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Kultur und Wissen
Zweiter Teil des Artikels zum 100. Geburtstag von
Salvador Allende
Von Tibor Zenker
Allende war nicht nur der erste sozialistische Präsident Chiles, sondern auch der erste Präsident der Welt, der als erklärter Marxist in einem kapitalistischen Land aus bürgerlich-demokratischen Wahlen als Sieger hervorgehen konnte. Und das Programm der UP war tatsächlich auf marxistischer Grundlage auf die sozialistische Revolution ausgerichtet.
Gegen Imperialismus und Oligarchie
Nicht richtig ist, dass die bloße „Revolution mit dem Stimmzettel“ vorgesehen war, denn so naiv war man auch nicht in der SP, geschweige denn in der KP. Vielmehr muss man den revolutionären Prozess, der 1970 in Chile initiiert wurde, in dieser ersten Etappe als eine antiimperialistische und antioligarchische sehen, als eine Etappe, die zunächst gegen den nordamerikanischen und westeuropäischen Imperialismus, gegen die einheimische Bourgeoisie und Landoligarchie gerichtet war.

Salvador Allende (ca. 1971) auf dem „Tag
der freiwilligen Arbeit“
Auf diese Weise sollten die politische Hegemonie und die ökonomische Verfügungsgewalt über die wichtigsten Produktionsmittel zu Ungunsten des Monopolkapitals grundlegend verändert werden, auf dass die Bedingungen des Kampfes um den Sozialismus optimiert werden. Auf dieser Basis wiederum waren Sozialreformen möglich, die der eigentumslosen Bevölkerung zugute kamen, was auch die gesellschaftliche Hegemonie zugunsten des revolutionären Projekts beeinflusste.
Äußerer Ausdruck dessen waren die Tatsachen, dass die UP bei den Kommunalwahlen 1971 sogar 49,7 Prozent der Stimmen erreichte, bei der Parlamentswahl im März 1973 beachtliche 43,9 Prozent. Die UP und ihre marxistischen Parteien hatten sich für die arbeitenden (und arbeitslosen) Massen Chiles als nützliche Kräfte zur vorläufigen Lösung vieler Probleme des täglichen Lebens erwiesen, aber auch als diejenigen Kräfte, die gewillt waren, die Probleme nachhaltig mittels eines nichtkapitalistischen, sozialistischen Entwicklungsweges zu lösen. Damit war die UP-Regierung unter Allende aber auch zu einer sehr ernsthaften Gefahr für die chilenische Bourgeoisie und den Großgrundbesitz, ebenso für das nordamerikanische und westeuropäische Monopolkapital geworden.
Das Programm der UP sah eine tiefgehende Landreform auf Kosten des oligarchischen Großgrundbesitzes vor, bereits 1970 wurden der Kohlebergbau und die Textilindustrie verstaatlicht, 1971 der Kupferbergbau und die Banken. Damit waren die Interessen der bis dahin dominierenden US-amerikanischen sowie einiger westeuropäischer Konzernen und Großbanken massiv gestört. Die kapitalistische „Freiheit“ der Profitmaximierung und Ausbeutung war durchbrochen.
Weg in den Sozialismus: mit Hindernissen
Daher setzten vor allem die USA zunächst auf eine Destabilisierungsstrategie. In ihrem Auftrag wurde der regierungstreue Oberbefehlshaber der chilenischen Armee, René Schneider, von der faschistischen Gruppierung „Patria y Libertad“ im Oktober 1970 entführt und ermordet. Daneben setzte der US-Imperialismus auf die Propagandaschiene und nutzte die privaten Medienkonzerne kräftig zu Verleumdungskampagnen gegen die Regierung der UP. Die finanzielle Unterstützung rechter und konterrevolutionärer Gruppen, die für Terror und Sabotage sorgen sollten, blieb natürlich auch nicht aus.
Ab 1971 wurde seitens der USA und 14 weiterer imperialistischer Staaten damit begonnen, Chile ökonomisch zu erdrosseln, was über wirtschaftliche Boykottmaßnahmen geschehen sollte. Am 29. Juni 1973 kam es zu einem ersten Putschversuch, der aber nur von einem kleinen Teil der Armee getragen wurde und daher niedergeschlagen werden konnte. Ein Resultat dieses Putschversuches war jedoch auch, dass im August desselben Jahres Augusto Pinochet, als vermeintlich regierungstreuer General, neuer Oberbefehlshaber der chilenischen Armee wurde.

Pompös-höhnischer Aufzug von Pinochet am 11. September 1982
Foto: Ben2
Bei der Parlamentswahl im März 1973 konnte die UP ihren Stimmenanteil auf knapp 44 Prozent erhöhen, verfehlte aber die absolute Mandatsmehrheit. Da inzwischen auch die Christdemokraten zur konterrevolutionären Rechten übergelaufen waren, gab es im Parlament ein Misstrauensvotum gegen Allende, das die erforderliche Zweidrittelmehrheit aber natürlich nicht erreichte. Angesichts der angespannten politischen Situation und der schwierigen ökonomischen Lage plante Allende eine Volksbefragung über seinen Verbleib als Präsident. Eine große Zustimmung wäre Allende wohl sicher gewesen, daher kam es nicht mehr zu diesem Plebiszit, das für Herbst 1973 vorgesehen war. Stattdessen kam der 11. September 1973.
An diesem Tag kam es zum zweiten Putschversuch, diesmal nicht mehr von einem kleinen Teil der Armee, sondern getragen vom neuen Oberkommandierenden, General Pinochet, unterstützt und geplant seitens des US-amerikanischen Außenministeriums und des Geheimdienstes CIA. In den Morgenstunden begann der Putsch durch die Marine in Valparaíso, Allendes Heimatstadt. Der Präsident und die Regierung begaben sich in Santiago in die „Moneda“, den Amtsitz des Präsidenten, ausgenommen Verteidigungsminister Letelier, der bereits von den Putschisten festgenommen worden war.

11. September 1973 | Zeichnung: Latuff
Jede Kontaktaufnahmen seitens Allendes mit Pinochet scheiterte, wobei Allende diesen zunächst auf seiner Seite wähnte – erst im Laufe des Vormittages gab sich Pinochet als Putschist zu erkennen. Allende wandte sich über den Radiosender „Magellan“ ein letztes Mal an die Bevölkerung Chiles. Gegen Mittag begann die Luftwaffe mit der Bombardierung der Moneda, regierungstreuer Medieneinrichtungen und einzelner Arbeiterviertel Santiagos, die fast ausschließlich von Anhängern Allendes bewohnt waren.
Etwa um 14 Uhr begann die Armee mit der Erstürmung des Präsidentensitzes, Allende verweigerte die Kapitulation. Nach erbittertem Widerstand wurde die Moneda durch putschistische Soldaten eingenommen, der Präsident Salvador Allende starb in diesen Kämpfen mit der Waffe in der Hand. Das nachfolgende Diktaturregime behauptete einen Suizid, tatsächlich ist aber nicht anzunehmen, dass sich Allende mit derartig vielen Kugeln selbst durchsieben konnte.
Die neuen Machthaber zeichneten sich vor allem innerhalb des ersten Jahres nach dem konterrevolutionären Putsch durch besondere Grausamkeit aus. Tausende Menschen wurden ermordet, verschleppt und gefoltert, in Stadien und großen Hallen wurden regelrechte Konzentrationslager errichtet. In weiterer Folge ging das Diktaturregime Pinochets, das sofort von den USA anerkannt wurde, dann systematisch daran, jede Opposition in Chile auszuschalten, aber auch, wiederum mit Hilfe der CIA, chilenische Oppositionelle im Ausland zu ermorden.

An die Opfer der Diktatur zu erinnern ist auch im Chile des Jahres 2006 nicht gern gesehen | Foto: Juntos Podemos Más
Die Diktatur, die nach marxistischer Auffassung als eine faschistische des autoritär-faschistischen Typs einzustufen ist, dauerte bis 1990. In diesen Jahren wurde nicht nur die politische Linke, vor allem die revolutionäre, marxistische, zerstört, sondern das Land auch zum Exerzierfeld des „neoliberalen“ Imperialismusmodells. Das Monopolkapital in Nordamerika und Westeuropa konnte aufatmen. Es ist kein Zufall, dass die Diktatur 17 Jahre aufrechterhalten und auch von außen massiv unterstützt wurde, bis aufgrund der Niederlage des Sozialismus in Europa die Gefahr durch die Wiedererrichtung der demokratischen Republik in Chile seitens des Imperialismus als gering eingeschätzt wurde.
Die Person Salvador Allende erfuhr zahlreiche Ehrungen nach seinem Tod, nicht zuletzt in den sozialistischen Staaten Europas, doch auch im Wiener Donaupark befindet sich ein Allende-Denkmal. Vor allem die 1970er Jahre waren von einer bemerkenswerten Chile-Solidaritätswelle geprägt, die in Europa vor allem von Kommunisten, aber auch Sozialisten initiiert wurde.

Allende Briefmarke der
DDR
Viele chilenische Linke wurden in den 70er und 80er Jahren als Flüchtlinge in der UdSSR und der DDR aufgenommen, darunter auch KP-Generalsekretär Luis Corvalán – später war es umgekehrt: Erich Honecker starb 1994 in Santiago de Chile, wo seine Frau Margot und seine Tochter Sonja noch heute leben. Salvador Allendes Tochter, Isabel Allende, ist seit 1994 Abgeordnete und seit 2003 Präsidentin des chilenischen Parlaments für die Sozialistische Partei. Diese ist inzwischen freilich nicht mehr marxistisch-revolutionär, sondern angepasster Teil der den Kapitalismus stützenden internationalen Sozialdemokratie – ein Weg, den Salvador Allende auch im Alter von 100 Jahren wohl niemals mitgegangen wäre. (CH)
Startbild unter Verwendung einer Grafik von Rec79
Online-Flyer Nr. 154 vom 09.07.2008
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Zweiter Teil des Artikels zum 100. Geburtstag von
Salvador Allende
Von Tibor Zenker
Allende war nicht nur der erste sozialistische Präsident Chiles, sondern auch der erste Präsident der Welt, der als erklärter Marxist in einem kapitalistischen Land aus bürgerlich-demokratischen Wahlen als Sieger hervorgehen konnte. Und das Programm der UP war tatsächlich auf marxistischer Grundlage auf die sozialistische Revolution ausgerichtet.
Gegen Imperialismus und Oligarchie
Nicht richtig ist, dass die bloße „Revolution mit dem Stimmzettel“ vorgesehen war, denn so naiv war man auch nicht in der SP, geschweige denn in der KP. Vielmehr muss man den revolutionären Prozess, der 1970 in Chile initiiert wurde, in dieser ersten Etappe als eine antiimperialistische und antioligarchische sehen, als eine Etappe, die zunächst gegen den nordamerikanischen und westeuropäischen Imperialismus, gegen die einheimische Bourgeoisie und Landoligarchie gerichtet war.

Salvador Allende (ca. 1971) auf dem „Tag
der freiwilligen Arbeit“
Äußerer Ausdruck dessen waren die Tatsachen, dass die UP bei den Kommunalwahlen 1971 sogar 49,7 Prozent der Stimmen erreichte, bei der Parlamentswahl im März 1973 beachtliche 43,9 Prozent. Die UP und ihre marxistischen Parteien hatten sich für die arbeitenden (und arbeitslosen) Massen Chiles als nützliche Kräfte zur vorläufigen Lösung vieler Probleme des täglichen Lebens erwiesen, aber auch als diejenigen Kräfte, die gewillt waren, die Probleme nachhaltig mittels eines nichtkapitalistischen, sozialistischen Entwicklungsweges zu lösen. Damit war die UP-Regierung unter Allende aber auch zu einer sehr ernsthaften Gefahr für die chilenische Bourgeoisie und den Großgrundbesitz, ebenso für das nordamerikanische und westeuropäische Monopolkapital geworden.
Das Programm der UP sah eine tiefgehende Landreform auf Kosten des oligarchischen Großgrundbesitzes vor, bereits 1970 wurden der Kohlebergbau und die Textilindustrie verstaatlicht, 1971 der Kupferbergbau und die Banken. Damit waren die Interessen der bis dahin dominierenden US-amerikanischen sowie einiger westeuropäischer Konzernen und Großbanken massiv gestört. Die kapitalistische „Freiheit“ der Profitmaximierung und Ausbeutung war durchbrochen.
Weg in den Sozialismus: mit Hindernissen
Daher setzten vor allem die USA zunächst auf eine Destabilisierungsstrategie. In ihrem Auftrag wurde der regierungstreue Oberbefehlshaber der chilenischen Armee, René Schneider, von der faschistischen Gruppierung „Patria y Libertad“ im Oktober 1970 entführt und ermordet. Daneben setzte der US-Imperialismus auf die Propagandaschiene und nutzte die privaten Medienkonzerne kräftig zu Verleumdungskampagnen gegen die Regierung der UP. Die finanzielle Unterstützung rechter und konterrevolutionärer Gruppen, die für Terror und Sabotage sorgen sollten, blieb natürlich auch nicht aus.
Ab 1971 wurde seitens der USA und 14 weiterer imperialistischer Staaten damit begonnen, Chile ökonomisch zu erdrosseln, was über wirtschaftliche Boykottmaßnahmen geschehen sollte. Am 29. Juni 1973 kam es zu einem ersten Putschversuch, der aber nur von einem kleinen Teil der Armee getragen wurde und daher niedergeschlagen werden konnte. Ein Resultat dieses Putschversuches war jedoch auch, dass im August desselben Jahres Augusto Pinochet, als vermeintlich regierungstreuer General, neuer Oberbefehlshaber der chilenischen Armee wurde.

Pompös-höhnischer Aufzug von Pinochet am 11. September 1982
Foto: Ben2
Bei der Parlamentswahl im März 1973 konnte die UP ihren Stimmenanteil auf knapp 44 Prozent erhöhen, verfehlte aber die absolute Mandatsmehrheit. Da inzwischen auch die Christdemokraten zur konterrevolutionären Rechten übergelaufen waren, gab es im Parlament ein Misstrauensvotum gegen Allende, das die erforderliche Zweidrittelmehrheit aber natürlich nicht erreichte. Angesichts der angespannten politischen Situation und der schwierigen ökonomischen Lage plante Allende eine Volksbefragung über seinen Verbleib als Präsident. Eine große Zustimmung wäre Allende wohl sicher gewesen, daher kam es nicht mehr zu diesem Plebiszit, das für Herbst 1973 vorgesehen war. Stattdessen kam der 11. September 1973.
An diesem Tag kam es zum zweiten Putschversuch, diesmal nicht mehr von einem kleinen Teil der Armee, sondern getragen vom neuen Oberkommandierenden, General Pinochet, unterstützt und geplant seitens des US-amerikanischen Außenministeriums und des Geheimdienstes CIA. In den Morgenstunden begann der Putsch durch die Marine in Valparaíso, Allendes Heimatstadt. Der Präsident und die Regierung begaben sich in Santiago in die „Moneda“, den Amtsitz des Präsidenten, ausgenommen Verteidigungsminister Letelier, der bereits von den Putschisten festgenommen worden war.

11. September 1973 | Zeichnung: Latuff
Etwa um 14 Uhr begann die Armee mit der Erstürmung des Präsidentensitzes, Allende verweigerte die Kapitulation. Nach erbittertem Widerstand wurde die Moneda durch putschistische Soldaten eingenommen, der Präsident Salvador Allende starb in diesen Kämpfen mit der Waffe in der Hand. Das nachfolgende Diktaturregime behauptete einen Suizid, tatsächlich ist aber nicht anzunehmen, dass sich Allende mit derartig vielen Kugeln selbst durchsieben konnte.
Die neuen Machthaber zeichneten sich vor allem innerhalb des ersten Jahres nach dem konterrevolutionären Putsch durch besondere Grausamkeit aus. Tausende Menschen wurden ermordet, verschleppt und gefoltert, in Stadien und großen Hallen wurden regelrechte Konzentrationslager errichtet. In weiterer Folge ging das Diktaturregime Pinochets, das sofort von den USA anerkannt wurde, dann systematisch daran, jede Opposition in Chile auszuschalten, aber auch, wiederum mit Hilfe der CIA, chilenische Oppositionelle im Ausland zu ermorden.

An die Opfer der Diktatur zu erinnern ist auch im Chile des Jahres 2006 nicht gern gesehen | Foto: Juntos Podemos Más
Die Diktatur, die nach marxistischer Auffassung als eine faschistische des autoritär-faschistischen Typs einzustufen ist, dauerte bis 1990. In diesen Jahren wurde nicht nur die politische Linke, vor allem die revolutionäre, marxistische, zerstört, sondern das Land auch zum Exerzierfeld des „neoliberalen“ Imperialismusmodells. Das Monopolkapital in Nordamerika und Westeuropa konnte aufatmen. Es ist kein Zufall, dass die Diktatur 17 Jahre aufrechterhalten und auch von außen massiv unterstützt wurde, bis aufgrund der Niederlage des Sozialismus in Europa die Gefahr durch die Wiedererrichtung der demokratischen Republik in Chile seitens des Imperialismus als gering eingeschätzt wurde.
Die Person Salvador Allende erfuhr zahlreiche Ehrungen nach seinem Tod, nicht zuletzt in den sozialistischen Staaten Europas, doch auch im Wiener Donaupark befindet sich ein Allende-Denkmal. Vor allem die 1970er Jahre waren von einer bemerkenswerten Chile-Solidaritätswelle geprägt, die in Europa vor allem von Kommunisten, aber auch Sozialisten initiiert wurde.

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