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Aktueller Online-Flyer vom 09. Juni 2026  

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Kommentar
Das „Schöne Neue Welt“-Fenster im Kölner Dom
Verrat am Dom?
Von Ludwig Verbeek

Richters Fenster an sich mit seinen überaus reinen Farben ist strahlend leuchtend und schön. Auch wir stimmen in den allgemeinen Jubel ein. Doch worüber man staunend sprechen kann, sollte man auch reden. Erst recht wenn man eine Sache von öffentlichem Belang als fragwürdig empfindet, sollte man – bei allem Respekt vor dem Gegenstand – die einem unter den Nägeln brennenden Fragen auch stellen; selbst auf die Gefahr hin mißverstanden zu werden oder in den Geruch des Miesmachers und Besserwissers zu geraten.

Dem unvoreingenommenen, wenngleich durch Bildung und Traditionsbewußtsein nicht ohne weiteres verführbaren christlichen Betrachter dürften sich nach einer gewissen Zeit der Besinnung ein paar beunruhigende Fragen stellen.

Warum sind die Farben so rein, obwohl Kirchenfenster in der Regel eine (und sei es eine künstlich hergestellte) Patina tragen? Warum beherrschen Quadrate das Bild? Warum wurde auf eine Bindung der einzelnen Elemente durch Blei verzichtet, obwohl das (im Gegensatz zu Silikon) dauerhaft hält? Warum wurden die einzelnen Scheiben durch den Computer aleatorisch zusammengestellt, so daß eine Komposition des Zufalls entstanden ist?



Computerkunst – unwillkürlich sucht man den Ausschaltknopf
Entwurf G. Richter | Bearbeitung: C. Heinrici


Bevor wir uns um Antworten bemühen, sei eine rhetorische Frage erlaubt. Ist das Richter-Fenster ein Kunstwerk, weil es von dem derzeit berühmtesten deutschen Künstler für das am meisten besuchte Jahrhunderte alte Gebäude Deutschlands gestaltet wurde? Na klar. Aber sonst läßt sich die Frage, ob Kunst am Kirchen-Bau große Kunst sei, mit ästhetischen Kategorien allein nicht beantworten, weil sie sich ihrer Funktion unterzuordnen hat. Auch Richters Kunstwerk ist Kunst für die Kirche. Bleibt die Frage: Welche Funktion hat sein Fenster?

Bevor die Entscheidungsträger Gerhard Richter den Auftrag zur Gestaltung des großen Domfensters gaben, hatte man bekanntlich ein Themen-Fenster im Sinn, dessen Entwurf bereits bis ins Detail vorlag: „Märtyrer des 20. Jahrhunderts“. Sechs Porträts vorbildhafter Menschen – unter ihnen Edith Stein und Maximilian Kolbe – wären zu sehen gewesen... Dieses Projekt wurde fallengelassen.

In der „Schönen Neuen Welt“ ist Sterilität oberstes Gebot. Denn sie verhindert die Kreativität, die Unruhe und Leben in die Lifestyle-Gesellschaft einer geschichtslosen Zeit bringen könnte. Im übrigen ist die Reinheit der Elemente eine Notwendigkeit in der Nanotechnologie. Verunreinigungen, Unregelmäßigkeiten, gar Patina, die sind von gestern.


Tetris: gewisse Ähnlichkeit nicht zu verkennen
Bild: NRhZ-Archiv
Quadrat und rechter Winkel – man muß nichts Böses dabei denken. Pixel-Euphoriker mögen das abstrakte Mosaik aus Glasquadraten bejubeln – es ist ein Fest von 6 mal 12 unterschiedlichen Farben... Und was ist mit dem fehlenden Metall Blei? Es ist schwer und – trotz dem Bleimantel, den man gelegentlich tragen sollte – schrecklich altmodisch. Bei Silikon stellen sich andere Assoziationen ein. Mal sehn, wie lang es hält.

Die Frage nach den kompositorischen Mitteln hätten wir uns vielleicht besser erspart. Natürlich kann das Farbenspiel am besten durch den Computer bestimmt werden. Schließlich wissen wir doch alle, daß wir Menschen eine Ausgeburt des Zufalls sind. – Urknall, Zufall, die sich selbst organisierende Materie: was denn sonst brachte uns hervor – den Meister Gerhard und den Meister Richter. Aber, Gott würfelt nicht.

Der Zufall ist gnadenlos. Sein erstes Angebot: die Ziffer 1 – erahnbar im Ensemble des Farbzusammenspiels – ward ebenso verworfen wie sein zweites: ein Hakenkreuz. Welches Zeichen im Fenster harrt nun seiner Wahrnehmung?

Die Funktion des Dom-Fensters ist abstrakt. Die Kirche ist angekommen auf der Höhe der Zeit. Unbelastet von ihrer bilderreichen Tradition feiert sie das schiere Licht. Warum auch nicht? Bei einem gotischen Bau ohnehin selbstverständlich. Aber die Absage an Seine Blutzeugen, der Verrat an der Geschichte, der Verzicht auf mahnendes wie ermunterndes Gedenken, die Selbstberaubung der für das Christentum und die abendländische Kultur prägenden Bildhoheit – ist es das wert? Der Kölner Dom mit seinem schönen Implantat oder das Promi-Fenster mit seinem alten Gehäuse?
Who is who? Which is which? (CH)

Online-Flyer Nr. 116  vom 10.10.2007

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