NRhZ-Online - Neue Rheinische Zeitung - Logo
SUCHE
Suchergebnis anzeigen!
RESSORTS
SERVICE
Unabhängige Nachrichten, Berichte & Meinungen
Aktueller Online-Flyer vom 09. Juni 2026  

zurück  
Druckversion

Literatur
Else Lasker-Schüler: Zuflucht Zürich – Fluchtpunkt Poesie
Wo soll ich hin?
Von Peter Kleinert

Schon früh haben Länder verfolgte Minderheiten aufgenommen – wie etwa Preußen die Hugenotten. Doch gehört das unendliche Kapitel der Verfolgung unbequemer Intellektueller vor allem zur Geschichte des Exillandes Schweiz. Einige Facetten dieses Themas findet man – rechtzeitig zur Frankfurter Buchmesse – im neuen Almanach der Wuppertaler Else Lasker-Schüler- Gesellschaft. Anlass war eine Veranstaltungsreihe mit Ausstellung in Zürich, über die die NRhZ u.a. in Nummer 80 berichtete.

Vordenker, häufig Rebellen

Im Land der Eidgenossen fanden große Geister über die Jahrhunderte Schutz. Viele dieser Asylbewerber waren Vordenker, häufig Rebellen oder Künstler wie die malende Dichterin Else Lasker-Schüler. Wie sie mussten und müssen auch heute vor allem Intellektuelle aus ihren „Vaterländern“ fliehen, weil sie unbequem waren oder ungeliebte Wahrheiten aussprachen. Ohne Exilanten wäre die Filmmetropole Hollywood nicht das, was sie ist. Exilanten aus Deutschland und Österreich haben in den USA die Psychoanalyse und andere Wissenschaftszweige bis hin zur Atomwaffe geprägt – und in der Schweiz die Theaterlandschaft.

Hajo Jahn
Hajo Jahn, Vorsitzender der ELSG und Herausgeber des Buches
Foto: Manfred Brusten/ELSG


Reich und gut illustriert ist das 502 Seiten umfassende Buch, das nicht nur viele Details über Else Lasker-Schüler und ihre 1933 beginnenden sechs Exiljahre in der Schweiz zugänglich macht. Es berichtet auch über andere Exilanten im Land der Eidgenossen und über weitere politische und literarische Themen und wird dadurch mehr als eine Dokumentation des „Zürcher Forums“, mit dem sich erstmals eine deutsche Literaturgesellschaft in der Schweiz programmatisch vorgestellt hat. Es dürfte – auch – ein Nachschlagewerk über Else Lasker-Schüler und ihre von der Fremdenpolizei scharf überwachte Asylantenzeit im Land der Eidgenossen werden. Das stand ja dem mächtigen Nachbarstaat Deutschland eher geschäftig zur Seite als den Flüchtlingen, von denen viele – wie arme jüdische Dichter Max Hermann-Neisse – vergeblich um Aufnahme baten.

Erneute Einreise verweigert

Jakob Hessing, in Polen geborener Germanist in Israel, wirft in dem Band einen scharfen Blick auf das christlich-jüdische Versöhnungsstück „Arthur Aronymus und seine Väter“. Thomas Mann war Premierengast, als 1936 dieses Drama der Exilantin Else Lasker-Schüler am Schauspielhaus Zürich, dem deutschsprachigen Theater im Widerstand, uraufgeführt wurde. 70 Jahre später spielte nun Hanna Schygulla die Dichterin auf derselben Bühne. Die ungekürzte Fassung des Schauspiels „Verscheucht" von Gerold Theobalt ist ebenso abgedruckt wie die Vorträge, Diskussionen und Slam-Poetry-Texte des Forums, um sie einem größeren Interessentenkreis zugänglich zu machen als nur den Besuchern der Veranstaltungen in Zürich.


Else Lasker-Schüler
Quelle: www.osnabrück.de
Dazu gehört die skurrile Geschichte vom letzten Koffer der Exilantin, der 1939 eine erneute Einreise in das angeblich neutrale Land verweigert worden war – vermutlich auf Druck aus dem Auswärtigen Amt in Berlin. Und die Schweiz, die das „J“ im Pass der jüdischen Flüchtlinge eingeführt hatte, zeigte sich nicht nur in ihrem Fall willfährig gegenüber dem Dritten Reich und restriktiv gegen Exilanten, sofern diese kein üppiges Bankkonto nachweisen konnten.



Vor 1933 gab es fast uneingeschränkt Gastrecht für so unterschiedliche Menschen wie den polnischen Freiheitskämpfer Jan Pawel Lelewel und Georg Herwegh, den Dichter des Vormärz („Alle Räder stehen still...“), Manès Sperber und Bertolt Brecht, Alfred Döblin, Tilla Durieux, Lisa Fittko, Ignazio Silone, Wladimir Iljitsch Uljanow, genannt Lenin, und Alexander Solschenizyn. So war die Schweiz ein Ort des permanenten Austausches verschiedener Kulturen. Fluchtpunkt vor allem war das weltläufige, doch zugleich überschaubare Zürich. Zuflucht für Else Lasker-Schüler aber war auch dort die Poesie.

Besonders hohe Hürden
Es gibt populäre und wissenschaftliche Beiträge in dem Almanach. Etwa die Beiträge der Schweizer Germanistinnen Ursula Amrein über ELS und Thomas Mann im Schweizer Exil und Sabine Graf über das im Schweizer Exil geschriebene ELS-Buch „Hebräerland", erschienen im Verlag Oprecht. Emil Oprecht war der Verleger der geflohenen Autoren. Die schweizerischen Asylbestimmungen machten den Deutschen das Publizieren äußerst schwer, und den auf politische Wirkung bedachten Schriftstellern wurden besonders hohe Hürden errichtet. Sie waren ja nicht nur geflüchtet, um zu überleben oder um in Ruhe an einem künstlerischen Werk für spätere Zeiten zu arbeiten.

Künstlerische oder/und politische Aktivitäten waren entweder illegal oder konnten nur mit Schweizer Partnern verwirklicht werden. Da Else Lasker-Schüler Schreibverbot hatte und von der Fremdenpolizei bespitzelt wurde, fiel einheimischen Intellektuellen eine besondere Rolle zu. Wenn sie genug Mut aufbrachten, wurden sie geschichtliche Persönlichkeiten wie etwa Ferdinand Rieser, Direktor des Schauspielhauses, oder Emil Oprecht, der kommunistische Literatur ebenso herausbrachte wie antikommunistische. Die revolutionäre Vergangenheit von Eidgenossen wie Oprecht wurde in der Schweizer Geschichtsschreibung bis in die 60er Jahre verschwiegen.

Auch zahlreiche Else Lasker-Schüler-Gedichte

„Von Tristan und Isolde, Mathilde und Else und anderen Wuppertalern“ handelt einer der Almanachessays. Hier spannt sich der Bogen über zahlreiche Gedichte Else Lasker-Schülers, von Richard Wagner über Eduard von der Heydt, den Geldwäscher der Nazis, bis zu Malte Ludin, der nur in diesem Buch die Geschichte seines intimen Films „2 oder 3 Dinge, die ich von ihm weiß“ erzählt: Es geht um seinen Vater. Der einstige Botschafter des „Dritten Reichs“ wurde als Minister zum heimlichen Herrscher im faschistischen Vasallenstaat Slowakei. Nach dem Ende der NS-Diktatur wurde er als Kriegsverbrecher hingerichtet, in der Familie jedoch schöngeredet und hoch geehrt. Eine sehr deutsche Geschichte.

Typisch auch die „Geschichte einer zweiten Emigration“: Winfried Weinke schreibt über den jüdischen Journalisten und Dramatiker, der „verliebt war in Zürich“. Und Jürgen Serke stellt einen leisen, vergessenen Schweizer Helden vor: Hermann Adler, ohne den Wolf Biermann nie sein Buch „Großer Gesang des Jizchak Katzenelson“ hätte schreiben können. (CH)





„Wo soll ich hin? Zuflucht Zürich – Fluchtpunkt Poesie“

Hajo Jahn (Hrg.), 502 S.,
Peter Hammer-Verlag, 18 €.

Ein schönes Weihnachtsgeschenk – zu bestellen auch über die
Else Lasker-Schüler-Gesellschaft
Herzogstr. 42, D-42103 Wuppertal
Mail: vorstand@else-lasker-schueler-gesellschaft.de

Online-Flyer Nr. 113  vom 19.09.2007

Druckversion     



Startseite           nach oben

KÖLNER KLAGEMAUER


Für Frieden und Völkerverständigung
FILMCLIP
FOTOGALERIE