NRhZ-Online - Neue Rheinische Zeitung - Logo
SUCHE
Suchergebnis anzeigen!
RESSORTS
SERVICE
Unabhängige Nachrichten, Berichte & Meinungen
Aktueller Online-Flyer vom 09. Juni 2026  

zurück  
Druckversion

Globales
Nachbetrachtungen: Der Mai 1968 in Frankreich
Ordnung und Nationalversammlung in Auflösung
Von Uwe Karsten Petersen

Damit haben die 147 Anarchisten, Trotzkisten, Maoisten und sonstigen Gauchisten aller Art, die am 22. März 1968 in der Universität des Pariser Vorortes Nanterre ihr „mouvement du 22 mars“ (Bewegung vom 22. März) gegründet haben, kaum gerechnet: Sie gaben den Anstoß zur Revolte vom Mai ’68, die Frankreich in Angst und Schrecken versetzte und dennoch den Auftakt für eine gewisse Liberalisierung der französischen Gesellschaft bildete. Einer der damaligen Anführer, der damalige Soziologiestudent aus Deutschland Daniel Cohn-Bendit, vertritt 40 Jahre später die Überzeugung, dass man den Mai ’68 vergessen solle, er sei beendet.

Gegenteiliger Auffassung ist Staatspräsident Nicolas Sarkozy, der die aus seiner Sicht schädlichen Resultate dieser Revolte beseitigen und einen endgültigen Schlussstrich unter die 68er Revolte ziehen möchte. „Die Erben vom Mai ’68 haben uns die Idee aufgezwungen, dass es zwischen dem Guten und dem Bösen, dem Echten und dem Falschen, dem Schönen und dem Hässlichen keinen Unterschied gibt. Der Kult um den ‚König Geld’, um den raschen Profit und die Entgleisungen des Finanzkapitalismus wurden durch die Werte vom Mai ’68 gefördert“, behauptet der Präsident. Zu den negativen Folgen zählt er ferner den Antiamerikanismus, die Autoritätsverluste von Eltern und Lehrkräften sowie die unerfreulichen Zustände an den Schulen und Universitäten.   
 
„Verbieten verboten“

Zeitschrift L'enragé Mai 1968
„L'enragé", Zeitschrift des „Aktions-                   
kommitees" vom Mai 1968
Das nächtliche Besuchsverbot für Studenten und Studentinnen in den Studentenheimen sowie die Proteste gegen den Vietnam-Krieg der Amerikaner veranlassten Daniel Cohn-Bendit und seine Gesinnungsgenossen zur Gründung ihrer Bewegung. Ihre Störaktionen in der Universität von Nanterre ahndete die Direktion mit der vorläufigen Einstellung des Lehrbetriebes. Sie mobilisierten ihre Gleichgesinnten der Pariser Universität Sorbonne, die Anfang Mai von den Studenten besetzt wurde. Am 3. Mai begannen in Paris nach der Räumung der Sorbonne durch die Polizei Straßenschlachten zwischen den Studenten und den Ordnungskräften. Unvergesslich sind die während des „revolutionären Karnevals“ – so der Philosoph Raymond Aron – lautstark verkündeten Parolen der jungen Französinnen und Franzosen. Dazu gehörten neben anderen „Verbieten ist verboten“, „die Phantasie an die Macht“, „seid Realisten, verlangt das Unmögliche“, „vergnügt euch uneingeschränkt“ und „das Wort ist ein Molotow-Cocktail“.

Im streng hierarchisch organisierten Frankreich sollte die Autorität der Eltern, Lehrer, Professoren, Unternehmer und der Politikerkaste „gestürzt“ werden und eine an Marx und Lenin orientierte neue Gesellschaft entstehen. Frei von Tabus sollte die Sexualität in vollen Zügen genossen werden. „In Sachen Sexualität hat damals meine Generation viel Unsinn gesagt“, gestand jedoch inzwischen Cohn-Bendit. Als „völlig falsch“ empfindet er nunmehr auch den Vergleich zwischen der französischen Bereitschaftspolizei CRS und der SS des Dritten Reichs sowie sein einstiges Nein zu demokratischen Wahlen.

Plakat 1969
Plakat für die Aufhebung der Klassen-       
gesellschaft, Frankreich 1969
Der Generalstreik und Massenkundgebungen prägten das Geschehen am 13. Mai. Frankreich erlebte in diesen Tagen seit Kriegsende größten Streikaktionen mit über sieben – wenn nicht gar mit neun – Millionen Teilnehmern und die meisten Fabrikbesetzungen. Zumindest in der Anfangsphase wurden sie von der Kommunistischen Partei (KPF) und von der mit ihr verbundenen Gewerkschaft CGT ganz entschieden abgelehnt: Sie schimpften über die „falschen Revolutionäre, die energisch enttarnt werden müssen, weil sie den Interessen der Gaullisten und der großen Monopolkapitalisten dienen. Die Söhne des Großbürgertums werden die revolutionäre Flamme löschen, die Unternehmen der Väter leiten und die Arbeiter ausbeuten“. In der letzten Maiwoche einigten sich dennoch die Gewerkschaften und Arbeitgeber unter anderen auf Lohnerhöhungen, günstigere Regeln für die Arbeitnehmervertretungen, auf die Einführung der 40-Stundenwoche und Anhebung verschiedener Sozialleistungen.

Komplementär: Vom roten zum grünen Dany
 
Cohn-Bendit 1968
Daniel Cohn-Bendit im Mai '68                   
Quelle: privat, Cohn-Bendit
Die Aufnahme von Verhandlungen zwischen den Sozialpartnern hinderte aber nicht die „Revolutionäre“ an ihrem Bestreben, die Utopie zu verwirklichen. Cohn-Bendit – wegen seiner roten Haare als „Dany le Rouge“ bekannt – empfahl den Ersatz der Nationalfahne durch die rote Fahne der Revolution. Die Pariser Regierung konterte prompt am 22. Mai mit seiner Ausweisung, die im übrigen erst zehn Jahre später wieder aufgehoben wurde. KPF-Boss Georges Marchais erzürnte sich über den „deutschen Juden“, was zahlreiche Französinnen und Franzosen zu Solidaritätsbekenntnissen veranlasste: „Wir alle sind deutsche Juden“. Die Straßenschlachten wurden unvermindert ausgetragen. Am 24. Mai wurde in Paris ein junger Mann erstochen, und in Lyon kam ein Polizeikommissar ums Leben. Sie sind die einzigen Todesopfer dieser „Revolution“.

Die Angst vor Toten und die damit verbundenen befürchteten Folgen veranlassten Regierungschef Georges Pompidou zur Ermahnung der Ordnungskräfte, äußerst vorsichtig zu handeln. Unumstritten sind hierbei die Verdienste des Pariser Polizeipräfekten Maurice Grimaud. Im Gegensatz zu beispielsweise Italien oder Deutschland war der Mai ’68 in Frankreich nicht Auftakt für einen verlustreichen Terrorismus. Der französische Terrorismus der „Proletarischen Linken“ und der „Action Directe“ war weitaus weniger verhängnisvoll als der Terror der „Roten Brigaden“ in Italien oder der deutschen Baader-Meinhof-Bande, erinnern hierzu Fachleute.

Nicht Auflösung der Ordnung, Auflösung der Nationalversammlung
 
Nixon und de Gaulle
US-Präsident Nixon und greiser de Gaulle     
1969
Natürlich forderten die „Revolutionäre“ und ihre Anhänger den Rücktritt von Präsident de Gaulle. Der Sozialist Francois Mitterrand kündigte seine Bewerbung für das höchste Amt im Staat an. Dies bekam er bekanntlich dann erst 1981, aber für immerhin 14 Jahre. De Gaulle ordnete stattdessen am 30. Mai die Auflösung der Nationalversammlung an. Am gleichen Tag marschierten angeblich bis zu 400.000 seiner Anhänger über den Pariser Champs Elysées. Die aufgeschreckte und verängstigte Bevölkerung gab Ende Juni den „Revolutionären“ eine deutliche Absage und verhalf den Gaullisten zur absoluten Mehrheit in der Nationalversammlung. Für die Abiturienten hatte sich die „surrealistische Revolution“ (so der Schriftsteller Jean d'Ormesson) gelohnt. Sie wurden nur mündlich geprüft. Die Erfolgsquote war prompt um 30 Prozent höher als im Vorjahr, was den Andrang an den Universitäten erheblich verstärkte. 

Der sozialistische Präsident Mitterrand beurteilte den Mai ’68 spöttisch als „Revolution der Faulpelze“. Der Politologe Alain-Gérard Slama prangerte die „Reaktion der Ungeduld einer verwöhnten Generation“ an. Sie habe alles – Diplome, Glück und Mädchen – sofort verlangt. Die brisante Frage nach dem Positiven beantwortete der Philosoph und einstige Erziehungsminister, Luc Ferry, mit dem Sieg der Liebesehe über die Vernunftehe. Cohn-Bendit und seine Gefährten heben unter anderen das Recht der Frauen auf ein eigenes Bankkonto, das Recht auf Abtreibung, die Enttabuisierung der Homosexualität, die Liberalisierung und Modernisierung der Gesellschaft sowie die sich anbahnende Besinnung auf das Schicksal von regionalen, religiösen und rassischen Minderheiten und der Umwelt hervor. Ursachen, Ablauf und Auswirkungen des Mais ’68 werden im Rahmen des 40jährigen Jubiläums in Frankreich in zahlreichen Büchern, bei Publikumsdiskussionen und von den Medien ausführlich geschildert und analysiert. (CH)

Online-Flyer Nr. 139  vom 26.03.2008

Druckversion     



Startseite           nach oben

KÖLNER KLAGEMAUER


Für Frieden und Völkerverständigung
FILMCLIP
FOTOGALERIE