NRhZ-Online - Neue Rheinische Zeitung - Logo
SUCHE
Suchergebnis anzeigen!
RESSORTS
SERVICE
Unabhängige Nachrichten, Berichte & Meinungen
Aktueller Online-Flyer vom 09. Juni 2026  

zurück  
Druckversion

Kultur und Wissen
Christoph Nix über ’68, über modernes und Affentheater in zwei Provinzstädten
Tabus und provinzieller Kleingeist
Von Christian Heinrici

Am 2. Juni las – präsentiert von der NRhZ – Christoph Nix aus seinem jüngst erschienenen 68er-Roman „Junge Hunde“ in der Buchhandlung Klinger in Bickendorf. Wo ist das denn, in der Provinz? Richtig, könnte man antworten: in Köln. Denn schon vor der gescheiterten Bewerbung der Stadt um den Titel der „Kulturhauptstadt Europas“, hatte das „entschiedene Ja-Nein“ der Kölner CDU-Politiker im Jahre 2004 bei Nix’ Bewerbung zum Kulturdezernenten den Glauben an metropole Kulturkompetenz schwer erschüttert.

christoph nix bei lesung in buchhandlung klinger, köln Foto: Christian Heinrici
Christoph Nix in der Buchhandlung     
Klinger | Foto: Christian Heinrici
„Sie sagen ja, und meinen nää und singen Humba-humba-humba-täterä“, hatte der Kabarettist Jürgen Becker einmal die Stadt Köln in einem Lied charakterisiert. Und so war es auch, als Christoph Nix sich im Jahre 2004 nach dem Tod von Marie Hüllenkremer auf die vakant gewordene Stelle des Kulturdezernenten der Stadt bewarb. Man sagte ihm zu und informierte die Presse. Dann kam das „Nä“, tief aus dem Sumpf „christlich-demokratischer“ Abgründe. Die CDU trug parteiinterne Streitigkeiten auf dem Rücken des Bewerbers aus, der vorher eine Rektorenstelle abgesagt hatte.


Das ist nun lange her, Christoph Nix wird mittlerweile als Intendant des Theater Konstanz gefeiert – nur Köln ist seitdem noch tiefer in den Sumpf kultureller Mittelmäßigkeit gesunken. In diese Kategorie gehörte Nix’ Lesung in der Buchhandlung Klinger sicher nicht. Unterhaltsam und ganz Theatermensch rezitierte der Autor aus „Junge Hunde“, einem sehr persönlichen Roman, der es aber neben leidenschaftlichem Bekenntnis zur Utopie der 68er Jahre, auch nicht an einem Schuss Ironie missen lässt. (Eine ausführliche Rezension lesen Sie in der NRhZ 148)

Christian Heinrici unterhielt sich nach der Lesung mit Christoph Nix – die Redaktion.

Herr Nix, Sie haben mit dem ’68er-Roman „Junge Hunde“ unlängst Ihren Erstlingsroman veröffentlicht. Warum gerade in diesem Jahr?

Christoph Nix Junge Hunde cover
„Junge Hunde“ erschienen
im Verlag DAS NEUE BERLIN      
Man könnte tatsächlich denken, es ist das Jahr 2008, und es sind vierzig Jahre nach ’68. Tatsächlich hatte ich aber schon seit zwei Jahren überlegt, einmal anders über das 68er-Thema zu schreiben – mit sozusagen einem naiven Blick aus der Provinz. Aber, dass der Roman jetzt erschienen ist, hing mit der Verlagspolitik zusammen. Die Lektorin wollte ihn jetzt haben, und mir hat es auch geholfen, fertig zu werden, damit ich nicht länger darauf sitzen bleibe. Also, es war von mir gar nicht so verkaufsstrategisch gedacht, wie es erscheinen könnte.

„Der naive Blick aus der Provinz“ – das ist sicher aber nicht der einzige Unterschied zu anderen 68er-Romanen...


Über den eigenen Roman zu sprechen, ist immer ein bisschen schwierig. Aber andere sagen, dass es auch ein liebevoller Blick auf diese Zeit sei. Ich beschreibe aus einem ganz anderen Blick als beispielsweise Götz Aly, der ja trotzdem ein Kind dieser Zeit ist. Ich habe, bezogen auf mein Denken, auf meine Energie und meine philosophische Auffassung diesem Aufbruch alles zu verdanken, was ich dann geworden bin. Und aus dieser Liebe heraus schreibe ich.

Stichwort Götz Aly: Wie wird Ihrer Meinung nach das Thema ’68 medial behandelt?

Zu Götz Aly habe ich meine sozusagen private psychologische Theorie: Schauen Sie, wenn ich ihm auch nichts falsches unterstellen möchte, ist es aber doch so, dass Götz Aly ein Kind dieser 68er-Zeit ist. Er hat nie historisch promoviert oder sich habilitiert, und dass jemand, der das nicht getan hat, dann ein anerkannter Historiker wird, hat er genau dieser Zeit zu verdanken. Also, was macht derjenige, der das als Defizit erleidet?! Er denunziert genau diesen Zustand – und das scheint mir sein psychologisches Motiv zu sein.

Er würde natürlich aufschreien, wenn man ihm das sagte – aber, noch einmal: Aly hat historische Verdienste, ohne jemals ein ordentlicher Historiker gewesen zu sein. Das wäre ohne ’68 gar nicht denkbar gewesen, und das will er vergessen machen. Deshalb denunziert er diese Zeit und kommt – wie ich finde – mit unzulänglichen Totalitarismus-Theorien daher und wird dort unfein, wo er doch den Anspruch hat, in der historischen Aufarbeitung fein zu sein.

Was sind Ihrer Meinung nach die Verdienste der 68er?

Ich finde es – wenn ich es mal so stilisieren darf – ideengeschichtlich die schönste Begegnung zwischen Psychoanalyse und Marxismus: Das eine als Versuch zu beschreiben, warum der Mensch dem Menschen kein Helfer, sondern ein Unterdrücker ist – aus marxianischer Sicht – und sich aus psychoanalytischer Sicht zu fragen: Warum verdrängen wir bestimmte Traumata? Warum haben wir die Nazizeit verdrängt? Warum tabuisieren wir bestimmte Bereiche?

Foto von Jens Hagen Kölner Uni 1968
„Enttabuisiert" – Nazi-Professor an Kölner Uni 1968 | Foto: Jens Hagen


Und ich glaube, die Enttabuisierung, also, dass Männer Männer lieben, Frauen Frauen lieben, dass Kinder nicht geschlagen werden dürfen, dass Kinder zarte, aber eigene Wesen sind und keine kleinen Erwachsenen, dass die Welt Zeit braucht, um zu einer freundlichen Welt zu werden, das sind Dinge gewesen, die ’68 tatsächlich enttabuisiert hat, indem man die Tabuthemen provokant zum Thema machte. In Bezug auf eine wirkliche politische Veränderung hat die Kraft nicht gereicht, wir sehen, dass heute Arm und Reich stärker auseinander gehen. Es hat eher eine kulturelle Revolution stattgefunden, aber leider keine ökonomische.

Wie schon gesagt, beschreibt „Junge Hunde“ 1968 mit dem Blick aus der Provinz – jetzt sitzen Sie 2008 wieder „in der Provinz“, und zwar in Konstanz, sind dort als Intendant verantwortlich für sehr engagiertes und modernes Theater. Wie wird das dort aufgenommen?


christoph nix liest in köln Foto: Christian Heinrici
Foto: Christian Heinrici                    
Das ist sozusagen eine Wiederholung. Die Metropole Köln hat mich ja vertrieben – jetzt muss man mal gucken, wie provinziell im Moment die Kulturpolitik der „Metropole“ ist... Wenn man eine Theaterauffassung wie ich und den Wunsch hat, an der Welt zumindest ein bisschen herumgebastelt zu haben, bevor man sie verlässt, dann hat man natürlich den Ehrgeiz, in so einer kleinen Stadt, das Theater umzustülpen, zu gucken, wo die Tabuthemen sind, ob man heute überhaupt noch provozieren kann...

Ich bin erstaunt – vielleicht ist es so, dass ich mir noch einmal neue Provokationen überlegen muss, oder ich werde zu alt – aber in Konstanz gibt es ein unglaublich gebildetes und liberales Publikum.

„Die Vertreibung aus Köln“ – das war ja eine Posse und ein Skandal, der die Kölner Kulturszene fast wieder in die tiefste Provinz zurückkatapultiert hat. Wie würden Sie die Vorfälle im Jahre 2004 aus Ihrer Sicht beschreiben, Herr Nix?


Ich habe im Grund genommen den Akteuren vertraut, also Barbara Moritz von den Grünen und Karl Jürgen Klipper von der CDU – habe auch bis heute den Eindruck, dass das ehrliche und integre Leute waren. Die haben sicherlich die Flügelkämpfe in der CDU, vor allem natürlich Herr Klipper, unterschätzt – was andere Fraktionen in der CDU im Schilde führten...

Bernd Streitberger Stadt Köln
Baudezernent Streitberger             
Foto: Stadt Köln

Aber, es gibt noch eine andere Verbindung: Der jetzige Baudezernent war schon in seiner Zeit in Kassel mehr als glücklos und provinziell – da war man froh, als er nach Köln ging. Der wollte natürlich einen wie mich nicht hier haben, denn ich wusste über seine Geschichte bescheid. Und die zweite Episode ist fast schon – ich würde schon sagen – „kleinkriminell“, denn genau dieser Baudezernent hat meinem Nachfolger, Herrn Bockelmann, der mich in Kassel völlig tabuisiert, sein Häuschen verkauft. Sie hatten direkte ökonomische Beziehungen, so dass es da wirklich um provinzielle Machtgeschichten ging – und natürlich passe ich auch nicht in ihr „Raster“.

Aber, eine Stadt, die Großstadt sein will, muss sich einen Kulturdezernenten nicht nur „erlauben“, der auch in Konfrontation zu den anderen steht... Ich bin ein Mensch, der schreibt, der Regie führt, der von Kunst was versteht – stattdessen holen sie sich lieber Bürokraten und Kleingeister, die dann Ruhe geben. Ich komme aus dem „Off-Theater“, ich komme sozusagen nicht nur aus der Provinz, sondern ich komme vom freien Theater. Mich interessiert die ganze Sozio-Kulturszene, und die hätte ich natürlich hier gestärkt – vor allem sowohl im Bereich der bildenden als auch im Bereich der Theaterkunst.

Und davon lebt Köln ja eigentlich. Natürlich muss man die Oper und das Schauspielhaus erhalten, aber Köln lebt vielmehr aus der Vielzahl... sagen wir, von den Restbeständen der Subkultur. Die hätte man stärken müssen. Aber, wenn die Subkultur radikal ist, stellt sie auch wieder die Politik in Frage, und da man das nicht wollte, ist es eben misslungen.

Da haben die Stadtoberen wohl gemerkt, dass der Wind aus einer ganz anderen Richtung wehen würde...

christoph nix firmiert seinen Roman Junge Hunde
Er polarisiert und hat offensichtlich Fans         
Foto: NRhZ
Es gibt ja auch wirklich große und liberale Geister in der CDU: Der hessische Kultusminister hatte sich hier in Köln für mich eingesetzt und gesagt: „Der Nix hat einen eigenen Weg, aber solange die Kasse bei ihm stimmt...“ Aber hier war der Kleingeist stärker. Was ich nicht genau einschätzen kann: Herr DuMont ist auch nicht gefragt worden, der will auch mitregieren. Also, es gibt eben dann doch wieder einen sehr vordemokratischen Zustand von patriarchialen Feudalstrukturen – was aber mit Demokratie und mit Stadtgeist wenig zu tun hat.

Jetzt blicke ich aus Konstanz recht zufrieden hier herüber, und nun muss eigentlich der Kollege, der das übernommen hat, der ja auch einmal Intendant war, Gesicht zeigen. Wenn er das nicht tut, bleibt es halt langweilig.

Herr Nix, vielen Dank für dieses Interview! (CH)

Weitere Informationen:
   
Theater Konstanz
   Buchhandlung Ulrich Klinger

Online-Flyer Nr. 149  vom 04.06.2008

Druckversion     



Startseite           nach oben

KÖLNER KLAGEMAUER


Für Frieden und Völkerverständigung
FILMCLIP
FOTOGALERIE