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Literatur
Der Fortsetzungroman in der NRhZ – Folge 20
Der Aufsteiger oder Ein Versuch zu leben
Von Wolfgang Bittner

Außer bequem als Buch im Horlemann-Verlag können Sie exklusiv in der NRhZ die überarbeitete Neuausgabe von Wolfgang Bittners 1978 erstmals erschienenen Roman „Der Aufsteiger oder Ein Versuch zu leben“ lesen – eine Rezension des Werks finden sie in der NRhZ 139: „Ein Roman über einen ‚Helden’ von unten, aus der Sicht von unten und deshalb wichtig für alle – und sogar mit nicht allzu viel Fantasie lässt sich auch der Roman auf heutige Verhältnisse übertragen.“, schreibt Rezensent und Buchhändler Uli Klinger über „Der Aufsteiger“.
7) Den Marschallstab im Tornister (Fortsetzung)
Man hatte einen Kaiser-Wilhelm-Park, ein König-Wilhelm-Denkmal auf dem Wilhelmsplatz, einen Bismarckturm, ein Bismarckhaus, einen Bismarckstein. Der „Eiserne Kanzler“ hatte hier studiert, es gab eine Schlagende Verbindung, der er angehört hatte, und es waren noch zahlreiche Anekdoten über ihn in Umlauf. Auch das Prinzenhaus in der Prinzenstraße, jetzt Sitz der Commerzbank, zeugte von Glanz und Gloria monarchistischer Zeiten und davon, dass das englische Königshaus seinen Nachwuchs früher mehrere Semester lang in Göttingen studieren zu lassen pflegte. Die brauchten sich keine Bude bei einer neugierigen alten Vettel zu Wucherpreisen zu suchen, denen stand am Studienort ein Palais zur Verfügung.
1826 war Heinrich Heine aus dieser Stadt zu einer Harzreise aufgebrochen. Er schrieb damals, die Stadt selbst sei schön und gefalle einem am besten, wenn man sie mit dem Rücken ansehe. Ihre Bewohner würden im Allgemeinen eingeteilt in Studenten, Professoren, Philister und Vieh, welche vier Stände doch nichts weniger als streng geschieden seien. Der Viehstand sei der bedeutendste.
Hatte sich seit 1826 etwas Wesentliches geändert? Diese jüngste Großstadt Niedersachsens war mit ihren 110.000 Einwohnern, worunter sich rund 12.000 Stundenten befanden, ein kleinbürgerliches Nest geblieben. Allerdings gehörte sie nicht mehr dem König von Hannover. Aber manchem Bürger schien das noch nicht ins Bewusstsein gedrungen zu sein. Wenn man sich bei der Zimmersuche mit einigen dieser Vermieter und Vermieterinnen unterhalten hatte, wusste man, was los war.
Der Professor trug vor, was man ebenso gut oder besser hätte nachlesen können. Dass nach Paragraph 1589 Absatz 2 BGB der Erzeuger als nicht verwandt mit dem unehelichen Kind gilt. So stand es tatsächlich im Gesetz. Und dass nach Paragraph 1708 BGB der Vater des unehelichen Kindes verpflichtet sei, diesem einen standesgemäßen Unterhalt zu gewähren.
„Die Alimentation bemisst sich nach der Lebensstellung der Mutter“, erklärte der Professor. „Um die Vaterschaftsfeststellung und Alimentenzahlung kümmert sich das Jugendamt. Allerdings kommt es vor“, fuhr er verschmitzt lächelnd fort, „dass eine Mutter den Namen des Erzeugers verschweigt oder dass der Erzeuger einfach nicht zahlen kann. In solchen Fällen ist natürlich auch das Jugendamt machtlos.“ Neben Erich Wegner saßen einige Studenten mit Couleurbändern quer vor der Brust und Bierzipfeln am Hosenbund, wodurch sie sich als Angehörige einer Verbindung zu erkennen gaben.
„Jetzt kommt‘s gleich“, flüsterte ein älterer Student unter ihnen den anderen zu. „Das bringt er garantiert jedes Semester.“ Und schon wandte sich der Professor leutselig an eine gutaussehende Studentin in der ersten Reihe und fragte: „Was würden Sie machen, verehrteste Kommilitonin, um den Vater Ihres unehelichen Kindes zum Unterhalt heranzuziehen?“ Die Folge war allgemeine Heiterkeit.
„Nur mal als Unterstellung, Sie hätten eins“, sagte der Professor beschwichtigend.
„Ich kann meine Kinder auch selber ernähren“, zog sich die Studentin aus der Affäre.
„Meine Herren“, trompetete der Professor befriedigt, „merken sie sich diese Dame!“ Alles lachte, brüllte vor Lachen. Der ganze Hörsaal toste.
Erich Wegner fühlte sich fremd.
„Wenn sie mit dem Gericht gekommen wäre, geht der Witz auch mit Inachtnehmen vor dieser Dame“, flüsterte der ältere Verbindungsstudent mit Lachtränen in den Augen. Anscheinend hatte er seine Bundesbrüder nur des Witzes wegen in diese Vorlesung geführt. Sie amüsierten sich köstlich.
Akademische Freuden, dachte Erich Wegner bei sich. Freude, schöner Götterfunken! Wenn man dazu noch einen fetten Monatswechsel von zu Hause bekommt, kann man es gut einige Jährchen an so einer Universität aushalten.
Er schwankte zwischen achtungsvoller Bewunderung des akademischen Lebens und einer sich aus der kritischen Reflexion akademischer Möglichkeiten ergebenden Ablehnung dieses überwiegend verstaubten Trubels und Akademikertums. Wenn man sich diese hochnäsigen Typen ansah, aus denen die Studentenschaft vorwiegend bestand, wusste man genau, woran man war. Von der Universität kamen die zukünftigen Führer, dümmlich-freche Rotzjungen und puppenhaft verzogene Pipimädchen, alle aus so genanntem gutem Haus. Er bemerkte nur wenige, die anders waren. Hier wuchs die junge Garde der herrschenden Klassen heran, daran gab es keinen Zweifel. Und die wenigsten von denen waren gleich auf den ersten Blick an ihren Bierzipfeln zu erkennen.
Seine erste Euphorie hatte sich schnell gelegt. Ein bisschen auch seine Angst, die ihm zu Anfang so stark zu schaffen gemacht hatte, dass ihm manchmal während der Vorlesungen schlecht wurde. Aber auch das gab sich mit der Zeit; er gewöhnte sich daran, dass sein Vorhaben, Student zu werden, Wirklichkeit geworden war. Nachdem er jetzt einige Wochen lang, schwankend zwischen Beklommenheit und andächtigem Staunen, durch die ehrwürdigen Hallen geistigen Lebens gewandelt war, gingen ihm langsam die Augen auf.
Warum unterhalten wir uns nicht darüber, dass man den Paragraphen 1589 Absatz 2 des Bürgerlichen Gesetzbuches von 1900, wonach Vater und Kind nicht verwandt sein sollen, abschaffen müsste, dachte er. Warum erfährt man nicht, dass diese Bestimmung nicht mehr passt, noch nie gepasst hat, dass sie in Zusammenhang mit dem Erbrecht gesehen werden muss, wonach Verwandte erben. Warum wird darüber nichts in der Vorlesung gesagt? Darüber, dass es mit der Gleichberechtigung des unehelichen Kindes im Argen liegt. Darüber zum Beispiel, dass unser Erbrecht und unser Steuerrecht es Millionärstöchterchen und Playboys ermöglicht, ihr Leben lang ein Rentnerdasein zu führen, die Millionen ihrer Väter zu erben, ohne je einen Handschlag getan zu haben, mit Stroh im Kopf auf Kosten anderer zu leben wie die Made im Speck.
Das war der augenblickliche Rechtszustand. War denn das Recht? War das Gerechtigkeit? Hätte man nicht wenigstens darüber sprechen müssen? Aber es wurde weder darüber gesprochen noch diskutiert. Das war eben so, dann musste es wohl richtig sein. Wer zu den Privilegierten gehörte, fand das sowieso gut. Und die meisten Studenten gehörten zu den Privilegierten.
Nach dem Mittagessen in der Mensa ging er durch die Altstadt nach Hause, das heißt in seine Studentenbude. Überall in den Straßen hingen Verbindungsfahnen. Die alten Fachwerkhäuser sahen von weitem wie geschmückte Bäuerinnen aus, die auf die Kirmes warteten. Sah man sie freilich von Nahem an, waren Anzeichen des Verfalls festzustellen.
In den engen Straßen herrschte eine drückende Schwüle. Er überquerte den alten Stadtwall, der die Innenstadt mit wenigen Unterbrechungen immer noch ringförmig umgab. Unter hohen Platanen standen Bänke, und er rastete einen Moment, musste plötzlich an die Gastwirtschaft seines Großvaters denken, an das Haus in Schlesien. Vertreibung, wen kümmerte das heute noch? Außer diejenigen, die betroffen waren, die jahrelang als unerwünschte Fremde von der Hand in den Mund leben mussten? Aber davon wurde auch nicht gesprochen, weder über den Verlust von Heimat noch über die Schuld und das schlechte Gewissen der Schuldigen, von denen sich die meisten inzwischen schon wieder eingerichtet und saniert hatten.
Er schüttelte die dunklen Gedanken ab, sagte sich, dass es ihm gut gehe, nahm erst jetzt den sonnigen Tag richtig wahr. Er konnte studieren, musste nicht morgens um halb sechs aufstehen, um dann zehn oder sogar zwölf Stunden im Dreck zu wühlen.
Und er brauchte auch nicht den ganzen Tag in einem Kaninchenstall mit einem Herrn Kreissekretär Wöhler zu verbringen.
War das etwa nichts? Er durfte mitten am Tag auf einer Bank im Park sitzen, über sich das Grün der Bäume und einen endlos blauen Himmel. Spontan überkam ihn eine Art Glücksgefühl, das er in letzter Zeit häufiger hatte und das er allmählich zu genießen lernte.
Nach einer Weile ging er weiter. Außerhalb der City, an den Ampelkreuzungen, abgasdunstige Asphaltatmosphäre. Dahinter hässliche Mietskasernen. In einem dieser Häuser war er jetzt, vorübergehend, zu Hause. Angekommen, legte er sich aufs Bett und stellte seinen Wecker auf halb vier.
Lesen Sie in der kommenden Ausgabe die Fortsetzung des siebten Kapitels Wolfgang Bittners Romans über Erich Wegners erste Erfahrungen an der Uni. (CH)
© 2008 Horlemann
Alle Rechte vorbehalten
Überarbeitete Neuausgabe – Erstveröffentlichung 1978 Büchergilde Gutenberg, Satz und Umschlaggestaltung Verlag.
Bitte fordern Sie das Verlagsverzeichnis an, unter:
Horlemann Verlag, Postfach 1307, 53583 Bad Honnef,
Telefax 02224 5429, E-Mail: info (at) horlemann-verlag.de
www.horlemann.info
Online-Flyer Nr. 159 vom 13.08.2008
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Der Aufsteiger oder Ein Versuch zu leben
Von Wolfgang Bittner

7) Den Marschallstab im Tornister (Fortsetzung)
Man hatte einen Kaiser-Wilhelm-Park, ein König-Wilhelm-Denkmal auf dem Wilhelmsplatz, einen Bismarckturm, ein Bismarckhaus, einen Bismarckstein. Der „Eiserne Kanzler“ hatte hier studiert, es gab eine Schlagende Verbindung, der er angehört hatte, und es waren noch zahlreiche Anekdoten über ihn in Umlauf. Auch das Prinzenhaus in der Prinzenstraße, jetzt Sitz der Commerzbank, zeugte von Glanz und Gloria monarchistischer Zeiten und davon, dass das englische Königshaus seinen Nachwuchs früher mehrere Semester lang in Göttingen studieren zu lassen pflegte. Die brauchten sich keine Bude bei einer neugierigen alten Vettel zu Wucherpreisen zu suchen, denen stand am Studienort ein Palais zur Verfügung.
1826 war Heinrich Heine aus dieser Stadt zu einer Harzreise aufgebrochen. Er schrieb damals, die Stadt selbst sei schön und gefalle einem am besten, wenn man sie mit dem Rücken ansehe. Ihre Bewohner würden im Allgemeinen eingeteilt in Studenten, Professoren, Philister und Vieh, welche vier Stände doch nichts weniger als streng geschieden seien. Der Viehstand sei der bedeutendste.
Hatte sich seit 1826 etwas Wesentliches geändert? Diese jüngste Großstadt Niedersachsens war mit ihren 110.000 Einwohnern, worunter sich rund 12.000 Stundenten befanden, ein kleinbürgerliches Nest geblieben. Allerdings gehörte sie nicht mehr dem König von Hannover. Aber manchem Bürger schien das noch nicht ins Bewusstsein gedrungen zu sein. Wenn man sich bei der Zimmersuche mit einigen dieser Vermieter und Vermieterinnen unterhalten hatte, wusste man, was los war.
Der Professor trug vor, was man ebenso gut oder besser hätte nachlesen können. Dass nach Paragraph 1589 Absatz 2 BGB der Erzeuger als nicht verwandt mit dem unehelichen Kind gilt. So stand es tatsächlich im Gesetz. Und dass nach Paragraph 1708 BGB der Vater des unehelichen Kindes verpflichtet sei, diesem einen standesgemäßen Unterhalt zu gewähren.
„Die Alimentation bemisst sich nach der Lebensstellung der Mutter“, erklärte der Professor. „Um die Vaterschaftsfeststellung und Alimentenzahlung kümmert sich das Jugendamt. Allerdings kommt es vor“, fuhr er verschmitzt lächelnd fort, „dass eine Mutter den Namen des Erzeugers verschweigt oder dass der Erzeuger einfach nicht zahlen kann. In solchen Fällen ist natürlich auch das Jugendamt machtlos.“ Neben Erich Wegner saßen einige Studenten mit Couleurbändern quer vor der Brust und Bierzipfeln am Hosenbund, wodurch sie sich als Angehörige einer Verbindung zu erkennen gaben.
„Jetzt kommt‘s gleich“, flüsterte ein älterer Student unter ihnen den anderen zu. „Das bringt er garantiert jedes Semester.“ Und schon wandte sich der Professor leutselig an eine gutaussehende Studentin in der ersten Reihe und fragte: „Was würden Sie machen, verehrteste Kommilitonin, um den Vater Ihres unehelichen Kindes zum Unterhalt heranzuziehen?“ Die Folge war allgemeine Heiterkeit.
„Nur mal als Unterstellung, Sie hätten eins“, sagte der Professor beschwichtigend.
„Ich kann meine Kinder auch selber ernähren“, zog sich die Studentin aus der Affäre.
„Meine Herren“, trompetete der Professor befriedigt, „merken sie sich diese Dame!“ Alles lachte, brüllte vor Lachen. Der ganze Hörsaal toste.
Erich Wegner fühlte sich fremd.
„Wenn sie mit dem Gericht gekommen wäre, geht der Witz auch mit Inachtnehmen vor dieser Dame“, flüsterte der ältere Verbindungsstudent mit Lachtränen in den Augen. Anscheinend hatte er seine Bundesbrüder nur des Witzes wegen in diese Vorlesung geführt. Sie amüsierten sich köstlich.
Akademische Freuden, dachte Erich Wegner bei sich. Freude, schöner Götterfunken! Wenn man dazu noch einen fetten Monatswechsel von zu Hause bekommt, kann man es gut einige Jährchen an so einer Universität aushalten.
Er schwankte zwischen achtungsvoller Bewunderung des akademischen Lebens und einer sich aus der kritischen Reflexion akademischer Möglichkeiten ergebenden Ablehnung dieses überwiegend verstaubten Trubels und Akademikertums. Wenn man sich diese hochnäsigen Typen ansah, aus denen die Studentenschaft vorwiegend bestand, wusste man genau, woran man war. Von der Universität kamen die zukünftigen Führer, dümmlich-freche Rotzjungen und puppenhaft verzogene Pipimädchen, alle aus so genanntem gutem Haus. Er bemerkte nur wenige, die anders waren. Hier wuchs die junge Garde der herrschenden Klassen heran, daran gab es keinen Zweifel. Und die wenigsten von denen waren gleich auf den ersten Blick an ihren Bierzipfeln zu erkennen.
Seine erste Euphorie hatte sich schnell gelegt. Ein bisschen auch seine Angst, die ihm zu Anfang so stark zu schaffen gemacht hatte, dass ihm manchmal während der Vorlesungen schlecht wurde. Aber auch das gab sich mit der Zeit; er gewöhnte sich daran, dass sein Vorhaben, Student zu werden, Wirklichkeit geworden war. Nachdem er jetzt einige Wochen lang, schwankend zwischen Beklommenheit und andächtigem Staunen, durch die ehrwürdigen Hallen geistigen Lebens gewandelt war, gingen ihm langsam die Augen auf.
Warum unterhalten wir uns nicht darüber, dass man den Paragraphen 1589 Absatz 2 des Bürgerlichen Gesetzbuches von 1900, wonach Vater und Kind nicht verwandt sein sollen, abschaffen müsste, dachte er. Warum erfährt man nicht, dass diese Bestimmung nicht mehr passt, noch nie gepasst hat, dass sie in Zusammenhang mit dem Erbrecht gesehen werden muss, wonach Verwandte erben. Warum wird darüber nichts in der Vorlesung gesagt? Darüber, dass es mit der Gleichberechtigung des unehelichen Kindes im Argen liegt. Darüber zum Beispiel, dass unser Erbrecht und unser Steuerrecht es Millionärstöchterchen und Playboys ermöglicht, ihr Leben lang ein Rentnerdasein zu führen, die Millionen ihrer Väter zu erben, ohne je einen Handschlag getan zu haben, mit Stroh im Kopf auf Kosten anderer zu leben wie die Made im Speck.
Das war der augenblickliche Rechtszustand. War denn das Recht? War das Gerechtigkeit? Hätte man nicht wenigstens darüber sprechen müssen? Aber es wurde weder darüber gesprochen noch diskutiert. Das war eben so, dann musste es wohl richtig sein. Wer zu den Privilegierten gehörte, fand das sowieso gut. Und die meisten Studenten gehörten zu den Privilegierten.
Nach dem Mittagessen in der Mensa ging er durch die Altstadt nach Hause, das heißt in seine Studentenbude. Überall in den Straßen hingen Verbindungsfahnen. Die alten Fachwerkhäuser sahen von weitem wie geschmückte Bäuerinnen aus, die auf die Kirmes warteten. Sah man sie freilich von Nahem an, waren Anzeichen des Verfalls festzustellen.
In den engen Straßen herrschte eine drückende Schwüle. Er überquerte den alten Stadtwall, der die Innenstadt mit wenigen Unterbrechungen immer noch ringförmig umgab. Unter hohen Platanen standen Bänke, und er rastete einen Moment, musste plötzlich an die Gastwirtschaft seines Großvaters denken, an das Haus in Schlesien. Vertreibung, wen kümmerte das heute noch? Außer diejenigen, die betroffen waren, die jahrelang als unerwünschte Fremde von der Hand in den Mund leben mussten? Aber davon wurde auch nicht gesprochen, weder über den Verlust von Heimat noch über die Schuld und das schlechte Gewissen der Schuldigen, von denen sich die meisten inzwischen schon wieder eingerichtet und saniert hatten.
Er schüttelte die dunklen Gedanken ab, sagte sich, dass es ihm gut gehe, nahm erst jetzt den sonnigen Tag richtig wahr. Er konnte studieren, musste nicht morgens um halb sechs aufstehen, um dann zehn oder sogar zwölf Stunden im Dreck zu wühlen.
Und er brauchte auch nicht den ganzen Tag in einem Kaninchenstall mit einem Herrn Kreissekretär Wöhler zu verbringen.
War das etwa nichts? Er durfte mitten am Tag auf einer Bank im Park sitzen, über sich das Grün der Bäume und einen endlos blauen Himmel. Spontan überkam ihn eine Art Glücksgefühl, das er in letzter Zeit häufiger hatte und das er allmählich zu genießen lernte.
Nach einer Weile ging er weiter. Außerhalb der City, an den Ampelkreuzungen, abgasdunstige Asphaltatmosphäre. Dahinter hässliche Mietskasernen. In einem dieser Häuser war er jetzt, vorübergehend, zu Hause. Angekommen, legte er sich aufs Bett und stellte seinen Wecker auf halb vier.
Lesen Sie in der kommenden Ausgabe die Fortsetzung des siebten Kapitels Wolfgang Bittners Romans über Erich Wegners erste Erfahrungen an der Uni. (CH)
© 2008 Horlemann
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