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Kultur und Wissen
Opportunismus und Angst feiern Urständ im Wuppertaler Von der Heydt-Museum
Die Renoirs des Nazi-Unterstützers
Von Karl Schem
Sie sind lebende Kopien eines Gemäldes von Auguste Renoir (1841-1919): Gleichsam dem Bilderrahmen entsprungen. Für die Ausstellung „Renoir und die Landschaft des Impressionismus“ (28.10.07-27.1.2008) vertrauen die Organisatoren nicht allein der suggestiven Malkunst, sondern auch einem altbackenen Werbestil.

Renoir: „Die Loge"
Quelle: wikipedia
Die opulente Schau lockte zur Vernissage die Wichtigen und die Wichtigtuer. Die einst bahnbrechenden Bilder wurden Statisten, gerieten aus den Augen. Unüberhörbar dagegen Museumsdirektor Gerhard Finckh in seiner Einführung: Der Schwerpunkt liege auf dem Spätwerk des Künstlers mit frühen Formen der Abstraktion in der Landschaftsmalerei: „Bäume, Hügel und Häuser scheinen sich im Licht Südfrankreichs in pure Farbe aufzulösen. Unglaublich, wie Renoir mit ein paar Pinselstrichen ein Fest der Farben gestaltet.“
Zu sehen sind 100 Gemälde Renoirs und seiner Zeitgenossen Degas, Cézanne oder Monet – internationale Leihgaben und Exponate aus eigenen Beständen. Letztere waren ein Auslöser für die nur in Wuppertal gezeigte Ausstellung. Bei diesem Hinweis bekam der Museumschef Applaus, denn er erklärte: Ohne die Bilder aus der „Sammlung Eduard von der Heydt“, diesem ästhetisch-geschmackssicheren exzellenten Sammler, sei die Ausstellung wohl nicht zustande gekommen.

Renoir: „Zwei Schwestern auf der Terrasse", 1881
Quelle: Renoir-Ausstellung
Koalition des Weigerns
Den Zuhörern war klar, wohin die Hymne auf den 1964 verstorbenen Mäzen zielte: Gegen Bestrebungen, den städtischen Kulturpreis umzubenennen, der nach dem Geldwäscher des Dritten Reichs und Antisemiten Eduard von der Heydt benannt ist. Etwa 600 Bürger und mehrere Preisträger haben sich zwar für die Umbenennung ausgesprochen, weil sie sich von dem Nest beschmutzt fühlen, in dem sie sitzen. Dazu der Schriftsteller Ralph Giordano: „Der Konsens, dass der Holocaust als singuläres Verbrechen nicht allein einer fanatischen Clique um Hitler anzulasten ist, sondern nur mit Hilfe Hunderttausender Deutscher, darunter vieler Vertreter der bürgerlichen Eliten wie den Bankier Eduard von der Heydt, ins Werk gesetzt werden konnte, geht zunehmend verloren.“

Der Baron in einem Gemälde von Leopold von Kalkreuth
Die Große Koalition in Wuppertal weigert sich dennoch, den einzigen nach einem NSDAP-Mitglied benannten Kulturpreis in Deutschland vom umstrittenen Namen Eduard von der Heydt zu befreien. Während das BKA die braune Vergangenheit seiner Mitarbeiter aufarbeitet und München unlängst die Hans-Meiser-Straße abschaffte – die Gegner dieser Entscheidung verteidigen den ehemaligen bayerischen Landesbischof mit identischen Argumenten wie die Wuppertaler ihren Ehrenbürger – hält man an der Wupper an der Lettow-Vorbeck- oder an der Mackensen-Straße fest, ehrt so Völkermörder und Antisemiten. Auf dem Johannes-Rau-Platz vor dem Rathaus erinnert dagegen nichts an die ersten Bücherverbrennungen im heutigen Bundesland NRW (1. April 1933).
Welten zwischen Anspruch und Wirklichkeit
Angeregt von der Diskussion über den „Nazi-Baron“ (BamS) soll laut Wuppertaler CDU/SPD-Fraktion ein Beirat „grundsätzlich über den Umgang mit der Geschichte und mit Erinnerungskultur“ in unserer Gesellschaft diskutieren. Welten klaffen zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Niemand dieser Lokalpolitiker nahm Anstoß daran, dass Kulturdezernentin Marlis Drevermann (SPD) eine Persilaktion zum Reinwaschen des Ehrenbürgers bestellt hatte: Geschreddertes Geschichtsverständnis anstelle ernsthafter wissenschaftlicher Untersuchung. Nach dem Petermannprinzip ist Frau Drevermann, die schon einmal Beuys mit Heine verwechselt, Kulturchefin in Hannover geworden, die Wuppertaler Stelle bleibt bisher unbesetzt.
Warum aber hält man in Wuppertal hartnäckig am „Eduard von der Heydt-Kulturpreis“ fest, während den Preisträgern die anrüchige Vergangenheit des Namensgebers verschwiegen wurde? Weshalb biedert sich Museumsdirektor Finck geradezu an? In einem von seiner Vorgängerin herausgegebenen Buch ist nachzulesen, dass die USA eine „Lex von der Heydt“ erlassen haben, um Kapital und Sammlung dieses „Feindes“ zurückzuhalten.
„Erst kommt der Besitz...“
Wuppertal verhält sich frei nach Brecht: Erst kommt der Besitz (wertvoller Bilder) und dann die Moral: Stammen vielleicht einige der Kunstwerke aus jüdischen Notverkäufen? Müssen sie restituiert werden wie bereits Menzel aus der Sammlung des Barons – wogegen sich die frühere Museumschefin Fehlemann lange gewehrt hat?
Ernstzunehmender ist die Annahme, dass der Baron – der wegen Geldwäsche für das „Dritte Reich“ 23 Tage in U-Haft saß – seine Sammlungen mit den NS-Provisionen finanziert hat. Deutsche Sozialdemokraten waren Gegner und Opfer der Nazis. Maßgebliche Wuppertaler Genossen sind anscheinend ziemlich geschichtsvergessen. Vielleicht auch deshalb, weil unter jenen früheren Kollegen, die für die Ehrungen des Bankiers stimmten, nicht nur Antifaschisten saßen wie jener Pädagoge und SPD-Landtagsabgeordnete, der in NSDAP-Parteiuniform geheiratet hatte? In ihrer hilflosen Verdruckstheit verteidigen sie einen Mann, der mit Göring und Ribbentrop Bilder gedealt und deutsche Spione in Mexiko und den USA mit gewaschenem Geld über die Schweiz alimentiert hat.
Gekaufte Ehrungen
Wer reich ist, kann leicht teuer kaufen. Der Bankier hat die Bilder Renoirs, dessen große Zeit bereits zurücklag, früh und preiswert erstanden. Auch clever hat er sich die Ehrungen seiner Vaterstadt erhandelt. Und diese hat sich quasi kaufen lassen. Für drei großzügige Gaben gab es ebenso viele Gegenleistungen: Ehrenbürgerschaft, Umbenennung des Museums auf den Familiennamen und die Namensgebung des Kulturpreises. Er stiftete Millionen, ein Grundstück und die Renoirs, Degas’ und andere.
Was Wolfgang Thierse (SPD) über die „Eva Hermanschlacht“ in der Frankfurter Rundschau am 27. Oktober schrieb, sollte man in Wuppertal lesen: „Warum hört das nie auf? Zunächst, weil das Vergangene offensichtlich immer noch gegenwärtig ist. Die Nazizeit ist eine Vergangenheit, die nicht vergeht, nicht vergehen will ... als erratischer Block ein Stein des Anstoßes dauerhaft anwesend.“
Wenn die Wuppertaler weiterhin einen „Eduard von der Heydt-Kulturpreis“ verleihen, bleibt ihnen der Konflikt mit der Vergangenheit des Ehrenbürgers erhalten. Für sie gilt dann Bertrand Russells Zitat von der Doppelmoral: „Eine, die sie predigen, aber nicht anwenden, und eine andere, die sie anwenden, aber nicht predigen“. (CH)
Online-Flyer Nr. 120 vom 07.11.2007
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Kultur und Wissen
Opportunismus und Angst feiern Urständ im Wuppertaler Von der Heydt-Museum
Die Renoirs des Nazi-Unterstützers
Von Karl Schem
Sie sind lebende Kopien eines Gemäldes von Auguste Renoir (1841-1919): Gleichsam dem Bilderrahmen entsprungen. Für die Ausstellung „Renoir und die Landschaft des Impressionismus“ (28.10.07-27.1.2008) vertrauen die Organisatoren nicht allein der suggestiven Malkunst, sondern auch einem altbackenen Werbestil.

Renoir: „Die Loge"
Quelle: wikipedia
Die opulente Schau lockte zur Vernissage die Wichtigen und die Wichtigtuer. Die einst bahnbrechenden Bilder wurden Statisten, gerieten aus den Augen. Unüberhörbar dagegen Museumsdirektor Gerhard Finckh in seiner Einführung: Der Schwerpunkt liege auf dem Spätwerk des Künstlers mit frühen Formen der Abstraktion in der Landschaftsmalerei: „Bäume, Hügel und Häuser scheinen sich im Licht Südfrankreichs in pure Farbe aufzulösen. Unglaublich, wie Renoir mit ein paar Pinselstrichen ein Fest der Farben gestaltet.“
Zu sehen sind 100 Gemälde Renoirs und seiner Zeitgenossen Degas, Cézanne oder Monet – internationale Leihgaben und Exponate aus eigenen Beständen. Letztere waren ein Auslöser für die nur in Wuppertal gezeigte Ausstellung. Bei diesem Hinweis bekam der Museumschef Applaus, denn er erklärte: Ohne die Bilder aus der „Sammlung Eduard von der Heydt“, diesem ästhetisch-geschmackssicheren exzellenten Sammler, sei die Ausstellung wohl nicht zustande gekommen.

Renoir: „Zwei Schwestern auf der Terrasse", 1881
Quelle: Renoir-Ausstellung
Koalition des Weigerns
Den Zuhörern war klar, wohin die Hymne auf den 1964 verstorbenen Mäzen zielte: Gegen Bestrebungen, den städtischen Kulturpreis umzubenennen, der nach dem Geldwäscher des Dritten Reichs und Antisemiten Eduard von der Heydt benannt ist. Etwa 600 Bürger und mehrere Preisträger haben sich zwar für die Umbenennung ausgesprochen, weil sie sich von dem Nest beschmutzt fühlen, in dem sie sitzen. Dazu der Schriftsteller Ralph Giordano: „Der Konsens, dass der Holocaust als singuläres Verbrechen nicht allein einer fanatischen Clique um Hitler anzulasten ist, sondern nur mit Hilfe Hunderttausender Deutscher, darunter vieler Vertreter der bürgerlichen Eliten wie den Bankier Eduard von der Heydt, ins Werk gesetzt werden konnte, geht zunehmend verloren.“

Der Baron in einem Gemälde von Leopold von Kalkreuth
Die Große Koalition in Wuppertal weigert sich dennoch, den einzigen nach einem NSDAP-Mitglied benannten Kulturpreis in Deutschland vom umstrittenen Namen Eduard von der Heydt zu befreien. Während das BKA die braune Vergangenheit seiner Mitarbeiter aufarbeitet und München unlängst die Hans-Meiser-Straße abschaffte – die Gegner dieser Entscheidung verteidigen den ehemaligen bayerischen Landesbischof mit identischen Argumenten wie die Wuppertaler ihren Ehrenbürger – hält man an der Wupper an der Lettow-Vorbeck- oder an der Mackensen-Straße fest, ehrt so Völkermörder und Antisemiten. Auf dem Johannes-Rau-Platz vor dem Rathaus erinnert dagegen nichts an die ersten Bücherverbrennungen im heutigen Bundesland NRW (1. April 1933).
Welten zwischen Anspruch und Wirklichkeit
Angeregt von der Diskussion über den „Nazi-Baron“ (BamS) soll laut Wuppertaler CDU/SPD-Fraktion ein Beirat „grundsätzlich über den Umgang mit der Geschichte und mit Erinnerungskultur“ in unserer Gesellschaft diskutieren. Welten klaffen zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Niemand dieser Lokalpolitiker nahm Anstoß daran, dass Kulturdezernentin Marlis Drevermann (SPD) eine Persilaktion zum Reinwaschen des Ehrenbürgers bestellt hatte: Geschreddertes Geschichtsverständnis anstelle ernsthafter wissenschaftlicher Untersuchung. Nach dem Petermannprinzip ist Frau Drevermann, die schon einmal Beuys mit Heine verwechselt, Kulturchefin in Hannover geworden, die Wuppertaler Stelle bleibt bisher unbesetzt.
Warum aber hält man in Wuppertal hartnäckig am „Eduard von der Heydt-Kulturpreis“ fest, während den Preisträgern die anrüchige Vergangenheit des Namensgebers verschwiegen wurde? Weshalb biedert sich Museumsdirektor Finck geradezu an? In einem von seiner Vorgängerin herausgegebenen Buch ist nachzulesen, dass die USA eine „Lex von der Heydt“ erlassen haben, um Kapital und Sammlung dieses „Feindes“ zurückzuhalten.
„Erst kommt der Besitz...“
Wuppertal verhält sich frei nach Brecht: Erst kommt der Besitz (wertvoller Bilder) und dann die Moral: Stammen vielleicht einige der Kunstwerke aus jüdischen Notverkäufen? Müssen sie restituiert werden wie bereits Menzel aus der Sammlung des Barons – wogegen sich die frühere Museumschefin Fehlemann lange gewehrt hat?
Ernstzunehmender ist die Annahme, dass der Baron – der wegen Geldwäsche für das „Dritte Reich“ 23 Tage in U-Haft saß – seine Sammlungen mit den NS-Provisionen finanziert hat. Deutsche Sozialdemokraten waren Gegner und Opfer der Nazis. Maßgebliche Wuppertaler Genossen sind anscheinend ziemlich geschichtsvergessen. Vielleicht auch deshalb, weil unter jenen früheren Kollegen, die für die Ehrungen des Bankiers stimmten, nicht nur Antifaschisten saßen wie jener Pädagoge und SPD-Landtagsabgeordnete, der in NSDAP-Parteiuniform geheiratet hatte? In ihrer hilflosen Verdruckstheit verteidigen sie einen Mann, der mit Göring und Ribbentrop Bilder gedealt und deutsche Spione in Mexiko und den USA mit gewaschenem Geld über die Schweiz alimentiert hat.
Gekaufte Ehrungen
Wer reich ist, kann leicht teuer kaufen. Der Bankier hat die Bilder Renoirs, dessen große Zeit bereits zurücklag, früh und preiswert erstanden. Auch clever hat er sich die Ehrungen seiner Vaterstadt erhandelt. Und diese hat sich quasi kaufen lassen. Für drei großzügige Gaben gab es ebenso viele Gegenleistungen: Ehrenbürgerschaft, Umbenennung des Museums auf den Familiennamen und die Namensgebung des Kulturpreises. Er stiftete Millionen, ein Grundstück und die Renoirs, Degas’ und andere.
Was Wolfgang Thierse (SPD) über die „Eva Hermanschlacht“ in der Frankfurter Rundschau am 27. Oktober schrieb, sollte man in Wuppertal lesen: „Warum hört das nie auf? Zunächst, weil das Vergangene offensichtlich immer noch gegenwärtig ist. Die Nazizeit ist eine Vergangenheit, die nicht vergeht, nicht vergehen will ... als erratischer Block ein Stein des Anstoßes dauerhaft anwesend.“
Wenn die Wuppertaler weiterhin einen „Eduard von der Heydt-Kulturpreis“ verleihen, bleibt ihnen der Konflikt mit der Vergangenheit des Ehrenbürgers erhalten. Für sie gilt dann Bertrand Russells Zitat von der Doppelmoral: „Eine, die sie predigen, aber nicht anwenden, und eine andere, die sie anwenden, aber nicht predigen“. (CH)
Online-Flyer Nr. 120 vom 07.11.2007
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