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Kultur und Wissen
„Zentrum der verfolgten Künste“ im Solinger „Museum Baden“ akut gefährdet
Stadt leidet an Geldnot
Von Peter Kleinert

Das Ende März 2009 im Solinger Kunstmuseum Baden vorgestellte Modell „Zentrum der verfolgten Künste“ (siehe NRhZ 139) ist offenbar akut gefährdet. Das von der Else-Lasker-Schüler-Gesellschaft (ELSG) gemeinsam mit dem Londoner "Exil-PEN" und von 50 AutorInnen wie Günter Grass, Herta Müller, Sarah Kirsch, Reiner Kunze, Wolf Biermann, Yehuda Amichai (Israel) und Salman Rushdi seit 1994 verfolgte Projekt einer Heimstatt für verfolgte und exilierte Künstler und andere Intellektuelle ist - wie es zurzeit aussieht - kaum überlebensfähig.

Eigenmittel der ELSG aufgebraucht
 
Nach Angaben von Hajo Jahn, dem Vorsitzenden der Else Lasker-Schüler-Gesellschaft in Wuppertal, haben sich weder das Bundesland NRW noch die Bundesrepublik Deutschland an Ankauf und Präsentation der (Exil-Literatur-) „Sammlung Serke“ beteiligt. Die Eigenmittel seien weitgehend aufgebraucht, damit diese Sammlung von nationaler Bedeutung für die Öffentlichkeit gerettet werden konnte. Als einzige Förderung kam in letzter Minute von der Kulturstiftung des Rheinischen Sparkassenverbandes eine Spende in Höhe von 64.000 Euro.
 
Die Else-Lasker-Schüler-Stiftung "Verbrannte und verbannte Dichter-/ Künstler/innen" hat einen Großteil ihres Kapitals aufwenden müssen, um für 300.000 Euro die berühmte Sammlung des ehemaligen stern-Redakteurs Jürgen Serke zu erwerben, die testiert eine halbe Million wert ist. Mehr als 170.000 Euro kosteten die eigens dafür entworfene Ausstellungsarchitektur und Realisierungsmaßnahmen. Für noch reichlich vorhandene weitere Exponate aus der Sammlung Serkes gibt es keine weiteren Vitrinen mangels Finanzmitteln. Die Restsumme der Stiftung von 120.000 Euro steckt im virtuellen Zentrum der verfolgten Künste im Internet, denn die Initiatoren möchten „im modernsten aller Medien die Jungen und die Junggebliebenen erreichen (unter www.exil-archiv.de) und anders arbeiten als mit der herkömmlichen Denkmalkultur“, so Hajo Jahn.
 
Das Dach, unter dem die ELS-Gesellschaft die verfolgten KünstlerInnen vereinen will, ist das Solinger Kunstmuseum. Das Zentrum im „Museum Baden“ wäre das erste seiner Art in Europa und ist politisch auch in Warschau und Prag unstrittig. Es sollte die deutsche Literatur des Widerstands und des Exils von 1933 bis 1945, die verfemte Malerei und die Fotografie unter dem Titel „Himmel und Hölle zwischen 1918 und 1989. Die verbrannten Dichter" zusammenführen. Damit wäre realisiert worden, was 1994 mit dem Stiftungs-Aufruf für ein „Zentrum der verfolgten Künste/Dichter“ begonnen hat - initiiert von der ELSG und dem PEN-Zentrum deutschsprachiger Autoren im Ausland, London.
 
Anbau nicht finanzierbar
 
Doch die Stadt Solingen als Träger des Museums leidet offenbar an Geldnot und das Museum, das auch der regionalen jungen Kunstszene verpflichtet ist und darüber hinaus übernommene ältere Sammlungen zeigen muss, auch an Personal- und Platzmangel. Ein für die Sammlung Serke und weitere Ausstellunggsprojekte unbedingt nötiger Anbau ist wegen der ungesicherten Folgekosten nicht finanzierbar.
 
Nur eine einzige öffentliche Institution hat die Bedeutung eines „Zentrums der verfolgten Künste“ erkannt und sich finanziell engagiert: Die bereits im Museum untergebrachte „Bürgerstiftung für verfemte Künste mit der Sammlung Gerhard Schneider, Solingen“ hat vom Landschaftsverband Rheinland bislang 1,2 Millionen Euro von zugesagten 2 Millionen (bis 2009) seit letztem Jahr als rentierliches Kapital anlegen können. Die Erträge hieraus reichen aber nicht, um eine notwendige effektive Arbeit finanzieren zu können. Die Hoffnung, dass die Serke-Sammlung der ELS-Gesellschaft, die zur Zeit nur „Gast“ im Museum ist, dort zusammen mit der Bildersammlung Schneider Dauerrecht erhalten würde, und dass zusätzlich auch andere Kunstformen einbezogen werden könnten - etwa die Musik verfolgter Komponisten und Filme von Schauspielern/Regisseuren, die flüchten mussten - scheint sich nicht zu erfüllen.

„Einmalig ist, dass hier Literatur und bildende Kunst zum Thema Zensur und Exil vereint sind. Die Biographie der Dichterin Else Lasker-Schüler ist dafür die Brücke: Ihre Bücher wurden verboten, ihre Zeichnungen 1937 bei der Aktion „Entartete Kunst“ aus der Berliner Nationalgalerie beschlagnahmt.  Es dürfte auch einmalig in der deutschen Stiftungslandschaft sein“, so Hajo Jahn weiter, dass eine Stiftung ihr Vermögen ausgeben musste, um ihr Satzungsziel zu erreichen: Verfolgten, widerständigen Künstlern und Intellektuellen eine Heimstatt zu geben und für kommende Generationen „mit den Werken und Biografien dieser stillen Helden zu arbeiten, die – bis auf wenige Ausnahmen – nie zurückgerufen worden sind. Aber auf die Deutschland stolz sein sollte. An ihrem Exodus leiden wir noch heute.“
 
Fusionierte Stiftung als Ausweg?
 
Hajo Jahn musste für den Ankauf der Sammlung Serke aus dem Stiftungsvermögen die Zustimmung der zuständigen Aufsichtsbehörden und der Kuratoriumsmitglieder einholen, darunter Hans-Dietrich Genscher, Christoph Stölzl und – kurz vor ihrem Tod – Annemarie Renger. Die durch den Ankauf der Sammlung Serke fast vermögenslos gewordene ELS-Stiftung beabsichtigt nun eine Fusion mit der Bürgerstiftung der (Bilder-)Sammlung Gerhard Schneider. „Doch das hilft finanziell kaum aus dem Dilemma“, sagt Jahn. Eine Lösung wäre seiner Meinung nach, die fusionierte Stiftung durch private Mäzene und durch die öffentliche Hand so auszustatten, „dass damit unabhängig national und international gearbeitet werden kann.“ Die USA machten so etwas vor. Aber dazu gehöre, die Stiftung so auszustatten, dass jährlich mindestens 300.000 Euro Zinserträge zur Verfügung stehen.
 
Die rund 1.400 Mitglieder der Else Lasker-Schüler-Gesellschaft setzen mit ihrem Vorsitzenden Jahn auf weiteres bürgerschaftliches Engagement, „denn mit den Werken und Namen dieser vergessenen Zeugen, die in vielen Ländern Europas und in Übersee Zuflucht gefunden haben, kann international und erfolgreicher gegen das Vergessen gearbeitet werden als mit dem für kommende Generationen und Migrationskinder nicht mehr nachvollziehbaren Nie wieder!“. Karl-Ernst Osthaus, Freund von Else Lasker-Schüler, habe in den 1920er Jahren die Idee des interdisziplinären Folkwang Museums erfolgreich umgesetzt. Mit dem Solinger Projektt werde diese Vision fokussiert auf das Thema "Zensur, Verfolgung, Exil": „Die Schicksale dieser Zeitzeugen“ - so Hajo Jahn - „sind spannend, ihre Werke, in denen festgehalten ist, was und wie es passierte, können alle Sinne ansprechen. Solingen hat die Chance, ein Haus der besonderen ‚Deutschstunde‘ zu werden.“ Notfalls jedoch, so Jahn, müsse die der Else-Lasker-Schüler-Stiftung gehörende Sammlung Serke an eine Institution verliehen werden, die damit zu arbeiten versteht.

In der zum Girardet-Medienkonzern gehörenden Lokalpresse (Wuppertaler Generalanzeiger und Solinger Tageblatt) fand Hajo Jahns besorgter Appell an die Öffentlichkeit in einer Pressemitteilung bisher noch kein Echo. Möglicherweise haben er und die ELSG sich mit ihren wiederholten Appellen an die Stadt Wuppertal unbeliebt gemacht, den nach dem Nazi-Baron und -Bankier Eduard von der Heydt benannten Wuppertaler Kulturpreis endlich  umzubenennen - z.B. in Else Lasker-Schüler-Preis. (PK)

 

Online-Flyer Nr. 156  vom 23.07.2008

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