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Aktueller Online-Flyer vom 09. Juni 2026  

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Literatur
Wolfgang Bittners Fortsetzungsroman – Folge 5
Der Aufsteiger oder Ein Versuch zu leben
Von Wolfgang Bittner

Der Protagonist Erich Wegner arbeitet nach Abschluss der Schule im Tiefbau, aber in ihm reift allmählich der Entschluss, seine Situation zu verändern. Er holt das Abitur nach, beginnt Jura zu studieren und absolviert erfolgreich eine akademische Laufbahn. Eine verheißungsvolle Zukunft scheint vor ihm zu liegen, doch seine Hoffnungen und Erwartungen erfüllen sich nicht; sie werden durchkreuzt von seinen Vorstellungen von einem humanen und selbstbestimmten Leben in einer sozialen Gesellschaft. Er überlegt, fortzugehen, neu anzufangen. Es bleibt die Frage, ob Wegner jemals eine echte Chance hatte.

der aufsteiger wolfgang bittner horlemann-verlag cover
                                                               
Außer bequem als Buch im Horlemann-Verlag können Sie exklusiv in der NRhZ die ü
berarbeitete Neuausgabe von Wolfgang Bittners 1978 erstmals erschienenen Roman „Der Aufsteiger oder Ein Versuch zu leben“ lesen – eine Rezension des Werks finden sie in der NRhZ 139: „Ein Roman über einen ‚Helden’ von unten, aus der Sicht von unten und deshalb wichtig für alle – und sogar mit nicht allzu viel Fantasie lässt sich auch der Roman auf heutige Verhältnisse übertragen.“, schreibt Rezensent und Buchhändler Uli Klinger über „Der Aufsteiger“.


   

3) Regenwetter, eine Schlägerei und Karin


Es regnete schon morgens in Strömen. Der Wind kam aus östlicher Richtung und fegte die Regenvorhänge über den nahen Flugplatz. Kaum hatten sie einen Fuß aus dem Auto gesetzt, waren sie klatschnass. Dennoch fingen sie um sieben Uhr an.

„Wenn das so bleibt“, trompetete Willi, „hau‘n wir um zehn innen Sack. Dann machen wir heute mal auf Schlechtwetter und hol'n uns das Geld vom Arbeitsamt.“ „Scheiße“, sagte Hannes Tammen mürrisch, „da bekommen wir knapp die Hälfte, und bis zehn müssen wir sowieso arbeiten, vorher spucken die kein Schlechtwettergeld aus.“ „Besser als gar nichts“, brummte Erich Wegner, nahm seine Arbeitsgeräte über die Schulter und trottete Willi hinterher. Vielleicht hellte es sich ja doch noch im Laufe der nächsten zwei, drei Stunden auf.

Ein Neuer war da, ein stämmiger Bursche, rothaarig, das Gesicht voller Sommersprossen, ungefähr zwanzig Jahre alt. Er hieß Hartmut Kolossa und war vom Lohnbüro eingestellt worden.
Willi unterhielt sich kurz mit ihm und gab ihm die Strecke direkt hinter Erich Wegner. Wenn er sich manchmal umsah, stellte er fest, dass Kolossa gut vorankam. Er war ohne Zweifel ein ausgezeichneter Arbeiter.

Aber Willi schien ihn nicht leiden zu können. Alle naselang kam er vorbei, um Maulaffen feilzuhalten, und andauernd hatte er irgendetwas an Kolossa auszusetzen. Doch der war die Ruhe selber. Heute ging es durch den Wald. Es gab nicht mehr so viele Steinbrocken, dafür mussten Baumwurzeln abgehackt werden.

Das Wasser lief den Axtstiel herunter. Erich Wegner erinnerte sich, wie er die Hände voller Blasen hatte, als er bei Mönkeberg anfing. Da hatten sie auch mit der Axt gearbeitet. Bereits am ersten Tag waren seine Handflächen abends eine einzige große Blase gewesen. Und am zweiten Tag war die Haut in Fetzen heruntergegangen.
Er hatte sich furchtbar geschämt, und die andern hatten sich totgelacht.

Dann hatte ihm Hannes Tammen geraten: „Da musst du draufpissen, dann bildet sich neue Haut durch die Säure.“ Zuerst dachte er, der wolle ihn verarschen. Aber dann half das tatsächlich und sogar sehr gut. „Altes Schäferrezept“, hatte Hannes gesagt. „Haben wir schon beim Arbeitsdienst gemacht.“ Und einen Tag später brachte er ihm Melkfett mit. „Was meinst du, was du davon für feine Hände kriegst?“, hatte er ihn gefrotzelt, und es war tatsächlich innerhalb zweier Tage besser geworden.

Als Willi endlich einmal wegging, kam Kolossa herüber. „Mieses Wetter heute“, sagte er, schob seinen Hut in die Stirn und steckte sich eine Zigarette an.
Erich Wegner lehnte sich auf seinen Spaten. „Bist du schon lange im Tiefbau?“, fragte er. „Seit zwei Jahren“, erwiderte Kolossa. „Hab nichts Besseres gefunden, nachdem ich bei Lehmann rausgeflogen bin.“ „Bei Lehmann hast du gearbeitet? Da war mein Alter früher auch mal, muss ja ‘ne Knochenmühle sein.“ Kolossa nickte. „Im Grunde ist es überall dasselbe“, meinte er, „die verdienen sich auf unsere Kosten eine goldene Nase, ob das nun der Lehmann mit seiner Maschinenfabrik ist oder der Mönkeberg mit seinem Bauunternehmen.“

Erich Wegner zuckte mit den Achseln. „Die sitzen immer am längeren Hebel. Da kann man eben nichts machen.“ Kolossa grinste vor sich hin. „Allein natürlich nicht.“ Er blickte ihn groß an. „Wie meinst du das?“ „Na, ganz einfach: Solidarisieren, Gewerkschaftsarbeit, eine bessere Sozialpolitik und so weiter. Ist doch klar, solange wir nicht organisiert sind und ein Teil von uns sogar noch CDU wählt, kann sich nichts ändern.“ „Was hast du eigentlich gegen die CDU?“, fragte er. „Bis jetzt sind wir doch ganz gut damit gefahren.“ „Aha“, amüsierte sich Kolossa, „du gehörst also auch zu den Leuten, die glauben, der Adenauer und der Ludwig Erhard hätten das deutsche Wirtschaftswunder selber gemacht. Und dass du hier im Akkord kaum mehr verdienst als nach Stundenlohn, der schon beschissen genug ist, scheint dich überhaupt nicht zu interessieren. Und dass der Sohn von dem Lehmann mit dreiundzwanzig seinen zweiten Porsche fährt, nachdem er den ersten zu Klump gefahren hat, dass mit diesen Starfightern da drüben ein paar Milliarden zum Teufel gehen, während sich die Salstädter wegen 300.000 Mark für einen neuen Kindergarten jetzt seit zwei Jahren die Köpfe heiß reden, das gibt dir wohl auch nicht zu denken, was? Und dass Leute, die etwas ändern wollen, zum Beispiel Kommunisten, ganz einfach eingelocht werden, das lässt dich wahrscheinlich völlig kalt.“

Erich Wegner ärgerte sich. „Mann, du bist vielleicht ein Spaßvogel“, knurrte er. „Wenn du wirklich den großen Durchblick hast, wie du sagst, dann kannst du ja gleich mal mit Willi über den Akkordsatz reden.“ „Worauf du dich verlassen kannst“, sagte Kolossa, nickte ihm zu und ging wieder an seine Arbeit.


Es regnete ununterbrochen, mal mehr, mal weniger. Im Graben sammelte sich das Wasser und die Grabenwände fielen ein, so dass sich knöcheltiefer Schlamm bildete, in dem die Gummistiefel stecken blieben. Und der Regen wollte nicht aufhören; er lief in den Kragen, drang durch die Nähte des Gummimantels, weichte den Hut auf. Erich Wegner schüttelte sich von Zeit zu Zeit wie ein nasser Hund. Doch Willi ließ weiterarbeiten.

Gegen halb neun hielt an der Straße ein Tieflader mit der Kabeltrommel.
Sie wog etliche Tonnen, das Kabel hatte 8 cm Durchmesser.
Willi rief alle zusammen, denn sie sollten beim Abladen helfen. Außerdem musste die Trommel an eine passende Stelle gerollt werden, was gar nicht so einfach war, weil der Regen den Boden aufgeweicht hatte.
Dann ging es wieder weiter im Dreck, jeder in seinem Grabenabschnitt.

Erich Wegner dachte daran, wie sie sich das letzte Mal beim Verlegen des Kabels abgerackert hatten, immer einer hinter dem anderen, und jeder hat ein paar Meter Kabel auf der Schulter und zieht, bis er nicht mehr kann, zuletzt geht es nur noch meterweise weiter mit hau ruck, hau ruck, hau ruck.

Und dann werden Schleifen gelegt, damit man nicht so viel hinter sich herziehen muss, und wenn die Schleifen gelegt sind, geht es vorne wieder weiter, den ganzen Tag lang oder sogar zwei Tage lang, bis das Kabel endlich abgerollt ist. Da weiß man abends, was man getan hat.

„Gelobt sei, was hart macht“, sagte er zu Hannes Tammen, der mit der Flasche ankam.
„Blut ist keine Buttermilch“, erwiderte Hannes und goss ihm ein. Diesmal gab es Rum, den er mit einem Stück Zucker auf einen Zug herunterkippte. „Was uns nicht umbringt, macht uns nur noch härter“, sagte er, sich schüttelnd.
„Hart wie Kruppstahl, zäh wie Leder, schnell wie ein Windhund: Das ist der deutsche Soldat“, antwortete Hannes.
„Wir werden siegen“, sagte er.
Und Hannes Tammen entgegnete: „Sieg heil!“ Hartmut Kolossa kam dazu. „Ihr seid mir ja schöne Faschisten“, meinte er spöttisch.

Doch damit kam er bei Hannes Tammen an den Falschen.
„Halt‘s Maul“, sagte er unwirsch, „verstehst du ja doch nichts von“, schenkte Kolossa aber trotzdem einen Schnaps ein.
„Warum meinst du das?“, fragte der.
„Bist du viel zu jung für“, sagte Hannes bissig. „Wir haben zwar beide in der Scheiße gelegen, aber ich an der Front und du in den Windeln.“ „Muss man denn von den Nazis verfolgt worden sein, um zu begreifen, dass Faschismus etwas Schlechtes ist?“, fragte Kolossa völlig unaufgeregt und trank seinen Schnaps. „Faschismus.“ Hannes Tammen kaute das Wort wie einen ungenießbaren Bissen. „Woher das kommt, kann ich mir schon denken. Alles solche Klugscheißer und Weltverbesserer. Aber da lass ich mich gar nicht erst drauf ein.“ Er nahm die Flasche und ging weiter zum nächsten.

„Ist er nun beleidigt?“, fragte Kolossa.
„Da ist er ein bisschen empfindlich“, antwortete Erich Wegner.
„Hannes war im Krieg bei der Waffen-SS.“ Kolossa pfiff durch die Zähne. „Ach so. Da lieg ich ja goldrichtig.“ „Der ist aber hundertprozentig in Ordnung“, sagte er und er zählte Kolossa, wie ihm die andern eine tote Maus ins Essen gepackt hatten und Hannes Tammen ihm das gesagt hatte, und dass er sonst seinen Eintopf gelöffelt hätte, bis er auf die tote Maus gestoßen wäre.

Willi tauchte auf und brüllte schon von weitem etwas von „faulen Säcken“ und „in den Arsch treten“.
„Mensch, mach dir bloß keinen Fleck ins Hemd!“, rief Hartmut Kolossa ihm entgegen. „Bei Akkord ist das ja wohl unsere Sache, wie viel wir am Tag verdienen wollen.“ „Ich glaub, mein Schwein pfeift!“, brüllte Willi. „Da ist dein Platz, wo du hingehörst!“ Er zeigte auf Kolossas Grabenabschnitt.

Der machte keinerlei Anstalten, sich in Bewegung zu setzen.
„Wo wir gerade dabei sind“, sagte er, „meinst du nicht auch, dass der Akkordsatz, den ihr hier festgesetzt habt, Beschiss ist?“ Als Willi merkte, dass sein Brüllen nichts half, wurde er äußerlich ganz ruhig. Aber man merkte ihm an, dass er innerlich kochte.

„Ich will dir mal was sagen“, schnaufte er. „Du bist jetzt gerade zwei Stunden in meiner Kolonne und fängst schon an, Stunk zu machen. Da hinten sind dein Spaten und deine Schaufel. Mach dich da rüber, oder es passiert was.“ „Du hast meine Frage noch nicht beantwortet“, sagte Kolossa.

Willi trat mit einem Schritt an ihn heran, packte ihn vorn bei der Jacke und zischte: „Jetzt hab ich genug! Ich lass mich doch von dir nicht hochnehmen, du halber Hahn!“ Erich Wegner wollte dazwischengehen, aber ehe er etwas tun konnte, hatte Kolossa Willi bereits einen Stoß vor die Brust gegeben, dass er ein paar Schritte zurücktaumelte und unglücklicherweise in den Graben fiel. Mit einer Behändigkeit, die man ihm gar nicht zugetraut hätte, war er sofort wieder auf den Beinen, griff sich die neben ihm stehende Axt und stürzte auf Kolossa zu, der plötzlich einen Spaten in der Hand hatte.

„Ihr spinnt wohl!“, schrie Erich Wegner. Gemeinsam mit Hannes Tammen, der von der anderen Seite angelaufen kam, packte er Willi bei den Armen. Aber der gebärdete sich wie ein Irrer.
„Den mach ich rund!“, keuchte er. „Ich schlag das Schwein tot!“ Nur mit Mühe gelang es ihnen, ihm die Axt zu entwinden.

Dann hatte er sich losgerissen und auf Kolossa gestürzt, der seinen Spaten wegwarf und ausweichen wollte. „Ich schlag mich nicht mit dir!“, schrie er. „Ich wollte mit dir reden, du Idiot!“ Doch Willi war schon heran und prügelte auf ihn los wie ein
Dreschflegel...

Lesen Sie die Fortsetzung in der kommenden Ausgabe der NRhZ!

© 2008 Horlemann
Alle Rechte vorbehalten
Überarbeitete Neuausgabe – Erstveröffentlichung 1978 Büchergilde Gutenberg, Satz und Umschlaggestaltung Verlag.
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Wolfgang Bittner, geboren 1941 in Gleiwitz, lebt als Schriftsteller in Köln. Er studierte Jura, Soziologie und Philosophie und promovierte 1972 zum Dr. jur. Bis 1974 ging er verschiedenen Tätigkeiten nach, u. a. als Fürsorgeangestellter, Verwaltungsbeamter und Rechtsanwalt. Ausgedehnte Reisen führten ihn nach Vorderasien, Mexiko und Kanada. Er hat mehr als 50 Bücher für Erwachsene, Jugendliche und Kinder geschrieben, darunter die Romane „Niemannsland“, „Narrengold“, „Flucht nach Kanada“, der „Erzählband das andere Leben" sowie das Sachbuch „Beruf: Schriftsteller“. www.wolfgangbittner.de

Online-Flyer Nr. 144  vom 30.04.2008

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