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Kultur und Wissen
La Papa Verde im Kölner Stadtgarten – Konzert und Vorstellung der neuen CD:
„Ich verstehen nicht kann“
Von Christian Heinrici
Das verwundert noch nicht so sehr, mussten wir doch seit Erscheinen von „Oficialmente I Legal“ geschlagene drei Jahre auf das neue Album warten. Und so hatte sich die Band Zeit genommen, am Repertoir zu feilen, in die Tiefe zu gehen, zu wachsen – auch in der Zusammensetzung: Mit Jonas Bareiter am Bass und Benedikt Hesse an den Drums sind zwei neue Leute dazugekommen, die den Sound zusätzlich bereichern. Doch trotzdem war es sowohl mutig als auch konsequent, im gesamten ersten Teil des Konzerts fast ausschließlich nur Stücke des neuen Albums zu spielen.

Josué Avalos, viele Texte tragen seine
Handschrift | Foto: Wolfgang Heisel
Das Publikum, mich eingeschlossen, fand das einfach nur gut. Das ist noch immer nicht verwunderlich, denn, was soll man schon anderes machen, als sich einfach von den lateinamerikanischen Rhythmen mitreißen zu lassen?! Aber, die Musik von La Papa Verde bietet erheblich mehr: Es sind die alles andere als oberflächlichen Texte, die hinzukommen – eingerahmt von einer explosiven Mischung aus Salsa, Rock, Ska, Punk, Reggae, Reggaeton, Rap, traditionellen lateinamerika- nischen und afrobrasilianischen Rhythmen. Fehlt noch was? Klar, die alles beherrschende Cumbia.
Und die kann dann auch schon einmal eine außergewöhnliche Partnerschaft eingehen, mit Funk, wie in „Cumbia Funky“ – eben Mestizo pur! Den finden wir auch in „Ich verstehen nicht kann“, dem Titelsong des neuen Albums: Der Song fängt auf der CD mit einem unverständlichen Blabla an, das illustriert, wie es sich für jemanden anhören muss, der sich in einer fremder Umgebung zurechtzufinden muss, einer Umgebung, die vielleicht fremd bleiben will:
„...Sie lassen dich klar fühlen,
Dass du nicht zuhause bist.
Jedes Recht, das du bekommst,
Zieht vierzig Verpflichtungen nach sich...“ [1]

Grüne Kartoffeln können auch giftig sein, Fernando Ugarte, Sänger und Texter von La Papa Verde | Foto: Christian Heinrici
Die Realität von Millionen Migranten in diesem Land kann man kaum klarer beschreiben und nachempfinden. Wer genau hinhört, kann übrigens Klaus den Geiger als Gastmusiker wahrnehmen. „Legalizame“ führt das Thema weiter, beschreibt die Situation vieler illegalisierter Einwanderer, den Kampf mit Bürokraten und Papieren und plädiert leidenschaftlich für die „Schein-Heirat“, mit einem herrlichen Wortspiel: „Quiero que tu seai el amor de mi visa“ anstatt des üblichen und oft schmalzigen „Amor de mi vida“. Leidenschaftlich, denn irgendwie fordert die mestiziöse Mischung aus Folk und Punk auch zum Mitschunkeln ein.
Absolute Hitqualitäten beweist „Yo sol y tu luna“, das so sanft beginnt, sich gegen Ende aber immer weiter steigert – mich persönlich rhythmisch an Stücke von den Violent Femmes erinnert – aber unverwechselbar ein Song von La Papa Verde ist. (Prädikat: unbedingt reinhören!) Wie ein Stück aus den besten Zeiten von Mano Negra klingt „La Morena“: Dichter Sound punkiger Bläser, mit stakkatoartigen, sarkastischen Versen, die es in sich haben – über das Reisen und das Nicht-Reisen-Können in einer globalisierten Welt.

Es geht rund: Aus dem CD-Cover von
„Ich verstehen nicht kann"
„Von Norden nach Süden para relajar (um zu relaxen)... von Süden nach Norden para trabajar (um zu malochen)“, heißt es auch in „Endlose Straße“, einer gemischtsprachlichen und -musikalischen Bearbeitung eines Wanderlieds der Edelweißpiraten. Schon in den vergangenen Jahren haben La Papa Verde Liedgut der einstigen antifaschistischen Widerstandkämpfer aufgearbeitet, neuvertont und neu interpretiert. Dementsprechend machte Sänger Fernando Ugarte auf dem Konzert auch Werbung für das alljährliche Edelweißpiratenfestival, das am 22. Juni im Friedenspark in der Kölner Südstadt stattfinden wird. Während man am Anfang der mit Ska-Rhythmen unterlegten „Endlosen Straße“ die Wandergitarren noch fast herauszuhören meint, kommt in der Entwicklung des Stücks wahrlich karibisches Feeling auf. Und durch die aktuellen Bezüge erhält die Sehnsucht der Edelweißpiraten nach der Ferne ganz neue Bedeutung: Exil und Flucht, tragisch aber berechtigt, damals wie heute.

Pablo Giw mit starken Bläsereinlagen | Foto: Wolfgang Heisel
Das neue Album von La Papa Verde enthält noch einige weitere Highlights, die hier aus Platzgründen nicht alle erwähnt werden können – darunter ein wunderschön melancholisch- musikalisches Bekenntnis eines Tellerwäschers, George W. Bush im O-Ton und die Frage, wo man das Herz sitzen hat, wenn man „mit dem Schmerz Geschäfte macht“ sowie einen hardcorepunkigen Bonustrack namens „Hartz IV“ – nichts anderes verdient das Asozialisierungsprogramm.
La Papa Verde gehören für mich zu den besten Bands, die man derzeit in Köln finden kann, und ich frage mich, wann der internationale Durchbruch kommt. Live allerdings sind sie kaum zu überbieten. Nach der Vorstellung der 14 Stücke umfassenden CD auf dem Konzert im Kölner Stadtgarten spielten sie einfach weiter: viele ihrer älteren und eingängigen Stücke, bis sie nach knapp zweieinhalb Stunden und unzähligen Zugaben, das Publikum und sich selbst nahezu in einen Rausch versetzt hatten.

Annette Kolschewski am „Acordeón“ | Foto: Wolfgang Heisel
Deshalb sei es jedem, der das Konzert am 6. Juni verpasst hat, dringend geraten, sich „Ich verstehen nicht kann“ bei einem gutsortierten Musikhändler oder per Bestellung nachträglich zu besorgen. Oder und noch besser natürlich, La Papa Verde live und in Farbe selbst zu er-leben. Denn alleine vor dem CD-Player zu tanzen führt auf Dauer in die Isolation, und es geht doch genau ums Gegenteil, oder?! (CH)
Weitere Infos und Tourdaten gibt es unter www.lapapaverde.de
oder in einem Interview in der NRhZ vom 05.09.2006
[1] Ich habe mich selbst an die freie Übersetzung gewagt.
Online-Flyer Nr. 150 vom 11.06.2008
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Kultur und Wissen
La Papa Verde im Kölner Stadtgarten – Konzert und Vorstellung der neuen CD:
„Ich verstehen nicht kann“
Von Christian Heinrici
Das verwundert noch nicht so sehr, mussten wir doch seit Erscheinen von „Oficialmente I Legal“ geschlagene drei Jahre auf das neue Album warten. Und so hatte sich die Band Zeit genommen, am Repertoir zu feilen, in die Tiefe zu gehen, zu wachsen – auch in der Zusammensetzung: Mit Jonas Bareiter am Bass und Benedikt Hesse an den Drums sind zwei neue Leute dazugekommen, die den Sound zusätzlich bereichern. Doch trotzdem war es sowohl mutig als auch konsequent, im gesamten ersten Teil des Konzerts fast ausschließlich nur Stücke des neuen Albums zu spielen.

Josué Avalos, viele Texte tragen seine
Handschrift | Foto: Wolfgang Heisel
Und die kann dann auch schon einmal eine außergewöhnliche Partnerschaft eingehen, mit Funk, wie in „Cumbia Funky“ – eben Mestizo pur! Den finden wir auch in „Ich verstehen nicht kann“, dem Titelsong des neuen Albums: Der Song fängt auf der CD mit einem unverständlichen Blabla an, das illustriert, wie es sich für jemanden anhören muss, der sich in einer fremder Umgebung zurechtzufinden muss, einer Umgebung, die vielleicht fremd bleiben will:
„...Sie lassen dich klar fühlen,
Dass du nicht zuhause bist.
Jedes Recht, das du bekommst,
Zieht vierzig Verpflichtungen nach sich...“ [1]

Grüne Kartoffeln können auch giftig sein, Fernando Ugarte, Sänger und Texter von La Papa Verde | Foto: Christian Heinrici
Die Realität von Millionen Migranten in diesem Land kann man kaum klarer beschreiben und nachempfinden. Wer genau hinhört, kann übrigens Klaus den Geiger als Gastmusiker wahrnehmen. „Legalizame“ führt das Thema weiter, beschreibt die Situation vieler illegalisierter Einwanderer, den Kampf mit Bürokraten und Papieren und plädiert leidenschaftlich für die „Schein-Heirat“, mit einem herrlichen Wortspiel: „Quiero que tu seai el amor de mi visa“ anstatt des üblichen und oft schmalzigen „Amor de mi vida“. Leidenschaftlich, denn irgendwie fordert die mestiziöse Mischung aus Folk und Punk auch zum Mitschunkeln ein.
Absolute Hitqualitäten beweist „Yo sol y tu luna“, das so sanft beginnt, sich gegen Ende aber immer weiter steigert – mich persönlich rhythmisch an Stücke von den Violent Femmes erinnert – aber unverwechselbar ein Song von La Papa Verde ist. (Prädikat: unbedingt reinhören!) Wie ein Stück aus den besten Zeiten von Mano Negra klingt „La Morena“: Dichter Sound punkiger Bläser, mit stakkatoartigen, sarkastischen Versen, die es in sich haben – über das Reisen und das Nicht-Reisen-Können in einer globalisierten Welt.

Es geht rund: Aus dem CD-Cover von
„Ich verstehen nicht kann"

Pablo Giw mit starken Bläsereinlagen | Foto: Wolfgang Heisel
Das neue Album von La Papa Verde enthält noch einige weitere Highlights, die hier aus Platzgründen nicht alle erwähnt werden können – darunter ein wunderschön melancholisch- musikalisches Bekenntnis eines Tellerwäschers, George W. Bush im O-Ton und die Frage, wo man das Herz sitzen hat, wenn man „mit dem Schmerz Geschäfte macht“ sowie einen hardcorepunkigen Bonustrack namens „Hartz IV“ – nichts anderes verdient das Asozialisierungsprogramm.
La Papa Verde gehören für mich zu den besten Bands, die man derzeit in Köln finden kann, und ich frage mich, wann der internationale Durchbruch kommt. Live allerdings sind sie kaum zu überbieten. Nach der Vorstellung der 14 Stücke umfassenden CD auf dem Konzert im Kölner Stadtgarten spielten sie einfach weiter: viele ihrer älteren und eingängigen Stücke, bis sie nach knapp zweieinhalb Stunden und unzähligen Zugaben, das Publikum und sich selbst nahezu in einen Rausch versetzt hatten.

Annette Kolschewski am „Acordeón“ | Foto: Wolfgang Heisel
Deshalb sei es jedem, der das Konzert am 6. Juni verpasst hat, dringend geraten, sich „Ich verstehen nicht kann“ bei einem gutsortierten Musikhändler oder per Bestellung nachträglich zu besorgen. Oder und noch besser natürlich, La Papa Verde live und in Farbe selbst zu er-leben. Denn alleine vor dem CD-Player zu tanzen führt auf Dauer in die Isolation, und es geht doch genau ums Gegenteil, oder?! (CH)
Weitere Infos und Tourdaten gibt es unter www.lapapaverde.de
oder in einem Interview in der NRhZ vom 05.09.2006
[1] Ich habe mich selbst an die freie Übersetzung gewagt.
Online-Flyer Nr. 150 vom 11.06.2008
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