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Live aus Palästina: Rafah, Gaza, am 21. August 2007
Wie Gaza zusammenbricht
Von Yasmine Moor
Es war das dritte Mal, dass wir in diesem Monat zu dem Büro gingen, denn jedes Mal war es geschlossen. Die Tore sind offen, Wachen stehen davor, aber das Büro ist nicht in Betrieb, und es waren auch keine Mitarbeiter da, die uns hätten helfen können. „Warum ist es geschlossen?“ fragte ich eine der Wachen. „Streiken“, antwortete er. „Und was tun wir jetzt?“, fragte ich. „Hoffen, dass wir unseren Lohn kriegen, damit wir wieder an die Arbeit zurückkehren können“, erwiderte er. Ich starrte ihn voller Frustration an, aber ich wusste, dass ich es ihm oder dem Büropersonal nicht wirklich vorwerfen kann, dass sie nicht zur Arbeit kommen. Es geht ihm genau wie allen anderen Angestellten in Gaza. Wahrscheinlich hatten die Regierungsangestellten die Nase voll; immerhin sind sie seit Januar 2006 nicht mehr bezahlt worden, sind aber immer noch zur Arbeit gekommen. Ich habe Leute getroffen, die sich was von ihren Nachbarn leihen, nur um ein Taxi zu bezahlen, das sie zu einer Arbeitsstelle bringt, an der sie nicht einmal bezahlt werden.

Heute sind die Grenzübergänge meist geschlossen
Quelle: wikipedia – Foto: zero0000
Jeder meiner Versuche, über Gaza zu schreiben, um der Welt eine Vorstellung zu vermitteln, was die Leute hier durchmachen, wühlt mich auf. Ich bin mir nie sicher, wo ich anfangen soll, um den Lesern eine Vorstellung vom Leben in Gaza und der wachsenden humanitären und ökonomischen Krise zu vermitteln. Soll ich damit beginnen, die Auswirkungen der Schließung der Grenzen zu beschreiben, die gemäß der UNRWA, dem Büro der Vereinten Nationen für palästinensische Flüchtlinge, der Grund sind, dass Gaza am Rande des wirtschaftlichen Zusammenbruchs steht und dass, wenn sich in den nächsten Wochen nichts ändert, die gesamte Bevölkerung völlig von Hilfe abhängig sein wird? Ganz bestimmt spüren wir alle die Auswirkungen der Abriegelung, denn alles, was es auf dem Markt gibt, ist ein bisschen Gemüse, und wir sind gezwungen, uns auf die Lebensmittelpakete der UNRWA mit Mehl, Reis und Speiseöl zu verlassen. Selbst wenn wir wollten, könnten wir nicht einmal unser Essen selbst anbauen, denn den Farmern ist alles dazu Notwendige ausgegangen, auch der Dünger. Doch wenn es Israel gefällt, so erlaubt es, dass in Israel angebautes Obst und Gemüse nach Gaza hineinkommt. Wir sind gezwungen, aus der Hand unseres Besatzers zu kaufen und zu essen und seine Wirtschaft zu unterstützen, während wir zuschauen, wie unsere zusammenbricht. Sich zu entziehen, ist hier in Gaza nicht möglich.

Quelle: wikipedia
Oder vielleicht sollte ich über die tausend Palästinenser schreiben, die fern ihrer Familien immer noch am Grenzübergang Rafah gestrandet sind, und denen, während sie dort sitzen und warten, dass die Grenze sich öffnet, das Geld ausgeht. Vielleicht sollte ich beschreiben, unter welch unhygienischen Bedingungen sie leben, was bedeutet, dass die Kranken kränker und die Gesunden krank werden. Die Nachrichten berichten nicht, dass sich die Haut der Menschen abschält, weil sie den ganzen Tag ohne Zugang zu Trink- oder Waschwasser in der Sonne sitzen.
Wie kann ich die Auswirkungen dessen beschreiben, dass die Regierungsangestellten in Streik getreten sind, einschließlich jener in den Stadtverwaltungen und der Müllabfuhr, wie der Müll von Gaza seit zwei Wochen nicht abgeholt worden ist, und wie Fliegen, Kakerlaken und Ratten durch unsere Straßen und Häuser flitzen? Ausgerechnet das Rattengift ist in Gaza auch noch zu Ende. Wie kann ich beschreiben, wie Apotheken bestimmte Medikamente nicht mehr führen, die Du nicht wirklich zu schätzen weißt, bis Du Deinen Onkel im Bett liegen siehst, der keine Luft bekommt, weil er seine Herzmedikamente nicht hat, oder bis das sechs Monate alte Baby der Nachbarn ins Krankenhaus muss wegen eines normalerweise behandelbaren Durchfalls?

Gold City –
der historische Teil Gazas
Foto: Ahron de Leeuw
Und Gott helfe denen, die keine Flüchtlinge sind, Gazaner, die schon vor 1948 in Gaza waren. Die Flüchtlinge sind wenigstens berechtigt, von der UNRWA Lebensmittel und medizinische Hilfe zu bekommen – Nicht-Flüchtlinge nicht. Stattdessen sind sie von der Regierung abhängig, und da die staatlichen Krankenhäuser geschlossen sind, haben sie keinen Zugang zu medizinischer Versorgung. Und deshalb sitzen die Frauen mit ihren Kindern vor den Türen der Regierungskrankenhäuser und hoffen, dass die Ärzte beschließen, heute zu kommen – aus Herzensgüte, denn auch sie haben seit vergangenem Jahr kein Gehalt mehr bekommen.
Oder wie soll ich anfangen zu erklären, dass die Regierung des Präsidenten der palästinensischen Autonomiebehörde, Mahmoud Abbas, die Anerkennung aller Dokumente aus Gaza, einschließlich Pässen, Führerscheinen und Hochschulabschlüssen, vollständig verweigert? Grade neulich haben tausend Studenten an den beiden Universitäten Gazas ihren Abschluss gemacht, doch ihre Diplome werden international nicht anerkannt und nicht einmal innerhalb ihres eigenen Landes, dem Rest des besetzten Palästinas. Indem er sich an die Seite Israels und der Vereinigten Staaten gestellt hat, hat Abbas Gaza und das palästinensische Volk für seinen eigenen politischen Vorteil verkauft. Er persönlich hat befohlen, dass die Grenze von Rafah trotz des Aufschreis von über 4.000 Palästinensern geschlossen bleiben und Gaza vom Rest Palästinas abgeschnitten sein soll. Er missachtet eben die Leute, die er zu repräsentieren behauptet.
Die Menschen hier haben kein Geld mehr. Selbst wenn für ihre Grundernährung gesorgt ist, haben sie keine Mittel, um Kleider zu kaufen oder den Schulbedarf für ihre Kinder, kein Geld, um Schulgeld zu zahlen oder die Miete. Sie haben keine Arbeit und kein Geld und deshalb verbringen sie ihre Zeit damit, an Gazas Strand auf- und abzulaufen, denn es gibt nichts mehr, was man in Gaza tun könnte.

Foto: Ahron de Leeuw
Den Gazanern wird jedes fundamentale Menschenrecht verweigert – das Recht, frei zu leben, nicht unter der Fuchtel der Besatzung, angstfrei; das Recht auf Bildung; das Recht darauf, arbeiten und ihre Familien versorgen zu können; und das Recht, über sich selbst und ihr Leben zu bestimmen. Währenddessen werden Beit Hanoun und Beit Lahiya dem Erdboden gleichgemacht, und wir werden von Panzern terrorisiert, die an unseren Grenzen stehen, und von den F-16, die unsere Himmel bevölkern. Wie beschreibe ich die Flugzeuge, die irgendwann in der Nacht niedrig über uns hinwegfliegen und unsere Kinder erschrecken, die dann den Rest der Nacht weinen?
Alles ist den Menschen von Gaza genommen worden, bis dahin, dass ein junger Mann, der als Taxifahrer arbeiten will, weil es keine andere Beschäftigungsmöglichkeit gibt, nicht einmal die Lizenz dafür bekommen kann, weil diese nicht mehr in Gaza ausgestellt wird.
US-Außenministerin Condoleezza Rice hat sich mit selbsternannten palästinensischen Führern getroffen, es aber unterlassen, den abgesetzten Premierminister Ismail Haniyeh oder Hamas in die Gespräche einzubeziehen. Die Gazaner waren bei den Verhandlungen weder vertreten, noch in sie einbezogen. Wir hatten keine Stimme. Unsere Belange wurden nicht gehört oder wenigstens in Betracht gezogen. Wir konnten nicht einmal auf unseren eigenen Präsidenten zählen, dass er uns das Recht auf Vertretung geben würde. Daher frage ich Abbas, Rice, Fayyad, Bush, Blair und den Rest der Welt:
Und die 1,4 Millionen Palästinenser in Gaza? (YH)
Aus dem Englischen von Endy Hagen
Online-Flyer Nr. 110 vom 29.08.2007
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Live aus Palästina: Rafah, Gaza, am 21. August 2007
Wie Gaza zusammenbricht
Von Yasmine Moor
Es war das dritte Mal, dass wir in diesem Monat zu dem Büro gingen, denn jedes Mal war es geschlossen. Die Tore sind offen, Wachen stehen davor, aber das Büro ist nicht in Betrieb, und es waren auch keine Mitarbeiter da, die uns hätten helfen können. „Warum ist es geschlossen?“ fragte ich eine der Wachen. „Streiken“, antwortete er. „Und was tun wir jetzt?“, fragte ich. „Hoffen, dass wir unseren Lohn kriegen, damit wir wieder an die Arbeit zurückkehren können“, erwiderte er. Ich starrte ihn voller Frustration an, aber ich wusste, dass ich es ihm oder dem Büropersonal nicht wirklich vorwerfen kann, dass sie nicht zur Arbeit kommen. Es geht ihm genau wie allen anderen Angestellten in Gaza. Wahrscheinlich hatten die Regierungsangestellten die Nase voll; immerhin sind sie seit Januar 2006 nicht mehr bezahlt worden, sind aber immer noch zur Arbeit gekommen. Ich habe Leute getroffen, die sich was von ihren Nachbarn leihen, nur um ein Taxi zu bezahlen, das sie zu einer Arbeitsstelle bringt, an der sie nicht einmal bezahlt werden.

Heute sind die Grenzübergänge meist geschlossen
Quelle: wikipedia – Foto: zero0000
Jeder meiner Versuche, über Gaza zu schreiben, um der Welt eine Vorstellung zu vermitteln, was die Leute hier durchmachen, wühlt mich auf. Ich bin mir nie sicher, wo ich anfangen soll, um den Lesern eine Vorstellung vom Leben in Gaza und der wachsenden humanitären und ökonomischen Krise zu vermitteln. Soll ich damit beginnen, die Auswirkungen der Schließung der Grenzen zu beschreiben, die gemäß der UNRWA, dem Büro der Vereinten Nationen für palästinensische Flüchtlinge, der Grund sind, dass Gaza am Rande des wirtschaftlichen Zusammenbruchs steht und dass, wenn sich in den nächsten Wochen nichts ändert, die gesamte Bevölkerung völlig von Hilfe abhängig sein wird? Ganz bestimmt spüren wir alle die Auswirkungen der Abriegelung, denn alles, was es auf dem Markt gibt, ist ein bisschen Gemüse, und wir sind gezwungen, uns auf die Lebensmittelpakete der UNRWA mit Mehl, Reis und Speiseöl zu verlassen. Selbst wenn wir wollten, könnten wir nicht einmal unser Essen selbst anbauen, denn den Farmern ist alles dazu Notwendige ausgegangen, auch der Dünger. Doch wenn es Israel gefällt, so erlaubt es, dass in Israel angebautes Obst und Gemüse nach Gaza hineinkommt. Wir sind gezwungen, aus der Hand unseres Besatzers zu kaufen und zu essen und seine Wirtschaft zu unterstützen, während wir zuschauen, wie unsere zusammenbricht. Sich zu entziehen, ist hier in Gaza nicht möglich.

Quelle: wikipedia
Oder vielleicht sollte ich über die tausend Palästinenser schreiben, die fern ihrer Familien immer noch am Grenzübergang Rafah gestrandet sind, und denen, während sie dort sitzen und warten, dass die Grenze sich öffnet, das Geld ausgeht. Vielleicht sollte ich beschreiben, unter welch unhygienischen Bedingungen sie leben, was bedeutet, dass die Kranken kränker und die Gesunden krank werden. Die Nachrichten berichten nicht, dass sich die Haut der Menschen abschält, weil sie den ganzen Tag ohne Zugang zu Trink- oder Waschwasser in der Sonne sitzen.
Wie kann ich die Auswirkungen dessen beschreiben, dass die Regierungsangestellten in Streik getreten sind, einschließlich jener in den Stadtverwaltungen und der Müllabfuhr, wie der Müll von Gaza seit zwei Wochen nicht abgeholt worden ist, und wie Fliegen, Kakerlaken und Ratten durch unsere Straßen und Häuser flitzen? Ausgerechnet das Rattengift ist in Gaza auch noch zu Ende. Wie kann ich beschreiben, wie Apotheken bestimmte Medikamente nicht mehr führen, die Du nicht wirklich zu schätzen weißt, bis Du Deinen Onkel im Bett liegen siehst, der keine Luft bekommt, weil er seine Herzmedikamente nicht hat, oder bis das sechs Monate alte Baby der Nachbarn ins Krankenhaus muss wegen eines normalerweise behandelbaren Durchfalls?

Gold City –
der historische Teil Gazas
Foto: Ahron de Leeuw
Und Gott helfe denen, die keine Flüchtlinge sind, Gazaner, die schon vor 1948 in Gaza waren. Die Flüchtlinge sind wenigstens berechtigt, von der UNRWA Lebensmittel und medizinische Hilfe zu bekommen – Nicht-Flüchtlinge nicht. Stattdessen sind sie von der Regierung abhängig, und da die staatlichen Krankenhäuser geschlossen sind, haben sie keinen Zugang zu medizinischer Versorgung. Und deshalb sitzen die Frauen mit ihren Kindern vor den Türen der Regierungskrankenhäuser und hoffen, dass die Ärzte beschließen, heute zu kommen – aus Herzensgüte, denn auch sie haben seit vergangenem Jahr kein Gehalt mehr bekommen.
Oder wie soll ich anfangen zu erklären, dass die Regierung des Präsidenten der palästinensischen Autonomiebehörde, Mahmoud Abbas, die Anerkennung aller Dokumente aus Gaza, einschließlich Pässen, Führerscheinen und Hochschulabschlüssen, vollständig verweigert? Grade neulich haben tausend Studenten an den beiden Universitäten Gazas ihren Abschluss gemacht, doch ihre Diplome werden international nicht anerkannt und nicht einmal innerhalb ihres eigenen Landes, dem Rest des besetzten Palästinas. Indem er sich an die Seite Israels und der Vereinigten Staaten gestellt hat, hat Abbas Gaza und das palästinensische Volk für seinen eigenen politischen Vorteil verkauft. Er persönlich hat befohlen, dass die Grenze von Rafah trotz des Aufschreis von über 4.000 Palästinensern geschlossen bleiben und Gaza vom Rest Palästinas abgeschnitten sein soll. Er missachtet eben die Leute, die er zu repräsentieren behauptet.
Die Menschen hier haben kein Geld mehr. Selbst wenn für ihre Grundernährung gesorgt ist, haben sie keine Mittel, um Kleider zu kaufen oder den Schulbedarf für ihre Kinder, kein Geld, um Schulgeld zu zahlen oder die Miete. Sie haben keine Arbeit und kein Geld und deshalb verbringen sie ihre Zeit damit, an Gazas Strand auf- und abzulaufen, denn es gibt nichts mehr, was man in Gaza tun könnte.

Foto: Ahron de Leeuw
Den Gazanern wird jedes fundamentale Menschenrecht verweigert – das Recht, frei zu leben, nicht unter der Fuchtel der Besatzung, angstfrei; das Recht auf Bildung; das Recht darauf, arbeiten und ihre Familien versorgen zu können; und das Recht, über sich selbst und ihr Leben zu bestimmen. Währenddessen werden Beit Hanoun und Beit Lahiya dem Erdboden gleichgemacht, und wir werden von Panzern terrorisiert, die an unseren Grenzen stehen, und von den F-16, die unsere Himmel bevölkern. Wie beschreibe ich die Flugzeuge, die irgendwann in der Nacht niedrig über uns hinwegfliegen und unsere Kinder erschrecken, die dann den Rest der Nacht weinen?
Alles ist den Menschen von Gaza genommen worden, bis dahin, dass ein junger Mann, der als Taxifahrer arbeiten will, weil es keine andere Beschäftigungsmöglichkeit gibt, nicht einmal die Lizenz dafür bekommen kann, weil diese nicht mehr in Gaza ausgestellt wird.
US-Außenministerin Condoleezza Rice hat sich mit selbsternannten palästinensischen Führern getroffen, es aber unterlassen, den abgesetzten Premierminister Ismail Haniyeh oder Hamas in die Gespräche einzubeziehen. Die Gazaner waren bei den Verhandlungen weder vertreten, noch in sie einbezogen. Wir hatten keine Stimme. Unsere Belange wurden nicht gehört oder wenigstens in Betracht gezogen. Wir konnten nicht einmal auf unseren eigenen Präsidenten zählen, dass er uns das Recht auf Vertretung geben würde. Daher frage ich Abbas, Rice, Fayyad, Bush, Blair und den Rest der Welt:
Und die 1,4 Millionen Palästinenser in Gaza? (YH)
Aus dem Englischen von Endy Hagen
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