fu“. Es ging darum, die Reise als Schneise der selektiven Wahrnehmung im heutigen Vietnam darzustellen, unter jeglichem Verzicht auf Klischee, Verschönerung und Postkartenansichten.
Vor allem die Verschränkung von fotografierbarer Realität und der Einsatz von Graphik-Design, um nicht abbildbare Geschichten in virtuellen Werbetafeln und Comics im Stil des damals bekriegten oder des heutigen Vietnam nachzustellen und auszukomponieren, führt zu einer Verdichtung von postsozialistischem Realismus mit der ganz eigenen Nachfolge-Poesie. Strecker und Specht erreichen durch die Kombination von Fotografie und Design die Vorstellungen im Kopf, Gefühle und Geschichten, die über die kruden Fakten und bekannten Ansichten hinausgehen.

Poetisch in Nachfolge des Sozialismus
Graphik: Strecker/Specht – Fotos 2002, Design 2005
Eine Bildauswahl des vietnamesischen Kriegsfotografen Doàn Công Tính aus den 70er Jahren ist im Café des Forums zu sehen. Man darf gespannt auf den nächsten Ausstellungstermin sein. (CH)
Online-Flyer Nr. 109 vom 22.08.2007
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