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Literatur
Der Fortsetzungroman in der NRhZ – Folge 16
Der Aufsteiger oder Ein Versuch zu leben
Von Wolfgang Bittner

Der Protagonist Erich Wegner arbeitet nach Abschluss der Schule im Tiefbau, aber in ihm reift allmählich der Entschluss, seine Situation zu verändern. Er holt das Abitur nach, beginnt Jura zu studieren und absolviert erfolgreich eine akademische Laufbahn. Eine verheißungsvolle Zukunft scheint vor ihm zu liegen, doch seine Hoffnungen und Erwartungen erfüllen sich nicht; sie werden durchkreuzt von seinen Vorstellungen von einem humanen und selbstbestimmten Leben in einer sozialen Gesellschaft. Er überlegt, fortzugehen, neu anzufangen. Es bleibt die Frage, ob Wegner jemals eine echte Chance hatte.

der aufsteiger wolfgang bittner horlemann-verlag cover
                                                               
Außer bequem als Buch im Horlemann-Verlag können Sie exklusiv in der NRhZ die ü
berarbeitete Neuausgabe von Wolfgang Bittners 1978 erstmals erschienenen Roman „Der Aufsteiger oder Ein Versuch zu leben“ lesen – eine Rezension des Werks finden sie in der NRhZ 139: „Ein Roman über einen ‚Helden’ von unten, aus der Sicht von unten und deshalb wichtig für alle – und sogar mit nicht allzu viel Fantasie lässt sich auch der Roman auf heutige Verhältnisse übertragen.“, schreibt Rezensent und Buchhändler Uli Klinger über „Der Aufsteiger“.


   
6)  Ein Lehrgang

In Hannover musste er umsteigen in Richtung Hamburg. Erich Wegner ging durch mehrere Wagen, auf der Suche nach einem Fensterplatz. Vor ihm betrat ein Mann ein leeres Abteil. Er ging hinterher, stellte seine Reisetasche auf den mittleren Sitz und setzte sich ans Fenster. Der andere wuchtete einen gewaltigen Koffer ins Gepäcknetz. Dann ließ er sich auf den gegenüberliegenden Platz fallen, zog einen Flachmann aus der Jackentasche und nahm einen tiefen Schluck. „Magenbitter“, sagte er aufatmend.

„Ich hab‘s mit dem Magen.“ „Ach so“, erwiderte Erich Wegner. Er holte ein Buch aus seiner Reisetasche, das er für den Lehrgang mitgenommen hatte, zu dem er fuhr, und begann zu lesen. Rainer Maria Rilke: Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke. Da ritt ein junger Adeliger, zusammen mit anderen Edelmännern und einem riesigen Heer, in den Krieg. Worum es dabei ging, wurde nicht gesagt. Aber zu Hause wartete ein hübsches blondes Mädchen. Und einer dieser Ritter, die samtene Sättel hatten und von ihren Müttern sprachen, trug unter seinem Hemd auf der Brust ein rotes Rosenblatt. „Reiten, reiten, reiten, durch den Tag, durch die Nacht, durch den Tag.“ Oberstufenlektüre. Rilke habe eine sehr bildhafte Ausdrucksweise, die Grenzen des Sagbaren weit hinausgeschoben, seine Sprache habe feinste Schattierungen des Empfindens erschlossen. Diese Ritter wollten gegen die türkischen Hunde kämpfen. Damit waren aber nicht die Gastarbeiter gemeint.

„In zwei Stunden bin ich zu Hause“, sagte sein Gegenüber. Er war schon etwas älter, schätzungsweise Mitte Fünfzig, von hagerer Gestalt. Sein Gesicht sah verknittert aus, um die Augen leicht gerötet. Ab und zu hustete er, wobei es jedes Mal einen merkwürdigen Pfeifton gab, der aus seiner Nase zu kommen schien. „Ich wohne nämlich in Hamburg“, fuhr er fort.

„Ich bin hier aus der Gegend von Hannover“, erwiderte Erich Wegner. „Wollte eigentlich mit meinem Wagen fahren, aber der ist gerade kaputt. Die Maschine ist mir sauer geworden.“ „Mein Sohn hat auch einen Wagen“, sagte der andere. „Der kann sich das ja auch noch leisten, ist nicht verheiratet und verdient einen Batzen Geld.“ „Was macht er denn?“ „Ach, der arbeitet auf der Werft, da wo ich auch bin, als Facharbeiter.

Der hat gut und gerne seine neunhundert bis tausend jeden Monat. Mit Überstunden natürlich. Aber das verjuckelt er alles mit seinem Auto. Hat da ein Mädchen kennengelernt, auf Montage, in Amsterdam. Da rast er jetzt jedes Wochenende rüber.

Das sind ganz schön Kilometer.“ Er kramte in einem Plastikbeutel, den er neben sich hingestellt hatte, und holte eine Flasche Bier hervor. Mit geübtem Griff setzte er einen an seinem Schlüsselbund befestigten Flaschenöffner an, entfernte den Kronkorken und nahm einen ordentlichen Schluck.

„Ich komm gerade von der Kur zurück“, schnaufte er. „Bad Driburg. Liegt da bei Paderborn. Ziemlich schwarze Gegend, aber prima was zu Futtern. Koteletts gibt es da, so groß wie ein Klosettdeckel, sag ich dir.“ Er nahm einen weiteren tiefen Schluck. „Diese Malocherei jeden Tag, die macht einen fix und fertig“, meinte er. „Ich bin ESchweißer.
Wir arbeiten meistens so um die zwölf bis vierzehn Stunden und dann noch Wechselschicht. Und immer Akkord.

Bei Wind und Wetter draußen auf den Helgen, das ist die beschissenste Arbeit auf der ganzen Werft. Rabotti, rabotti, wie die Ruskis so sagen.“ Er lachte. „Jetzt haben sie mich zur Kur geschickt.“ Er warf sich in die Brust. „Hab ja auch lange genug in die Versicherung einbezahlt, ohne einen einzigen Pfennig wieder rauszuholen.“ Er zeigte auf seine linke Hand, an der zwei Finger fehlten. „Das war schon vor zehn Jahren. Abgequetscht. Hab aber noch Glück gehabt, zwei konnten sie wieder annähen. Irgendein Stück fehlt ja fast jedem da bei uns. Weißt du, da ist das so: Entweder ranklotzen oder tot. Was dazwischen gibt es nicht. Wenn du ein paar Mal fehlst, bist du bei der ersten Gelegenheit weg vom Fenster.“ „Ich kenn das“, sagte Erich Wegner, „hab mal ‘ne Zeitlang im Tiefbau gearbeitet. Das ist so ungefähr dasselbe.“ „Bloß neulich“, sagte der andere, „da bin ich dann auf einmal umgekippt. Kreislauf, hat der Arzt gemeint. Na ja, mit achtundvierzig ist man nicht mehr der Jüngste.“ Die Flasche war leer. Er klemmte sie neben seinen Sitz, rekelte sich zurecht und war innerhalb einer Minute fest eingeschlafen.

Dieser Cornet in dem Buch von Rilke hatte vollkommen andere Sorgen. Er musste seine Fahne aus einem brennenden Schloss retten. Dann ritt er mit ihr in den Kampf und wurde erschlagen.
Aber das schien nicht so schlimm zu sein, weil er als Held starb.
Erich Wegner packte das Buch mit gemischten Gefühlen in seine Tasche. Eigentlich sind die Landserhefte nicht viel schlechter, dachte er. Dann machte er sich fertig zum Aussteigen.

Der Lehrgang fand in einem kleinen Ort in der Heide statt. Schon am Bahnhof traf er drei weitere Lehrgangsteilnehmer, mit denen zusammen er sich ein Taxi nahm.

Während sie die durch einen Kiefernwald führende schmale Straße entlangfuhren, erzählte ihnen der Taxifahrer, dass in dieser Gegend von einem einheimischen Baron oft große Jagden veranstaltet würden, an denen er schon als Treiber teilgenommen habe. Das würde gut bezahlt, meinte er; und die Bevölkerung habe überhaupt ein sehr herzliches Verhältnis zu dieser Familie, der früher einmal die ganze Gegend hier gehörte.

Kurz darauf bog der Wagen in einen herrschaftlichen Park ein und hielt vor einem mit Türmchen und Zinnen verzierten altertümlichen Bauwerk, einem ehemaligen Jagdschloss. Erich Wegner merkte, dass ihn schon allein der Anblick dieses imposanten Gebäudes beunruhigte, obwohl von dem Lehrgang, der hier stattfinden sollte, nicht viel für ihn abhing. Eine innere Erregung hatte ihn erfasst, gegen die er machtlos war und die er nach außen hin nur mühsam zu verbergen vermochte. Als sie das Gebäude betraten, war ihm körperlich elend zumute; beim Ausfüllen des Anmeldeformulars zitterte seine Hand.

Sie wurden zu zweit auf einem Zimmer untergebracht. Der andere hieß Manfred Schäfer und kam aus Bremen, wo er bei einer großen Kaffeefirma im Büro arbeitete. Er war hochgewachsen und pausbäckig, etwa fünfundzwanzig Jahre alt, überaus korrekt gekleidet; anstelle einer Krawatte trug er zu seinem Anzug eine Fliege, blau mit weißen Punkten. Beim Reden zuckte er nervös mit dem rechten Auge, dass man ständig das Gefühl hatte, er zwinkere einem zu. Manchmal zuckte er auch mit dem Kopf.

Offensichtlich setzte ihm diese Angewohnheit zu, die wohl nervlich bedingt war.
Als erstes erzählte Schäfer, dass er Betriebswirtschaft studieren wolle, um Steuerberater zu werden.
„Ich würde gern Philosophie studieren“, sagte Erich Wegner, und er wunderte sich, als er das sagte, weil er sich nicht entsinnen konnte, darüber schon einmal nachgedacht zu haben.

„Und was wollen Sie dann damit anfangen?“, hörte er Schäfer fragen.
„Mal sehen“, erwiderte er, „erstmal muss ich ja dazu das Abitur haben.“ Ihm war schlecht. Der Brechreiz wurde so stark, dass er befürchtete, sich übergeben zu müssen. Deswegen ging er zur Toilette, nahm eine von den Beruhigungstabletten, die ihm der Arzt verschrieben hatte, und ließ sich das kalte Wasser über Hände und Unterarme laufen. Danach ging es ihm besser.


Lesen Sie in der kommenden Ausgabe die Fortsetzung von Kapitel 6 „Ein Lehrgang“ und Erich Wegners Zweifel beim Aufstieg. (CH)


© 2008 Horlemann
Alle Rechte vorbehalten
Überarbeitete Neuausgabe – Erstveröffentlichung 1978 Büchergilde Gutenberg, Satz und Umschlaggestaltung Verlag.
Bitte fordern Sie das Verlagsverzeichnis an, unter:
Horlemann Verlag, Postfach 1307, 53583 Bad Honnef,
Telefax 02224 5429, E-Mail: info (at) horlemann-verlag.de
www.horlemann.info


Wolfgang Bittner, Jahrgang 1941, lebt als freier Schriftsteller in Köln. Der promovierte Jurist schreibt für Erwachsene, Jugendliche und Kinder. Er erhielt mehrere Literaturpreise, ist Mitglied im PEN und Mitarbeiter bei Zeitungen, Zeitschriften, Rundfunk und Fernsehen. Er hat mehr als 50 Bücher veröffentlicht, u.a. die Romane „Der Aufsteiger oder Ein Versuch zu leben“, „Niemandsland“ und „Flucht nach Kanada “, den Erzählband „Das andere Leben“ sowie das Sachbuch „Beruf: Schriftsteller“.
(Weitere Informationen unter www.wolfgangbittner.de)


Online-Flyer Nr. 155  vom 16.07.2008

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