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Globales
Ukrainischer Gedenktag der Hungerkatastrophe 1932/33 in der Sowjetunion
„Wir sind zusammen“
Von Christian Ganzer

Die vorgezogenen Parlamentswahlen am 30. September hatten wieder einmal die tiefe Spaltung der Ukraine entlang historischer Bruchlinien demonstriert. Seit der 1991 erlangten Unabhängigkeit wird staatlicherseits, aber auch von Nationalisten, versucht, diese Spaltung zu überwinden.. Im nationalen Diskurs wird die Geschichte des Landes häufig als eine Abfolge von Katastrophen gesehen und es gibt einen ausgeprägten Opfermythos. Folglich ist ein Thema wie der „Große Hunger“ von 1932/33 offensichtlich besonders für die Herstellung einer nationalen Einheit geeignet..

Pope Damenchor Ukraine Hungerkatastrophe
Geistlicher dirigiert Damenchor vor dem Denkmal für NKVD-Opfer in Vinnycja

Gedenken erst seit Perestrojka möglich
 
Am 24. November gedachte die Ukraine der Opfer der großen Hungerkatastrophe der Jahre 1932/33. Damals verhungerten in ländlichen Gebieten der Sowjetunion mehrere Millionen Menschen, nachdem die Kollektivierung der Landwirtschaft im Eiltempo erzwungen worden war und eine wetterbedingte Missernte die Situation noch verschärft hatte. Um die Städte versorgen zu können, führten Streitkräfte und NKWD [1] oft von Gewaltexzessen begleitete Lebensmittelrequirierungen durch. Betroffen waren vornehmlich die ländlichen Gebiete in der Ukraine, an der Wolga, in Westsibirien und Nordkasachstan. Staat und Partei verdächtigten die Bauern, Lebensmittel zu horten und in der – realen oder vorgeschobenen – Annahme, die Landbevölkerung verfüge über Reserven, wurde sogar Saatgut beschlagnahmt. Erst seit der Perestrojka besteht die Möglichkeit des öffentlichen Gedenkens.
 
Am nationalen Gedenktag für die Opfer der Hungerkatastrophe, der jeweils auf den letzten Samstag im November fällt, finden in der ganzen Ukraine Gedenkveranstaltungen statt, die stark religiös geprägt sind – was bei der Vielzahl der ukrainischen Nationalkirchen zu erheblichen Ansammlungen von Geistlichen und zu viel Weihrauch führt, denn selbstverständlich räuchert jede Kirche für sich.

Ukrainische Autokephale Orthodoxe Kirche Hungerkatastrophe Gedenken
Geistliche der Ukrainischen Autokephalen Orthodoxen Kirche beugen das Haupt

Keine Anerkennung als Genozid
 
Der diesjährige Hunger-Gedenktag wurde vom kürzlich gescheiterten Bemühen des ukrainischen Präsidenten, Viktor Juščenko, überschattet, in Israel Unterstützung für die Anerkennung der Hungerkatastrophe als Genozid zu erhalten. In der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem hatte man man den Präsidenten daran erinnert, dass er erst vor kurzem einen der Oberbefehlshaber der UPA [2], Roman Šuchevyč, mit dem höchsten Orden „Held der Ukraine“ ausgezeichnet hatte. Die UPA hatte im Zweiten Weltkrieg auf der Seite der Deutschen gekämpft und war an Massakern gegen die Zivilbevölkerung beteiligt gewesen.
 
Jahrzehntelang bemühten sich ukrainische Nationalisten, den Begriff „Holocaust“ für sich zu reklamieren (nicht als Täter, was noch eine gewisse Berechtigung gehabt hätte), indem beispielsweise der „Große Hunger“ als „Hungerholocaust“ tituliert wurde. Mittlerweile haben die seriöseren Kräfte in der Ukraine verstanden, dass mit dieser Rhetorik auf internationaler Ebene kein Blumentopf zu gewinnen ist. So wurde der klanglich an „Holocaust“ erinnernde Neologismus „Holodomor“ (aus „holod“, Ukrainisch für Hunger und „mor“, Altslawisch für Tod) eingeführt. Um seinen Bemühungen für die Herstellung nationaler Einheit und die internationale Anerkennung der Hungerkatastrophe als Genozid weitere Impulse zu geben, rief Juščenko in seiner Kiever Rede am 24. November das Jahr 2008 zum „Jahr des Gedenkens an die Opfer des Holodomor“ aus.

Ukraine Gedenkfeier 2007 Nationalhymne
Kein kollektiver Herzinfarkt, sondern Provinzstaatsmänner beim Abspielen der Hymne; im Hintergrund die schwarz-rote Fahne des ultranationalistischen „Kongresses Ukrainischer Nationalisten“

Wiedergeburt der Nation als einheitlicher Organismus
 
Der diesjährige Gedenktag gilt als 75. Jahrestag der Katastrophe. In Kiev trat Präsident Juščenko mit einer stark emotional aufgeladenen Rede vor die Menschen, in der er die Gegenwart der Toten behauptete, die ja die entzündeten Kerzen sähen. „Wir sind zusammen“, beschwor er die Einheit.
 
Juščenkos Rede beinhaltete alle wesentlichen Elemente des ukrainischen Diskurses über den Hunger von 1932/33: Entgegen der Ergebnisse der Quellenstudien, die Historiker seit Öffnung der sowjetischen Archive vornehmen konnten, und entgegen der Tatsache, dass der Hunger alle Nationalitäten der Ukraine und darüber hinaus auch weite Gebiet der Sowjetunion außerhalb der Ukraine betroffen hatte, behauptete Juščenko einen planmäßig von Moskau gegen das ukrainische Volk gerichteten Genozid. Das Wort „Holocaust“ vermied er, zitierte aber eine Zeitzeugin, die Konfiskatoren seien „schlimmer als die Faschisten“ gewesen. Die Dörfer, in denen die Menschen am Hunger starben, bezeichnete er als „Ghetto“ und betonte, dies sei „lange vor Hitler“ gewesen. Anders, als beispielsweise die Demonstranten in London, die an diesem Tag hinter einem Transparent mit der Aufschrift „Ten Million Victims“ hergingen, legte sich Juščenko bei der Zahl der Opfer nicht so fest: Drei bis zehn Millionen, so breit ist die Spanne der in der Literatur zu findenden Schätzungen, die er auch in seiner Rede zitierte. Der Geistliche auf der Gedenkfeier in Vinnycja nahm es nicht so genau mit der Wissenschaft, er sprach von zehn bis fünfzehn Millionen Opfern.

Vinnycja Gedenkfeier Ukraine Kerzen
Teilnehmer der Gedenkveranstaltung in Vinnycja entzünden Kerzen

Juščenko erklärte, „unsere höchste Mission“ sei die „Wiedergeburt der Nation als einheitlichem Organismus“. Wie auch schon im Wahlkampf vor wenigen Monaten hatten große Ideen Vorrang, die realen Probleme der Bevölkerung sind für derartige Reden offenbar zu profan. Die Rentner, deren Pensionen oft kaum zum Leben reichen, Umweltprobleme, die Ausstattung der Universitätsbibliotheken (Studierende lernen oft mit Lehrwerken aus der tiefsten Breschnew-Ära), die allgegenwärtige Korruption, die auch vor dem Gesundheitswesen nicht Halt macht ... Aber in derartige Niederungen begeben sich weder Präsidenten noch Premierministerinnen in spe.
 
Vorsicht Weihwasser!
 
Auf dem Friedhof in der zentralukrainischen Stadt Vinnycja versammelten sich etwa tausend Menschen vor dem Denkmal für die Opfer des Stalinismus, um der Toten zu gedenken. Neben Geistlichen der Ukrainischen Autokephalen Orthodoxen Kirche waren auch solche der Ukrainisch-Orthodoxen Kirche (Kiever Patriarchat) anwesend [3]. Die Konkurrenten um das Seelenheil der Gläubigen würdigten einander kaum eines Blickes, schwenkten aber umso eifriger Weihrauchfässchen und bespritzten das Denkmal nebst unvorsichtigen Photographen mit Weihwasser.
 
Die Veranstaltung bestand überwiegend aus einem, eigentlich zwei Gottesdiensten. Dem kirchlichen Dualismus entsprach das zweimalige Abspielen der Staatshymne, die nicht gesungen wurde, und das Abhalten von zwei Schweigeminuten, einer lokalen und einer weiteren, im Rahmen eines landesweiten Schweigens, von dem jedoch außerhalb der Gedenkfeiern nichts zu bemerken war. Optisch erinnerte die Versammlung weniger an eine Gedenkveranstaltung, denn an eine politische Demonstration. Im orangefarbenen Flaggenmeer der Präsidentenpartei „Naša Ukraïna“ waren auch Banner des ultranationalistischen „Kongresses Ukrainischer Nationalisten“ und der militanten Rechtsextremisten von „Svoboda“ („Freiheit“) zu sehen. Neo-Kosaken in vollem Wichs und mit „traditioneller“ Peitsche rundeten die nationalistische Farbgebung ab.

Ukraine Nachwahlkampf "Nasa Ukraina"
Mehr Nachwahlkampf als Gedenken – Präsidentenpartei „Unsere Ukraine“
Alle Fotos: © Christian Ganzer

Kerzen spiegeln politische Einstellung
 
Bevor zwei Zeitzeugen an das Mikrophon gelassen wurden, die die 75 Jahre zurückliegenden Ereignisse sehr eindringlich schilderten, priesen hochrangige Vertreter aus der regionalen Politik Staat und Nation. Um 16 Uhr riefen die Moderatoren der Veranstaltung zur Teilnahme an der landesweiten Schweigeminute auf; ihr Geflüster im Lautsprecherwagen wurde deutlich vernehmbar in die Stille hinein übertragen.
 
Insgesamt spiegelt sich im Umgang mit dem Gedenktag die politische Situation der Ukraine wieder. Während im Westen des Landes am Abend praktisch alle Fenster von Kerzen erleuchtet waren, wie es der staatliche Aufruf verlangte, waren es bereits in Vinnycja nicht mehr viele, im Landesosten nur noch vereinzelte. Die in Vinnycja erscheinende Tageszeitung „20 Chvylyn“ („20 Minuten“) beklagte, dass nicht einmal Straßenbahnen und Busse während der Schweigeminute angehalten hätten, lediglich der Fahrer eines einzigen Linientaxis sei dem Aufruf des Präsidenten gefolgt. (YH)

 
[1] Volkskommissariat für innere Angelegenheiten in der Sowjetunion, das nach der Oktoberrevolution an die Stelle des zaristischen Ministeriums für innere Angelegenheiten trat
[2] Ukrajinska Powstanska ArmijaUkrainische Aufstandsarmee
[3] Die meisten östlich-orthodoxen Kirchen werden von einem eigenen Oberhaupt regiert, das sie selbst bestimmen. Die Gemeinsamkeit mit der orthodoxen Gesamtkirche liegt lediglich im Glauben. In der Ukraine bestehen heute drei größere orthodoxe Kirchen (Moskauer Patriarchat, Kiever Patriarchat, Autonomisten), die miteinander um die Anerkennung als Nationalkirche wetteifern.

Online-Flyer Nr. 123  vom 28.11.2007

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