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Literatur
Kurzgeschichte
In den Himmel gehen
Von Katja Kutsch

Wir sind verschieden, wandern auf verschiedenen Pfaden, stehen uns auf verschiedenen Seiten des Lebens gegenüber, diametral, gegensätzlich, getrennt voneinander, ohne Dialog, ohne Kommunikation. Doch manchmal geschehen Dinge, und wir verstehen, dass uns viel mehr vereint, als wir gewohnt sind zu glauben. Eine Kurzgeschichte der Autorin Katja Kutsch – die Redaktion.


Springerstiefel www.JenaFoto24.de pixelio.de
Foto: www.JenaFoto24.de, Quelle: pixelio.de

Bis zu den Spielfilmen, die er alle schon kennt, dauert es noch über drei Stunden, Hunger verspürt er keinen, und neben ihm an der Wand tickt die Küchenuhr zu gleichmäßig, als dass er sich unter dem eintönigen Marsch lebendig fühlen könnte. Markus kneift in seinen Arm, um sicher zu gehen, dass der Virus ihm noch etwas Zeit lässt. Wofür, ist allerdings unklar, seine Tage sind eh nur noch lange Schatten, und im Grunde ist es egal, ob es heute zu Ende geht, in einem Monat oder einem Jahr. Zeit kann mich auch nicht mehr retten, denkt er und öffnet das Fenster. Die Hände aufgestützt, hockt er wie ein Hund auf dem Esstisch und wirft einen Blick in die Tiefe, wo seine Augen anstatt der erhofften Schwärze, die ihn verschlucken müsste, ein buntes Fest vorfinden. Die Aromen fremder Gewürze jagen durch die laue Herbstluft zu ihm herauf und lassen ihn das Fenster wieder schließen. „Die Wärme ist Schuld“, murmelt er. „Touristen dürfen keine alten Steine ausführen, aber die Sonne, die stecken sie in den Koffer, wenn sie ihre Verwandten besuchen und machen uns hier den Winter kaputt. Scheiß Türkenpack. Was meinst du, Micky?“

Micky Mouse grinst ihr freundliches Plüschgrinsen und gibt keine Antwort, aber das ist schon okay, weil stumme Freunde die besseren sind.

Die Nase gegen das kalte Glas gepresst, starrt er wieder in den Hof hinunter, wo sich einige der Frauen um einen alten Mann scharen, der wie ein König auf einem schiefen Holzstuhl thront. Sein Gesicht ist zerfurcht, die Haut schlaff wie bei einem Ballon, aus dem die Luft langsam herausweicht, aber in den Augen liegt ein seltsamer Glanz. Die Kinder, etwa ein Dutzend, laufen um die Erwachsenen herum wie bei einem Hindernisrennen, sie spielen Verstecken und manche kauern sich hinter die dicken, berockten Hintern ihrer Mütter.

„Dauernd feiern die Hochzeit, Geburtstag oder das Scheiß-Ramadan-Dingsda. Scheiß Türken. Was zu saufen, Micky?“ Er streichelt ihm über die Ohren, bevor er vom Küchentisch klettert und seinen schweigsamen Freund verlässt. Stumme Freunde sind weniger anstrengend, weil sie keine Fragen stellen, denkt er und auf der Treppe noch fallen ihm die Stimmen ein, die auf den Anrufbeantworter sprechen. Er hätte sich lange nicht mehr blicken lassen. Ob er überhaupt noch am Leben wäre. Und genau das weiß er ja nicht. Er weiß nur, dass ihre Lust am Prügeln in den Tagen, in denen sich die Blätter bunt färben, wieder wächst, deshalb rufen sie an, er selbst aber kann bloß noch schimpfen und irgendwem die Schuld für alles Mögliche geben, zur Not auch fürs Wetter. Um die Faust zu heben, reicht die Kraft nicht mehr, was im Grunde auch egal ist, so wie alles andere auch, außer vielleicht, dass er weiß, bei wem er sich den Mist eigentlich eingefangen hat. Es könnte der Geburtstag des Führers gewesen sein: Glas ging zu Bruch und irgendwann auch ein Fenster, bis die Nacht irgendwann selbst in Scherben lag, und dann war da dieses Mädchen, das aussah wie seine Mutter auf den Bildern, die noch im Flur hängen, blond und süß und so. Am Ende war die Kleine aus der Kneipe seiner Mutter aber nicht so ähnlich gewesen, wie er gedacht hatte.

„Da bin ich aber froh, dass du es bist. Bist ja einer von den anständigen Kerlen. Hier in diesem sozialen Brennpunkt, oder wie das die feinen Herrn von der Politik immer nennen.“ Pitt, der den Kiosk im letzten Jahr gepachtet hat, lächelt, weil Markus seine Getränke nicht mit einer Tüte voller Pfandflaschen bezahlt, wahrscheinlich eine Seltenheit in der Gegend.

Markus winkt zum Abschied, nimmt das Sixpack und verschwindet. Er zündet sich eine Zigarette an und starrt einen Moment lang auf die Glut, bevor er die leere Straße überquert. Sozialer Brennpunkt, denkt er, hier brennt eigentlich nichts mehr, ist alles bloß noch matschige Masse, aufgeweicht im Regen, platt getreten und verfault wie Blätter. Er muss schmunzeln, als er daran denkt, dass Pitt gesagt hat, er wäre anständig, und weil ihm in den Sinn kommt, dass anständige und unanständige Blätter in dem Matsch ja gar nicht mehr unterschieden werden können, dann tritt er zurück ins Haus. Es ist laut und die Tür zum Hinterhof steht mal wieder offen. „Ihr scheiß Kümmeltürken, könnt ihr nicht mal leise sein!“ Sein Rufen ertrinkt in einem Meer aus Gelächter, orientalischer Musik und dem Brutzeln der Spieße, die über dem Grill schmoren. Niemand hat ihn gehört. Niemand, außer dem Jungen, der auf dem Boden neben der Tür kauert, ein „Duck Tales“-T-Shirt trägt und ihn aus der Wurmperspektive heraus anstarrt. „Psst! Du verrätst sonst mein Versteck.“ Die Augen, schwarz wie Kaffee, sehen ihn so vorwurfsvoll an, wie ein Erwachsener ein Kind ansieht, das eine Fensterscheibe zerschossen hat.

„Herrgott, was feiert ihr denn da schon wieder?“ Er weiß selbst nicht, warum er mit dem Jungen spricht. Vielleicht ist das Disney-T-Shirt Schuld. Vielleicht, weil er weiß, dass er dabei ist zu verfaulen.
„Onkel Mehmet ist krank. Wir feiern seinen Abschied, weil er das will. Er wird ja bald in den Himmel gehen, wo wir ihn nicht mehr feiern können“, gibt der Junge altklug zurück und hält ihm einen schmutzigen Finger unter die Nase.
Markus muss lachen. „Nee, ist klar“, sagt er und dreht sich um.

„Ich heiße übrigens Altan“, wirft der Junge ihm mit der unvergleichlichen Unbekümmertheit eines Kindes nach, und er versucht, den Reflex antworten zu müssen, zu unterdrücken. „Schöner Name“, sagt er und geht.

Er dreht die leere Flasche in seinen Händen hin und her, während er anfängt zu frieren, als säße er auf einer Eisscholle. Manchmal meint er auch, seine Knochen klappern zu hören, so als wollten sie mit ihm sprechen und ihm sagen, dass es nur noch den einen Weg gibt, auf dem sie ihn tragen werden. In den Himmel gehen, schallt es in seinem Kopf, und neben ihm an der Wand tickt die Küchenuhr immer noch im stupiden, gleichmäßigen Takt. Wie der stramme Marsch eines Soldaten hört sich das an. Langweilig, denkt er, kippt das Fenster und hört Altan rufen, dass er gewonnen hat, und seine Stimme klingt wie der Ruf eines jungen und stolzen Vogels, frei und voller Kraft. Dass sich ausgerechnet das Bild eines Adlers vor ihm auftun muss, was für ein Mist, aber im gleichen Moment noch sieht er Altan mit weit ausgebreiteten Armen über die Stadt fliegen, mit einem Disney-T-Shirt bekleidet, über die Häuser mit den brüchigen Mauern hinweg und weit über dem braunen Matsch.

„Scheiße, Micky, die feiern Abschied. Das ist blöde, oder?“ Micky schweigt, was ihn zum ersten Mal in all den Jahren ihrer Freundschaft wütend macht. „Du bist auch irgendwie blöde“, schimpft er und schleudert den Kronkorken der letzten Flasche gegen die Uhr. Der erhoffte Rausch, der alle sinnlosen Überlegungen ersaufen sollte, ist trotz schnellen Trinkens nicht eingetreten, Pitts Kiosk hat inzwischen geschlossen, und in die Kneipe zu den anderen zu gehen, wäre Blödsinn. Die Fenster in dem Sauladen sind undicht, es ist kalt und verraucht, am Ende ist der Nebel so dick, dass man niemanden mehr sieht, und von den Frikadellen wird ihm übel, was den Wirt aber nicht interessiert, genau wie die Kumpels, die keine sind. Tot oder lebendig.

„Und jetzt?“ Er streichelt Mickys weichen Körper und legt ihm die Ohren an. „Warum antwortest du eigentlich nie?“ flüstert er, zieht die Stiefel, die treu neben der Tür warten, an und wischt sich kalten Schweiß von der Stirn.

In den Himmel gehen, schallt es in seinem Kopf. Es riecht nach Gegrilltem, nach Geselligkeit und nach der Zuneigung von Menschen, die ihre Zeit gerne zusammen verbringen, und Markus atmet tief ein. „Psst! Altan!“ ruft er heiser, als er hinter der Tür steht und einen vorsichtigen Blick auf das bunte Treiben riskiert. Der Junge ist ein paar Meter weiter so sehr mit seinem Spiel beschäftigt, dass er sein Rufen nicht hört, und Markus kommt sich vor wie im Kino. Auf der Leinwand läuft ein großer Film, und er ist der einzige Zuschauer, in einem leeren Saal, in dem es zieht wie Hechtsuppe. Ein Happy End ist nicht in Sichtweite. Er reibt sich über die Arme, die von Gänsehaut überzogen sind, bevor er in den Hof tritt. Die klangvolle Geselligkeit verstummt, als der glatzköpfige Mieter, der, vor dem sie sonst immer davonlaufen, vor ihnen steht, die Türklinke in der einen und ein Stofftier in der anderen Hand haltend. „Ich will nicht stören“, stottert er und lässt die Worte, die er sich während des mühsamen Weges über die Stufen zurechtgelegt hat, nacheinander aus dem Mund laufen. Ob der Altan vielleicht seine Micky Mouse haben wollte, weil er selbst zu alt dafür wäre. Die Zeit wäre wohl vorbei, sagt er.

„Cool“, ruft Altan, stürmt auf ihn zu und schnappt sich die Stoffmaus, was ihm vorwurfsvolle Worte seiner Mutter einbringt. Sie schimpft leise auf Türkisch und untersucht die Maus mit spitzen Fingern, vorsichtig und aufmerksam, so als handele es sich um eine gefährliche Waffe, eine Bombe vielleicht.

Markus lächelt und tritt einen halben Schritt zurück, um zu gehen, obwohl er fürchtet, dass die Kraft nicht mehr reicht. Zu viel auf und ab in den letzten Stunden. Er macht einen weiteren Schritt, und dann steht er auch schon wieder im Hausflur, als der grauhaarige Mann, der in der Mitte des Hofes sitzt, den ungebetenen Gast zu sich winkt. Ein lebhaftes Wedeln mit beiden Händen, während er ihn anstarrt, amüsiert, neugierig und erwartungsfroh, so als wäre Markus ein letztes Abenteuer, dass er bestehen möchte. „Kommen Sie doch!“ Die Augen nicht von ihm lassend, drückt er das Kreuz durch und hebt die müden Schultern. Vielleicht, um größer zu wirken. Vielleicht, weil er sich nicht sicher ist, ob er es bestehen wird, das letzte Abenteuer, und auch die Blicke der anderen bleiben misstrauisch, aber niemand sagt etwas, weil der Alte heute tatsächlich ein König ist. Nur Altan lächelt, während er der für unbedenklich erklärten Micky Mouse die Ohren anlegt. Ob er wohl ein anständiger Junge ist? Ob das einen Unterschied macht? Ob irgendwann einmal irgendwer danach fragen wird?

„Was ist jetzt? Wollen Sie sich hersetzen?“
„Wenn Sie einen Gast auch auf Socken willkommen heißen“, gibt Markus zurück und zieht seine Stiefel aus, während der Alte schäkert, dass ein Gast auf Socken nicht weniger wert sei, als einer in Stiefeln. Am Ende vielleicht sogar mehr, sagt er und zeigt übermütig auf die Löcher an den Zehen.
„Danke“, sagt Markus, nimmt einen Stuhl und lässt sich erschöpft neben Onkel Mehmet nieder.

„Möchten vielleicht was essen?“
„Mm. Riecht gut. Ist das Döner?“ sagt er und fühlt, wie das Feuer vom Grill ihn wärmt. 



Katja Kutsch
Foto privat                        
Katja Kutsch, geboren 1976, lebt und arbeitet in Hürth. Seit 1987 veröffentlichte sie in zahlreichen Zeitschriften und Anthologien. Die Autorin erhielt Preise für ihre Literatur, erreichte den 3. Platz beim Holzhäuser Heckethaler 2004 für „Schützenfest“ und den 1. Platz beim DeLiA-Kurzgeschichtenwettbewerb 2006 für ihre Erzählung „Luftschloss“.

Eigene Publikation: „Schützenfest“, Erzählungen

(Verlag Landpresse, 80 Seiten, ISBN: 3-935221-75-4)

Online-Flyer Nr. 165  vom 24.09.2008

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