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Literatur
Zum Tod von Peter Rühmkorf und Vierviertel Ewigkeit
Von Trauer und Bestürzung
Von Hella Streicher

Wohl zum erstenmal begegnete mir sein Name, als ich 12 oder 13 war; denn damals hatt' ich gerade begonnen, mich für Bücher zu interessieren, alle sprachen vom Underground, alle sprachen von der APO, alle sprachen von Axel Springer, und genau in dieser Zeit erschien Rühmkorfs Groß-Essay „Über das Volksvermögen. Exkurse in den literarischen Untergrund.“ Ich fand das Cover toll; und ich fand es seltsam, daß da einer über Kinderreime schrieb. Doch ich war noch zu jung, um dafür, was ich gerade hinter mir gelassen hatte, ein Vermögen auszugeben.
Im Frühjahr 1973 aber, nachdem ich Arno Schmidt fürs erste hinter mir gelassen und damit angefangen hatte, die 60er Jahre zu reflektieren, kaufte ich mir für die Taschenbuchausgabe, 2 Mark 80 kostete sie; und es war nicht mein letztes Buch von Peter Rühmkorf, der inzwischen längst ein neues herausgebracht hatte: „Die Jahre die Ihr kennt. Anfälle und Erinnerungen – die frühe Retrospektive eines 68ers“; und bezeichnenderweise nicht präsent in all dem nun schon 1 Jahr währenden sogenannten Diskurs. Für knapp 3 Euro ist die Originalausgabe bei Amazon zu haben; das erstgenannte Buch sogar für nur 1 einzigen Cent.

Die Erstausgabe meines 3. Rühmkorf-Buchs wiederum ist etwas teuer; wer sie in seinen Besitz bringen will, muß schon mindestens 39 Cent investieren. Kein Wunder, daß die potentiellen Leser zögern; schließlich wird die Milch zum Müsli immer teurer, und politisch ist es ohnehin schon lange nicht mehr korrekt, ein Buch mit einem Umschlag zu kaufen, der von dem notorischen Säufer Horst Janssen gestaltet wurde und lauter ausgedrückte Kippen zeigt, aber nicht etwa, um den Betrachter abzuschrecken, wie die Beschriftung vermuten läßt: „Dafür 4/3 Ewigkeit – zum 25.10.77 yours Janssen.“
Nicht nur wegen dieser kolorierte Zeichnung wünsche ich Janssen 4/4 Ewigkeit in einem Himmel voller Raucher & Trinker; und nicht nur deshalb, weil ein solches Cover heute nicht mehr möglich wäre, sollte man sich das Buch kaufen, solange es in dieser Ausgabe noch legal zu haben ist. Denn Rühmkorfs Gedichte sind eben keine Lührik, sso wie man sie mit Recht verschmäht, sondern Rühmkorfs melancholisch-witziger Abgesang auf die 68er und deren schon damals unerträgliche Selbstgefälligkeit, die jedoch nur wenigen auffiel, weil die Hoffnung grünte.
Aber Rühmkorf notierte:
„Über den Gram wird gelacht.
Melancholie erleidet Verfolgung.
Bei meinen Feinden, zuweilen, finde ich Zuflucht vor meinen Genossen.“
Kein Wunder also, daß Rühmkorf sich mit leider zeitlosen Zeilen wie diesen nicht sonderlich beliebt machte; und kein Wunder auch, daß ich ihn gerade deshalb um so lieber las. Hier noch ein kleines Zitat aus dem Gedicht Ich butter meinen Toast von beiden Seiten:
„Ideen rauschen so ran und fliegen vorbei, es stehn
aber gar keine richtigen Menschen mehr dahinter,
nur noch Betriebstankwarte,
nur Petroleumschwengel.“

Selbstportrait von Peter Rühmkorf
„Haltbar bis Ende 1999“ heißt das Buch, dem sie entstammen; es erschien bereits im September 1979: ein Beweis dafür, daß mit dem passionierten Raucher Peter Rühmkorf, übrigens ein Freund von Walter Kempowski und wie dieser 1929 geboren, einer unserer wenigen wirklich bedeutenden Dichter war, weil ein Seismograph, der schon vor 30 Jahren wußte, was stets nur die wenigsten wahrhaben wollen:
„Der Optimismus, der über Leichen geht.“
Und deshalb auch werden all jene Politiker, die heute pflichtgemäß „Trauer und Bestürzung“ zeigen, schon morgen wieder zuversichtlich in die Kameras grinsen – wobei mir gerade einfällt, was ich heute las:
„Auch aus der Literaturszene kamen Worte der Trauer und der Anerkennung für den Lyriker.“
Ja, auch aus der Literaturszene. Stünde es nicht bei Spiegel online, würde ich es nicht für möglich halten. (CH)
Online-Flyer Nr. 150 vom 11.06.2008
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Literatur
Zum Tod von Peter Rühmkorf und Vierviertel Ewigkeit
Von Trauer und Bestürzung
Von Hella Streicher
Im Frühjahr 1973 aber, nachdem ich Arno Schmidt fürs erste hinter mir gelassen und damit angefangen hatte, die 60er Jahre zu reflektieren, kaufte ich mir für die Taschenbuchausgabe, 2 Mark 80 kostete sie; und es war nicht mein letztes Buch von Peter Rühmkorf, der inzwischen längst ein neues herausgebracht hatte: „Die Jahre die Ihr kennt. Anfälle und Erinnerungen – die frühe Retrospektive eines 68ers“; und bezeichnenderweise nicht präsent in all dem nun schon 1 Jahr währenden sogenannten Diskurs. Für knapp 3 Euro ist die Originalausgabe bei Amazon zu haben; das erstgenannte Buch sogar für nur 1 einzigen Cent.
Nicht nur wegen dieser kolorierte Zeichnung wünsche ich Janssen 4/4 Ewigkeit in einem Himmel voller Raucher & Trinker; und nicht nur deshalb, weil ein solches Cover heute nicht mehr möglich wäre, sollte man sich das Buch kaufen, solange es in dieser Ausgabe noch legal zu haben ist. Denn Rühmkorfs Gedichte sind eben keine Lührik, sso wie man sie mit Recht verschmäht, sondern Rühmkorfs melancholisch-witziger Abgesang auf die 68er und deren schon damals unerträgliche Selbstgefälligkeit, die jedoch nur wenigen auffiel, weil die Hoffnung grünte.
Aber Rühmkorf notierte:
„Über den Gram wird gelacht.
Melancholie erleidet Verfolgung.
Bei meinen Feinden, zuweilen, finde ich Zuflucht vor meinen Genossen.“
Kein Wunder also, daß Rühmkorf sich mit leider zeitlosen Zeilen wie diesen nicht sonderlich beliebt machte; und kein Wunder auch, daß ich ihn gerade deshalb um so lieber las. Hier noch ein kleines Zitat aus dem Gedicht Ich butter meinen Toast von beiden Seiten:
„Ideen rauschen so ran und fliegen vorbei, es stehn
aber gar keine richtigen Menschen mehr dahinter,
nur noch Betriebstankwarte,
nur Petroleumschwengel.“

Selbstportrait von Peter Rühmkorf
„Der Optimismus, der über Leichen geht.“
Und deshalb auch werden all jene Politiker, die heute pflichtgemäß „Trauer und Bestürzung“ zeigen, schon morgen wieder zuversichtlich in die Kameras grinsen – wobei mir gerade einfällt, was ich heute las:
„Auch aus der Literaturszene kamen Worte der Trauer und der Anerkennung für den Lyriker.“
Ja, auch aus der Literaturszene. Stünde es nicht bei Spiegel online, würde ich es nicht für möglich halten. (CH)
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