NRhZ-Online - Neue Rheinische Zeitung - Logo
SUCHE
Suchergebnis anzeigen!
RESSORTS
SERVICE
Unabhängige Nachrichten, Berichte & Meinungen
Aktueller Online-Flyer vom 09. Juni 2026  

zurück  
Druckversion

Literatur
Der Fortsetzungroman in der NRhZ – Folge 19
Der Aufsteiger oder Ein Versuch zu leben
Von Wolfgang Bittner

Der Protagonist Erich Wegner arbeitet nach Abschluss der Schule im Tiefbau, aber in ihm reift allmählich der Entschluss, seine Situation zu verändern. Er holt das Abitur nach, beginnt Jura zu studieren und absolviert erfolgreich eine akademische Laufbahn. Eine verheißungsvolle Zukunft scheint vor ihm zu liegen, doch seine Hoffnungen und Erwartungen erfüllen sich nicht; sie werden durchkreuzt von seinen Vorstellungen von einem humanen und selbstbestimmten Leben in einer sozialen Gesellschaft. Er überlegt, fortzugehen, neu anzufangen. Es bleibt die Frage, ob Wegner jemals eine echte Chance hatte.

der aufsteiger wolfgang bittner horlemann-verlag cover
                                                               
Außer bequem als Buch im Horlemann-Verlag können Sie exklusiv in der NRhZ die ü
berarbeitete Neuausgabe von Wolfgang Bittners 1978 erstmals erschienenen Roman „Der Aufsteiger oder Ein Versuch zu leben“ lesen – eine Rezension des Werks finden sie in der NRhZ 139: „Ein Roman über einen ‚Helden’ von unten, aus der Sicht von unten und deshalb wichtig für alle – und sogar mit nicht allzu viel Fantasie lässt sich auch der Roman auf heutige Verhältnisse übertragen.“, schreibt Rezensent und Buchhändler Uli Klinger über „Der Aufsteiger“.


   
7) Den Marschallstab im Tornister

Die Landschaft hatte sich verändert. Hinter ihm lag eine sonnenüberflutete Ebene mit schattigen Bäumen und saftigen Wiesen.

Jetzt wurde der Baumwuchs spärlicher, das Gras war verdorrt und die Straße ging über in einen unbefestigten Weg, der sich nach einiger Zeit zwischen felsigem Gestein und von Staub überzogenem Dornengesträuch verlor. Schließlich gab es nur noch Steine und losen Sand, so fein wie Mehl. Auf einmal spürte er die Glut der Sonne, deren gelbe Scheibe hoch über ihm flimmerte.

Er hatte entsetzlichen Durst. Vielleicht wäre es besser umzukehren, sagte er sich. Aber er vermochte kaum noch zu denken, und als er zurückblickte, sah er nichts als Sand, Sand so fein wie Mehl, in dem seine Füße keinerlei Spuren hinterließen.
Angst überkam ihn. Die Kehle wurde zu eng zum Atmen, seine Zunge war angeschwollen, klebte am Gaumen und schmerzte.

Mühsam schleppte er sich weiter. Aber er hatte die Orientierung verloren, und auch sein Ziel war ihm entfallen. Wohin wollte er? Plötzlich gewahrte er weit hinten einen langen dunklen Streifen am Horizont, der deutlicher wurde, je weiter er darauf zustolperte.

Ihm wurde bewusst, dass es sich um den baumbestandenen Lauf eines Flusses handeln musste, dessen lebenerhaltendes Wasser es zu erreichen galt. Mit letzter Kraft schleppte er sich diesem Ziel entgegen, den schattenspendenden Bäumen und dem Wasser.

Als er nach langer Zeit endlich das Flussufer erreichte, war er zu Tode erschöpft und dem Verdursten nahe. Dennoch ließ er sich nur ganz langsam in das seichte Wasser hineingleiten, benetzte Gesicht und Nacken und trank nicht gleich, sondern spülte sich zunächst nur den Mund aus.

„So ist es recht“, sagte da plötzlich eine Stimme hinter ihm. Als er sich erschrocken umwandte, erblickte er einen alten Mann mit weißem Bart, der vor einer schilfgedeckten Hütte auf einer Bank saß. Der Alte nickte ihm freundlich zu. „Wenn der Durst am größten ist, darf man nicht zu viel auf einmal trinken.“ Aus der Hütte traten zwei wunderschöne Mädchen mit lockigen Haaren heraus. Sie waren in durchscheinende fließende Gewänder gehüllt. Auf den Händen trugen sie Schalen voll von köstlichen Speisen. Die setzten sie auf einem Tisch vor der Hütte ab und luden ihn mit anmutigen Handbewegungen zum Essen ein.

Auch der Alte bat ihn, Platz zu nehmen. Erich Wegner sah ihn sich genauer an und stellte eine gewisse Ähnlichkeit mit Karl May fest. Aber als er erneut hinblickte, schien ihm das Gesicht doch mehr Ähnlichkeit mit dem des Professors zu haben, der die Vorlesungen über die Vorsokratiker hielt. Da wachte er auf und sah den Professor vorn am Pult stehen. Es war stickig und warm in dem alten Hörsaal. Draußen brütete die Sonne. Er sah die Silhouette von Göttingen.

Die Studentin neben ihm grinste. Nein, sie lächelte ihm zu.
In der Tischplatte stand: „Ach, du lieber Benedikt, ich bin schon wieder eingenickt.“ Darunter: „Make love, not war.“ Studentenlangeweile, Äußerungen unterbewusster Unlust, Studentenprotest vielleicht. „Hier verblödet ein Genie.“ Er drehte den Kugelschreiber um und kratzte dazu: „Coito, ergo sum.“ Descartes, korrigiert durch Sigmund Freud. Der Professor sprach von dem Faktor, der die Bewegung einleitete, die vom Chaos zum geordneten Kosmos führt, und der nach Anaxagoras nur eine vernünftige, vorausschauende, planmäßig wirkende Macht sein könne, sozusagen der Weltgeist oder die Weltvernunft.
Das wiederum stütze die These, dass der Weltprozess ein seelischer, logischvernünftiger sei.

„Vive la petite différence“, stand da in der Tischplatte. Studentenmissmut, unterdrückte Sexualität, intuitiv wahrgenommene Einengung. Der Professor zitierte, ursprünglich sei alles in einem chaotischen Gemisch durcheinander gewirrt gewesen, in dem kein Ding vom anderen gesondert und unterscheidbar war.

Erich Wegner versuchte dem Gedankengang zu folgen, der ihm nicht uninteressant erschien, aber ihm fehlte der Zusammenhang, zumal jetzt ziemlich monoton von der Naturerklärung des Heraklit die Rede war, für den das wahrhaft Wirkliche stets ein Werdendes und Fließendes gewesen sei, alles Beharrende lediglich „Sinnenschein“.

Er nahm sich vor, gelegentlich in der Seminarbibliothek nachzulesen, was es mit der Welterkenntnis der Vorsokratiker auf sich hatte.
„Langweilig heute“, flüsterte seine Nachbarin. Kommilitonin, ein merkwürdig gestelztes Wort. Sie hatte große braune Augen.
Die passten gar nicht zu ihrem sandfarbenen Haar, zu der spitzen Nase und den schmalen, beherrschten Lippen.

Auf der Bank stand: „Ach, wär ich doch bei Luzie und nicht bei diesem Herrn, bei diesem muss ich schlafen, bei Luzie tät ich‘s gern.“ Studentensprüche, die mehr aussagten als manche Soziologievorlesung.

Es waren gute Augen, vertrauenswürdige Augen. „Ja“, raunte er zurück, „es ist heute sehr langweilig – gewesen.“ Nach der Vorlesung traf er sie auf dem Flur wieder. Seine Scheu überwindend, sprach er sie an: „Hoffentlich hab ich nicht geschnarcht.“ „Nein, nein!“ Sie lachte, und ihr Lachen sprang auf ihn über und nahm ihm seine Befangenheit. „Sie haben ganz friedlich geschlafen, ganz friedlich und unauffällig.“ Sie gingen gemeinsam die Treppe hinunter. „Machen Sie Philosophie?“, fragte er, nur um etwas zu sagen.

„Nein“, erwiderte sie, „eigentlich Geschichte und Latein. Nur so nebenbei ein bisschen Philosophie. Das kann nicht schaden.“ Sie ließ sich zu einer Tasse Kaffee einladen. Er hatte eine freie Stunde bis zur nächsten Vorlesung und ging mit ihr in die Stadt.

Auf dem Weg zum Café unterhielten sie sich über die Vorlesung und die Vorsokratiker. Sie war ziemlich beschlagen, das musste man ihr lassen. „Leider wird der Stoff nur routinemäßig abgehandelt, etwas zu abgehoben und ohne aktuellen Bezug“, meinte sie, und er nickte. Sie fasste das in Worte, was ihm durch den Kopf gegangen war.

Er musterte sie unauffällig von der Seite, schätzte sie auf einundzwanzig oder zweiundzwanzig. Sie war weder hübsch noch hässlich, von gepflegtem Äußeren, gut gekleidet, aber nicht zu gut, eher dezent und praktisch. Ein Mädchen aus betuchtem Haus. Er erkannte es vor allem an ihrer dunklen Rindsledermappe, einem antiken Stück aus bestem Material, geschmackvoll, mit eingearbeiteten Mustern verziert, wahrscheinlich vom Akademikervater geerbt. Da kam er sich richtig schäbig vor, mit seiner Plastikmappe für 3,75 Mark von Karstadt.

Sie fanden einen Platz und bestellten Kaffee. Sie blickte ihn mit wachen Augen an, fast erwartungsvoll. „Und Sie, studieren Sie Philosophie im Hauptfach?“ „Ich wollte es ursprünglich“, antwortete er, „aber dann hab ich mich gefragt, was ich später damit anfangen soll, und hab mich lieber für Jura entschieden.“ Sie nickte, das schien ihr einzuleuchten.

„Philosophie studiere ich nur nebenbei“, fuhr er fort, „weil es mir hilft, verschiedene für mich lebenswichtige Fragen zu klären.“ Sie zog die Stirn in Falten, was ihr wirklich gut stand. „Lebenswichtige Fragen?“ „Ja, sicher“, sagte er. „Warum ich etwas mache, Sinn des Lebens, woher ich komme und wohin ich gehe und so weiter.“ „Ach so was“, meinte sie.

„Aus demselben Grund mache ich auch noch etwas Geschichte und Soziologie.“ Sie lächelte anerkennend. „Da haben Sie ja ein volles Programm.“ Sie hieß Lina Haffner, war im vierten Semester, wollte Studienrätin werden und kam aus einem kleinen Dorf an der Küste.

Sie stellten fest, dass sie auch die Nachmittagsvorlesung über Platon gemeinsam belegt hatten. Er fand sie sehr sympathisch, sehr klug, sehr aufgeschlossen. Ihre Eltern schienen tatsächlich vermögende Leute zu sein. Jedenfalls hatten sie einen großen Hof, wenn nicht sogar ein Gut, wie er aus Andeutungen entnahm.

„Dann haben Sie also vor dem Studium schon etwas anderes gemacht?“, fragte sie ihn auf seine Bemerkung hin, er studiere erst seit etwa zwei Monaten.

Er erzählte ihr, dass er einige Jahre in Süd- und Mittelamerika zugebracht habe.
Wo er denn da gewesen sei.
Ach, zum Beispiel in Bolivien, Peru und Mexiko.
Was er denn da gemacht habe.
Alles Mögliche: In alten Ruinenstädten nach Inkaschätzen gesucht.
In Minas Gerais nach Diamanten geschürft. Und dann sei er noch im Hochland von Mexiko gewesen, da habe er einmal in einer riesigen Höhle mindestens dreißig Rüstungen spanischer Konquistadoren samt deren gut erhaltenen Skeletten ausgegraben.
Und in Argentinien, in einem Landstrich, der Gran Chaco heißt, da habe er bei den Viehhirten, den Gauchos, gelebt; das sei überhaupt seine beste Zeit gewesen.

Sie hörte ihm achtungsvoll zu, staunend, fast andächtig. Zweifel kamen ihr erst, als er Cortez mit Peru und Pizarro mit Mexiko in Verbindung brachte und schließlich wenig überzeugend von einem Haus, seinem Haus, in Acapulco erzählte. Aber noch viel skeptischer war sie, als er sich ihr als ehemaliger Bauhilfsarbeiter offenbaren wollte. Kreisangestellter erschien ihr dann schon glaubhafter.

Die BGB-Vorlesung fand in der Aula am Wilhelmsplatz statt. Es wimmelte von Studenten. Göttingen, seit Jahrhunderten eine Jura-Universität, hatte schon Könige und Kaiser gesehen, und die Atmosphäre war immer noch danach.

Lesen Sie in der kommenden Ausgabe die Fortsetzung des siebten Kapitels des Romans über Erich Wegners erste Erfahrungen an der Uni. (CH)


© 2008 Horlemann
Alle Rechte vorbehalten
Überarbeitete Neuausgabe – Erstveröffentlichung 1978 Büchergilde Gutenberg, Satz und Umschlaggestaltung Verlag.
Bitte fordern Sie das Verlagsverzeichnis an, unter:
Horlemann Verlag, Postfach 1307, 53583 Bad Honnef,
Telefax 02224 5429, E-Mail: info (at) horlemann-verlag.de
www.horlemann.info


Wolfgang Bittner, Jahrgang 1941, lebt als freier Schriftsteller in Köln. Der promovierte Jurist schreibt für Erwachsene, Jugendliche und Kinder. Er erhielt mehrere Literaturpreise, ist Mitglied im PEN und Mitarbeiter bei Zeitungen, Zeitschriften, Rundfunk und Fernsehen. Er hat mehr als 50 Bücher veröffentlicht, u.a. die Romane „Der Aufsteiger oder Ein Versuch zu leben“, „Niemandsland“ und „Flucht nach Kanada “, den Erzählband „Das andere Leben“ sowie das Sachbuch „Beruf: Schriftsteller“.

Online-Flyer Nr. 158  vom 06.08.2008

Druckversion     



Startseite           nach oben

KÖLNER KLAGEMAUER


Für Frieden und Völkerverständigung
FILMCLIP
FOTOGALERIE