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Aktueller Online-Flyer vom 09. Juni 2026  

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Kultur und Wissen
Das Wort am Sonntag: „Mit Gott und den Faschisten“ Folge IX
Die Annexion Österreichs
Von Karlheinz Deschner

Im Kölner Dom wurde unter großem öffentlichem Beifall ein Kirchenfenster eingeweiht, das  nicht – wie ursprünglich geplant – sechs WiderstandskämpferInnen gegen die Nazis ehrt, sondern stattdessen 11.263 quadratische Glasstücke in 72 verschiedenen Farbtönen zeigt. Warum die katholische Kirche – deren Kardinal Meisner wenig später mit dem Hinweis, dass „die Kultur entartet“, Schlagzeilen machte – solche Probleme mit dem Aufarbeiten ihrer jüngeren Vergangenheit hat, wird durch Karlheinz Deschners Serie zur Politik der Päpste im 20. Jahrhundert deutlich. – Die Redaktion.
Das römische Papsttum – durch Krieg und Betrug groß geworden, durch Krieg und Betrug groß geblieben – hatte den Ausbruch des Ersten Weltkriegs ebenso gefördert wie, geradezu maßgeblich, die Heraufkunft des Faschismus in ganz Europa. Es hatte die Faschisten bei ihrem Raubüberfall auf Abessinien begeistert unterstützt, wie auch im Spanischen Bürgerkrieg, und selbstverständlich ließ es auch Hitlers Annexion Österreichs 1938 durch seinen Klerus segnen. 
Stimmzettel zum „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich
Stimmzettel zum „Anschluss“
Österreichs an das Deutsche Reich
Quelle: www.wikipedia.de
Hitler ließ sich die Vereinigung Österreichs mit dem Deutschen Reich nachträglich durch eine Volksabstimmung am 10. April absegnen.

Man hatte vorgearbeitet. Schon im 19. Jahrhundert florierte ein christlicher Antisemitismus in Österreich, der den jungen Hitler entscheidend prägte und schließlich direkt zum Nazismus führte.
In Zeitungen, in Volks- und Wahlversammlungen, ja, auf den Kanzeln gingen die Geistlichen gegen die Juden vor. Und noch vom österreichischen Klerus der dreißiger Jahre konnte man sagen, er habe sich im Stil von der Nazipropaganda oft kaum unterschieden. Der Linzer Bischof Gföllner etwa hetzte 1933 in einem Hirtenbrief gegen das „entartete Judentum”, bejammerte dessen „überaus schädlichen Einfluß auf fast allen Gebieten des modernen Kulturlebens” und machte den Kampf dagegen zur „strenge(n) Gewissenspflicht eines jeden überzeugten Christen”. 

Im nächsten Jahr, 1934, unternahmen die österreichischen Nazis einen Putschversuch, der 269 Tote kostete, darunter Bundeskanzler Dollfuß selbst.
 
Dollfuß als Klarinettist
Quelle: www.wikipedia.de
Von zwei Schüssen niedergestreckt – der tödliche Schuß kam aus einer Dienstpistole der Polizei –, empfahl der katholische Kanzler sterbend seine beiden Kinder dem Schutz Mussolinis. Nachfolger wurde Kurt von Schu- schnigg, Tiroler Generalssohn, Zögling der Jesuiten- schule von Feldkirch und Bandin- haber der katholischen Verbindung „Austria- Wien”. Dem Katholizismus vielfach verbunden, erstrebte der christlich-soziale neue Kanzler ein gemäßigtes klerikal-faschistisches System, eine Integration der Nazis und einen Ausgleich mit Nazideutschland. Dabei geriet er immer mehr unter den Druck Hitlers, der seine Zwecke durch den ihm unmittelbar unter- stellten Botschafter in Wien, den nachmaligen Päpstlichen Kammerherrn Franz von Papen, verfolgen ließ. 

Zwar kollaborierten die österreichischen Bischöfe zunächst so wenig wie ursprünglich die deutschen. Doch wie diese vor 1933 geschlossen gegen Hitler waren, nach 1933 dafür, 1945 wieder dagegen, so standen die österreichischen Bischöfe vor 1938 gegen das deutsche Regime, dann zu ihm, und 1945 natürlich wieder dagegen. 

Am 12. März 1938 überschritten Hitlers Truppen die Grenze – und bereits am nächsten Tag brachte die „Reichspost”, die schon 1935, angeregt durch Papen, die Zusammenarbeit von Katholizismus und Nationalsozialismus gefordert hatte, den Aufruf des Wiener Kardinals Innitzer: „Die Katholiken der Wiener Erzdiözese werden ersucht, Sonntag zu beten, um Gott dem Herrn zu danken für den unblutigen Verlauf der großen politischen Umwälzung und um eine glückliche Zukunft für Österreich zu bitten. Selbstverständlich muß allen Anordnungen der Behörden gern und willig Folge geleistet werden.” Wieder einen Tag später ließ Kardinal Innitzer durch einen Anruf den deutschen „Führer” in Österreich willkommen heißen und ihn wissen, bei seiner Ankunft würden auf Weisung des Kardinals alle Kirchenglocken Wiens läuten. 

Und kaum war Hitler in Wien, machte die katholische Eminenz bei ihm ihre Huldigungsvisite im Hotel Imperial. Von hinten beschimpft und bespuckt, von vorn durch SS-Posten geehrt, stieg der Kirchenfürst – das wüste Pfeifen und Pfui-Rufen der Menge im Ohr: „Nach Dachau, nach Dachau!”, „In den Kanal mit dem Kardinal!” – unerschüttert lächelnd zur Suite seines „Führers” hinauf. Und Hitler, der sich über die Anwamserei der katholischen Prälaten des öfteren mokierte, Hitler selbst berichtet, der Kardinalerzbischof habe ihn „mit so strahlendem Gesicht angesprochen..., als ob er während der ganzen österreichischen Systemzeit nie auch nur einem einzigen Nationalsozialisten je ein Härchen gekrümmt habe”. 

Im übrigen hatte er, bei aller zur Schau getragenen Freundlichkeit, kaum Zeit für den Kirchenmann, der seinerseits, wieder nur wenige Tage danach, am 18. März, mit seinen geistlichen Herren die „Feierliche Erklärung” abgab: „Aus innerster Überzeugung und mit freiem Willen erklären wir unterzeichneten Bischöfe der österreichischen Kirchenprovinz anläßlich der großen geschichtlichen Geschehnisse in Deutschland-Österreich: Wir erkennen freudig an, daß die nationalsozialistische Bewegung auf dem Gebiet des völkischen und wirtschaftlichen Aufbaues sowie der Sozialpolitik für das deutsche Reich und Volk und namentlich für die ärmsten Schichten des Volkes Hervorragendes geleistet hat und leistet. Wir sind auch der Überzeugung, daß durch das Wirken der nationalsozialistischen Bewegung die Gefahr des alles zerstörenden gottlosen Bolschewismus abgewehrt wurde. Die Bischöfe begleiten dieses Wirken für die Zukunft mit ihren besten Segenswünschen und werden auch die Gläubigen in diesem Sinne ermahnen. Am Tage der Volksabstimmung ist es für uns Bischöfe selbstverständliche nationale Pflicht, uns als Deutsche zum Deutschen Reich zu bekennen, und wir erwarten auch von allen gläubigen Christen, daß sie wissen, was sie ihrem Volke schuldig sind”. 

  
   Kardinal Theodor Innitzer
   Quelle: www.wikipedia.de
Kardinal Theodor Innitzer übersandte die „Feierliche Erklärung” dem neu ernannten Wiener Gauleiter Bürckel, versicherte dabei abermals, „daß wir Bischöfe freiwillig und ohne Zwang unsere nationale Pflicht erfüllt haben”, prophezeite „eine gute Zusammenarbeit” und grüßte: „Mit dem Ausdruck ausgezeichneter Hochachtung und Heil Hitler!” Später stellten die österreichischen Kirchenblätter die „feierliche Erklärung” ihrer Bischöfe als erzwungen hin. Und Innitzers „Heil Hitler” wurde überhaupt als Fälschung erklärt, obwohl er es doch gerade dem maschinenschriftlichen Text handschriftlich angefügt hatte.

Hitler selbst trat in dreizehn Wahlreden Anfang April als Gottgesandter auf, verkündete ein „Gottesgericht”, ein „Wunder”, den „Willen des Allmächtigen”. Und Kardinal Innitzer, der am 6. April mit einigen seiner Bischöfe vom Papst empfangen worden war, wies nach seiner Rückkehr aus Rom den Wiener Klerus an, deutsche Fahnen an den Kirchen auszuhängen und am Vorabend der Volksabstimmung die Glocken zu läuten – und betrat am 10. April ein Wahllokal mit dem „deutschen Gruß”. 

Und alsbald begann in Österreich eine „Orgie des Sadismus”, eine hundsföttische Behandlung der Juden, die man auf den Knien die Gosse reinigen ließ und die Klosetts der SA und SS, die man zu Tausenden in die Gefängnisse steckte, hatte doch gerade in den christlichen Kreisen Österreichs der Klerus den Antisemitismus seit langem geschürt. (PK)

Einen Kurzfilm von KAOS Film- und Video Team Köln zu Karlheinz Deschners Vortrag mit Archivbildern finden Sie in dieser NRhZ-Ausgabe. NRhZ-Leser können die komplette Filmserie für 19,95 Euro beim KAOS Kunst- und Video-Archiv für den privaten Gebrauch bestellen: info@kaos-Archiv.de


Karlheinz DeschnerKarlheinz Deschner,1924 in Bamberg geboren, im Krieg Soldat, studierte Jura, Theologie, Philosophie, Literaturwissenschaft und Geschichte. Über seine literarischen, literatur- und kirchen-kritischen Werke berichtet der Dokumentarfilm „Im Grunde bin ich ein aus lauter Zweifeln bestehender gläubiger Mensch“ (siehe www.kaos-archiv.de). Der 83jährige arbeitet zurzeit am 9. Band seines Werks „Kriminalgeschichte des Christentums“ (siehe www.deschner.info) und erhielt – nach einigen anderen Literaturpreisen – Anfang 2007 in Mailand den Giordano-Bruno-Preis.

Einen Teil des hier vorliegenden Textes finden Sie als Filmausschnitt in dieser NRhZ-Ausgabe.


Online-Flyer Nr. 124  vom 05.12.2007

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