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Literatur
Wolfgang Bittners Fortsetzungroman – Folge 10
Der Aufsteiger oder Ein Versuch zu leben
Von Wolfgang Bittner

Der Protagonist Erich Wegner arbeitet nach Abschluss der Schule im Tiefbau, aber in ihm reift allmählich der Entschluss, seine Situation zu verändern. Er holt das Abitur nach, beginnt Jura zu studieren und absolviert erfolgreich eine akademische Laufbahn. Eine verheißungsvolle Zukunft scheint vor ihm zu liegen, doch seine Hoffnungen und Erwartungen erfüllen sich nicht; sie werden durchkreuzt von seinen Vorstellungen von einem humanen und selbstbestimmten Leben in einer sozialen Gesellschaft. Er überlegt, fortzugehen, neu anzufangen. Es bleibt die Frage, ob Wegner jemals eine echte Chance hatte.

der aufsteiger wolfgang bittner horlemann-verlag cover
                                                               
Außer bequem als Buch im Horlemann-Verlag können Sie exklusiv in der NRhZ die ü
berarbeitete Neuausgabe von Wolfgang Bittners 1978 erstmals erschienenen Roman „Der Aufsteiger oder Ein Versuch zu leben“ lesen – eine Rezension des Werks finden sie in der NRhZ 139: „Ein Roman über einen ‚Helden’ von unten, aus der Sicht von unten und deshalb wichtig für alle – und sogar mit nicht allzu viel Fantasie lässt sich auch der Roman auf heutige Verhältnisse übertragen.“, schreibt Rezensent und Buchhändler Uli Klinger über „Der Aufsteiger“.


   

4)  In der Verwaltung (Fortsetzung)


„Heute Morgen war ein Schreiben von einem Bürgermeister im Eingang“, sagte der Abteilungsleiter. „Da soll einer schwarzarbeiten.“ Er ging um die Schreibtische herum und setzte sich auf den Schreibmaschinenstuhl.

Daraufhin nahm auch Wöhler wieder Platz. „Ich will mir morgen früh gleich mal die Frau und die Nachbarn vorknöpfen“, erwiderte er. „Bis jetzt war nur in Erfahrung zu bringen, dass der Mann morgens um sieben aus dem Haus geht und erst abends um sechs zurückkommt.“ „Gut“, sagte der Abteilungsleiter, „das ist ja an und für sich schon ein starkes Indiz. Aber Beweise wären schon besser.“ Sein Blick fiel auf die der Tür abgewandte Seite des Schreibtisches. Da hatte Erich Wegner ein Illustriertenfoto angeheftet: Eine Filmschauspielerin im Bikini, ein langbeiniges superblondes Wesen mit einem üppigen Busen. Das Bild hing so, dass man es nur sehen konnte, wenn man an der Schreibmaschine saß.

Der Abteilungsleiter erhob sich, worauf sich auch Wöhler erhob.
Seine Müdigkeit war wie verflogen.
„Wahrscheinlich gibt das wieder einen Rückzahlungsfall“, meinte der Abteilungsleiter. Er ging zur Tür. „Übrigens, Herr Wegner“, sagte er, die Türklinke schon in der Hand, „wir sind hier nicht im Bordell.“ Erich Wegner lief rot an. Ein Gefühl der Ohnmacht und zugleich der Wut stieg in ihm auf. „Wie meinen Sie das?“, fragte er, und der Kugelschreiber in seiner Hand begann auf einmal zu zittern.

„So, wie ich es gesagt habe“, erwiderte der Abteilungsleiter gereizt.
„Bis morgen ist das Ding da weg.“ Damit ging er hinaus.
So ein verdammter Scheißer, dachte Erich Wegner bei sich.
Der sitzt nicht ein paar Stunden jeden Tag hinter der Schreibmaschine, um Zahlenkolonnen zu tippen.

Wöhler feixte. „Passen Sie bloß auf, dass Sie es mit dem nicht verderben. Dann ist der Ofen aus.“ Er antworte Wöhler nicht. Amtmann müsste man sein, dachte er. Der Abteilungsleiter war noch jung, so Ende Dreißig, aber schon Amtmann. Er ließ die Lehrlinge vor der Tür des Sozialamtes Papier aufsammeln. Und er würde demnächst Oberamtmann werden, weil der Leiter der Hauptabteilung zum Amtsrat befördert werden sollte. Es gab da ganz bestimmte hierarchische Ordnungsprinzipien, die eingehalten werden mussten. Ob einer von diesen Typen überhaupt wusste, wer Hemingway war? Wöhler schob ihm eine Akte herüber. „Möglichst noch bis heute Nachmittag“, sagte er.

Die Akte lag bereits seit mehreren Wochen bei ihm auf dem Schreibtisch. Jetzt bestand die Gefahr einer Überzahlung. Erich Wegner setzte sich hinter die Schreibmaschine. Seine Arbeit bestand darin, den Bescheid, die Einstellungsverfügung an die Kreiskasse und den Berechnungsbogen abzutippen, die Wöhler mit der Hand vorgeschrieben hatte.

In der Zeit von eins bis halb drei war Mittagspause. Als Erich Wegner nach Hause kam, stand das Essen auf dem Tisch. Es gab gebratene Heringe. Tobias war schon da. Er stierte trübsinnig auf seinen Teller. Die Deutschlehrerin hatte ihm gesagt, dass seine Versetzung gefährdet sei, nachdem er wieder eine Fünf geschrieben hatte.

Als Helga in die Küche kam, verzog sie angeekelt das Gesicht.
„Wie es hier riecht“, maulte sie. „Heute Nachmittag weiß wieder jeder im Betrieb, dass wir zu Mittag Fisch gehabt haben.“ „Wir können ja nicht dir zuliebe jeden Tag Grießbrei essen“, fuhr Tobias sie an.

Frau Wegner stand auf und öffnete das Fenster. „Fisch riecht eben“, sagte sie. „Du kannst ja nachher ein bisschen in den Garten gehen und dich durchlüften.“ Helga erzählte, dass sie die Frau des Sparkassendirektors aufgekämmt hatte. Sie lernte seit vier Monaten Friseuse. Innerhalb dieser Zeit hatte sie sich völlig verändert. Mit ihrem toupierten Haar, den rotlackierten Fingernägeln, angemalten Lippen und dem dunklen Lidstrich sah sie aus wie eine Puppe. Und manchmal schien es, als ließe ihre Gehirntätigkeit zunehmend nach, was irgendwie mit ihrer Berufsausbildung und ihrem Umgang zusammenhängen musste. Jedenfalls gab es für sie keine anderen Gesprächsthemen mehr als Kleidung, Kosmetik und Männer.

Die Frau des Sparkassendirektors fahre zum Einkaufen immer nach Hannover, berichtete sie. Und sie wolle sich ihre Kleider in Zukunft auch nur noch in Hannover kaufen, da gäbe es viel elegantere Modelle als in Salstädt.
„Die kann ihr ganzes Geld für sich behalten, und ich bekomme zum Abschlussball nicht mal einen schwarzen Anzug“, beschwerte sich Tobias.
„Für Mädchen ist es viel wichtiger, dass sie nett aussehen“, sagte Frau Wegner.

„Sie kann sich ja eine Feder in den Hintern stecken“, knurrte Tobias, worauf Helga beleidigt zur Tür hinaustrippelte. Sie trug neuerdings nur noch hochhackige Schuhe.
„Pass auf, dass du dir nicht die Stelzen verbiegst!“, rief Erich ihr hinterher.

„Ach, mit euch unterhalte ich mich nicht, ihr seid mir viel zu dämlich“, schimpfte sie, und Frau Wegner pflichtete ihr bei: „Ihr seid wirklich unausstehlich!“ Bis halb drei war noch etwas Zeit. Erich Wegner schlenderte durch die Stadt zurück zur Behörde. Der alte Bockelmann kam ihm entgegen und grüßte freundlich. Der war jetzt bei der Müllabfuhr.

Aber nach dem Krieg hatte ihm draußen vor der Stadt eine Weide gehört, die er mittlerweile versoffen hatte.
Die Erinnerung wurde immer deutlicher. Wiesenschaumkraut und Butterblumen hatte er damals gepflückt, um sie seiner Mutter zum Muttertag zu schenken. Da war der Bockelmann angekommen, hatte ihm die Blumen aus der Hand gerissen und gebrüllt, auf seinem Land habe Flüchtlingspack nichts verloren.

Und dann hatte er ihm einen Tritt gegeben und ihm hinterhergeschrien: „Macht bloß, dass ihr wieder nach drieben kommt, verdammtes Polackengesindel!“ Auch einige andere Leute grüßten heute freundlicher als früher.
Es hatte sich offensichtlich herumgesprochen, dass er beim Landkreis beschäftigt war. Vielleicht würde man irgendwann einmal auf ihn angewiesen sein, wer konnte das wissen. In so einer Stadt von sechstausend Einwohnern war selbst ein kleiner Kreisangestellter schon jemand, mit dem man rechnen musste.

Erich Wegner ging mit auf den Rücken gelegten Händen quer über den Marktplatz. Diesen Arschlöchern werd ich es schon noch zeigen, dachte er bei sich. Womöglich konnte er später einmal die Verwaltungsprüfungen machen und dann Sekretär werden oder Inspektor oder sogar Abteilungsleiter. Das waren doch alles halbe Hähne, die da herumsaßen. Was die konnten, konnte er auch.

Um ein Haar wäre er vor der Tür dem Abteilungsleiter ins Auto gelaufen. „Sie träumen wohl am helllichten Tag!“, rief der zum Fenster heraus.
Er entschuldigte sich und sah zu, dass er hineinkam. Rasch sprang er die Treppen hinauf und setzte sich an den Schreibtisch.

Der Nachmittag verging mit dem Schreiben von Berechnungsbögen und Bewilligungsbescheiden. Im Grunde war es jeden Tag dieselbe Arbeit, nur die Namen und die Beträge änderten sich.
Wenn die Bescheide fertig waren, sah Wöhler sie nach und gab sie dann weiter an den Abteilungsleiter zur Unterschrift. Außer für Schreiben ohne finanzielle Bedeutung besaßen die Sachbearbeiter keine Zeichnungsbefugnis.

Wöhler begann bereits zwanzig Minuten vor sechs seinen Schreibtisch aufzuräumen. Dann ging er, in der einen Hand den Seifennapf, in der anderen das Handtuch, zum Händewaschen, was ungefähr fünf Minuten in Anspruch nahm. Anschließend wechselte er das Jackett, denn während der Dienstzeit trug er eine einfache Jacke aus besonders strapazierfähigem Stoff. Danach legte er die letzten zwei Aktenstapel beiseite, rückte seine Krawatte zurecht und wartete darauf, dass die Kirchturmuhr sechs schlug.

Währenddessen stand er am Fenster und ereiferte sich darüber, wer schon vorher das Haus verließ. So war es jeden Abend.

Lesen Sie in der kommenden Ausgabe, wie es für Erich Wegner „In der Verwaltung“ weitergeht!

© 2008 Horlemann
Alle Rechte vorbehalten
Überarbeitete Neuausgabe – Erstveröffentlichung 1978 Büchergilde Gutenberg, Satz und Umschlaggestaltung Verlag.
Bitte fordern Sie das Verlagsverzeichnis an, unter:
Horlemann Verlag, Postfach 1307, 53583 Bad Honnef,
Telefax 02224 5429, E-Mail: info (at) horlemann-verlag.de
www.horlemann.info


Wolfgang Bittner, geboren 1941 in Gleiwitz, lebt als Schriftsteller in Köln. Er studierte Jura, Soziologie und Philosophie und promovierte 1972 zum Dr. jur. Bis 1974 ging er verschiedenen Tätigkeiten nach, u. a. als Fürsorgeangestellter, Verwaltungsbeamter und Rechtsanwalt. Ausgedehnte Reisen führten ihn nach Vorderasien, Mexiko und Kanada. Er hat mehr als 50 Bücher für Erwachsene, Jugendliche und Kinder geschrieben, darunter die Romane „Niemannsland“, „Narrengold“, „Flucht nach Kanada“, der „Erzählband das andere Leben" sowie das Sachbuch „Beruf: Schriftsteller“. www.wolfgangbittner.de

Online-Flyer Nr. 149  vom 04.06.2008

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