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Literatur
Wolfgang Bittners Fortsetzungroman – Folge 7
Der Aufsteiger oder Ein Versuch zu leben
Von Wolfgang Bittner

Außer bequem als Buch im Horlemann-Verlag können Sie exklusiv in der NRhZ die überarbeitete Neuausgabe von Wolfgang Bittners 1978 erstmals erschienenen Roman „Der Aufsteiger oder Ein Versuch zu leben“ lesen – eine Rezension des Werks finden sie in der NRhZ 139: „Ein Roman über einen ‚Helden’ von unten, aus der Sicht von unten und deshalb wichtig für alle – und sogar mit nicht allzu viel Fantasie lässt sich auch der Roman auf heutige Verhältnisse übertragen.“, schreibt Rezensent und Buchhändler Uli Klinger über „Der Aufsteiger“.
3) Regenwetter, eine Schlägerei und Karin (Fortsetzung)
„Soviel Geld auf einem Haufen?“, staunte er. „Das kann ich mir gar nicht richtig vorstellen.“ Sie lachte.
„Dein Chef scheint ja ganz gut zu verdienen“, meinte er.
„Ja, ganz gut“, sagte sie in einem Ton, als sei sie am Umsatz beteiligt.
„Mit solchen Summen hab ich öfter zu tun. Das Geschäft floriert.“ Kein Wunder, dachte er. Wo jetzt überall gebaut wurde, konnte man sich an Grundstücken natürlich gesundstoßen. Die zwölftausend Mark gingen ihm nicht aus dem Sinn. „Sag mal“, fragte er sie, „kannst du mir das Geld nicht mal zeigen?“ „Warum nicht“, erwiderte sie. „Aber hier auf der Straße geht das schlecht.“ „Komm, lass uns da drüben auf den Lagerplatz gehen“, schlug er vor und fasste sie bei der Hand.
Sie gingen durch die offenstehende Einfahrt und kletterten über ein paar Balken, bis sie unter ein freitragendes Dach kamen, wo Holz zum Trocknen gelagert wurde. Karin öffnete den Reißverschluss ihrer Tasche, zog eine große schwarze Geldbörse hervor und klappte sie auf. Darin lagen zwei dicke Bündel mit blauen Hundertmarkscheinen und braunen Fünfzigmarkscheinen.
Das blaue Geldbündel nahm er heraus und sah es sich an, indem er es mit dem Daumen durchblätterte.
„Siebzig Scheine“, sagte Karin. „Macht siebentausend.“ „Mann“, seufzte er. „Da bleibt einem die Spucke weg.“ Karin tat das Geld zurück in die Börse und steckte sie ein. Sie hatten sich auf einen niedrigen Bretterstapel gesetzt. Er fasste sie um die Taille und zog sie an sich. Sie küssten sich. Ihr Regenmantel war nass und glitschig wie eine Fischhaut. Er knöpfte ihn auf und streichelte ihre Brüste. Sie lehnte sich an ihn. Ihre Finger spielten an seinem Gürtel. Als er ihr unter den Rock fassen wollte, stand sie auf und knöpfte den Mantel wieder zu. „Ich muss jetzt unbedingt zur Bank“, sagte sie. „Sonst machen die Mittagspause.“ Sie kehrten zurück auf die Straße. Karin strich sich den Mantel glatt. „Hoffentlich hat uns niemand gesehen“, meinte sie.
„Ach was“, beruhigte er sie, „bei dem Wetter ist niemand hier.“ Auf dem Weg zur Kreissparkasse erzählte Karin, wie viel Vertrauen ihr Chef, Herr Aschbrenner, zu ihr habe und wie wenig er von ihrer Kollegin hielt, obwohl die schon viel länger im Betrieb war. Kürzlich habe er sie sogar zu einer Viehauktion mitgenommen.
Und dann gehe es gerade um einige Grundstücke am Stadtrand, die sie günstig bekommen könnten, dazu müsse sie die Kaufverträge vorbereiten. Aber darüber dürfe sie eigentlich gar nicht mit ihm sprechen, weil das alles streng vertraulich sei.
Das müsse er für sich behalten, sonst gebe es Ärger, wenn Aschbrenner davon erführe. Er versprach ihr, dass er mit niemandem darüber reden würde. Als sie an der Sparkasse angekommen waren und noch kurz stehen blieben, raffte er sich endlich auf und fragte, ob er sie am Samstagabend abholen dürfe. Aber sie meinte, sie könnten sich ja wieder in der „Erholung“ treffen, sie würde auf jeden Fall kommen.
Immerhin, sie hatte zugesagt, dass sie kommen würde. Er sah ihr nach, wie sie die Stufen zum Eingang hinaufging. Sie trug Nylonstrümpfe und hochhackige Schuhe, die ihre gutgeformten Beine erst richtig zur Geltung brachten.
„Tolles Fahrgestell!“, hörte er eine Stimme hinter sich. Als er herumfuhr, stand da Hartmut Kolossa, eine Plastiktüte in der Hand, und grinste von einem Ohr zum anderen. „Gratuliere. Du scheinst die Puppe ja gut zu kennen.“ „Meine Freundin“, erwiderte er und wusste nicht, ob er sich freuen oder ärgern sollte.
Sie gingen ein Stück zusammen durch die Stadt. „Ich hab mir gerade etwas zu lesen geholt“, sagte Hartmut Kolossa. „Bei so einem Wetter ist das genau das Richtige.“ Er zog zwei Bücher aus seiner Plastiktüte: Durch die Wüste von Karl May und Wolfsblut von einem Autor namens Jack London. Die Bücher machten einen abgegriffenen Eindruck.
„Wo hast du denn die her?“, fragte er.
Kolossa zeigte auf einen Klebestreifen am Umschlag: „Stadtbücherei Salstädt“.
„Ich wusste gar nicht, dass wir so etwas haben“, staunte Erich Wegner.
„Die ist in der alten Volksschule, musst du mal hingehen“, meinte Kolossa. „Kannst dich auch beraten lassen, die sind da wirklich nett.“ Er musste jetzt in Richtung Neustadt, wo er wohnte. Sie gaben sich die Hand.
„Komm doch mal bei mir vorbei, wenn du Lust hast“, sagte Kolossa. Er nannte ihm die genaue Adresse. „Oder komm abends mal mit zum Sport“, fügte er hinzu. „Wir haben einen Arbeitersportverein gegründet und treffen uns jeden Dienstag- und Freitagabend in der neuen Turnhalle.“ „Kannst du daher so gut boxen?“, fragte Wegner.
Kolossa grinste. „Ist doch nicht der Rede wert“, meinte er. „So gut wie ich kannst du das auch lernen.“ Er tippte mit zwei Fingern an seine Mütze und ging mit wiegenden Schritten davon.
Als Erich Wegner nach Hause kam, waren seine Geschwister schon da. Das Essen stand auf dem Tisch, Grünkohl mit Kassler und Bregenwurst. Helga hatte es eilig, weil sie sich mit einer Freundin treffen wollte.
„Du wirst doch wohl noch Zeit zum Essen haben!“, schimpfte er.
„Ach, immer so ein Bauernfraß“, sagte sie naserümpfend, stand auf und verschwand im Flur.
„Du spinnst wohl!“, rief er ihr hinterher.
„Lass doch“, seufzte seine Mutter. „Lass sie doch gehen, sie ist ja sowieso zu pummelig.“ Er musste daran denken, wie oft es früher, als sein Vater noch lebte, beim Essen Theater gegeben hatte. Irgendetwas hatte er immer an ihm auszusetzen gehabt. Entweder man saß nicht gerade genug, oder man aß zu hastig oder kaute zu langsam, oder man hielt den Löffel nicht richtig; irgendetwas störte ihn immer.
Helga steckte den Kopf zur Tür herein: „Tschüs, ich geh jetzt!“ „Kriegst heute Abend was Gutes“, rief seine Mutter ihr hinterher.
„Tschüs, mein Kind!“ Tobias saß da wie ein geprügelter Hund. Er hatte eine Fünf im Deutschaufsatz geschrieben. Eigentlich war er in Deutsch gar nicht so schlecht, aber er kam mit der Grammatik nicht zurecht, das war sein Hauptproblem. Dazu hatte er, neben den Grammatikfehlern, acht Rechtschreibfehler und elf Zeichenfehler. „Deine Schrift ist miserabel“, stand unter seinem Aufsatz. „Du musst dich mehr zusammennehmen und vor allem die Zeichensetzung üben.“ Er war ganz geknickt. „Ich kann das Zeug pauken, soviel ich will“, jammerte er. „Damit komm ich einfach nicht klar.“ Erich Wegner machte eine wegwerfende Handbewegung. „Die paar Regeln, die es da gibt“, sagte er. „Wenn man die wirklich lernen will, dann lernt man die auch.“ „Ich kann predigen und predigen“, schimpfte Frau Wegner.
„Jeden Nachmittag ist er unterwegs, dann braucht man sich über solche Noten nicht zu wundern.“ Sie begann von einer Nachbarin zu erzählen, die sie beim Kaufmann getroffen hatte. Der übliche Tratsch. Erich Wegner hörte nur mit halbem Ohr zu. Er dachte an Karin und freute sich auf Samstagabend. Nach dem Essen las er Tobias‘ Aufsatz durch. Das Thema hieß: „Welche Art von Erlebnissen rechne ich zu dem besten Gewinn einer Wanderfahrt?“ Die schreiben immer noch über denselben Mist wie vor ein paar Jahren, dachte er. Alles so abstrakt und uninteressant, so fremd. Man lernt, damit man versetzt wird.
Tobias gefiel an Wanderfahrten am besten, dass er einmal rauskam aus Salstädt und etwas anderes sah. Das war ein Wort.
Das hätte er an seiner Stelle auch geschrieben. Obwohl er, genau wie Tobias, noch nie eine richtige Wanderfahrt gemacht hatte, sondern nur diese langweiligen Klassenfahrten in die nähere Umgebung.
„Was haben denn die Guten geschrieben?“, erkundigte er sich.
„Ach, die...“, überlegte Tobias angestrengt, „die haben was von ,Heimaterkenntnis‘ und ‚Vaterlandsliebe‘ geschrieben.“ Er druckste herum. „Vom Rauskommen hat aber auch einer geschrieben.
Von dem ‚herrlichen Gefühl der Freiheit‘ und so. Der hat ‘ne Zwei gekriegt.“
„Siehst du“, erklärte er ihm, „die haben das besser raus. Ich hab dir ja neulich schon gesagt, dass du in der Schule anders sprechen musst als zu Hause. Du hättest dir einfach etwas ausdenken sollen; zum Beispiel wie du mit deinem Vater und deinem Bruder durch die Lüneburger Heide geradelt bist, wie schön da die Vögel gesungen haben und wie gut dir die Kirchen, Rathäuser und Museen in Celle, Soltau und Lüneburg gefallen haben. Und dann hättest du schreiben sollen: ‚Sooft ich mich einer schönen Fahrt erinnere, steigt immer zuerst das herrliche Gefühl der Freiheit in mir auf.‘ So etwas wäre ein guter Satz für die Lehrerin gewesen.“ „Aber wir sind doch überhaupt nicht mit dem Fahrrad durch die Lüneburger Heide gefahren“, wandte Tobias ein.
„Herrje“, stöhnte er, „kapierst du denn das nicht? Du hättest genauso gut etwas über Wandern in Bayern oder Kühemelken in Ostfriesland schreiben können, Hauptsache, das kommt an.“ Tobias war nahe daran zu heulen. Er war zu weich für seine fünfzehn Jahre. „Die hat ihre ganz bestimmten Lieblinge“, beklagte er sich. „Und neulich hat sie gesagt, mehr als Briefträger wäre bei mir sowieso nicht drin, wenn ich so weitermachte.“ Erich Wegner dachte an Fräulein Giesecke, die inzwischen pensioniert war. Hatte sie ihm nicht prophezeit, er würde auf dem Bau landen, wenn er sich kein besseres Deutsch angewöhnte? Einmal hatte sie ihn auf einer Klassenfahrt fünf Kilometer zu Fuß laufen lassen, bloß weil er drei Minuten zu spät zum Bus gekommen war. Die wusste genau, mit wem sie so etwas machen konnte und dass sein Vater sich nicht mit ihr anlegen würde.
„Mach dir nichts draus“, sagte er besänftigend und klopfte seinem Bruder auf die Schulter. „Die meisten Lehrer haben sowieso einen Sprung in der Schüssel.“ Tobias ging hinauf in ihr gemeinsames Zimmer, um Schularbeiten zu machen. Seine Mutter ging in die Stadt. Er stellte den Fernseher an, aber es gab nur eine Oper und auf dem anderen Programm Berichte aus dem Bundestag. Das interessierte ihn nicht. Er holte sich das Buch von Hemingway, das Franz Kruse ihm gegeben hatte, setzte sich damit im Wohnzimmer in die Sofaecke und begann zu lesen: „Er lag der Länge nach auf dem braunen, nadelbedeckten Boden des Waldes, das Kinn auf die verschränkten Arme gestützt, und hoch über ihm wehte der Wind durch die Wipfel der Kiefern. Dort, wo er lag, ging es sanft bergab, aber ein Stück weiter unten wurde der Berghang steil, und er sah die geölte Straße, wie sie sich in schwärzlichen Windungen durch die Passenge schlängelte...“ Das ging also über den Spanischen Bürgerkrieg. Aber wer da gegen wen und warum kämpfte, blieb im Dunkeln.
Lesen Sie die Fortsetzung des Kapitels in der kommenden Ausgabe der NRhZ!
© 2008 Horlemann
Alle Rechte vorbehalten
Überarbeitete Neuausgabe – Erstveröffentlichung 1978 Büchergilde Gutenberg, Satz und Umschlaggestaltung Verlag.
Bitte fordern Sie das Verlagsverzeichnis an, unter:
Horlemann Verlag, Postfach 1307, 53583 Bad Honnef,
Telefax 02224 5429, E-Mail: info (at) horlemann-verlag.de
www.horlemann.info
Online-Flyer Nr. 146 vom 14.05.2008
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Der Aufsteiger oder Ein Versuch zu leben
Von Wolfgang Bittner

3) Regenwetter, eine Schlägerei und Karin (Fortsetzung)
„Soviel Geld auf einem Haufen?“, staunte er. „Das kann ich mir gar nicht richtig vorstellen.“ Sie lachte.
„Dein Chef scheint ja ganz gut zu verdienen“, meinte er.
„Ja, ganz gut“, sagte sie in einem Ton, als sei sie am Umsatz beteiligt.
„Mit solchen Summen hab ich öfter zu tun. Das Geschäft floriert.“ Kein Wunder, dachte er. Wo jetzt überall gebaut wurde, konnte man sich an Grundstücken natürlich gesundstoßen. Die zwölftausend Mark gingen ihm nicht aus dem Sinn. „Sag mal“, fragte er sie, „kannst du mir das Geld nicht mal zeigen?“ „Warum nicht“, erwiderte sie. „Aber hier auf der Straße geht das schlecht.“ „Komm, lass uns da drüben auf den Lagerplatz gehen“, schlug er vor und fasste sie bei der Hand.
Sie gingen durch die offenstehende Einfahrt und kletterten über ein paar Balken, bis sie unter ein freitragendes Dach kamen, wo Holz zum Trocknen gelagert wurde. Karin öffnete den Reißverschluss ihrer Tasche, zog eine große schwarze Geldbörse hervor und klappte sie auf. Darin lagen zwei dicke Bündel mit blauen Hundertmarkscheinen und braunen Fünfzigmarkscheinen.
Das blaue Geldbündel nahm er heraus und sah es sich an, indem er es mit dem Daumen durchblätterte.
„Siebzig Scheine“, sagte Karin. „Macht siebentausend.“ „Mann“, seufzte er. „Da bleibt einem die Spucke weg.“ Karin tat das Geld zurück in die Börse und steckte sie ein. Sie hatten sich auf einen niedrigen Bretterstapel gesetzt. Er fasste sie um die Taille und zog sie an sich. Sie küssten sich. Ihr Regenmantel war nass und glitschig wie eine Fischhaut. Er knöpfte ihn auf und streichelte ihre Brüste. Sie lehnte sich an ihn. Ihre Finger spielten an seinem Gürtel. Als er ihr unter den Rock fassen wollte, stand sie auf und knöpfte den Mantel wieder zu. „Ich muss jetzt unbedingt zur Bank“, sagte sie. „Sonst machen die Mittagspause.“ Sie kehrten zurück auf die Straße. Karin strich sich den Mantel glatt. „Hoffentlich hat uns niemand gesehen“, meinte sie.
„Ach was“, beruhigte er sie, „bei dem Wetter ist niemand hier.“ Auf dem Weg zur Kreissparkasse erzählte Karin, wie viel Vertrauen ihr Chef, Herr Aschbrenner, zu ihr habe und wie wenig er von ihrer Kollegin hielt, obwohl die schon viel länger im Betrieb war. Kürzlich habe er sie sogar zu einer Viehauktion mitgenommen.
Und dann gehe es gerade um einige Grundstücke am Stadtrand, die sie günstig bekommen könnten, dazu müsse sie die Kaufverträge vorbereiten. Aber darüber dürfe sie eigentlich gar nicht mit ihm sprechen, weil das alles streng vertraulich sei.
Das müsse er für sich behalten, sonst gebe es Ärger, wenn Aschbrenner davon erführe. Er versprach ihr, dass er mit niemandem darüber reden würde. Als sie an der Sparkasse angekommen waren und noch kurz stehen blieben, raffte er sich endlich auf und fragte, ob er sie am Samstagabend abholen dürfe. Aber sie meinte, sie könnten sich ja wieder in der „Erholung“ treffen, sie würde auf jeden Fall kommen.
Immerhin, sie hatte zugesagt, dass sie kommen würde. Er sah ihr nach, wie sie die Stufen zum Eingang hinaufging. Sie trug Nylonstrümpfe und hochhackige Schuhe, die ihre gutgeformten Beine erst richtig zur Geltung brachten.
„Tolles Fahrgestell!“, hörte er eine Stimme hinter sich. Als er herumfuhr, stand da Hartmut Kolossa, eine Plastiktüte in der Hand, und grinste von einem Ohr zum anderen. „Gratuliere. Du scheinst die Puppe ja gut zu kennen.“ „Meine Freundin“, erwiderte er und wusste nicht, ob er sich freuen oder ärgern sollte.
Sie gingen ein Stück zusammen durch die Stadt. „Ich hab mir gerade etwas zu lesen geholt“, sagte Hartmut Kolossa. „Bei so einem Wetter ist das genau das Richtige.“ Er zog zwei Bücher aus seiner Plastiktüte: Durch die Wüste von Karl May und Wolfsblut von einem Autor namens Jack London. Die Bücher machten einen abgegriffenen Eindruck.
„Wo hast du denn die her?“, fragte er.
Kolossa zeigte auf einen Klebestreifen am Umschlag: „Stadtbücherei Salstädt“.
„Ich wusste gar nicht, dass wir so etwas haben“, staunte Erich Wegner.
„Die ist in der alten Volksschule, musst du mal hingehen“, meinte Kolossa. „Kannst dich auch beraten lassen, die sind da wirklich nett.“ Er musste jetzt in Richtung Neustadt, wo er wohnte. Sie gaben sich die Hand.
„Komm doch mal bei mir vorbei, wenn du Lust hast“, sagte Kolossa. Er nannte ihm die genaue Adresse. „Oder komm abends mal mit zum Sport“, fügte er hinzu. „Wir haben einen Arbeitersportverein gegründet und treffen uns jeden Dienstag- und Freitagabend in der neuen Turnhalle.“ „Kannst du daher so gut boxen?“, fragte Wegner.
Kolossa grinste. „Ist doch nicht der Rede wert“, meinte er. „So gut wie ich kannst du das auch lernen.“ Er tippte mit zwei Fingern an seine Mütze und ging mit wiegenden Schritten davon.
Als Erich Wegner nach Hause kam, waren seine Geschwister schon da. Das Essen stand auf dem Tisch, Grünkohl mit Kassler und Bregenwurst. Helga hatte es eilig, weil sie sich mit einer Freundin treffen wollte.
„Du wirst doch wohl noch Zeit zum Essen haben!“, schimpfte er.
„Ach, immer so ein Bauernfraß“, sagte sie naserümpfend, stand auf und verschwand im Flur.
„Du spinnst wohl!“, rief er ihr hinterher.
„Lass doch“, seufzte seine Mutter. „Lass sie doch gehen, sie ist ja sowieso zu pummelig.“ Er musste daran denken, wie oft es früher, als sein Vater noch lebte, beim Essen Theater gegeben hatte. Irgendetwas hatte er immer an ihm auszusetzen gehabt. Entweder man saß nicht gerade genug, oder man aß zu hastig oder kaute zu langsam, oder man hielt den Löffel nicht richtig; irgendetwas störte ihn immer.
Helga steckte den Kopf zur Tür herein: „Tschüs, ich geh jetzt!“ „Kriegst heute Abend was Gutes“, rief seine Mutter ihr hinterher.
„Tschüs, mein Kind!“ Tobias saß da wie ein geprügelter Hund. Er hatte eine Fünf im Deutschaufsatz geschrieben. Eigentlich war er in Deutsch gar nicht so schlecht, aber er kam mit der Grammatik nicht zurecht, das war sein Hauptproblem. Dazu hatte er, neben den Grammatikfehlern, acht Rechtschreibfehler und elf Zeichenfehler. „Deine Schrift ist miserabel“, stand unter seinem Aufsatz. „Du musst dich mehr zusammennehmen und vor allem die Zeichensetzung üben.“ Er war ganz geknickt. „Ich kann das Zeug pauken, soviel ich will“, jammerte er. „Damit komm ich einfach nicht klar.“ Erich Wegner machte eine wegwerfende Handbewegung. „Die paar Regeln, die es da gibt“, sagte er. „Wenn man die wirklich lernen will, dann lernt man die auch.“ „Ich kann predigen und predigen“, schimpfte Frau Wegner.
„Jeden Nachmittag ist er unterwegs, dann braucht man sich über solche Noten nicht zu wundern.“ Sie begann von einer Nachbarin zu erzählen, die sie beim Kaufmann getroffen hatte. Der übliche Tratsch. Erich Wegner hörte nur mit halbem Ohr zu. Er dachte an Karin und freute sich auf Samstagabend. Nach dem Essen las er Tobias‘ Aufsatz durch. Das Thema hieß: „Welche Art von Erlebnissen rechne ich zu dem besten Gewinn einer Wanderfahrt?“ Die schreiben immer noch über denselben Mist wie vor ein paar Jahren, dachte er. Alles so abstrakt und uninteressant, so fremd. Man lernt, damit man versetzt wird.
Tobias gefiel an Wanderfahrten am besten, dass er einmal rauskam aus Salstädt und etwas anderes sah. Das war ein Wort.
Das hätte er an seiner Stelle auch geschrieben. Obwohl er, genau wie Tobias, noch nie eine richtige Wanderfahrt gemacht hatte, sondern nur diese langweiligen Klassenfahrten in die nähere Umgebung.
„Was haben denn die Guten geschrieben?“, erkundigte er sich.
„Ach, die...“, überlegte Tobias angestrengt, „die haben was von ,Heimaterkenntnis‘ und ‚Vaterlandsliebe‘ geschrieben.“ Er druckste herum. „Vom Rauskommen hat aber auch einer geschrieben.
Von dem ‚herrlichen Gefühl der Freiheit‘ und so. Der hat ‘ne Zwei gekriegt.“
„Siehst du“, erklärte er ihm, „die haben das besser raus. Ich hab dir ja neulich schon gesagt, dass du in der Schule anders sprechen musst als zu Hause. Du hättest dir einfach etwas ausdenken sollen; zum Beispiel wie du mit deinem Vater und deinem Bruder durch die Lüneburger Heide geradelt bist, wie schön da die Vögel gesungen haben und wie gut dir die Kirchen, Rathäuser und Museen in Celle, Soltau und Lüneburg gefallen haben. Und dann hättest du schreiben sollen: ‚Sooft ich mich einer schönen Fahrt erinnere, steigt immer zuerst das herrliche Gefühl der Freiheit in mir auf.‘ So etwas wäre ein guter Satz für die Lehrerin gewesen.“ „Aber wir sind doch überhaupt nicht mit dem Fahrrad durch die Lüneburger Heide gefahren“, wandte Tobias ein.
„Herrje“, stöhnte er, „kapierst du denn das nicht? Du hättest genauso gut etwas über Wandern in Bayern oder Kühemelken in Ostfriesland schreiben können, Hauptsache, das kommt an.“ Tobias war nahe daran zu heulen. Er war zu weich für seine fünfzehn Jahre. „Die hat ihre ganz bestimmten Lieblinge“, beklagte er sich. „Und neulich hat sie gesagt, mehr als Briefträger wäre bei mir sowieso nicht drin, wenn ich so weitermachte.“ Erich Wegner dachte an Fräulein Giesecke, die inzwischen pensioniert war. Hatte sie ihm nicht prophezeit, er würde auf dem Bau landen, wenn er sich kein besseres Deutsch angewöhnte? Einmal hatte sie ihn auf einer Klassenfahrt fünf Kilometer zu Fuß laufen lassen, bloß weil er drei Minuten zu spät zum Bus gekommen war. Die wusste genau, mit wem sie so etwas machen konnte und dass sein Vater sich nicht mit ihr anlegen würde.
„Mach dir nichts draus“, sagte er besänftigend und klopfte seinem Bruder auf die Schulter. „Die meisten Lehrer haben sowieso einen Sprung in der Schüssel.“ Tobias ging hinauf in ihr gemeinsames Zimmer, um Schularbeiten zu machen. Seine Mutter ging in die Stadt. Er stellte den Fernseher an, aber es gab nur eine Oper und auf dem anderen Programm Berichte aus dem Bundestag. Das interessierte ihn nicht. Er holte sich das Buch von Hemingway, das Franz Kruse ihm gegeben hatte, setzte sich damit im Wohnzimmer in die Sofaecke und begann zu lesen: „Er lag der Länge nach auf dem braunen, nadelbedeckten Boden des Waldes, das Kinn auf die verschränkten Arme gestützt, und hoch über ihm wehte der Wind durch die Wipfel der Kiefern. Dort, wo er lag, ging es sanft bergab, aber ein Stück weiter unten wurde der Berghang steil, und er sah die geölte Straße, wie sie sich in schwärzlichen Windungen durch die Passenge schlängelte...“ Das ging also über den Spanischen Bürgerkrieg. Aber wer da gegen wen und warum kämpfte, blieb im Dunkeln.
Lesen Sie die Fortsetzung des Kapitels in der kommenden Ausgabe der NRhZ!
© 2008 Horlemann
Alle Rechte vorbehalten
Überarbeitete Neuausgabe – Erstveröffentlichung 1978 Büchergilde Gutenberg, Satz und Umschlaggestaltung Verlag.
Bitte fordern Sie das Verlagsverzeichnis an, unter:
Horlemann Verlag, Postfach 1307, 53583 Bad Honnef,
Telefax 02224 5429, E-Mail: info (at) horlemann-verlag.de
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