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Aktueller Online-Flyer vom 09. Juni 2026  

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Literatur
Eine lyrische Nachbetrachtung
33 + Aly = 68
Von Wolf Wetzel

Nun hat auch der Historiker Götz Aly
die breite Schneise gefunden
die andere vor ihm geschlagen hatten
die Totalitarismustheoretiker

In deren Geisterwelt sind Faschisten und Linke irgendwie
auf jeden Fall eins
ergo die tatsächliche Todfeindschaft
die Ermordung von Kommunisten, ihre Internierung in KZs…
ein großes Missverständnis
das völlig unnötig gewesen wäre
hätten die Hitlers und Goebbels
nur einen dieser gescheiten Totalitarismusgelehrten an ihrer Seite gehabt

Schwamm drüber

Mit großen luftigen Schritten
schreitet Götz Aly
die Totalitarismus-Front noch einmal ab
als Scout für das verängstlicht-liberale Publikum der Frankfurter Rundschau [1]
um auch dort
exklusiv und furchtlos
die „68er“-Generation als Wiedergänger [2] der Nazis zu entlarven

Seine Beweisführung springt geradezu ins Auge:
Die Nazis und die „68er“
waren jung, ergo beides Jungenddiktaturen
Beide verachteten den Pluralismus und den Kompromiss
ergo wollten sie das „System“ beseitigen
Zusammen waren sie sich sicher:
Am deutschen Wesen muss die Welt genesen

Beide waren arrogant

und teilten die Verachtung für „Scheiß-Liberale“
– ein klug-verdeckter Schuss Adrenalin
in Richtung seiner Leserschaft
um dann zum finalen Rettungsschuss anzusetzen

Nazis und „68er“ liebten den Kampf und die Aktion
Ergo schrieb Adolf Hitler
„Mein Kampf“
und Götz Aly die Doublette
„Unser Kampf. 1968“ [3]

Man hatte schon Angst
Götz Aly könnte nicht mehr rechtzeitig die Kurve kratzen
und den Zweiten Weltkrieg der Nazis
mit dem Angriffskrieg eines Alt-68er
eines Joschka Fischers gegen die Bundesrepublik Jugoslawien vergleichen

Nein, nein,
soweit lässt Götz Aly seine Parallelisierung nicht kommen
und bricht ganz plötzlich ab
und findet am Ende doch noch
einen wesentlichen Unterschied
„Die Revolte der einen führte rasch zur Macht,
zu furchterregenden Karrieren und Konsequenzen;
die der anderen endete ebenso rasch in der Niederlage, zumindest in der Zersplitterung.“ [4]

Mein Gott Aly
hätten die Chefs von Siemens, Mercedes-Benz, Höchst,
Thyssen-Krupp und Springer
Dich an ihrer Seite gehabt
hätten sie die „68er“
als Nazis erkannt
und noch einmal an die Macht gebracht
Rudi Dutschke zum Reichs- pardon Bundeskanzler gekürt
und
Ulrike Meinhof zur Außenministerin gemacht

So aber, lieber Aly
musst du damit leben,
dass diejenigen
die die Nazis an die Macht gebracht
und die „68er“ bis hin zum Aufruf zur Lynchjustiz [5] bekämpft hatten
mehr von Analyse und Geschichte verstehen
als Du
mit diesen Gefälligkeits- und Wohlfühlanalogien



Fußnoten:
[1] „Machtübernahme – Die Väter der 68er“, Götz Aly, Frankfurter Rundschau vom 30.01.2008
[2]  Hans Magnus Enzensberger hatte bereits 1991 „Hitlers Wiedergänger“ im Ausland ausfindig gemacht: Saddam Hussein, Der Spiegel Nr. 6 vom 04.02.1991
[3] Götz Aly, Unser Kampf. 1968 – ein irritierter Blick zurück, S. Fischer Verlag, 2008
[4] FR, s.o.
[5] „Rudi Dutschke – Staatsfeind Nr. 1!“, Titelschlagzeile der BILD vom 11. April 1968.


Wolf Wetzel Mitautor des Buches: Die Hunde bellen. Eine Zeitreise durch die 68er Revolte und die militanten Kämpfe der 70er bis 90er Jahre, Unrast-Verlag 2001



Mehr Informationen unter: wolfwetzel.wordpress.com


Online-Flyer Nr. 133  vom 13.02.2008

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