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Globales
Medien und Machtstrukturen in El Salvador
Soziale Realität mit Dreifachfilter
Von Anne Hild
Was hat Sie motiviert, die jornalistische Laufbahn einzuschlagen, und was hat Sie motiviert, bei diesem Beruf zu bleiben?
Ich wollte zwei Leidenschaften unter einen Hut bringen: Ich wollte die soziale Realität erforschen – und ich denke, eine Journalist ist vor allem ein Sozialforscher, der hinter die Kulissen schaut und der Bevölkerung Informationen zugänglich macht, damit diese sich eine Meinung bilden und Entscheidungen treffen kann. Zum Anderen wollte ich immer mit Bildern arbeiten. Das Fernsehen bot mir die Möglichkeit, diese Interessen zu verbinden.
Sie haben am eigenen Leib die Macht der Medienkonzerne erfahren, als Sie 2005 nach vierzehn Jahren Tätigkeit bei Canal 12 entlassen wurden. Welche Rolle spielen die transnationalen Medienkonzerne in El Salvador?
Die globalen Medienkonzerne haben hier nicht den gleichen Einfluss wie in anderen Ländern. TV Azteca, der heutige Besitzer von Canal 12, ist der einzige internationale Fernsehsender, der hergekommen ist. Die anderen Sender gehören alle einheimischen Unternehmen. Die Zeitungen sind in den Händen einheimischer Unternehmer, die Radios ebenfalls. Eines der wichtigsten Radiokonsortien (Grupo SAMIX) gehört dem Präsidenten.[1] In El Salvador ist das Kapital in wenigen Händen konzentriert. Den Eigentümern der Industriefirmen gehören auch die Unternehmen im Dienstleistungssektor, die Banken und Medien.
Die Werbekunden spielen eine fundamentale Rolle in der Medienbranche. Da diese vor allem auf die Rentabilität ihrer Investitionen aus ist und sich nicht, wie es sich für Medienunternehmen eigentlich gehört, der Wahrheit verschrieben hat, beeinflussen die Werbekunden letztlich die Redaktionslinie.
Als TV Azteca nach El Salvador kam und 75% der Aktien von Canal 12 aufkaufte, gehörte Canal 12 einem Salvadorianer palästinensischer Herkunft, der sich vorgenommen hatte, unabhängige, demokratische und pluralistische Räume der Meinungsbildung zu eröffnen. TV Azteca kam mit der Idee, das Medienmonopol aufzubrechen und gute Werbeeinnahmen zu erzielen. Das Kalkül ging nicht auf. Letztendlich musste sich TV Azteca, fürs Überleben und um einen Teil des Kuchens der Werbeeinnahmen abzubekommen, auf das Spiel einlassen, das vom Monopol aufgezwungen wurde.

Der Filter der Massenmedien
Foto: Paul-Georg Meister | Quelle: pixelio
Sie haben über die Bedeutung von Werbung gesprochen. Edward Herman und Noam Chomsky reden in ihrer Medientheorie von fünf Filtern der Massenmedien: Besitzverhältnisse, Werbung, Informationsquellen, Feindbilder und antikommunistische Ideologie, die nach Ende des kalten Krieges in Kampf gegen den Terrorismus überging.
Ich würde sagen, dass in El Salvador drei der erwähnten Filter wichtig sind: die Besitzverhältnisse, die Werbung und die antikommunistische Ideologie, die neue Kraft durch den Kampf gegen den Terrorismus gewann. An erster Stelle steht die Werbung, denn Medienunternehmen leben vom Verkauf von Werbefläche. Es ist sehr unwahrscheinlich, dass sie sich in Widerspruch zu ihren Hauptwerbekunden begeben. In El Salvador ist die Regierung der Hauptwerbekunde. Ich habe keine genauen Daten, aber ich würde schätzen, dass 30 % aller Werbeeinnahmen von der Regierung stammen. Die Regierung bewirbt ihre Unternehmen, die unabhängigen Institutionen und die meisten Ministerien.
Der stärkste Kunde innerhalb der Regierung ist das Präsidentenamt. Das Presseamt des Präsidenten verfügt über einen Millionen schweren Werbeetat. Die Medien und ihre Besitzer, die aufgrund ihrer Besitzverhältnisse ähnliche Interessen wie die Regierung vertreten, und außerdem in der Regierung einen Hauptanzeigenkunden haben, wagen es nicht, sich von ihr zu distanzieren
.
Zu bestimmten Zeiten spielen auch andere Filter eine Rolle. Im Wahlkampf zum Beispiel ist die antikommunistische Vision richtungsweisend. Das Pressebüro des Präsidenten und die Pressechefs der Medien sind beide an einem vorteilhaften Bild der Rechten interessiert. Sie schaffen den Eindruck, ein Sieg der FMLN bedeute einen Sprung ins Leere, den Untergang der Institutionen und die Schaffung eines kommunistischen Systems.
Bei einem Treffen des Besitzers von TV Aztecas, Ricardo Salinas, mit Präsident Saca, hielt Herr Saca Salinas an, Sie nicht vor die Tür zu setzen.
Das Treffen fand ungefähr drei Monate nach Sacas Amtsantritt statt. Anlass war die offizielle Einführung des neuen Kompagnons von Salinas. Salinas fragte Saca bei dieser Gelegenheit nach seinem Verhältnis zu mir, und Saca antwortete, er schätze meine journalistische Arbeit als sehr professionell ein, und falls die Frage darauf abziele, mich als Nachrichtendirektor von Canal 12 abzusetzen, rate er davon ab. Canal 12 werde dadurch sein Image als unabhängiges und pluralistisches Medienunternehmen einbüßen.
Hintergrund der Frage war eine Reihe von Auseinandersetzungen, die ich mit der Regierung unter Francisco Flores hatte. 2001, zur Zeit des Erdbebens am 13. Januar, haben wir die Beliebigkeit bei der Verteilung der internationalen Hilfslieferungen angeprangert. Wir waren das einzige Medium, das die Bevölkerung und die internationalen Helfer alarmierte, dass die Hilfsgüter nicht zu den Bedürftigsten gelangten. Diese öffentliche Denunzierung störte Präsident Flores sehr, und Salinas befahl mir eine Woche nach dem Erdbeben, das Programm abzusetzen. Er wolle keine Probleme mit der Regierung.
Danach gab es eine Reihe weiterer Probleme mit der Regierung Flores, und letztendlich hat sie ihren gesamten Werbeetat aus dem Sender abgezogen und andere Unternehmen überzeugt, dasselbe zu tun. Im Juni 2001 beschloss Salinas Canal 12 in einen Sender zu verwandeln, der mexikanische Produktionen wiederholt. Von 140 Angestellten sollten fünf oder sechs übrigbleiben. Wir konnten Salinas zwar überzeugen, das nicht zu tun, doch seitdem kam es immer wieder zu Konfrontationen und das Verhältnis wurde immer gespannter. Daher hat Salinas nach dem Regierungswechsel Saca gefragt, ob es Probleme mit mir gäbe. Er wollte mich gegen Werbeerträge eintauschen.
Saca aber fürchtete den hohen politischen Preis, schließlich war er vor seiner Präsidentschaftskandidatur Vizepräsident des internationalen Radioverbandes und gleichzeitig Vorsitzender dessen Komitees für Pressefreiheit gewesen. Der Widerspruch wäre zu groß gewesen, hätte er wenige Monate nach seinem Amtsantritt die Entlassung eines Journalisten verantwortet.
Die Unterstützung durch den Präsidenten währte nicht lange, denn bald wurde meine Arbeit der Regierung unbequem, und die mexikanische Verwaltung opferte mich für einen höheren Werbeetat.
Als einer der bekanntesten Journalisten El Salvadors haben Sie genug politisches Kapital zusammengetragen, dass die FMLN Sie als möglichen Kandidaten für die Präsidentschaft in Betracht zieht.
Ich war nie Mitglied einer Partei und bin es auch heute nicht. Das einzige, was ich gemacht habe, war meine journalistische Arbeit, die laut Einschätzung meiner Zuschauer, die Interessen des Volkes vertritt. Die Leute sehen in mir eine Art Ventil, wo man bestimmte Tabuthemen ansprechen kann, wie die Korruption, organisiertes Verbrechen, Machtmissbrauch ...
2003 wurde ich zum ersten Mal als möglicher Präsidentschaftskandidat genannt. Ich sagte damals, ich sei mit meiner journalistischen Arbeit noch nicht an meine Grenzen gestoßen, und zog es vor, meine Arbeit von der journalistischen Warte aus fortzusetzen. Dieses Jahr wurde ich erneut genannt, und soweit ich es verstanden habe, sieht mich die Parteileitung der FMLN als möglichen Kandidaten für die nächsten Präsidentschaftswahlen, ohne dass aber eine diesbezügliche Entscheidung gefallen wäre.
Für mich bedeutet das eine Anerkennung meiner journalistischen Arbeit. Ich bin mir allerdings nicht sicher, ob die Leute, die meine journalistische Arbeit unterstützen, mir im Falle einer Kandidatur dieselbe Unterstützung zollen werden.
Wir haben die Versuche anderer lateinamerikanischer Länder gesehen, durch staatliche Politik die Monopolisierung der Medien einzudämmen. Rafael Correa in Ecuador vertritt zum Bespiel die Ansicht, dass die Medien als politische Akteure politische Antworten erfordern.
Die Besitzstruktur der Medien anzugreifen, ist kompliziert. Ich bin kein Freund von anullierten Frequenzen, denn das wäre ein Angriff auf die Pressefreiheit. Ich bin eher dafür, sie zu pluralisieren. Wenn Sie die ideologische Ausrichtung der meisten Radios, Zeitungen und Fernsehsender El Salvadors analysieren, werden Sie feststellen, dass 90 bis 95% rechts stehen; viele ihrer Eigentümer sind Mitglieder oder Sympathisanten der Regierungspartei. Man sollte darauf setzen, dass andere Sektoren, vor allem die Gemeinden, Zugang zu den Kommunikationsmedien erhalten. Nach der Unterzeichnung der Friedensverträge hat man einen Versuch gemacht mit den „radios comunitarias“, partizipativen Radios, aber man hat sie dann einfach sich selbst überlassen.
Eine andere notwendige Maßnahme wäre die Umsetzung von Artikel 13 der Deklaration über Pressefreiheit der amerikanischen Menschenrechtskonvention der Interamerikanischen Staatengemeinschaft (OEA), der besagt, dass kein Mitgliedstaat der Konvention öffentliche Gelder dazu benutzen darf, ein Medium für seine redaktionelle Ausrichtung zu bestrafen oder zu belohnen.
Zumindest in den letzten 18 Jahren ist dieses Gesetz nicht befolgt worden. Die Regierungen von Cristiani, von Calderón Sol, von Flores und auch die Regierung von Saca, die vorgibt, die Pressefreiheit im Lande zu achten, haben den Großteil des aus öffentlichen Mitteln finanzierten Werbeetats jenen Medien zukommen lassen, die ihnen gegenüber die größte Loyalität zeigen, unabhängig von deren Auflagen- oder Zuschauerzahl.
Einige fordern Ihren Rücktritt, andere sind besorgt über Ihren möglichen Rückzug aus der hiesigen Medienlandschaft. Was sind Ihre nächsten Pläne?
Das ist eine schwierige Frage. Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass mein Beitrag zu dieser Gesellschaft, den ich über die journalistische Arbeit leisten kann, Grenzen hat. Es kann in El Salvador nicht so weiter gehen wie bisher. Die staatliche Macht kann nicht weiter wie bisher ausgeübt werden, und damit meine ich nicht die letzten achtzehn, sondern die letzten 200 Jahre.
Als El Salvador als Republik aus der mittelamerikanischen Unabhängigkeit geboren wurde, kontrollierten die konservativen Sektoren den Staatsapparat. Die Besitzer der wichtigsten Indigo-Haciendas wurden zu Besitzern der Kaffeefincas, der Baumwoll- und Zuckerrohrplantagen und kontrollierten den Export. Die landwirtschaftliche Exportproduktion führte zur Industrialisierung. Dann entwickelten diese Leute den Dienstleistungsapparat und übernahmen das Bankenwesen. Es sind immer dieselben Familien, die das Land kontrollieren; sie haben immer im eigenen Interesse regiert. Sie setzen der Entwicklung eines unabhängigen Journalismus eine strukturelle Grenze.
Nach 21 Jahren journalistischer Arbeit in Konfrontation mit den Machtstrukturen bin ich überzeugt, dass der Moment gekommen ist, an dem eine erfolgreiche Konfrontation mit der Macht nur von einer Position aus geschehen kann, die es ermöglicht, die Regeln des Spiels und die Machtverhältnisse im Land zu verändern. Es geht um die Freiheit der Bevölkerung, Zugang zu Informationen zu haben, aber auch ihre Meinung auszudrücken.
Zum Einen unterstützt der Staat, der das Gewaltenmonopol innehat, Strafrechtsreformen, durch die zivile Proteste kriminalisiert werden. Zum Andern haben wir Kommunikationsmedien mit einer dominanten Präsenz, die die Nachrichtenagenda kontrollieren. Sie leben von ihrer Nähe zur Macht, und sie reproduzieren sich über diese Nähe zur Macht. Diese Regeln, diese Machtverhältnisse, müssen geändert werden. (YH)
[1] Elias Antonio Saca, rechtsgerichtete ARENA-Partei, Anm. d.Red.
Online-Flyer Nr. 117 vom 17.10.2007
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Medien und Machtstrukturen in El Salvador
Soziale Realität mit Dreifachfilter
Von Anne Hild
Was hat Sie motiviert, die jornalistische Laufbahn einzuschlagen, und was hat Sie motiviert, bei diesem Beruf zu bleiben?
Ich wollte zwei Leidenschaften unter einen Hut bringen: Ich wollte die soziale Realität erforschen – und ich denke, eine Journalist ist vor allem ein Sozialforscher, der hinter die Kulissen schaut und der Bevölkerung Informationen zugänglich macht, damit diese sich eine Meinung bilden und Entscheidungen treffen kann. Zum Anderen wollte ich immer mit Bildern arbeiten. Das Fernsehen bot mir die Möglichkeit, diese Interessen zu verbinden.
Sie haben am eigenen Leib die Macht der Medienkonzerne erfahren, als Sie 2005 nach vierzehn Jahren Tätigkeit bei Canal 12 entlassen wurden. Welche Rolle spielen die transnationalen Medienkonzerne in El Salvador?
Die globalen Medienkonzerne haben hier nicht den gleichen Einfluss wie in anderen Ländern. TV Azteca, der heutige Besitzer von Canal 12, ist der einzige internationale Fernsehsender, der hergekommen ist. Die anderen Sender gehören alle einheimischen Unternehmen. Die Zeitungen sind in den Händen einheimischer Unternehmer, die Radios ebenfalls. Eines der wichtigsten Radiokonsortien (Grupo SAMIX) gehört dem Präsidenten.[1] In El Salvador ist das Kapital in wenigen Händen konzentriert. Den Eigentümern der Industriefirmen gehören auch die Unternehmen im Dienstleistungssektor, die Banken und Medien.
Die Werbekunden spielen eine fundamentale Rolle in der Medienbranche. Da diese vor allem auf die Rentabilität ihrer Investitionen aus ist und sich nicht, wie es sich für Medienunternehmen eigentlich gehört, der Wahrheit verschrieben hat, beeinflussen die Werbekunden letztlich die Redaktionslinie.
Als TV Azteca nach El Salvador kam und 75% der Aktien von Canal 12 aufkaufte, gehörte Canal 12 einem Salvadorianer palästinensischer Herkunft, der sich vorgenommen hatte, unabhängige, demokratische und pluralistische Räume der Meinungsbildung zu eröffnen. TV Azteca kam mit der Idee, das Medienmonopol aufzubrechen und gute Werbeeinnahmen zu erzielen. Das Kalkül ging nicht auf. Letztendlich musste sich TV Azteca, fürs Überleben und um einen Teil des Kuchens der Werbeeinnahmen abzubekommen, auf das Spiel einlassen, das vom Monopol aufgezwungen wurde.

Der Filter der Massenmedien
Foto: Paul-Georg Meister | Quelle: pixelio
Sie haben über die Bedeutung von Werbung gesprochen. Edward Herman und Noam Chomsky reden in ihrer Medientheorie von fünf Filtern der Massenmedien: Besitzverhältnisse, Werbung, Informationsquellen, Feindbilder und antikommunistische Ideologie, die nach Ende des kalten Krieges in Kampf gegen den Terrorismus überging.
Ich würde sagen, dass in El Salvador drei der erwähnten Filter wichtig sind: die Besitzverhältnisse, die Werbung und die antikommunistische Ideologie, die neue Kraft durch den Kampf gegen den Terrorismus gewann. An erster Stelle steht die Werbung, denn Medienunternehmen leben vom Verkauf von Werbefläche. Es ist sehr unwahrscheinlich, dass sie sich in Widerspruch zu ihren Hauptwerbekunden begeben. In El Salvador ist die Regierung der Hauptwerbekunde. Ich habe keine genauen Daten, aber ich würde schätzen, dass 30 % aller Werbeeinnahmen von der Regierung stammen. Die Regierung bewirbt ihre Unternehmen, die unabhängigen Institutionen und die meisten Ministerien.
Der stärkste Kunde innerhalb der Regierung ist das Präsidentenamt. Das Presseamt des Präsidenten verfügt über einen Millionen schweren Werbeetat. Die Medien und ihre Besitzer, die aufgrund ihrer Besitzverhältnisse ähnliche Interessen wie die Regierung vertreten, und außerdem in der Regierung einen Hauptanzeigenkunden haben, wagen es nicht, sich von ihr zu distanzieren
.
Zu bestimmten Zeiten spielen auch andere Filter eine Rolle. Im Wahlkampf zum Beispiel ist die antikommunistische Vision richtungsweisend. Das Pressebüro des Präsidenten und die Pressechefs der Medien sind beide an einem vorteilhaften Bild der Rechten interessiert. Sie schaffen den Eindruck, ein Sieg der FMLN bedeute einen Sprung ins Leere, den Untergang der Institutionen und die Schaffung eines kommunistischen Systems.
Bei einem Treffen des Besitzers von TV Aztecas, Ricardo Salinas, mit Präsident Saca, hielt Herr Saca Salinas an, Sie nicht vor die Tür zu setzen.
Das Treffen fand ungefähr drei Monate nach Sacas Amtsantritt statt. Anlass war die offizielle Einführung des neuen Kompagnons von Salinas. Salinas fragte Saca bei dieser Gelegenheit nach seinem Verhältnis zu mir, und Saca antwortete, er schätze meine journalistische Arbeit als sehr professionell ein, und falls die Frage darauf abziele, mich als Nachrichtendirektor von Canal 12 abzusetzen, rate er davon ab. Canal 12 werde dadurch sein Image als unabhängiges und pluralistisches Medienunternehmen einbüßen.
Hintergrund der Frage war eine Reihe von Auseinandersetzungen, die ich mit der Regierung unter Francisco Flores hatte. 2001, zur Zeit des Erdbebens am 13. Januar, haben wir die Beliebigkeit bei der Verteilung der internationalen Hilfslieferungen angeprangert. Wir waren das einzige Medium, das die Bevölkerung und die internationalen Helfer alarmierte, dass die Hilfsgüter nicht zu den Bedürftigsten gelangten. Diese öffentliche Denunzierung störte Präsident Flores sehr, und Salinas befahl mir eine Woche nach dem Erdbeben, das Programm abzusetzen. Er wolle keine Probleme mit der Regierung.
Danach gab es eine Reihe weiterer Probleme mit der Regierung Flores, und letztendlich hat sie ihren gesamten Werbeetat aus dem Sender abgezogen und andere Unternehmen überzeugt, dasselbe zu tun. Im Juni 2001 beschloss Salinas Canal 12 in einen Sender zu verwandeln, der mexikanische Produktionen wiederholt. Von 140 Angestellten sollten fünf oder sechs übrigbleiben. Wir konnten Salinas zwar überzeugen, das nicht zu tun, doch seitdem kam es immer wieder zu Konfrontationen und das Verhältnis wurde immer gespannter. Daher hat Salinas nach dem Regierungswechsel Saca gefragt, ob es Probleme mit mir gäbe. Er wollte mich gegen Werbeerträge eintauschen.
Saca aber fürchtete den hohen politischen Preis, schließlich war er vor seiner Präsidentschaftskandidatur Vizepräsident des internationalen Radioverbandes und gleichzeitig Vorsitzender dessen Komitees für Pressefreiheit gewesen. Der Widerspruch wäre zu groß gewesen, hätte er wenige Monate nach seinem Amtsantritt die Entlassung eines Journalisten verantwortet.
Die Unterstützung durch den Präsidenten währte nicht lange, denn bald wurde meine Arbeit der Regierung unbequem, und die mexikanische Verwaltung opferte mich für einen höheren Werbeetat.
Als einer der bekanntesten Journalisten El Salvadors haben Sie genug politisches Kapital zusammengetragen, dass die FMLN Sie als möglichen Kandidaten für die Präsidentschaft in Betracht zieht.
Ich war nie Mitglied einer Partei und bin es auch heute nicht. Das einzige, was ich gemacht habe, war meine journalistische Arbeit, die laut Einschätzung meiner Zuschauer, die Interessen des Volkes vertritt. Die Leute sehen in mir eine Art Ventil, wo man bestimmte Tabuthemen ansprechen kann, wie die Korruption, organisiertes Verbrechen, Machtmissbrauch ...
2003 wurde ich zum ersten Mal als möglicher Präsidentschaftskandidat genannt. Ich sagte damals, ich sei mit meiner journalistischen Arbeit noch nicht an meine Grenzen gestoßen, und zog es vor, meine Arbeit von der journalistischen Warte aus fortzusetzen. Dieses Jahr wurde ich erneut genannt, und soweit ich es verstanden habe, sieht mich die Parteileitung der FMLN als möglichen Kandidaten für die nächsten Präsidentschaftswahlen, ohne dass aber eine diesbezügliche Entscheidung gefallen wäre.
Für mich bedeutet das eine Anerkennung meiner journalistischen Arbeit. Ich bin mir allerdings nicht sicher, ob die Leute, die meine journalistische Arbeit unterstützen, mir im Falle einer Kandidatur dieselbe Unterstützung zollen werden.
Wir haben die Versuche anderer lateinamerikanischer Länder gesehen, durch staatliche Politik die Monopolisierung der Medien einzudämmen. Rafael Correa in Ecuador vertritt zum Bespiel die Ansicht, dass die Medien als politische Akteure politische Antworten erfordern.
Die Besitzstruktur der Medien anzugreifen, ist kompliziert. Ich bin kein Freund von anullierten Frequenzen, denn das wäre ein Angriff auf die Pressefreiheit. Ich bin eher dafür, sie zu pluralisieren. Wenn Sie die ideologische Ausrichtung der meisten Radios, Zeitungen und Fernsehsender El Salvadors analysieren, werden Sie feststellen, dass 90 bis 95% rechts stehen; viele ihrer Eigentümer sind Mitglieder oder Sympathisanten der Regierungspartei. Man sollte darauf setzen, dass andere Sektoren, vor allem die Gemeinden, Zugang zu den Kommunikationsmedien erhalten. Nach der Unterzeichnung der Friedensverträge hat man einen Versuch gemacht mit den „radios comunitarias“, partizipativen Radios, aber man hat sie dann einfach sich selbst überlassen.
Eine andere notwendige Maßnahme wäre die Umsetzung von Artikel 13 der Deklaration über Pressefreiheit der amerikanischen Menschenrechtskonvention der Interamerikanischen Staatengemeinschaft (OEA), der besagt, dass kein Mitgliedstaat der Konvention öffentliche Gelder dazu benutzen darf, ein Medium für seine redaktionelle Ausrichtung zu bestrafen oder zu belohnen.
Zumindest in den letzten 18 Jahren ist dieses Gesetz nicht befolgt worden. Die Regierungen von Cristiani, von Calderón Sol, von Flores und auch die Regierung von Saca, die vorgibt, die Pressefreiheit im Lande zu achten, haben den Großteil des aus öffentlichen Mitteln finanzierten Werbeetats jenen Medien zukommen lassen, die ihnen gegenüber die größte Loyalität zeigen, unabhängig von deren Auflagen- oder Zuschauerzahl.
Einige fordern Ihren Rücktritt, andere sind besorgt über Ihren möglichen Rückzug aus der hiesigen Medienlandschaft. Was sind Ihre nächsten Pläne?
Das ist eine schwierige Frage. Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass mein Beitrag zu dieser Gesellschaft, den ich über die journalistische Arbeit leisten kann, Grenzen hat. Es kann in El Salvador nicht so weiter gehen wie bisher. Die staatliche Macht kann nicht weiter wie bisher ausgeübt werden, und damit meine ich nicht die letzten achtzehn, sondern die letzten 200 Jahre.
Als El Salvador als Republik aus der mittelamerikanischen Unabhängigkeit geboren wurde, kontrollierten die konservativen Sektoren den Staatsapparat. Die Besitzer der wichtigsten Indigo-Haciendas wurden zu Besitzern der Kaffeefincas, der Baumwoll- und Zuckerrohrplantagen und kontrollierten den Export. Die landwirtschaftliche Exportproduktion führte zur Industrialisierung. Dann entwickelten diese Leute den Dienstleistungsapparat und übernahmen das Bankenwesen. Es sind immer dieselben Familien, die das Land kontrollieren; sie haben immer im eigenen Interesse regiert. Sie setzen der Entwicklung eines unabhängigen Journalismus eine strukturelle Grenze.
Nach 21 Jahren journalistischer Arbeit in Konfrontation mit den Machtstrukturen bin ich überzeugt, dass der Moment gekommen ist, an dem eine erfolgreiche Konfrontation mit der Macht nur von einer Position aus geschehen kann, die es ermöglicht, die Regeln des Spiels und die Machtverhältnisse im Land zu verändern. Es geht um die Freiheit der Bevölkerung, Zugang zu Informationen zu haben, aber auch ihre Meinung auszudrücken.
Zum Einen unterstützt der Staat, der das Gewaltenmonopol innehat, Strafrechtsreformen, durch die zivile Proteste kriminalisiert werden. Zum Andern haben wir Kommunikationsmedien mit einer dominanten Präsenz, die die Nachrichtenagenda kontrollieren. Sie leben von ihrer Nähe zur Macht, und sie reproduzieren sich über diese Nähe zur Macht. Diese Regeln, diese Machtverhältnisse, müssen geändert werden. (YH)
[1] Elias Antonio Saca, rechtsgerichtete ARENA-Partei, Anm. d.Red.
Online-Flyer Nr. 117 vom 17.10.2007
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