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Aktueller Online-Flyer vom 09. Juni 2026  

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Lokales
Aufklärung durch den China-Experten Ingo Nentwig in Köln – Teil II
Was viele über Tibet nicht wissen (sollen)
Von Hans-Detlev von Kirchbach

„Du bist Tibet“ oder: „Wir sind Dalai Lama“ – so könnte man die derzeitige neue Tibet-Welle werbeträchtig umschreiben. Lautstarke Empörung der Großpresse, Aufrufe zum Olympia-Boykott, Omnipräsenz des Dalai Lama - alles wirklich „Solidarität mit Tibet“, auf welcher Informationsgrundlage auch immer - oder nicht doch eher Anzeichen einer neuen Front gegen China als Hauptkonkurrenten des Westens auf der Weltmachtbühne des 21. Jahrhunderts? Wie dem auch sei - für den Chinaexperten Ingo Nentwig beruht ein Größtteil der „öffentlichen Meinung“ über Tibet auf Unkenntnis infolge Fehlinformation. Die versuchte der Experte auf Einladung des sozialistischen Bildungsvereins SALZ im Kölner Bürgerzentrum Stollwerck auszugleichen, nachdem ihm der Vorstand der „Alten Feuerwache“ diese Korrektur zuvor verboten hatte. - Die Redaktion.
Seinen eigenen Weg ist Tibet gewissermaßen stets gegangen, nur eben einen viel komplizierteren, als ihn sich manche in der westlichen Soliszene gerne träumen würden. Wer weiß schon - außer zum Beispiel Ingo Nentwig -, daß es unter den Tibetern etwa dreißig Sprachen - eigenständige Sprachen, nicht Dialekte - gibt, die untereinander weit unterschiedlicher sind, so der Referent, als “Deutsch und Dänisch”? Daß “die Tibeter” ihrerseits wiederum in unterschiedliche subethnische Gruppierungen zerfallen, die teils durch traditionell herzliche Animositäten miteinander verbunden sind? Und daß die meisten der vom Dalai Lama beanspruchten Tibeter außerhalb des eigentlichen Kerngebietes der autonomen Region Tibet leben? Oder daß es ein “selbstständiges” Staatsgebilde Tibet bestenfalls zur Zeit der 1. Chinesischen Republik gab, zwischen 1912 und 1949?

Kein unabhängiges Tibet anerkannt
 
Doch auch damals wurde ein unabhängiges Tibet von keinem Staat der Welt anerkannt. Diese Sicht zugrundegelegt, “marschierte” die “Volksbefreiungsarmee” Rotchinas nicht etwa in irgendein wehrloses Nachbarland ein, sondern stellte zur Zeit des auf den Höhepunkt zustrebenden Kalten Krieges auch im Sinne der chinesischen Territorialsicherheit die Souveränität über einen wichtigen Teil seines Staatsgebietes wieder her. Ansonsten, so Ingo Nentwig, hätte sich die VR China auch gleich freiwillig auflösen oder irgendwelche “imperialistischen Mächte” direkt auf den Himalaya einladen können.

Und was weiß sonst noch kaum jemand, der Nentwigs Vortrag nicht gehört hat? Zum Beispiel, daß die VR China die inneren Verhältnisse Tibets einschließlich Klosterfeudalismus und Leibeigenschaft immerhin bis 1959 überwiegend unangetastet ließ, daß es aber ein Kooperationsabkommen gab, 17-Punkte-Vertrag genannt, der erste Schritte der Veränderung einleitete. Oder daß sich selbst der noch junge Dalai Lama zunächst reformbereit zeigte. Ja, daß er keineswegs zu harten Verhandlungen nach Peking reiste, sondern vielmehr in seiner Eigenschaft als Mitglied und Vizepräsident des chinesischen Volkskongresses. Und daß ein gewisser Tenzin Gyatso als Ehrenpräsident der chinesisch-sowjetischen Freundschaftsgesellschaft amtierte. Und daß nämlicher Tenzin Gyatso, der Ozean der Weisheit, einige Huldigungsgedichte an den Großen Vorsitzenden Mao-tse-tung richtete.
 
Lobdichter für Mao-tse-tung
 
Vielleicht – aber hier ist selbst Ingo Nentwig auf Mutmaßungen angewiesen – wurde der Dalai Lama, 24 Jahre damals gerade alt, 1959 auch zum Spielball, zum Opfer der innertibetischen, reformfeindlichen – eben: “konterrevolutionären” – Kräfte, die gegen die chinesische Präsenz und die unvermeidlichen inneren Änderungen zu putschen versuchten; jedenfalls verließ der Dalai Lama, Vizepräsident des Volkskongresses und Lobdichter für Mao-tse-tung, danach sein Land und ging ins indische Exil. Ein Vorgang, der im Westen, sozusagen als Auftakt von 50 Jahren Fälschung und Propaganda, sogleich zu einer Art Volksaufstand der religiösen Tibeter gegen das bolschewistische Zwangsregime umdefiniert wurde.
 
Ingo Nentwig
Ingo Nentwig:
Tibeter wollen keine Separation von China
Foto: privat
Vieles aber von der teilweisen Sympathie, die sich die chinesische Regierung nicht zuletzt durch die endliche Abschaffung der Leibeigenschaft erwarb, verscherzte sie sich wiederum, spätestens durch barbarische Zerstörungsakte beispielsweise an religiösen Gebäuden zur Zeit der Kulturrevolution. Auch wenn westliche Schwarmgeisterei die Rolle, die Buddhismus und Lamaismus in Tibet zukam und zukommt, hemmungslos übertreibt, so unterschätzte nach Nentwig die KP Chinas – von den kulturrevolutionären Garden ganz zu schweigen – andererseits folgenschwer die reale Religiosität der Tibeter. So wechselte das Verhältnis zwischen der Pekinger Zentralgewalt und der Sonderregion Tibet in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder zwischen den Extremen – doch an der Zugehörigkeit Tibets zu China an sich, so der Referent, möchte auch die Mehrheit der Tibeter nichts ändern. Von den übrigen „tibetischen Siedlungsgebieten“ außerhalb des „autonomen“ (Kern-) Gebietes ganz zu schweigen. Dort würden sich, so Nentwigs Einschätzung „auch die vielen Millionen dort lebenden Muslime, Mongolen und Han-Chinesen massiv zur Wehr setzen“, wenn ihnen eine nationalistisch-großtibetische Separation aus dem chinesischen Staatsverband angedient oder gar aufgezwungen werden sollte.
 
Messner und Nentwig – Mediatorenteam für Tibet?
 
Mit Maximalforderungen „ethnischer“, erst recht nicht magisch-religiöser Provenienz ist nach Meinung des Experten kein „tibetischer Zukunftsstaat“ machbar. Doch dass sich viel ändern muß, daran lässt er keinen Zweifel zu. Vielleicht kommen Nentwigs Vorstellungen in etwa der Position eines anderen Tibet-Kenners nahe, der im Unterschied zu ihm allerdings ein – freilich nachdenklicher und differenzierter - Sympathisant des Dalai Lama ist.
Reinhold Messner
Reinhold Messner:
Südtirol als Zukunftsmodell?
Foto: Messner
Reinhold Messner jedenfalls ließ sich letzthin dahingehend vernehmen, die kultur- und regionalpolitische Teilautonomie Südtirols bei gleichzeitiger unstrittiger Zugehörigkeit zum italienischen Staatsverband könne vielleicht ein analoges Zukunftsmodell für Tibet sein.

Das klingt bei Nentwig sehr ähnlich: Kulturelle Autonomie, gebietsübergreifend auch eine gemeinsame Sprach- und Kulturpolitik für alle tibetischen Gebiete; aber auch eine ökonomische Entwicklung, die allen Gruppen gleichen Zugang zu Ein- und Auskommen ermöglichen muß. Der Sinologe ist sich aufgrund seiner vielen Kontakte und Gespräche sicher, daß solch ein Modell die Zustimmung der meisten Menschen finden würde, die heute in Tibet leben, unabhängig von "ethnischer" Herkunft oder Zugehörigkeit.
 
Separatismus wäre eine Katastrophe
 
Eine Volksabstimmung über den Status Tibets hält Nentwig zwar für ausgeschlossen. Forderungen nach “nationaler Selbstbestimmung” würde er im übrigen auch entgegentreten – eine separatistische Zersplitterung Chinas, einmal begonnen, würde nach Nentwigs Einschätzung eine überregionale Katastrophe einleiten, mit der verglichen der vom Westen mit geschürte kriegerische Zerfall Jugoslawiens nur ein schwacher Vorglanz sein könnte. Doch gut Zweidrittel der TibeterInnen würden, schätzt er, für einen Verbleib bei China stimmen. Damit wäre Staatszugehörigkeit gemeint und nicht unbedingt auch eine Zustimmung zum gegenwärtigen Pekinger Regime. Dessen fatale Synthese poststalinistischen Autoritarismus mit sozialdarwinistischem, so Nentwig, "nachholendem Turbo-Kapitalismus" findet aber nicht nur in Tibet Ablehnung. Immer wieder und zunehmend gibt es auch anderswo in der "Volksrepublik" Proteste und Streiks, die sich gegen unerträgliche Arbeitsbedingungen, gegen Ausbeutung und Mißachtung von Arbeitnehmerrechten wenden. Und wenn gerade im Zusammenhang mit Tibet so häufig von demokratischen Rechten die Rede ist, so befindet es Nentwig vor allem als Skandal, daß im angeblich sozialistischen China dem "Proletariat" sogar die Koalitionsfreiheit, also das Recht auf gewerkschaftliche Organisation, vorenthalten wird.
 
Soziales Desinteresse – Kehrseite des „spirituellen Tibet-Kultes“
 
In der Hinsicht freilich erlahmt die moralische Energie unserer gutbürgerlichen Kreise doch erheblich. Die veröffentlichte Meinung in Europa und namentlich in Deutschland interessiert sich jedenfalls vergleichsweise wenig für die banalen Nöte der restchinesischen Arbeitskulis, deren Niedrigst- und Hungerlöhne im übrigen auch die Geschäftsgrundlage für den "Billigheimer" und 1-Euro-Markt vor unserer eigenen Haustür darstellen. Solchen Niederungen zieht das schreibende und sendende Bildungsbürgertum die virtuell-halluzinante Dauerexpedition aufs projizierte "Dach der Welt" vor, phantasiert in gebetsmühlenhaften Medien-Mantras vom spirituell übersinnlichen Tibet. Sich für sozial gesicherte und menschenwürdige Arbeitsverhältnisse in einem Land einzusetzen, mit dem man einträglichen Handel betreibt, bringt wohl zu wenig Ertrag für den deutschen Gemütshaushalt. Statt dessen beschäftigt Deutschland exclusiv den farbenfroh kostümierten Herrn Tenzin Gyatso als Automatic-Schamanen, der auf Knopfdruck Instant-Orakel zu allen Fragen von Philosophie, Theoretischer Physik, Firmenleitung und Familienleben auswirft.
 
Nur höheren Bewußtsensebenen erschließt es sich freilich, was es eigentlich "seinen" TibeterInnen nützt, wenn er nun auch noch eine - nicht spirituell "eingegebene", sondern mit einem Betriebsberater ghostgewritete - Sprüchleinfibel für Manager herausgibt. Vielleicht möchte er aber auch gar nicht mehr auf dem „Dach der Welt“ residieren, sondern für den Rest seiner derzeitigen Inkarnation virtuell als Medienmessias auf der postmodernen Esoterikwolke thronen. Sei’s drum: Für Ingo Nentwig freilich ist klar, daß er ganz leibhaftig immer wieder dorthin zurückkehren wird, wohin sein Herz gehört – nach China, und nicht zuletzt aufs Dach der Welt, nach Tibet, Chinas Grenzregion zum Himmel. Die zunächst einmal ein würdiges Erdenleben für all ihre Bewohner bieten sollte, wünscht sich der rastlose Reisende. (PK)

Online-Flyer Nr. 148  vom 28.05.2008

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