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Literatur
Wiolfgang Bittners Fortsetzungsroman – Folge 2
Der Aufsteiger oder Ein Versuch zu leben
Von Wolfgang Bittner

Außer als Buch im Horlemann-Verlag können Sie seit dieser Ausgabe exklusiv in der NRhZ die überarbeitete Neuausgabe von Wolfgang Bittners 1978 erstmals erschienenen Roman „Der Aufsteiger oder Ein Versuch zu leben“ lesen – eine Rezension des Werks finden sie in der NRhZ 139: „Ein Roman über einen ‚Helden’ von unten, aus der Sicht von unten und deshalb wichtig für alle – und sogar mit nicht allzu viel Fantasie lässt sich auch der Roman auf heutige Verhältnisse übertragen.“, schreibt Rezensent und Buchhändler Uli Klinger über „Der Aufsteiger“.
1) Auf Maloche (Fortsetzung)
„Frühstück!“, brüllte Willi von hinten. Erich Wegner blickte auf die Uhr. Es war Punkt neun.
Die Baubude stand am Waldrand, umgeben von Ginsterbüschen, die jetzt grün wurden. Langsam gingen sie darauf zu, Arme und Beine schlenkernd, den Rücken streckend.
„Noch zwei Wochen, dann ist Wonnemonat“, sagte Willi grinsend.
Das Wort Wonnemonat erinnerte Erich Wegner an das Wort Wollust. Da musste es irgendeine geheime Gedankenverbindung geben. Wollust. Er konnte das Scheißwort nicht ausstehen. Dabei fiel ihm regelmäßig dieser blöde Spruch des Geschichtslehrers ein. Wenn sie einmal die Wollust überkäme, dann sollten sie sich stets vor Augen halten, dass jenes arme weibliche Wesen, also das Objekt ihrer Wollust, ebenso gut ihre Schwester oder gar ihre Mutter sein könnte. Dann verginge ihnen mit Sicherheit jegliche Wollust. Wenn er an seine Schwester oder an seine Mutter dachte, konnte er sich das gut vorstellen.
Willi war wieder einmal sehr leutselig. „Ist der Mai schön warm und trocken, kann man auch im Freien bocken“, verkündete er, und die meisten freuten sich. Der dachte immer nur ans Vögeln. Von morgens bis abends.
Eigentlich war die Baubude gar keine Bude, sondern ein Wagen, ähnlich einem großen Wohnwagen, nur nicht so komfortabel und für fünfzehn Mann natürlich viel zu eng. Aber man saß wenigstens im Warmen. Einen zweiten Wagen hinzustellen, hatte die Firma angeblich kein Geld. Die anderen hatten sich schon auf ihre Plätze gezwängt und genossen ihren eigenen Mief und den des Ölofens.
Es stank bestialisch. Ommo hatte wieder Öl daneben gegossen. Ommo kümmerte sich um den Kleinkram, um das, was sonst keiner machen wollte. Er war spindeldürr, mit dem Gesicht einer alten Frau. Wenn er lief, schien es, als müsse er jeden Moment die Beine durcheinander kriegen. Alle seine Bewegungen waren langsam und tattrig. Und hatte er aus der Schnapsflasche getrunken, musste man sich erst einmal sagen, dass Alkohol desinfiziert, bevor man sich zu einem Schluck überwinden konnte.
So alt kann der doch noch gar nicht sein, überlegte Erich Wegner. „Ommo, sag mal, wie alt bist du eigentlich?“, fragte er ihn, während er seine frühere Schultasche aus der Ecke hervorholte und Schnitten und Thermosflasche auspackte.
Ommo blinzelte ihn listig an. Wenn es nach der Arbeitsleistung ginge, hätten sie ihn lange entlassen, dafür hätte Willi schon gesorgt. Aber es war nötig, dass man einen hatte, der die Drecksarbeiten erledigte.
„Worüm wullt du dat weeten?“, fragte er lauernd und kaute mit seinen braunen Zahnstümpfen auf einem Wurstbrot herum, auf das es aus seiner Nase tropfte. Er kam, ebenso wie Hannes Tammen, aus Ostfriesland, aus einem Dorf in der Nähe von Wiesmoor, wie Hannes mal erzählt hatte. Hochdeutsch hatten sie Ommo nicht einmal in der Schule beibringen können, wo er allerdings nicht weiter als bis zur dritten oder vierten Klasse gekommen war. Jetzt wohnte er bei seiner Oma.
„Der Ommo ist einunddreißig“, sagte Willi, der massig auf einem Klappstuhl neben der Tür thronte. „Kannst du ruhig zugeben, bist doch keine Filmdiva. Auch wenn du Scheiße im Kopf hast.“ Er trank wie üblich seine Flasche Bier.
Ommo grunzte verlegen vor sich hin und die anderen lachten.„Besser Scheiße im Kopf, als immer nur nackte Weiber und Fotzen“, meinte Hannes. Und die andern lachten sich halb tot.
Draußen hupte es ein paar Mal. Der Schnapswagen war da. Er kam fast jeden Tag und fand sie selbst im tiefsten Busch. Hauptsächlich verkaufte er Lebensmittel, Zigaretten, Obst und Milch.
Aber seinen besten Umsatz machte er mit Rum und mit Korn.
Erich Wegner holte sich Zigaretten und eine Tüte Milch. Von dem Wechselgeld gab er Hannes Tammen den Schnapsobolus, das waren heute, weil niemand einen besonderen Anlass hatte, fünfzig Pfennig.
Auch die anderen gaben Hannes Geld. Er kaufte davon eine Flasche Rumverschnitt, eine Flasche Korn und ein Pfund Würfelzucker, dazu noch eine Bildzeitung für einen Groschen. Nachdem er Schnaps und Zucker in einer Sitzbank verstaut hatte, begann Hannes Tammen die Zeitung zu studieren. Das machte er jeden Morgen. Nach seiner Meinung gehörte zu einem gebildeten Menschen, dass er Zeitung liest, das betonte er des Öfteren.
Die Blätter, in denen er gerade nicht las, gab er ab an andere.
„Halb zehn“, sagte Willi eine Minute vor halb zehn und erhob sich. „Es geht weiter!“
Die andern saßen fest auf ihrem Hintern, und Hannes las vor: „,Bäckergeselle vergewaltigt vierzehnjähriges Mädchen. Nachbarn fanden sie weinend vor der Wohnungstür.‘“
Willi riss ihm die Zeitung aus der Hand und brüllte: „Los, los, ihr Böcke, oder ich reiß euch den Schwanz ab!“
Sie gingen zurück, jeder in seinen Grabenabschnitt. Es war eindeutig, der Akkordsatz lag wieder einmal zu niedrig. Einige würden sogar weniger verdienen als nach Stundenlohn. So etwas war keine Seltenheit bei der Firma Mönkeberg. Aber Willi, bei dem sie sich schon ein paar Mal darüber beklagt hatten, berief sich immer auf den Ingenieur, der dazu das letzte Wort hatte.
Man müsste Willi einfach auffordern, mit ihnen zusammen zum Ingenieur zu gehen, wenn der das nächste Mal auf die Baustelle kam. Ein paar von ihnen könnten mit ihm sprechen, überlegte Erich Wegner. Bloß, wenn er so was in Gang brachte und die kriegten das spitz, würden sie ihn entlassen, das war sicher.
Besser, man hielt die Schnauze, dann hatte man seine Ruhe. Er spuckte in die Hände und machte weiter. Noch siebeneinhalb Stunden bis zum Feierabend. In seinem Kopf war ein dumpfes Gefühl. Sein Genick und der Rücken schmerzten. Seit einiger Zeit spürte er ständig ein Ziehen im Kreuz, manchmal heftige Stiche entlang der Wirbelsäule, auch wenn er nicht arbeitete. Die anderen meinten, das seien die Bandscheiben.
Das Zermürbende an dieser Arbeit war die Eintönigkeit, das dauernde Wühlen im Dreck, immer unter Druck, bis man nur noch Schaufel und Hacke war. Dabei schien die Zeit stehen zu bleiben. Wurde es dann endlich Abend, hatte man ein Gefühl, als sei alles Leben entwichen, als sei man leer gepumpt.
Hannes Tammen war mit der Schnapsflasche im Anmarsch. „Du fängst ja heute früh an!“, rief Erich Wegner ihm entgegen. „Ist doch schon halb elf“, brummte Hannes. „Gerade richtig bei der trockenen Luft heute.“ Er holte das Glas aus seiner Hosentasche und schenkte ein. „Ein Stück Zucker oder zwei?“, fragte er.
„Eins genügt.“ Erich Wegner kippte den Rum hinunter und hielt ihm das Glas ein zweites Mal hin. „Auf einem Bein kann man nicht stehen“, sagte er. „Alte Lebensweisheit.“ Das Glas war klebrig vom Zucker. Am Rand und am Boden hatten sich Speisereste abgesetzt. Er ekelte sich.
Hannes arbeitete zurzeit nicht im Akkord wie die anderen. Er machte die Ausschachtungen an einer Straße, die unterbohrt werden sollte. Außerdem war er für die Kompressoren zuständig. Dafür bekam er fünfzehn Pfennig mehr Stundenlohn als normal und verdiente damit fast ebensoviel wie die besten Akkordarbeiter, brauchte sich aber nicht so abzurackern.
„Auf dein Wohl“, sagte Erich Wegner und schüttelte sich. An die Sauferei aus diesen dreckigen Gemeinschaftsgläsern oder aus der Flasche würde er sich nie gewöhnen, und wenn er hundert Jahre im Tiefbau arbeiten müsste.
Der Schnaps machte die Arbeit ein bisschen erträglicher. Wenn man morgens anfing, blieb man den ganzen Tag über schön benebelt. Da schuftete man sich nicht so ab. Darauf, dass es nicht zuviel wurde, passte Willi schon auf. Abgesehen davon nahm er selber gern einen zur Brust.
Es ging wieder weiter. Die Brocken lagen derart ungünstig, dass die Grabenwände andauernd einfielen und dadurch die doppelte Menge Sand herausgeschaufelt werden musste. Erich Wegner merkte, wie ihm der Schweiß am Körper herunterlief. Er zog seine Joppe aus und hängte sie über einen Strauch. In zwanzig Jahren kannst du auf einige Kilometer Graben zurückblicken, dachte er bei sich. Grabenkilometer als Lebensinhalt. Und abends fernsehen. Und sonnabends Feuerwehrball oder Schützenfest oder Hochzeitsfeiern. Oder zur Abwechslung auch mal im Garten arbeiten. Bis man den Arsch zukniff.
© 2008 Horlemann
Alle Rechte vorbehalten
Überarbeitete Neuausgabe – Erstveröffentlichung 1978 Büchergilde Gutenberg, Satz und Umschlaggestaltung Verlag.
Bitte fordern Sie das Verlagsverzeichnis an, unter:
Horlemann Verlag, Postfach 1307, 53583 Bad Honnef,
Telefax 02224 5429, E-Mail: info (at) horlemann-verlag.de
www.horlemann.info
Online-Flyer Nr. 141 vom 09.04.2008
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Der Aufsteiger oder Ein Versuch zu leben
Von Wolfgang Bittner

1) Auf Maloche (Fortsetzung)
„Frühstück!“, brüllte Willi von hinten. Erich Wegner blickte auf die Uhr. Es war Punkt neun.
Die Baubude stand am Waldrand, umgeben von Ginsterbüschen, die jetzt grün wurden. Langsam gingen sie darauf zu, Arme und Beine schlenkernd, den Rücken streckend.
„Noch zwei Wochen, dann ist Wonnemonat“, sagte Willi grinsend.
Das Wort Wonnemonat erinnerte Erich Wegner an das Wort Wollust. Da musste es irgendeine geheime Gedankenverbindung geben. Wollust. Er konnte das Scheißwort nicht ausstehen. Dabei fiel ihm regelmäßig dieser blöde Spruch des Geschichtslehrers ein. Wenn sie einmal die Wollust überkäme, dann sollten sie sich stets vor Augen halten, dass jenes arme weibliche Wesen, also das Objekt ihrer Wollust, ebenso gut ihre Schwester oder gar ihre Mutter sein könnte. Dann verginge ihnen mit Sicherheit jegliche Wollust. Wenn er an seine Schwester oder an seine Mutter dachte, konnte er sich das gut vorstellen.
Willi war wieder einmal sehr leutselig. „Ist der Mai schön warm und trocken, kann man auch im Freien bocken“, verkündete er, und die meisten freuten sich. Der dachte immer nur ans Vögeln. Von morgens bis abends.
Eigentlich war die Baubude gar keine Bude, sondern ein Wagen, ähnlich einem großen Wohnwagen, nur nicht so komfortabel und für fünfzehn Mann natürlich viel zu eng. Aber man saß wenigstens im Warmen. Einen zweiten Wagen hinzustellen, hatte die Firma angeblich kein Geld. Die anderen hatten sich schon auf ihre Plätze gezwängt und genossen ihren eigenen Mief und den des Ölofens.
Es stank bestialisch. Ommo hatte wieder Öl daneben gegossen. Ommo kümmerte sich um den Kleinkram, um das, was sonst keiner machen wollte. Er war spindeldürr, mit dem Gesicht einer alten Frau. Wenn er lief, schien es, als müsse er jeden Moment die Beine durcheinander kriegen. Alle seine Bewegungen waren langsam und tattrig. Und hatte er aus der Schnapsflasche getrunken, musste man sich erst einmal sagen, dass Alkohol desinfiziert, bevor man sich zu einem Schluck überwinden konnte.
So alt kann der doch noch gar nicht sein, überlegte Erich Wegner. „Ommo, sag mal, wie alt bist du eigentlich?“, fragte er ihn, während er seine frühere Schultasche aus der Ecke hervorholte und Schnitten und Thermosflasche auspackte.
Ommo blinzelte ihn listig an. Wenn es nach der Arbeitsleistung ginge, hätten sie ihn lange entlassen, dafür hätte Willi schon gesorgt. Aber es war nötig, dass man einen hatte, der die Drecksarbeiten erledigte.
„Worüm wullt du dat weeten?“, fragte er lauernd und kaute mit seinen braunen Zahnstümpfen auf einem Wurstbrot herum, auf das es aus seiner Nase tropfte. Er kam, ebenso wie Hannes Tammen, aus Ostfriesland, aus einem Dorf in der Nähe von Wiesmoor, wie Hannes mal erzählt hatte. Hochdeutsch hatten sie Ommo nicht einmal in der Schule beibringen können, wo er allerdings nicht weiter als bis zur dritten oder vierten Klasse gekommen war. Jetzt wohnte er bei seiner Oma.
„Der Ommo ist einunddreißig“, sagte Willi, der massig auf einem Klappstuhl neben der Tür thronte. „Kannst du ruhig zugeben, bist doch keine Filmdiva. Auch wenn du Scheiße im Kopf hast.“ Er trank wie üblich seine Flasche Bier.
Ommo grunzte verlegen vor sich hin und die anderen lachten.„Besser Scheiße im Kopf, als immer nur nackte Weiber und Fotzen“, meinte Hannes. Und die andern lachten sich halb tot.
Draußen hupte es ein paar Mal. Der Schnapswagen war da. Er kam fast jeden Tag und fand sie selbst im tiefsten Busch. Hauptsächlich verkaufte er Lebensmittel, Zigaretten, Obst und Milch.
Aber seinen besten Umsatz machte er mit Rum und mit Korn.
Erich Wegner holte sich Zigaretten und eine Tüte Milch. Von dem Wechselgeld gab er Hannes Tammen den Schnapsobolus, das waren heute, weil niemand einen besonderen Anlass hatte, fünfzig Pfennig.
Auch die anderen gaben Hannes Geld. Er kaufte davon eine Flasche Rumverschnitt, eine Flasche Korn und ein Pfund Würfelzucker, dazu noch eine Bildzeitung für einen Groschen. Nachdem er Schnaps und Zucker in einer Sitzbank verstaut hatte, begann Hannes Tammen die Zeitung zu studieren. Das machte er jeden Morgen. Nach seiner Meinung gehörte zu einem gebildeten Menschen, dass er Zeitung liest, das betonte er des Öfteren.
Die Blätter, in denen er gerade nicht las, gab er ab an andere.
„Halb zehn“, sagte Willi eine Minute vor halb zehn und erhob sich. „Es geht weiter!“
Die andern saßen fest auf ihrem Hintern, und Hannes las vor: „,Bäckergeselle vergewaltigt vierzehnjähriges Mädchen. Nachbarn fanden sie weinend vor der Wohnungstür.‘“
Willi riss ihm die Zeitung aus der Hand und brüllte: „Los, los, ihr Böcke, oder ich reiß euch den Schwanz ab!“
Sie gingen zurück, jeder in seinen Grabenabschnitt. Es war eindeutig, der Akkordsatz lag wieder einmal zu niedrig. Einige würden sogar weniger verdienen als nach Stundenlohn. So etwas war keine Seltenheit bei der Firma Mönkeberg. Aber Willi, bei dem sie sich schon ein paar Mal darüber beklagt hatten, berief sich immer auf den Ingenieur, der dazu das letzte Wort hatte.
Man müsste Willi einfach auffordern, mit ihnen zusammen zum Ingenieur zu gehen, wenn der das nächste Mal auf die Baustelle kam. Ein paar von ihnen könnten mit ihm sprechen, überlegte Erich Wegner. Bloß, wenn er so was in Gang brachte und die kriegten das spitz, würden sie ihn entlassen, das war sicher.
Besser, man hielt die Schnauze, dann hatte man seine Ruhe. Er spuckte in die Hände und machte weiter. Noch siebeneinhalb Stunden bis zum Feierabend. In seinem Kopf war ein dumpfes Gefühl. Sein Genick und der Rücken schmerzten. Seit einiger Zeit spürte er ständig ein Ziehen im Kreuz, manchmal heftige Stiche entlang der Wirbelsäule, auch wenn er nicht arbeitete. Die anderen meinten, das seien die Bandscheiben.
Das Zermürbende an dieser Arbeit war die Eintönigkeit, das dauernde Wühlen im Dreck, immer unter Druck, bis man nur noch Schaufel und Hacke war. Dabei schien die Zeit stehen zu bleiben. Wurde es dann endlich Abend, hatte man ein Gefühl, als sei alles Leben entwichen, als sei man leer gepumpt.
Hannes Tammen war mit der Schnapsflasche im Anmarsch. „Du fängst ja heute früh an!“, rief Erich Wegner ihm entgegen. „Ist doch schon halb elf“, brummte Hannes. „Gerade richtig bei der trockenen Luft heute.“ Er holte das Glas aus seiner Hosentasche und schenkte ein. „Ein Stück Zucker oder zwei?“, fragte er.
„Eins genügt.“ Erich Wegner kippte den Rum hinunter und hielt ihm das Glas ein zweites Mal hin. „Auf einem Bein kann man nicht stehen“, sagte er. „Alte Lebensweisheit.“ Das Glas war klebrig vom Zucker. Am Rand und am Boden hatten sich Speisereste abgesetzt. Er ekelte sich.
Hannes arbeitete zurzeit nicht im Akkord wie die anderen. Er machte die Ausschachtungen an einer Straße, die unterbohrt werden sollte. Außerdem war er für die Kompressoren zuständig. Dafür bekam er fünfzehn Pfennig mehr Stundenlohn als normal und verdiente damit fast ebensoviel wie die besten Akkordarbeiter, brauchte sich aber nicht so abzurackern.
„Auf dein Wohl“, sagte Erich Wegner und schüttelte sich. An die Sauferei aus diesen dreckigen Gemeinschaftsgläsern oder aus der Flasche würde er sich nie gewöhnen, und wenn er hundert Jahre im Tiefbau arbeiten müsste.
Der Schnaps machte die Arbeit ein bisschen erträglicher. Wenn man morgens anfing, blieb man den ganzen Tag über schön benebelt. Da schuftete man sich nicht so ab. Darauf, dass es nicht zuviel wurde, passte Willi schon auf. Abgesehen davon nahm er selber gern einen zur Brust.
Es ging wieder weiter. Die Brocken lagen derart ungünstig, dass die Grabenwände andauernd einfielen und dadurch die doppelte Menge Sand herausgeschaufelt werden musste. Erich Wegner merkte, wie ihm der Schweiß am Körper herunterlief. Er zog seine Joppe aus und hängte sie über einen Strauch. In zwanzig Jahren kannst du auf einige Kilometer Graben zurückblicken, dachte er bei sich. Grabenkilometer als Lebensinhalt. Und abends fernsehen. Und sonnabends Feuerwehrball oder Schützenfest oder Hochzeitsfeiern. Oder zur Abwechslung auch mal im Garten arbeiten. Bis man den Arsch zukniff.
© 2008 Horlemann
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Überarbeitete Neuausgabe – Erstveröffentlichung 1978 Büchergilde Gutenberg, Satz und Umschlaggestaltung Verlag.
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Online-Flyer Nr. 141 vom 09.04.2008
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