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Kultur und Wissen
Performanceabend zur Ausstellung „H-C – B-C – handicap – breastcancer” von Siglinde Kallnbach
Für das Leben!
Von Carola Willbrand

Siglinde Kallnbach bezieht seit Jahren Leben und Alltag in ihre künstlerische Arbeit mit ein. Dem Geiste des Fluxus verwandt verarbeitet sie alles, was ihr widerfährt und transformiert es in ihrer Kunst. So thematisierte die Künsterlin auch ihre eigene Brustkrebserkrankung in der Ausstellung „H-C – B-C – handicap – breastcancer”, die vom 5. bis 14. Oktober 2007 im Kunstwerk Köln zu sehen war. Carola Willbrand war da – als Künstlerin zur Performance und als Autorin für die NRhZ. Die Redaktion.
Mit schier überbordender Energie drückt die Künstlerin ihren Lebenswunsch in den Werken aus: Zwischen Heiterkeit und trauriger Existenzialität, kleinen Zeichnungen, die im Krankenhaus entstanden waren und an die „art brut“ erinnern, großen Zeichnungen im Watt (während der Reha entstanden), schönen Naturfotos und dem Schock der Wahrheit angesichts Operationsnarben und eines Fotos der abgenommen Brust bewegen sich diese Arbeiten. Nie entstand der rührseliger Eindruck voyeuristischer Selbstbetrachtung, was auch ihrer äußert gelungenen Hängung und Präsentation zu verdanken war.
 
Zur Finissage ihrer Ausstellung lud Kallnbach Kollegen am Samstag, den 13. Oktober zu einem Performance-Abend im Kunstwerk ein. Und wir kamen. Jede und jeder versuchte sein Bestes für Siglinde zu geben, die durch den Abend führte. Als Dankeschön für unsere Performances erhielten wir das japanische Schriftzeichen „Gesundheit”, eine Edition, die die Künstlerin eigens zu diesem Anlass erstellt hatte.
 
Der Performanceabend und Finissage von „H-C – B-C –handicap breastcancer“
 
Die Kölner Bürgermeisterin Elfie Scho-Antwerpes eröffnete den Performanceabend für und von Siglinde – auch ein Zeichen der Solidarität – beide kennen sich durch einen Brustkrebs Thai-Chi-Kurs. Gemeinsam mit Linde bildete Siglinde Kallnbach den Anfang der zahlreichen Performances. Während Linde auf einem Tuch eine imaginäre Narbe mit rotem Faden nähte, zeigte Siglinde ihre wirkliche Narbe. Nachdem sie ihre Lippen mit rotem Lippenstift färbte, begann sie ihre Narbe mit dem Lippenstift nachzuzeichnen und zog auf der ganzen Körperseite roten Striche nach.

                    

Der seit Jahren an MS erkrankte Performer Thomas F. Fischer spielte einen Blues auf der Mundharmonika und erinnerte an Menschen, die einen ähnlichen Weg gingen.
 
Uwe Schaale, Sebastian von Tomkewitsch und Bettina Boos agierten gemeinsam in einer theatralischen Musik-Performance. Die Männer begleiteten musikalisch mit Geige und Gong die würgend wringenden Bewegungen von Bettina, die in einem netzartigen Kokon gefangen war. Plötzlich befreite sie sich und richtete sich auf. Ganz in rot, einer vermeintlichen Sonne entgegen.



Angelica Schubert ließ sich fallen, immer wieder richtete sie sich auf, um wieder hinzustürzen. Das ständige harte Aufklatschen ihres Körpers auf dem kalten Steinboden veranlasste Siglinde in die Performance einzugreifen und die noch am Boden Liegende durch eine Umarmung zu stoppen. Pit Goertz verteilte seine Glücksbringer. Jeder durfte in seine große rote Tasche greifen und seinen Glücksbringer, eine kleine individuell gefertigte Pappmachéfigur, herausfischen. In wenigen Minuten erhielten über 120 Besucher einen Glücksbringer.
 
MAF Räderscheidt erzählte von der eigenen Brustkrebsdiagnose, die sich später als falsch herausstellte. Das Publikum aber ließ sie im Glauben ihrer Erkrankung. Jeder, der dabei war, musste die Ungewissheit über den weiteren Verlauf mit ertragen. Regina Bussmann zog einen roten Faden unter ihrem Unterhemd, das sich auch rot färbte, hervor. Den Faden wickelte sie wie bei einem Geschicklichkeitsspiel junger Mädchen um ihre Finger. Dann rupfte sie eine Aloe Vera aus einem Blumentopf, in den sie ein brennendes Streichholz warf, verbrannte den Faden, pflanzte die Aloe Vera wieder ein.



Stefan las einen Bericht der 87jährigen krebskranken Johanna Sajowitz vor – sie konnte aus gesundheitlichen Gründen nicht selbst kommen.
 
Ein goldfarbenes Gestell mit Rädern schob sich langsam in die Kunstwerk-Halle. Ein riesenlanger Plastikschlauch wickelte sich aus dem Gestell, gefüllt mit einem menschlichen Körper, der sich angestrengt nach Luft schnappend rausquälte und sich als Rolf Hinterecker mit lehmverschmierten Gesicht entpuppte.

                    

Jürgen Raap, alias Herr Bär, erzählte von seiner furchteinflößenden Begegnung als Kind mit drei beinamputierten Kriegsversehrten, die in der Kölner Innenstadt als Straßenmusikanten spielten. Petra Deus erinnerte an ihren verstorbenen Freund, den geigenden Musikperformer Fritz Behr. Mit den Zähnen trug sie seine Geige durch den Raum, zog sich selbst an ihren Haaren in kreisenden Bewegungen nach oben, schnitt die Haarspitzen ab, die sie über einen Katalog „Luft” fallen ließ.

                    
 
Tanya Ury, deren jüdische Eltern von Köln nach London emigriert waren, las einen Erlebnisbericht aus ihrer Kindheit in England vor: Über jugendliche Suche zwischen Orientierungslosigkeit, die Begegnung mit einem Guru, über den Wunsch nach Lebenserfüllung in der Kunst und in der Liebe und den frühen Tod einer Jugendfreundin an Brustkrebs. Helena Villalobos führte in Dunkelheit einen Genesungstanz der Hopi-Indianer auf. Bekleidet mit einem wüst dekorierten Wolfskopf stieß sie wunderliche Tierrufe aus. Damit verwies sie auf ihre venezuelanischen Wurzeln und die Heilformen indianischer Kulturen.
 
Ruth Knecht holte aus einem Kinderköfferchen lauter weiße Federchen, die sie rot färbte, hinwarf, zertrat, wieder aufhob. Ich selbst – als beteiligte Künstlerin – öffnete meine große Tasche, warf Textilteile auf den Boden und demonstrierte so ihre Verwendbarkeit an meinem Körper: die HerzTasche, die BrustTasche mit dem Ariadne-Faden, die KopfTasche mit den Fühlern. Ich erzählte von Unica Zürn, der Zeichnerin und Poetin, die 1958 ihr „Haus der Krankheiten” beschrieb. Den Körper als Haus zu betrachten, ist eine passende und wunderschöne Metapher: das erste und letzte Haus, das uns beherbergt und das wir zu hüten haben.

                    
 
Clementine Klein erzählte eine comicartige Geschichte über den Kampf „lieber“ und „böser“ Körperzellen. Robert Reschkowski zertrat bildlich und im übertragenen Sinne seinen Nierenstein – den schlimmsten Schmerz seines Lebens. Marina Linares sang, während sie verschiedene Instrumente spielte, ein Lied über die Abwehr des Todes, in den sie sich abschließend zu verwandeln schien, als sie sich einen großen schwarzen Rockumhang über den Kopf zog.
 
Ellen Sinzig strauchelte auf einem dicken rot/schwarz/blauen Seil auf dem Boden. Paula und Heinz Bleser benähten ihre grüne OP-Kleidung mit Plastikherzchen. Inge Broska betrachtete sich in einem großen Fleischermesser, das als Spiegel diente; dazu las sie vor, was uns, dank der Macht der (Lebensmittel-)Industrie, krank macht.
 
Georgy Bretschneider las vor einer Power Point Präsentation über sein eigenes Verwandlungsleben aus Fachpublikationen über die Definition und gesellschaftliche Einschätzung des Andersartigen.


 
Yasemin Hackverdi, die noch nie zuvor performt hatte, malte ein Herz vor gelbem Hintergrund und las etwas über ihre Betroffenheit bezüglich Siglindes Erkrankung vor. Mary-Noële Dupuis zeigte uns den Spiegel. In dem Spiegel, den sie uns vorhielt, konnte jeder (in sich) sehen, was er wollte.
 
Cap Grundheber zeichnete liegend, begleitet von Musik, ihren Körperumriss mit weißer Kreide auf den Boden. Dann befreite sie sich aus ihrem eigenen Umriss, entlockte einem Papprohr Töne, tanzte und wischte ihren „Kreidekörper“ wieder weg.
 
Theresa Drache führte ein kleines dreibeiniges Gefährt mit goldenem Blechteller an der Leine, auf das sie zum Abschluss einen kleinen blauen Bären setzte, der „Happy-Birthday” spielte, wie Siglinde selbst auf einem Kinderinstrument zu ihrer Ausstellungseröffnung. Bis zu diesem Sit-in aber zog Theresa einen Brustpanzer an, eine rote Strumpfmaske über das Gesicht und sprach oder zwitscherte vielmehr mit einer ausgestopften Krähe.

                    

Den ungewöhnlichen Abend beschloss Karin Meiner mit ihrem brennenden Körperumriss, den sie wie eine Fackel vor sich hielt und hertrug. Das lichte Körperbild, das sie selbst zeigte, erinnerte aber an ihren toten Freund und Kollegen Manfred Hammes. Für die, die ihn kannten, war er da. Ein rührendes und ergreifendes Abschlussbild für alle – die Toten und die Lebenden. Was aber blieb war ein Raum voller Lebensenergie für Siglinde. (CH)

                    
                     Alle Fotos: © Pietro Pellini

Weitere Fotos vom Performance-Abend von Pietro Pellini/VG Bildkunst Bonn.





Siglinde Kallnbach – weitere Projekte:
Von 1999 bis 2001 sammelte die Künstlerin in dem Projekt „Wunschspur – Wishingtrack“ Zukunftswünsche aus aller Welt. Diese etwa 4000 Wünsche in Text und Bild wurden auf eine 461 Meter lange „Wunschspur” übertragen, die in den Neujahrsnächten 1999/2000 und 2000/2001 in Köln in einem Tunnel unter dem Rhein ausgerollt war. 

In „a performancelife” von 2001 bis 2008, einem Projekt für Gesunde und Kranke, sammelte Kallnbach, Bekundungen von Empathie und Solidarität für an Krebs erkrankte Menschen. In Aktionen weltweit konnten Menschen ihren Namen auf einem Kleidungsstück, das die Künstlerin trug, hinterlassen. Später kamen andere Objektträger hinzu. Dem Wunsch, seine Sympathie zu bekunden sind weiterhin keine Grenzen gesetzt – Gedichte, Zeichnungen, Fotos sind auch willkommen: www.a.performancelife.com. Das alles und noch vieles mehr aus ihrem umfangreichen dem Leben zugewandten Werk kann man auf ihrer Seite entdecken: www.siglinde.kallnbach.de


Online-Flyer Nr. 118  vom 24.10.2007

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