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Literatur
Spaniens Himmel breitet seine Sterne... oder
Ein Lied kehrt zurück – Folge 35
Von Christina Seidel und Kurt Wünsch

Schüler des Gymnasiums St. Martin beschließen, eine Geschichtsarbeit über den Spanischen Bürgerkrieg zu schreiben, der 1936 begann. Sie führen Gespräche mit ehemaligen Interbrigadisten aus verschiedenen Ländern und einem „Condorflieger“ der faschistischen deutschen Luftwaffe. Felix besucht die historischen Orte der Kämpfe zwischen Madrid und Barcelona – doch die Schüler ziehen verschiedene Schlussfolgerungen aus ihren Recherchen... und was ist mit Sophie?


12.

Der Sommer hatte sich am Ende der Ferien verabschiedet. Regenwolken trieben über der Stadt, und die ersten gelben Blätter taumelten von den Bäumen. Die Straßenbahnen füllten sich wieder mit jungen Leuten, die lachten und lärmten und alten Menschen, die über sie den Kopf schüttelten. Angeblich ist wissenschaftlich erwiesen, dass den meisten Kindern und Jugendlichen die Schule nach den Ferien wieder Spaß bereitet. Fest steht auch, dass viele Eltern in diesen ersten Tagen weniger Kraft und Geduld benötigen, um ihre Töchter und Söhne zu bewegen, Schulbücher und Hefte aufzuschlagen. Bei Grabners schien das besonders stark zuzutreffen. Felix stand nur vom Schreibtisch auf, wenn ihn die Mutter mindestens drei Mal zum Essen gerufen hatte.

Dolores langweilte sich in Wien immer noch und nervte ihn am Telefon. Er verdrehte, wenn er mit ihr redete, die Augen, brachte es aber nicht fertig, auch entsprechend zu reden. Im Gegenteil. Vielleicht... Alexander hatte am ersten Schultag überraschend Gelassenheit gemimt. „Okay, Felix, jeder macht seins, ist angesagt. Bring 'ne rote Fahne mit.“

Sophie ging Felix anscheinend aus dem Weg, was nicht ohne Wirkung auf dessen Telefongespräche mit Dolores blieb. Die Arbeit lag fast fix und fertig auf dem Schreibtisch. Daneben die Bilder, die er zeigen wollte, und die CD mit den Spanienliedern. Aber der Ehrgeiz trieb Felix. Er fand immer wieder Verbesserungen am Text, strich aus, schrieb um und ergänzte. Frau Grabner wusste nicht, ob sie sich über den Eifer ihres Sohnes freuen oder in Sorge geraten sollte. Ihre Bitte, etwas lesen zu dürfen, lehnte er kategorisch ab. Sophie ging Felix nicht aus dem Weg. Sie blieb nur am Rand stehen, wenn er auf einen Pulk Klassenkameraden zu trat. Nicht nur seine fiese SMS bereitete ihr schweres Kopfzerbrechen. Trotz einer langen familiären Einsparliste fehlten für die nächste Miete immer noch zweihundert Euro.

Dienstags und freitags steckte Sophie Zeitungen in Briefkästen, an freien Nachmittagen und abends arbeitete sie verbissen am Geschichtsthema. Weil sie dabei gleichzeitig ihre Aufzeichnungen und drei Bücher benutzte, verwirrten sich die Fakten in ihrem Kopf zeitweilig zu einem totalen Chaos, was mancherlei Fehler im Manuskript zur Folge hatte. So war darin einmal unversehens aus dem Spanischen Bürgerkrieg ein „panischer“ und aus der Schlacht um die Argandabrücke ein Kampf um Amanda geworden. Im Unterricht wirkte sie entweder abwesend oder übernervös.

Das einzig Gute an Sophies Verhalten war deren Wirkung auf ihre Mutter. Aus Sorge um ihre Tochter schien sie langsam aus der Lethargie zu erwachen und begann, das Gretchenkostüm zu schneidern. Alexander arbeitete auch an seinem Vortrag – meist in Dr. Gärtners Villa. Der raufte sich die Haare, denn was er vorschlug, wollte nur sehr schwer in Alexanders Schädel. Vieles überhaupt nicht. Seine einzige Antriebskraft hieß Trotz. Der Spanische Bürgerkrieg kotzte ihn endlos an. Und Gärtner nicht viel weniger.

Im „Heiligen Martin“ debattierten Lehrer und Schüler in den Pausen heftig über die geplante Verteidigung, nachdem ein Artikel darüber in der Boulevardzeitung mit der böswilligen Schlagzeile: „Alte Kommunisten als Sponsoren im Christlichen Gymnasium“, erschienen war. Jemand hatte ihn an die Pinwand im Foyer gehängt. Felix ahnte wer. Schulleiter Kaschinsky ging in einer Lehrerkonferenz bemerkenswert sachlich darauf ein: „Wir leisten keinen Ideen von Vorgestern Vorschub, liebe Kolleginnen und Kollegen, sondern zeigen uns, gerade als christliche Schule, weltoffen. Und wir wollen ein Zeichen setzen, gegen die Verfälschung der Geschichte und die Feinde unserer Demokratie. In Sachsen weigerten sich die Landtagsabgeordneten der NPD an einem Auschwitz-Besuch teilzunehmen. Ich frage mich, warum sie überhaupt eingeladen wurden... In Mecklenburg-Vorpommern dagegen entstand ein ‚Netzwerk Demokratie und Courage’ und aus Belgien stammt das Projekt ‚Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage’. Auch wir sollten uns Gedanken machen, liebe Kolleginnen und Kollegen...“

So vergingen zwei unruhige Schulwochen, dann ein Sonntag, ein Montag, der Dienstag. Für den dritten Mittwoch nach den Ferien hatte der Schulleiter, in Absprache mit den beteiligten Schülern, die Verteidigung der Geschichtsarbeit angesetzt.


„Spaniens Himmel ...oder Ein Lied kehrt zurück"
Bestell-Nr. 60146,2006, 206 S.,
zahlr. Abb., 2 Karten, geb., 14.90 Euro
Pahl-Rugenstein Verlag
Nachfolger GmbH
Breite Str. 47, 53111 Bonn
Tel. 0228 63 23 06, Fax 0228 63 49 68
Email:  prv@che-chandler.com
www.pahl-rugenstein.de

Copyright © 2006 Pahl-Rugenstein Verlag – Alle Rechte vorbehalten
ISBN 3-89144-373-0

Umschlagillustration und Zeichnungen: Hans Fritsch, Satz: Arnold Bruns
Druck: Interpress, Budapest


Über das Thema gibt es einen sehenswerten Dokumentarfilm:

„Brigadistas" begleitet einige der letzten noch lebenden Kämpferinnen und Kämpfer der Internationalen Brigaden bei ihrer Rückkehr nach Spanien, 70 Jahre nach Beginn des Spanischen Kriegs. In den Begegnungen mit den Brigadistas wird deutlich, was zehntausende von Menschen dazu bewegt hat, aus der ganzen Welt nach Spanien zu kommen und dort im Kampf gegen den Faschismus ihr Leben aufs Spiel zu setzen. Der Film zeigt, dass die Ideale, die damals Gültigkeit hatten, auch in der Auseinandersetzung mit der heutigen Welt von großer Bedeutung sind.

D 2007 * Doku * 45 Min. * OmU *
Regie: Daniel Burkholz
Mehr dazu unter
Info@roadside-dokumentarfilm.de
oder bei prv@che-chandler.com.



Online-Flyer Nr. 111  vom 05.09.2007

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