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Literatur
Der Fortsetzungsroman in der NRhZ – Folge 23
Der Aufsteiger oder Ein Versuch zu leben
Von Wolfgang Bittner

Außer bequem als Buch im Horlemann-Verlag können Sie exklusiv in der NRhZ die überarbeitete Neuausgabe von Wolfgang Bittners 1978 erstmals erschienenen Roman „Der Aufsteiger oder Ein Versuch zu leben“ lesen – eine Rezension des Werks finden sie in der NRhZ 139: „Ein Roman über einen ‚Helden’ von unten, aus der Sicht von unten und deshalb wichtig für alle – und sogar mit nicht allzu viel Fantasie lässt sich auch der Roman auf heutige Verhältnisse übertragen.“, schreibt Rezensent und Buchhändler Uli Klinger über „Der Aufsteiger“.
8) Wir sind alle gezeichnet
Einerlei, wie unsere Kindheit ausgesehen hat, wir sind ihr verhaftet.
Er merkte es an sich selber, an der Art, wie er lebte, wie er sprach, wie er fühlte. Und er merkte es an Lina, an jeder ihrer Äußerungen und Handlungen, an der Art, wie sie sich gab, überhaupt, und wie sie sich ihm gab. Gestern hatten sie sich stundenlang unterhalten, einen ganzen Abend lang. Zuerst bis zwei in der Studentenkneipe, anschließend bis morgens um fünf auf ihrer Bude.
Wir sind unserer Vergangenheit verhaftet, dachte er. Wir sind alle gezeichnet. So oder so. Können Fabrikantensöhne und Professorentöchter Arbeiterprobleme verstehen? Wirklich nachemp- finden und verstehen? Können sie die Probleme eines Aufgestiegenen, eines Emporkömmlings, verstehen? Bedeutet Emanzipation des Menschen nicht in erster Linie eine Emanzipation der arbeitenden Bevölkerung, der breiten, zurzeit unmündigen und unmündig gehaltenen Masse? Müsste eine Emanzipationsbewegung nicht aus dieser Masse heraus entstehen und von ihr getragen werden? Er saß am Tisch und las in einem Lehrbuch für Strafprozessrecht.
Ihm war klar, dass er dieses Buch niemals würde durchlesen können, wie er es sich anfangs vorgenommen hatte. Selbst ursprünglich interessante Themen waren so farblos dargestellt, dass man einfach nichts aufnehmen konnte. Die Gedanken liefen ihm weg. Während er las, gingen sie gänzlich andere Wege als vorgesehen.
Ich bin nicht emanzipiert, dachte er, obwohl ich jetzt studiere.
Er brachte es nicht einmal fertig, sich mit seiner Wirtin auszusprechen, wie er es seit langem beabsichtigte; ihr sachlich, aber bestimmt zu sagen, wie sehr ihn ihre Neugier störte, ihre ewigen ins Persönliche gehenden Fragen ihn aufregten, dass er in seinem Zimmer allein sein wollte, dass er ihre Vorschriften satt hatte und nicht zu akzeptieren bereit war. Er schob dieses notwendige Gespräch, das vielleicht zu einer Auseinandersetzung werden und die Konsequenzen einer Kündigung erforderlich machen würde, immer wieder auf.
Sie gingen zu Lina, wenn sie allein sein, sich ungestört unterhalten, sich lieben, glücklich sein wollten. Lina wohnte separat (wofür sie natürlich entsprechend mehr Miete zu zahlen hatte), sie besaß eine Stereoanlage, ausgezeichnete Platten und einen ganzen Schrank voller Bücher. Außerdem gab es bei ihr eine Kochgelegenheit, so dass sie sich etwas brutzeln konnten, wenn sie wollten.
Überhaupt stellte er an ihr und an einigen anderen Studenten, die er inzwischen kennengelernt hatte, fest, dass Studieren mit Geld in der Tasche fast so schön war wie Urlaub. Das ganze Leben war schöner, wenn man Geld hatte.
Aber viel Geld bekam man nur auf Kosten anderer, das war klar. Er kannte einen, dessen Vater hatte eine gut gehende Brotfabrik.
Der hatte ihm erzählt, dass sein alter Herr seit Jahren kaum einen Pfennig Steuern zahlte. Die hatten immer soviel Passiva in ihrer Bilanz, wie sie gerade brauchten. Sobald ein größerer Gewinn drohte, wurde ein neuer Kredit aufgenommen, investiert, angeschafft, vergrößert. Die hatten immer Schulden. Aber neben ihrer Stadtvilla besaßen sie noch ein Sommerhaus auf dem Land, ein Kajütboot auf der Weser, eine Jagdhütte im Solling, ein Ferienhaus bei La Baule, mehrere Autos, ein Sportflugzeug und so weiter. Da gingen einem die Augen über.
Wer bezahlt eigentlich die Steuern in diesem sozialen Rechtsstaat? Er kannte einen anderen, der kam immer mit seinem Porsche zur Vorlesung. Wenn er keinen Parkplatz fand, stellte er sich einfach ins Parkverbot und zahlte ab und zu mal ein paar Mark Strafe. Der war Freiherr von Soundso. Seine erlauchte Familie hatte sich jetzt auf Porzellanfabrikation und Schweinemast verlegt (solche Leute haben ja immer mehrere Eisen im Feuer). Die hatten Geld wie Heu. Der studierte auch Jura, locker vom Hocker, völlig problemlos, in der soundsovielten Generation. Das war Chancengleichheit, Gleichheit vor dem Gesetz und freier Zugang zu jeder Art von Ausbildung. „Das Gesetz in seiner majestätischen Gleichheit verbietet es den Reichen wie den Armen, auf den Straßen zu betteln, unter den Brücken zu schlafen und Brot zu stehlen.“ Der stellte seinen Porsche ins Parkverbot, und man selber konnte sich nicht einmal einen BGB-Kommentar leisten, womöglich musste man sich den klauen.
Da merkte man auf einmal, dass es noch richtige Adlige gab, und vor allem, dass die noch reich sein konnten. Man sah ja sonst immer nur verfallene Burgen und Schlösser und dachte, die Zeiten hätten sich geändert. Dass den Fürsten von Thurn und Taxis noch immer ein erklecklicher Teil von Bayern gehörte, war ja kaum jemandem bekannt. Bestenfalls wusste man noch von der Schule her, dass die ihr erbliches Postregal für das Deutsche Reich vor hundert Jahren an den Staat abgetreten hatten. Wahrscheinlich waren ihnen die Rendite und der Informationsgewinn nicht mehr ausreichend gewesen.
Es gab auch rechtswissenschaftliche Vorlesungen, deren Besuch sich lohnte, in denen Dinge zu erfahren waren, die in keinem Lehrbuch standen. Zum Beispiel brachte 1920 der Jurist und spätere Reichsjustizminister Gustav Radbruch zusammen mit 54 anderen Mitgliedern der SPD-Reichstagsfraktion einen Änderungsantrag zum Abtreibungsparagraphen 218 ein. Vorgesehen war ein Drei-Monate-Fristen-Modell ohne jede diskriminierende Motivforschung durch Juristen, Ärzte oder Psychologen. Natürlich ist niemals etwas daraus geworden. Im Gegenteil. Ende der sechziger Jahre beginnt man, sich über ein rückschrittliches Indikationsmodell zu unterhalten. Die Vorträge Radbruchs, gesammelt unter dem Titel Der Mensch im Recht, sind vergessen.
So etwas lesen Juristen nicht, darin ist von dem geltenden Recht als einem Kampfmittel gegen die Arbeiterklasse die Rede.
Auch in den Büchern des juristischen Seminars fand sich gelegentlich Interessantes. 1907 sagte der Jurist und Sozialist Karl Liebknecht, als er wegen Hochverrats vor dem Reichsgericht stand: „Unter Klassenjustiz verstehe ich die gesellschaftliche Erscheinung, dass das Richteramt nur von Angehörigen der herrschenden Klasse oder Klassen ausgeübt wird. Solche Richter vermögen, wenn sie über Angehörige anderer Bevölkerungsschichten zu befinden haben, naturgemäß nicht objektiv zu urteilen.“ 1919 wurde Karl Liebknecht von reaktionären Militärs ermordet.
Lina brauchte in den Semesterferien nicht zu arbeiten, sie war zu Hause gewesen, auf dem Gut ihrer Eltern, und hatte richtigen Urlaub gemacht. Dort draußen an der Küste, wo es Wiesen und Felder gibt, so weit das Auge reicht und Himmel und Erde sich am Horizont vereinen.
Sie war hübsch geworden in den letzten Monaten. Das fiel ihm besonders auf, als sie sich gegen Ende der Semesterferien wiedersahen.
Ihre Lippen waren voller geworden, ihre Nase war nicht mehr so spitz, ihr Haar nicht mehr sandfarben, eher goldblond.
„Es ist schön bei uns zu Haus“, sagte sie, als sie sich über die Ferien unterhielten. „Du musst uns mal besuchen kommen.“ Sie hatten mehrere Gästezimmer und besaßen Reitpferde. Da gab es einen Ort, an dem man sich von der Zivilisation erholen konnte, von dieser ganzen Zivilisationsscheiße, die mit Kultur nicht das Geringste zu tun hat. Aber er hatte Angst. Angst vor ihr, vor ihren Eltern, vor den aus einem Besuch sich ergebenden Verpflichtungen, vor seinen Hemmungen, die ganz bestimmt da sein würden.
Er wäre gern mit ihr über das Watt gewandert, hätte gern mit ihr in dem sonnengewärmten Wasser eines Priels gebadet, sich dem Wechsel von Ebbe und Flut angepasst, sie hätten Muscheln gesammelt, die Seehunde auf ihren Sandbänken beobachtet, wären über blühende Polderwiesen geritten. Er hätte ihr einen riesigen Strauß Butterblumen und Wiesenschaumkraut gepflückt.
Und sie wären mit dem Segelboot hinausgefahren und hätten sich geliebt, im Rhythmus der Wellen, auf und ab und hin und her. Immer wieder, bis zur völligen Erschöpfung, bis der Hunger nach dem Etwas, die Sehnsucht nach der verlorenen Heimat, gestillt gewesen wäre.
Aber er hatte Angst. Vor ihr ebenso wie vor sich selbst. Er bewunderte ihren Verstand, ihre geistige Schärfe und Prägnanz, diese beherrschte Regsamkeit. Manchmal kam er sich ihr gegenüber minderbemittelt vor, verklemmt und schwerfällig. Man müsste noch einmal von vorn anfangen können, dachte er, ganz von vorn.
Lesen Sie in der kommenden Ausgabe die Fortsetzung von Wolfgang Bittners Roman und des achten Kapitels „Wir sind alle gezeichnet“. (CH)
© 2008 Horlemann
Alle Rechte vorbehalten
Überarbeitete Neuausgabe – Erstveröffentlichung 1978 Büchergilde Gutenberg, Satz und Umschlaggestaltung Verlag.
Bitte fordern Sie das Verlagsverzeichnis an, unter:
Horlemann Verlag, Postfach 1307, 53583 Bad Honnef,
Telefax 02224 5429, E-Mail: info (at) horlemann-verlag.de
www.horlemann.info
Online-Flyer Nr. 162 vom 03.09.2008
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Von Wolfgang Bittner

8) Wir sind alle gezeichnet
Einerlei, wie unsere Kindheit ausgesehen hat, wir sind ihr verhaftet.
Er merkte es an sich selber, an der Art, wie er lebte, wie er sprach, wie er fühlte. Und er merkte es an Lina, an jeder ihrer Äußerungen und Handlungen, an der Art, wie sie sich gab, überhaupt, und wie sie sich ihm gab. Gestern hatten sie sich stundenlang unterhalten, einen ganzen Abend lang. Zuerst bis zwei in der Studentenkneipe, anschließend bis morgens um fünf auf ihrer Bude.
Wir sind unserer Vergangenheit verhaftet, dachte er. Wir sind alle gezeichnet. So oder so. Können Fabrikantensöhne und Professorentöchter Arbeiterprobleme verstehen? Wirklich nachemp- finden und verstehen? Können sie die Probleme eines Aufgestiegenen, eines Emporkömmlings, verstehen? Bedeutet Emanzipation des Menschen nicht in erster Linie eine Emanzipation der arbeitenden Bevölkerung, der breiten, zurzeit unmündigen und unmündig gehaltenen Masse? Müsste eine Emanzipationsbewegung nicht aus dieser Masse heraus entstehen und von ihr getragen werden? Er saß am Tisch und las in einem Lehrbuch für Strafprozessrecht.
Ihm war klar, dass er dieses Buch niemals würde durchlesen können, wie er es sich anfangs vorgenommen hatte. Selbst ursprünglich interessante Themen waren so farblos dargestellt, dass man einfach nichts aufnehmen konnte. Die Gedanken liefen ihm weg. Während er las, gingen sie gänzlich andere Wege als vorgesehen.
Ich bin nicht emanzipiert, dachte er, obwohl ich jetzt studiere.
Er brachte es nicht einmal fertig, sich mit seiner Wirtin auszusprechen, wie er es seit langem beabsichtigte; ihr sachlich, aber bestimmt zu sagen, wie sehr ihn ihre Neugier störte, ihre ewigen ins Persönliche gehenden Fragen ihn aufregten, dass er in seinem Zimmer allein sein wollte, dass er ihre Vorschriften satt hatte und nicht zu akzeptieren bereit war. Er schob dieses notwendige Gespräch, das vielleicht zu einer Auseinandersetzung werden und die Konsequenzen einer Kündigung erforderlich machen würde, immer wieder auf.
Sie gingen zu Lina, wenn sie allein sein, sich ungestört unterhalten, sich lieben, glücklich sein wollten. Lina wohnte separat (wofür sie natürlich entsprechend mehr Miete zu zahlen hatte), sie besaß eine Stereoanlage, ausgezeichnete Platten und einen ganzen Schrank voller Bücher. Außerdem gab es bei ihr eine Kochgelegenheit, so dass sie sich etwas brutzeln konnten, wenn sie wollten.
Überhaupt stellte er an ihr und an einigen anderen Studenten, die er inzwischen kennengelernt hatte, fest, dass Studieren mit Geld in der Tasche fast so schön war wie Urlaub. Das ganze Leben war schöner, wenn man Geld hatte.
Aber viel Geld bekam man nur auf Kosten anderer, das war klar. Er kannte einen, dessen Vater hatte eine gut gehende Brotfabrik.
Der hatte ihm erzählt, dass sein alter Herr seit Jahren kaum einen Pfennig Steuern zahlte. Die hatten immer soviel Passiva in ihrer Bilanz, wie sie gerade brauchten. Sobald ein größerer Gewinn drohte, wurde ein neuer Kredit aufgenommen, investiert, angeschafft, vergrößert. Die hatten immer Schulden. Aber neben ihrer Stadtvilla besaßen sie noch ein Sommerhaus auf dem Land, ein Kajütboot auf der Weser, eine Jagdhütte im Solling, ein Ferienhaus bei La Baule, mehrere Autos, ein Sportflugzeug und so weiter. Da gingen einem die Augen über.
Wer bezahlt eigentlich die Steuern in diesem sozialen Rechtsstaat? Er kannte einen anderen, der kam immer mit seinem Porsche zur Vorlesung. Wenn er keinen Parkplatz fand, stellte er sich einfach ins Parkverbot und zahlte ab und zu mal ein paar Mark Strafe. Der war Freiherr von Soundso. Seine erlauchte Familie hatte sich jetzt auf Porzellanfabrikation und Schweinemast verlegt (solche Leute haben ja immer mehrere Eisen im Feuer). Die hatten Geld wie Heu. Der studierte auch Jura, locker vom Hocker, völlig problemlos, in der soundsovielten Generation. Das war Chancengleichheit, Gleichheit vor dem Gesetz und freier Zugang zu jeder Art von Ausbildung. „Das Gesetz in seiner majestätischen Gleichheit verbietet es den Reichen wie den Armen, auf den Straßen zu betteln, unter den Brücken zu schlafen und Brot zu stehlen.“ Der stellte seinen Porsche ins Parkverbot, und man selber konnte sich nicht einmal einen BGB-Kommentar leisten, womöglich musste man sich den klauen.
Da merkte man auf einmal, dass es noch richtige Adlige gab, und vor allem, dass die noch reich sein konnten. Man sah ja sonst immer nur verfallene Burgen und Schlösser und dachte, die Zeiten hätten sich geändert. Dass den Fürsten von Thurn und Taxis noch immer ein erklecklicher Teil von Bayern gehörte, war ja kaum jemandem bekannt. Bestenfalls wusste man noch von der Schule her, dass die ihr erbliches Postregal für das Deutsche Reich vor hundert Jahren an den Staat abgetreten hatten. Wahrscheinlich waren ihnen die Rendite und der Informationsgewinn nicht mehr ausreichend gewesen.
Es gab auch rechtswissenschaftliche Vorlesungen, deren Besuch sich lohnte, in denen Dinge zu erfahren waren, die in keinem Lehrbuch standen. Zum Beispiel brachte 1920 der Jurist und spätere Reichsjustizminister Gustav Radbruch zusammen mit 54 anderen Mitgliedern der SPD-Reichstagsfraktion einen Änderungsantrag zum Abtreibungsparagraphen 218 ein. Vorgesehen war ein Drei-Monate-Fristen-Modell ohne jede diskriminierende Motivforschung durch Juristen, Ärzte oder Psychologen. Natürlich ist niemals etwas daraus geworden. Im Gegenteil. Ende der sechziger Jahre beginnt man, sich über ein rückschrittliches Indikationsmodell zu unterhalten. Die Vorträge Radbruchs, gesammelt unter dem Titel Der Mensch im Recht, sind vergessen.
So etwas lesen Juristen nicht, darin ist von dem geltenden Recht als einem Kampfmittel gegen die Arbeiterklasse die Rede.
Auch in den Büchern des juristischen Seminars fand sich gelegentlich Interessantes. 1907 sagte der Jurist und Sozialist Karl Liebknecht, als er wegen Hochverrats vor dem Reichsgericht stand: „Unter Klassenjustiz verstehe ich die gesellschaftliche Erscheinung, dass das Richteramt nur von Angehörigen der herrschenden Klasse oder Klassen ausgeübt wird. Solche Richter vermögen, wenn sie über Angehörige anderer Bevölkerungsschichten zu befinden haben, naturgemäß nicht objektiv zu urteilen.“ 1919 wurde Karl Liebknecht von reaktionären Militärs ermordet.
Lina brauchte in den Semesterferien nicht zu arbeiten, sie war zu Hause gewesen, auf dem Gut ihrer Eltern, und hatte richtigen Urlaub gemacht. Dort draußen an der Küste, wo es Wiesen und Felder gibt, so weit das Auge reicht und Himmel und Erde sich am Horizont vereinen.
Sie war hübsch geworden in den letzten Monaten. Das fiel ihm besonders auf, als sie sich gegen Ende der Semesterferien wiedersahen.
Ihre Lippen waren voller geworden, ihre Nase war nicht mehr so spitz, ihr Haar nicht mehr sandfarben, eher goldblond.
„Es ist schön bei uns zu Haus“, sagte sie, als sie sich über die Ferien unterhielten. „Du musst uns mal besuchen kommen.“ Sie hatten mehrere Gästezimmer und besaßen Reitpferde. Da gab es einen Ort, an dem man sich von der Zivilisation erholen konnte, von dieser ganzen Zivilisationsscheiße, die mit Kultur nicht das Geringste zu tun hat. Aber er hatte Angst. Angst vor ihr, vor ihren Eltern, vor den aus einem Besuch sich ergebenden Verpflichtungen, vor seinen Hemmungen, die ganz bestimmt da sein würden.
Er wäre gern mit ihr über das Watt gewandert, hätte gern mit ihr in dem sonnengewärmten Wasser eines Priels gebadet, sich dem Wechsel von Ebbe und Flut angepasst, sie hätten Muscheln gesammelt, die Seehunde auf ihren Sandbänken beobachtet, wären über blühende Polderwiesen geritten. Er hätte ihr einen riesigen Strauß Butterblumen und Wiesenschaumkraut gepflückt.
Und sie wären mit dem Segelboot hinausgefahren und hätten sich geliebt, im Rhythmus der Wellen, auf und ab und hin und her. Immer wieder, bis zur völligen Erschöpfung, bis der Hunger nach dem Etwas, die Sehnsucht nach der verlorenen Heimat, gestillt gewesen wäre.
Aber er hatte Angst. Vor ihr ebenso wie vor sich selbst. Er bewunderte ihren Verstand, ihre geistige Schärfe und Prägnanz, diese beherrschte Regsamkeit. Manchmal kam er sich ihr gegenüber minderbemittelt vor, verklemmt und schwerfällig. Man müsste noch einmal von vorn anfangen können, dachte er, ganz von vorn.
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Überarbeitete Neuausgabe – Erstveröffentlichung 1978 Büchergilde Gutenberg, Satz und Umschlaggestaltung Verlag.
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Online-Flyer Nr. 162 vom 03.09.2008
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