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Literatur
Wolfgang Bittners Fortsetzungroman – Folge 6
Der Aufsteiger oder Ein Versuch zu leben
Von Wolfgang Bittner

Der Protagonist Erich Wegner arbeitet nach Abschluss der Schule im Tiefbau, aber in ihm reift allmählich der Entschluss, seine Situation zu verändern. Er holt das Abitur nach, beginnt Jura zu studieren und absolviert erfolgreich eine akademische Laufbahn. Eine verheißungsvolle Zukunft scheint vor ihm zu liegen, doch seine Hoffnungen und Erwartungen erfüllen sich nicht; sie werden durchkreuzt von seinen Vorstellungen von einem humanen und selbstbestimmten Leben in einer sozialen Gesellschaft. Er überlegt, fortzugehen, neu anzufangen. Es bleibt die Frage, ob Wegner jemals eine echte Chance hatte.

der aufsteiger wolfgang bittner horlemann-verlag cover
                                                               
Außer bequem als Buch im Horlemann-Verlag können Sie exklusiv in der NRhZ die ü
berarbeitete Neuausgabe von Wolfgang Bittners 1978 erstmals erschienenen Roman „Der Aufsteiger oder Ein Versuch zu leben“ lesen – eine Rezension des Werks finden sie in der NRhZ 139: „Ein Roman über einen ‚Helden’ von unten, aus der Sicht von unten und deshalb wichtig für alle – und sogar mit nicht allzu viel Fantasie lässt sich auch der Roman auf heutige Verhältnisse übertragen.“, schreibt Rezensent und Buchhändler Uli Klinger über „Der Aufsteiger“.


   

3) Regenwetter, eine Schlägerei und Karin (Fortsetzung)


Kolossa war in Boxhaltung gegangen, als ob er in einem Ring stünde. Sich seinen Gegner mit der Linken vom Leibe haltend, holte er mit der Rechten weit aus, man konnte direkt sehen, wie sein rechter Oberkörper zurückging, und schlug voll zu. Die Umstehenden konnten den Schlag landen hören, der Willi auf das linke Auge traf. Er taumelte hin und her und saß auf einmal auf der Erde, mitten im Dreck. Diesmal hatte es den Anschein, als sei er auf seinen Meister gestoßen.

Die anderen waren herangelaufen und hatten einen Kreis um die beiden gebildet. In ihren Gesichtern stand eine Mischung aus Sensationslüsternheit, Schadenfreude und Ablehnung gegenüber dem Neuen.

Hannes Tammen kümmerte sich um Willi, dessen Augenbraue aufgeplatzt war und stark blutete. Sein Auge schwoll zusehends zu. Aber er gab immer noch keine Ruhe. Als er sein Blut auf Tammens Taschentuch sah, wurde er wieder hellwach. „Was steht ihr herum und gafft!“, heulte er. „Schlagt ihn doch zu Brei! Macht ihn fertig! Dreht ihn durch den Wolf! Ich übernehme die Verantwortung!“ Seine Stimme schnappte über.

„Nun mal langsam“, fauchte Hartmut Kolossa. „Wenn du hier weiter stänkerst, fängst du dir gleich noch eine ein.“ Die andern hatten einen Kreis um ihn gebildet. „Haut das Schwein zusammen!“, schrie Willi. „Ich schreib euch allen ‘ne Stunde mehr auf! Er hat angefangen, er hat mich geschlagen, der Hund!“ „So geht's ja nicht!“, rief Kolossa. „Die beiden hier haben genau gesehen, was los war!“ Er zeigte auf Erich Wegner und Hannes Tammen.

„Nichts hab ich gesehen, rein gar nichts“, sagte Tammen, der sich im Hintergrund hielt, während die anderen um Kolossa herumstanden.
„Ich glaub, der braucht mal ‘ne richtige Abreibung“, krächzte Schuster, und die meisten nickten zustimmend.
„Ihr habt wohl nicht alle beisammen!“, rief Kolossa erbost.
„Der Kerl fängt an, sich mit mir herumzuprügeln, weil ich den Akkordsatz zu niedrig finde, und ihr lasst euch hinterher noch aufhetzen!“ „Der lügt wie gedruckt!“, schrie Willi. „Lasst euch bloß nichts weismachen!“ Er hatte sich einen Knüppel gegriffen und stand dicht hinter Schuster, wagte sich aber nicht weiter.

„Das mit dem Akkord stimmt“, mischte sich Erich Wegner ein.
„Und dass er sich nicht schlagen wollte, stimmt auch.“ „Also, ich will damit nichts zu tun haben“, brummte Hannes Tammen. „Sollen die sich doch die Köpfe einschlagen, wenn sie wollen. Was geht mich das an?“ Er holte die Schnapsflasche, die er hinter einem Baum in Sicherheit gebracht hatte, und ging einfach weg.

Die meisten andern folgten ihm zögernd. Nur Schuster und ein paar Mann standen noch bei Willi. Er hielt in der einen Hand den Knüppel, mit der anderen Hand presste er ein Taschentuch auf sein Auge. „Eins ist ja wohl sicher, Kolossa“, sagte er mit vor Wut zitternder Stimme, „hier bist du die längste Zeit gewesen.“ „Das werden wir dann sehen“, erwiderte Kolossa unbeeindruckt.
„Ich bin in der Gewerkschaft.“ „Die nützt dir einen Scheißdreck“, zischte Willi.
Kolossa nickte. „Gut, du kannst es dir ja noch mal überlegen.
Sonst geht‘s vors Arbeitsgericht.“ Damit drehte er sich um und ging zu seinem Grabenabschnitt.

Erich Wegner musste sich eingestehen, dass Kolossa ihm imponierte.
So etwas hatte noch keiner gewagt. Was aber das Merkwürdigste war: Willi schien sich nicht im Klaren darüber zu sein, was er tun sollte.

Um zehn Uhr regnete es immer noch. Zwischendurch hagelte und schneite es. Da gab Willi endlich das Signal zum Aufhören.
Sie packten ihre Arbeitsgeräte zusammen und fuhren nach Hause.
Die Rückfahrt verlief schweigsam und ohne Zwischenfälle.
Willi saß ganz vorn und Kolossa ganz hinten. Kurz vor Salstädt sagte Hannes Tammen hinter vorgehaltener Hand, dass Kolossa ja eigentlich Recht hätte, der Akkordsatz sei ja wirklich zu niedrig.

Ein paar andere nickten, aber sie sagten nichts.
Als Erich Wegner in die Waschküche kam, roch er, dass es Grünkohl geben würde. „Prima“, freute er sich, nachdem er sich gewaschen und seine Mutter begrüßt hatte. „Das ist genau das Richtige bei dem Wetter heute.“ „Mit Kassler und Bregenwurst“, sagte seine Mutter. „So, wie du es am liebsten magst.“ Er setzte sich auf die Bank am Fenster und erzählte ihr, dass er sich als Verwaltungsangestellter bei der Kreisverwaltung beworben hatte. Sie konnte sich zuerst gar nicht fassen vor Überraschung, schlug die Hände vors Gesicht und setzte sich. „Das ist ja eine Neuigkeit“, sagte sie atemlos. „Als Verwaltungsangestellter.“ Dann fing sie sich aber rasch wieder und meinte: „Ich hab dir ja schon immer gesagt, du sollst dir etwas Besseres als diese Drecksarbeit suchen. In der Verwaltung, da weiß man wenigstens, was man hat.“ „Ich bin ja noch nicht eingestellt“, dämpfte er ihren Optimismus.

„Wer weiß, ob sie mich überhaupt nehmen.“ „Das klappt bestimmt“, meinte sie. „Pass auf, was ich sage. Ich hab ein gutes Gefühl dabei.“ Er winkte ab. „Aber erzähl nicht gleich wieder überall herum, dass ich mich da beworben habe. Davon wird erst gesprochen, wenn das klargegangen ist.“ Beleidigt erklärte sie ihm, dass sie noch nie etwas herumerzählt habe. Aber er ließ sich nicht weiter darauf ein, sondern verdrückte sich in die Waschküche, zog den Regenmantel über und ging mit dem Spaten in den Garten hinaus.

Es nieselte nur noch. Ein Acker musste umgegraben werden, damit Frühkartoffeln und Bohnen gepflanzt werden konnten. Der Garten war bereits im vergangenen Jahr angelegt worden, so dass die Erde locker war und das Umgraben leicht von der Hand ging. Ihm fiel wieder ein, wie sich sein Vater damals beim Finanzamt beworben hatte und wie sie dann doch den Schwager von dem stellvertretenden Amtsleiter einstellten, obwohl mündlich schon alles abgemacht gewesen war und sogar die Nachbarn schon Bescheid wussten. Die stecken alle unter einer Decke, dachte er bei sich. Denen kann man nur glauben, was man schwarz auf weiß hat. Und vollkommen sicher sein kann man erst, wenn alles gelaufen ist.

Nach einer halben Stunde hatte er die Nase voll, zumal sich sein Rücken wieder einmal bemerkbar machte. Die Wirbelsäule, das alte Leiden. Er zog sich trockene Sachen an und ging in die Stadt. Aber Salstädt hatte schon bei gutem Wetter kaum etwas zu bieten.

Die Straßen waren fast menschenleer, selbst auf der Hauptstraße traf man nur wenige Leute. Er ging am Kaufhof und an der Kirche vorbei in Richtung Marktplatz, auf dem gelegentlich noch Viehversteigerungen stattfanden und der erst vor kurzem gepflastert worden war. Auf der einen Seite des Platzes lagen das Kreishaus und das Amtsgericht, auf der anderen Seite befanden sich mehrere Gaststätten, das Salstädter Tageblatt und ein Kino.

Die alten Linden und Kastanienbäume hatten weichen müssen, weil man meinte, sie beeinträchtigten den städtischen Charakter. Der Wind fegte Regenschauer über den Platz und die dort abgestellten Autos.
Er guckte sich die Bilder in den Schaukästen des Kinos an.
Abends lief ein Western, den man sich vielleicht ansehen konnte.
Die harten Männer auf ihren Gäulen, den Colt am Gürtel; im Hintergrund die weite Prärie und rötliche Bergkegel. Nicht schlecht.

Ob Karin Lust hätte, mit ihm ins Kino zu gehen? Er überlegte, ob er sie einfach mal anrufen sollte. Aber irgendwie hatte er Angst zu telefonieren, weil er noch nie telefoniert hatte. Außerdem wusste man nicht, wer sich am anderen Ende der Leitung melden würde. Womöglich war das Karins Chef, wenn er bei ihr im Büro anrief. Oder zu Hause bekam er Doktor Möller an den Apparat, ihren Vater, da wüsste er schon gar nicht, was er sagen sollte.

Er überquerte die Hauptstraße. Das Café in der Bäckerei war leer, nur ein paar Frauen, die eingekauft hatten, gingen vorüber.
Er bog in eine der winkeligen Nebenstraßen ein und kam in die Gegend, wo Karin arbeitete. Der feine Nieselregen hing in der Luft wie Nebel. Das Kopfsteinpflaster glänzte vor Nässe, und die alten Häuser machten einen noch schäbigeren Eindruck als sonst.

Am Ende der Straße gab es zwei dreistöckige neue Häuser, eines mit Komfortwohnungen, das andere mit Büros. Sie gehörten beide Karins Chef. So unauffällig wie möglich schlenderte er auf der gegenüberliegenden Straßenseite vorbei. Doch von Karin war natürlich nichts zu sehen. Klar, sie musste ja arbeiten.

Langsam ging er zurück zur Hauptstraße.
Was sie bloß an mir findet, überlegte er. Noch dazu, wo ihr Alter Zahnarzt war. Wenn der wüsste, dass sie mit einem Hilfsarbeiter ging, würde er ihr das bestimmt verbieten. Andererseits kümmerte er sich nicht weiter um seine Tochter. Und eigentlich gingen sie ja noch nicht einmal richtig miteinander, wenigstens hatte er sie noch nie zu Hause abgeholt, sondern sie hatten sich immer nur mehr oder weniger zufällig getroffen.

Vor den Schaufenstern am Kaufhof blieb er stehen. Gartenmöbel, Schnaps und Sekt, Anzüge, Sommerkleider, eine ganze Batterie Fernseher. Er schlug die Kapuze seines Anoraks zurück und ging hinein. Es waren kaum Kunden da.

Er sah sich Portemonnaies an. Als die Verkäuferin kam, um ihm beim Aussuchen behilflich zu sein, ging er weiter. Es roch nach Leder und nach Seife. Socken, Handtaschen, Kosmetikartikel, Uhren, Papierwaren, Bücher. Am Bücherstand war niemand zu sehen. Er bummelte an den Regalen entlang, blätterte hier und da in einem Buch. Erich Kästner: Fabian. Die Geschichte eines Moralisten. Kästner, den kannte er aus der Schule. Das war doch so ein schweinisches Buch, das einer mal mitgebracht hatte und das sie unter der Bank nach interessanten Stellen durchgeblättert hatten. Und die Giesecke, ihre Deutschlehrerin, hatte sie dabei geschnappt und gesagt, solche unanständigen Bücher lese man nicht. Und in der Pause war sie mit dem Buch zum Rektor gegangen, und es hatte ein gewaltiges Donnerwetter gegeben.

Unauffällig blickte er sich um. Es war niemand in der Nähe.
Er griff mit der linken Hand nach einem anderen Buch und ließ den Fabian aus der rechten Hand in die Innentasche seines offenen Anoraks gleiten. Als er auf der Straße stand, wusste er nicht, wohin er gehen sollte. Bis zum Mittagessen hatte er noch eine Stunde Zeit. Die Erregung, die ihn beim Klauen des Buches erfasst hatte, ebbte allmählich wieder ab und machte einer tiefen Befriedigung Platz.

Wenn er außen an der Jacke entlangfuhr, konnte er das Buch durch den Stoff hindurch spüren. Jetzt gehörte es ihm. Er hatte es geschafft, sich das Buch zu besorgen. Zufrieden schlenderte er weiter.

Auf einmal befand er sich wieder in der Nähe von Karins Arbeitsstelle.
An einer Straßenecke blieb er stehen. Es war halb eins, um eins würde sie Mittagspause haben. Ob er solange warten sollte? Während er noch überlegte, sah er sie plötzlich mit einer Kollegmappe unter dem Arm auf die Straße treten und auf sich zukommen.
In der ersten Überraschung war er versucht, sich umzudrehen und wegzugehen. Aber dann ging er ihr entgegen, als käme er gerade zufällig dahergelaufen. Sie sah ihn schon von weitem, das merkte er. Und sie schien sich ehrlich zu freuen.

„Tag, Erich“, begrüßte sie ihn, „heute nicht bei der Arbeit?“ Sie trug einen hübschen buntkarierten Regenmantel mit einer Kappe aus dem gleichen Stoff, die gut zu ihrem dunklen Haar passte. Er fand, sie sah wunderschön aus, fast so wie die Filmschauspielerinnen in den Illustrierten. „Das Wetter ist zu mies“, erwiderte er und wusste nicht weiter, so befangen fühlte er sich. Sie gingen nebeneinander her. „Und was machst du so?“, fragte er schließlich. „Ich muss für den Chef zur Bank“, sagte sie wichtig. „Zwölftausend Mark wegbringen.“ Er versuchte sich zwölftausend Mark vorzustellen. In bar. Es klappte nicht. Zwölftausend Mark, das war ein abstrakter Begriff.

Lesen Sie die Fortsetzung in der kommenden Ausgabe der NRhZ!

© 2008 Horlemann
Alle Rechte vorbehalten
Überarbeitete Neuausgabe – Erstveröffentlichung 1978 Büchergilde Gutenberg, Satz und Umschlaggestaltung Verlag.
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Telefax 02224 5429, E-Mail: info (at) horlemann-verlag.de
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Wolfgang Bittner, geboren 1941 in Gleiwitz, lebt als Schriftsteller in Köln. Er studierte Jura, Soziologie und Philosophie und promovierte 1972 zum Dr. jur. Bis 1974 ging er verschiedenen Tätigkeiten nach, u. a. als Fürsorgeangestellter, Verwaltungsbeamter und Rechtsanwalt. Ausgedehnte Reisen führten ihn nach Vorderasien, Mexiko und Kanada. Er hat mehr als 50 Bücher für Erwachsene, Jugendliche und Kinder geschrieben, darunter die Romane „Niemannsland“, „Narrengold“, „Flucht nach Kanada“, der „Erzählband das andere Leben" sowie das Sachbuch „Beruf: Schriftsteller“. www.wolfgangbittner.de

Online-Flyer Nr. 145  vom 07.05.2008

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