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Literatur
Wolfgang Bittners Fortsetzungroman – Folge 8
Der Aufsteiger oder Ein Versuch zu leben
Von Wolfgang Bittner

Der Protagonist Erich Wegner arbeitet nach Abschluss der Schule im Tiefbau, aber in ihm reift allmählich der Entschluss, seine Situation zu verändern. Er holt das Abitur nach, beginnt Jura zu studieren und absolviert erfolgreich eine akademische Laufbahn. Eine verheißungsvolle Zukunft scheint vor ihm zu liegen, doch seine Hoffnungen und Erwartungen erfüllen sich nicht; sie werden durchkreuzt von seinen Vorstellungen von einem humanen und selbstbestimmten Leben in einer sozialen Gesellschaft. Er überlegt, fortzugehen, neu anzufangen. Es bleibt die Frage, ob Wegner jemals eine echte Chance hatte.

der aufsteiger wolfgang bittner horlemann-verlag cover
                                                               
Außer bequem als Buch im Horlemann-Verlag können Sie exklusiv in der NRhZ die ü
berarbeitete Neuausgabe von Wolfgang Bittners 1978 erstmals erschienenen Roman „Der Aufsteiger oder Ein Versuch zu leben“ lesen – eine Rezension des Werks finden sie in der NRhZ 139: „Ein Roman über einen ‚Helden’ von unten, aus der Sicht von unten und deshalb wichtig für alle – und sogar mit nicht allzu viel Fantasie lässt sich auch der Roman auf heutige Verhältnisse übertragen.“, schreibt Rezensent und Buchhändler Uli Klinger über „Der Aufsteiger“.


   

3) Regenwetter, eine Schlägerei und Karin (Fortsetzung)


Gegen sechs kam seine Mutter ganz aufgeregt aus der Stadt zurück. Sie hatte beim Metzger den Amtmann Keller getroffen, den Personalchef vom Landkreis. Sein Vater hatte sich sehr gut mit dem verstanden, sie waren im Krieg in derselben Kompanie gewesen. Und Herr Keller hatte gesagt, es würde etwas werden mit dieser Stelle in der Sozialabteilung, wahrscheinlich schon zum 1. Juni. Sie würden noch schreiben.

Erich Wegner musste daran denken, wie viel seinem Vater damals an einer Behördenstelle gelegen war, an einer sauberen Arbeit, geregeltem Einkommen bis zum fünfundsechzigsten Lebensjahr und ausreichender Rentenversorgung. „Ich bin lange genug arbeitslos gewesen“, hatte er gesagt. „Im öffentlichen Dienst hat man seine Sicherheit. Wer weiß denn, wie sich die Verhältnisse entwickeln.“ Der Gedanke daran, sich schon jetzt bis zum Pensionsalter festzulegen, war ihm unheimlich. Immer in Salstädt bleiben, hieß das, nie mehr rauskommen aus diesem Kaff. Er fühlte sich plötzlich eingeengt und bedrückt.

Aber seine Mutter war ganz glücklich. „Wie schön“, freute sie sich. „Dann brauchst du dich nicht mehr so zu quälen und bist endlich versorgt. Wie schön, mein Junge.“ Wenn er an seine Arbeit bei Mönkeberg dachte, musste er ihr Recht geben. So gesehen, war der Posten beim Landkreis ein unwahrscheinlicher Aufstieg.

Nach dem Abendessen ging er zu Jupp Hasselmann in die Gaststätte „Zum Blauen Engel“. Da war immer etwas los, da war man sozusagen am Pulsschlag des Lebens. Als er die Tür öffnete, kam ihm schon Boni Funke entgegen. „Mensch Erich, alter Junge“, krähte er, „dich hat man ja lange nicht mehr gesehen. Woll‘n wir einen auskickern?“ Sie stellten sich an den Kickerautomaten, und Boni fing an.

Er war mit ihm zusammen zur Schule gegangen. Jetzt arbeitete Boni beim Amtsgericht, und zwar als Justizassistent, das war die Eingangstufe im mittleren Beamtendienst. Und er hatte die Chance, es einmal bis zum Justizhauptsekretär zu bringen, wie sein Onkel, der auch beim Amtsgericht war und ihm die Stelle verschafft hatte. Ohne Beziehungen kam man an solche Posten sonst nur heran, wenn man überdurchschnittlich begabt war, was man aber von Boni Funke nicht gerade behaupten konnte.

Boni verlor und musste ein Bier ausgeben. Sie setzten sich an die Theke zu Jupp Hasselmann und unterhielten sich über alte Zeiten. Komisch, dachte Erich Wegner, da hat man in der Schule soviel Mieses erlebt und weiß zuletzt nur noch die spaßigen Dinge.

Vielleicht, weil man sich immer wieder darüber unterhält.
„Kannst du dich noch daran erinnern“, fragte er, „wie mich die Giesecke damals auf der Klassenfahrt hat laufen lassen, als ich drei Minuten zu spät zum Bus kam?“ „Ist das wichtig?“, fragte Boni.

„Ja“, antwortete er. „Ich hab mir vorgenommen, so was nicht zu vergessen.“ Boni lachte. Wahrscheinlich hielt er ihn für betrunken. „Du bist immer noch so verbissen“, spottete er. „Genau wie früher in der Schule.“ Verbissen? Warum eigentlich verbissen? Er wollte Boni danach fragen. Aber Jupp Hasselmann begann mal wieder Witze zu erzählen. Er war ein großer Witzeerzähler, das schätzten seine Gäste an ihm. Das Thema Fußball konnte sich erschöpfen, Jupp Hasselmanns Witzevorrat erschöpfte sich nie.

Kennst du den schon? Kommt eine Frau zum Arzt... Kennst du den schon? Der jungverheiratete Ehemann sitzt morgens beim Frühstück... Der Jude Levi liegt im Sterben... Kommt einer in den Puff... Weißt du, warum die Itaker so lange Arme haben? Weißt du, warum die Neger schwarz sind und die Chinesen gelb? Weiß du, warum die Germanen in der Regel rote Bärte hatten?... Erich Wegner kannte kaum Witze. Die er an einem Abend hörte, hatte er am nächsten Morgen schon wieder vergessen. Er saß dabei und hörte zu und lachte automatisch mit. Vielleicht habe ich ein zu schwaches Gedächtnis, überlegte er und kam sich ein bisschen blöde vor, weil ihm absolut kein einziger Witz einfallen wollte, während alle anderen mindestens einen wussten und Jupp Hasselmann hintereinander weg zwanzig oder dreißig erzählte.
Dabei stand er hinter der Theke und zapfte Bier, wie immer, seit er die Wirtschaft von seinem Vater übernommen hatte.

Ihm fiel ein, dass sein eigener Großvater auch Gastwirt gewesen war, damals in Oberschlesien. In der Heimat, wie seine Eltern immer gesagt hatten und seine Mutter jetzt noch sagte. In der Heimat war dies und jenes, da hat man das und das gemacht, wenn man noch zu Hause wäre, ja dann ... Er konnte sich an seinen Großvater nur noch ganz dunkel erinnern, an einen großen, lustigen Mann mit einer blanken Uhrkette, an der ein paar Münzen klimperten. Damals war er nicht älter als vier Jahre gewesen. Aber er hatte noch genau das Fenster im Gedächtnis, vor dem der Großvater oft mit ihm auf dem Arm gestanden hatte. Und auf der Straße waren hin und wieder Autos vorbeigefahren, oder es waren Leute vorbeigekommen, die freundlich grüßten.
Und manchmal hatten Sirenen geheult, sie hatten im Keller gesessen, und ganz in der Nähe waren Bomben eingeschlagen.

Dann waren eines Tages Soldaten gekommen, die hatten Maschinenpistolen in den Händen, und der Großvater hatte sich in einem Verschlag auf dem Boden verstecken müssen. Andauernd waren Männer gekommen, die alles in der Wohnung durchwühlten und mitnahmen, was ihnen gefiel, und an der Mutter und der Großmutter herumzerrten. Das war längere Zeit so gegangen, bis sie auf dem Dach eines Zuges aus der Stadt herausgefahren waren, zusammen mit Tausenden von anderen Flüchtlingen.

Der Zug war völlig überfüllt gewesen, und sie hatten sonst keinen Platz mehr bekommen. Sie hatten sich in Decken eingehüllt, weil es kalt war, und plötzlich musste der Zug halten, und ein paar Männer waren aufgesprungen, die hatten mit Pistolen und Messern herumgefuchtelt, ihre Koffer durchwühlt und die Uhr des Großvaters mit der blanken Uhrkette und den Münzen daran haben wollen. Aber der Großvater hatte sie nicht hergeben wollen. Da hatten sie ihn geschlagen und auf ihn eingestochen.
Fünf Messerstiche hatte er in der Brust, und am nächsten Morgen war er tot.

Neben ihm unterhielten sie sich jetzt über Fußball. Es ging hoch her. Vom Ansehen kannte er sie alle, die waren fast immer da, wenn man in den „Blauen Engel“ kam. Jupp Hasselmann war nicht nur ganz groß in Witzen, sondern er wusste auch immer die allerneuesten Fußballergebnisse. Im Hinterzimmer stand sogar ein Fernseher, so dass man die wichtigsten Spiele sehen konnte.

„Hast du schon gehört?“, fragte Boni. „Schalke 04 hat verloren.“ Erich Wegner tat erstaunt, obwohl er sich gar nicht für Fußball interessierte. Das war ihm zu langweilig. Er wusste nicht einmal, wie die Salstädter Erste am vergangenen Sonntag gespielt hatte oder auf welchem Tabellenplatz Hannover 96 gerade stand.

Dass sich die anderen deswegen in die Haare geraten konnten, war ihm unbegreiflich.
Boni erklärte ihm, wie es kam, dass Schalke 04 auf eigenem Platz verloren hatte. Dann schaltete er sich in den Streit um den Aufstieg oder Abstieg von Hannover 96 ein.

Am anderen Ende der Theke stritten sich auch welche. „Dieser Wehner und dieser Brandt, die sollen doch nach Moskau gehen, wo sie herkommen, diese Vaterlandsverräter!“, schrie einer. Und als ein anderer etwas dagegen sagte, wäre es fast zu einer Schlägerei gekommen, hätte sich nicht in letzter Sekunde Jupp Hasselmann persönlich eingeschaltet.

„Hier wird nicht von Politik gesprochen!“, brüllte er. „Das wisst ihr genau, dass ich das nicht leiden kann!“ Er zeigte mit ausgestrecktem Arm auf ein Schild über der Tür, worauf zu lesen stand: „Sup di vull und fret di dick und hol din Mul van Politik.“ „Man wird ja wohl noch seine Meinung sagen dürfen“, widersprach der SPD-Anhänger.
Doch Jupp fuhr ihn an: „Bei mir nicht! Die kannst du deinem Friseur erzählen! Entweder du hältst jetzt die Schnauze von solchen Sachen, oder du fliegst raus.“ Einer der Streithähne zahlte sein Bier und ging.

„Wo kämen wir denn da hin“, sagte Jupp Hasselmann und fing wieder an, Witze zu erzählen.
Ein Pärchen kam herein. Wie auf Kommando glotzten alle auf das Mädchen, das sich allerdings dabei recht wohl zu fühlen schien. Die Kleine war toll zurechtgemacht, mit superengem Pulli, toupiertem Haar, dunklem Lidstrich und langen Fliegenbeinwimpern.

Auf einer Wange hatte sie ein künstliches Muttermal.
Einer flüsterte: „Mädchen, die die Wimpern pinseln, fang‘n beim Pimpern an zu winseln.“ Die andern lachten.
„Kerl“, stöhnte Boni, „guck sich das einer an. Hat die vielleicht ein Euter.“ Er konnte sich von dem Anblick gar nicht mehr losreißen.
„Die möcht ich mal bürsten“, seufzte er, „könnt ich drum wetten, dass die scharf ist wie ein Rasiermesser. Was meinst du dazu, Jupp?“ Der beugte sich nur kurz vor und meinte grinsend: „Sei solide, bleib beim Handgetriebe“, worauf er sich sofort wieder seinem Zapfhahn zuwandte.


Lesen Sie in der kommenden Ausgabe „In der Verwaltung“, das vierte Kapitel des Romans in der NRhZ!

© 2008 Horlemann
Alle Rechte vorbehalten
Überarbeitete Neuausgabe – Erstveröffentlichung 1978 Büchergilde Gutenberg, Satz und Umschlaggestaltung Verlag.
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Telefax 02224 5429, E-Mail: info (at) horlemann-verlag.de
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Wolfgang Bittner, geboren 1941 in Gleiwitz, lebt als Schriftsteller in Köln. Er studierte Jura, Soziologie und Philosophie und promovierte 1972 zum Dr. jur. Bis 1974 ging er verschiedenen Tätigkeiten nach, u. a. als Fürsorgeangestellter, Verwaltungsbeamter und Rechtsanwalt. Ausgedehnte Reisen führten ihn nach Vorderasien, Mexiko und Kanada. Er hat mehr als 50 Bücher für Erwachsene, Jugendliche und Kinder geschrieben, darunter die Romane „Niemannsland“, „Narrengold“, „Flucht nach Kanada“, der „Erzählband das andere Leben" sowie das Sachbuch „Beruf: Schriftsteller“. www.wolfgangbittner.de

Online-Flyer Nr. 147  vom 21.05.2008

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