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Kultur und Wissen
Das ABC der Alternativen: „Subversion“
Die Kunst, sich zu befreien
Von Ana Esther Ceceña

„Da kann man nix dran machen...“, hört man oft, wenn man sich mit Freunden und Bekannten über den verschwundenen Sozialstaat, wachsenden Rassismus, den volksverdrossenen Politikklüngel oder über vorgebliche „Terroristenjagden“ unterhält, die auf dem hauseigenen Computer enden. Doch, man kann was dran machen, es gibt Alternativen, die 136 Autoren in einem Nachschlagewerk beschreiben. In den kommenden Ausgaben stellt die NRhZ einige vor, in dieser Folge stellt Ana Esther Ceceña die Kunst der Subversion vor.
Nach den Publikationen „ABC der Globalisierung“ (2005) und „ABC zum Neoliberalismus“ (2006) ist im Oktober 2007 das „ABC der Alternativen“ erschienen. Gesellschaftliche Alternativen sind denk- und machbar – so lautet der Grundtenor des „ABC der Alternativen“, das mit 126 Begriffen – von A wie Ästhetik des Widerstands bis Z wie Ziviler Ungehorsam – historische und aktuelle Projekte, Praxen und Forderungen aufzeigt und zur Diskussion stellt. Das Buch, an dem Autorinnen und Autoren aus einem breiten politischen Spektrum und in internationaler Kooperation mitgewirkt haben, ist eine ausdrückliche Entgegnung zur narkotisierenden Parole „There is no alternative“ des neoliberalen Zeitgeistes – die Redaktion.

„Subversion“

Subversion ist die Kunst, die vielfältigen politischen, sozialen, ökonomischen und kulturellen Grenzen zu sprengen. Dabei ist es wichtig, mit Meinungsverschiedenheiten umzugehen. Es ist eine Strategie, die vom „Kleinen“ her nach dem „Was tun?“ fragt, eine Strategie der eher geräuschlosen Praktiken, die unspektakulär, aber mit Standfestigkeit stattfinden.


Subversive Invasion der Clownsarmee im Kölner Hauptbahnhof
Quelle: media.de.indymedia.org

Die Subversion ist Teil eines horizontalen Denkens und sieht die Prozesse in einer langfristigen oder sogar unendlichen Perspektive. Das Ziel ist, die Gesellschaft zu transformieren, die bestehende Ordnung und die sozialen Organisationsformen aber nicht zu zerbrechen oder auf Konfrontationskurs zu gehen, sondern sie mit neuen Möglichkeiten zu modifizieren. Auf diese Weise wird gleichzeitig die Kontinuität in Frage gestellt, und es öffnet sich die Tür für etwas Neues.

Permanent die Macht aufbrechen
 
Subversion ist die Kunst, die vielfältigen politischen, sozialen, ökonomischen und kulturellen Grenzen zu sprengen. Dabei ist es wichtig, mit Meinungsverschiedenheiten umzugehen. Es ist eine Strategie, die vom „Kleinen“ her nach dem  „Was tun?“ fragt, eine Strategie der eher geräuschlosen Praktiken, die unspektakulär, aber mit Standfestigkeit stattfinden.Die Subversion ist Teil eines horizontalen Denkens und sieht die Prozesse in einer langfristigen oder sogar unendlichen Perspektive. Das Ziel ist, die Gesellschaft zu transformieren, die bestehende Ordnung und die sozialen Organisationsformen aber nicht zu zerbrechen oder auf Konfrontationskurs zu gehen, sondern sie mit neuen Möglichkeiten zu modifizieren. Auf diese Weise wird gleichzeitig die Kontinuität in Frage gestellt, und es öffnet sich die Tür für etwas Neues.

Die subversive Methode ist verbunden mit einer libertären Konzeption, die die Unterdrückung in ihrer ganzen Komplexität erkennt, ohne davon auszugehen, dass eine ihrer Dimensionen eine andere löst beziehungsweise ersetzt. Die Klassen- und Genderverhältnisse, die kulturelle Dimension oder die Frage der Hautfarbe, die im Mittelpunkt der Konstruktionen und Visionen der Welt aus der Sicht der Macht stehen, erzeugen nicht nur eine nachhaltige Dominanz, sondern auch eine Erklärung der Welt, ihrer Logiken und Unmöglichkeiten, die sich auf diese Dominanz und ihre Wahrnehmung bezieht. 

Deshalb ist es notwendig, alles subversiv zu betrachten: den Kolonialismus, den Machismus, den Kapitalismus, die Macht, die Realität und das Denken, um eine neue Gesellschaft zu konstruieren, eine andere Gesellschaft, die mehr an die Utopien heranreicht. Die Subversion ist eine permanente Methode, um die Macht aufzubrechen, sie ist ein Alarmruf gegen jede Form von Dominanz und Diskriminierung. Dafür muss sie sich in den Alltag als Lebenspraxis eingliedern.

Wenn die dominanten Beziehungen sich bis in den feinsten Äderchen der Gesellschaft fortsetzen, wie Foucault es nennt, ist das auch der Ort, an dem man subversiv sein muss. Wenn die Rassen-, die kulturelle, soziale oder Gender-Diskriminierung sich in den intimsten Winkeln der Gesellschaft ausdrücken und reproduzieren, dann ist es notwendig, auch in den intimsten Bereichen subversiv zu sein, um die Kräfte der Emanzipation zu entfesseln.

polizisten drücken demonstrant zu boden
Teilnehmer an Anti-Pro-Köln Demo wird kriminalisiert
Foto: H-D Hey, Arbeiterfotografie

Die Subversion als Methode kennt keine Grenzen und kann auch nicht sanftmütig sein. Der subversive Prozess, der die intimsten und einfachsten Bereiche der sozialen Beziehungen berührt, benötigt ein tiefgehendes Wissen der Konzepte, Ideologien und Materialien des dominanten Systems, um es zu de-konstruieren und seine Mechanismen zu demontieren: Mechanismen des Diffamierens der Unterschiedlichkeit, der Kriminalisierung, der Dissidenz, der Verdrängung der Untertöne, der Etablierung allgemeiner Gültigkeiten, sowohl materiell als auch symbolisch.

Die Kunst, sich zu befreien

Die Subversion überwindet die Uniformität, die Mono-Interpretationen, den Unilateralismus; die Subversion zeigt die Unregelmäßigkeiten auf, entlarvt die Diskrepanzen und die Anormalität der Normalität. Die Subversion will das aufzeigen, was die Macht verdecken will, um es so in die Freiheit zu entlassen. Der subversive Widerstand, der widersteht und ausharrt, der de-konstruiert und konstruiert, ist das Notfall-Terrain von neuen Gesellschaften, der Gesellschaft der Gesellschaften für die Diversität von Kulturen, Sichtweisen und Visionen auf die Welt, die unter dem Fachwerk der Macht wirken.

Die Subversion als Methode und als Lebenspraxis ist die Kraft, der Entsubjektivierung, mit der der Kapitalismus sich reproduziert und am Leben erhält, zu widerstehen, und sie ist auch gleichzeitig die konstante Neuentdeckung der sozialen Subjektivität. Subversiv Widerstand zu leisten, heißt, neue Inter-Subjektivitäten zu konstruieren, der neuen Gesellschaft Gestalt zu geben, nicht in einem großen Akt, sondern Tag für Tag. Subversiv zu sein, widerstehend sich zu verändern, die Dominanz zu entleeren, der Macht entgegenzustehen, die Wege des Un-Möglichen zu ebnen, die Wahrnehmungen zu verschieben, neue Fluchtmöglichkeiten zu schaffen, die Welt aus einem anderen Blickwinkel neu zu denken, mit einer anderen Logik... all das ist eine andere Art, den Weg zur Emanzipation wahrzunehmen, mit Bescheidenheit, mit Durchhaltevermögen und ohne Nachgiebigkeit.

rostock g8 g-8 g8-treffen demonstranten get up stand up
Stand up auf Stelzen beim G8-Gegengipfel in Rostock, 2007 
Foto: Christian Heinrici

Subversiv sein bedeutet, eine Zukunft zu denken, die unendlich, multidimensional, autonom, libertär ist; es heißt, eine Welt aufzubauen, in der alle Welten aufgehen, im Bewusstsein, dass diese Aufgabe niemals beendet sein wird. Subversiv sein ist eine Kunst, die Kunst, das Gewünschte und offensichtlich Unmögliche zu schaffen; es ist die Kunst, anders zu denken, mit anderen Regeln, auf anderen Wegen. Es ist die Kunst zu erfinden und sich zu befreien, sich loszulösen, es zu wagen, ein freies, mannigfaltiges, diverses, unverzagtes und vor allem lebendiges und selbstbestimmtes menschliches Wesen zu sein (als Individuum und als kollektives Wesen). (CH)

Übersetzung: Stefan Thimmel

Zum Weiterlesen
Brand, Ulrich/Ceceña, Ana Esther (Hrsg.) (1999): „Reflexionen einer Rebellion. Chiapas und ein anderes Politikverständnis“, Münster. Foucault, Michel (2004): Geschichte der Gouvernementalität, 2 Bände, Frankfurt/M.


abc der alternativen
                                                





„ABC der Alternativen“

Erschienen im VSA-Verlag,
HerausgeberInnen: Ulrich Brand,
Bettina Lösch und Stefan Thim-
mel in Kooperation mit dem
wissenschaftlichen Beirat von
Attac, der Rosa Luxemburg
Stiftung
und der taz
272 Seiten, 12 Euro
ISBN 978-3-89965-247-5

Online-Flyer Nr. 144  vom 30.04.2008

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