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Literatur
Der Fortsetzungsroman in der NRhZ – Folge 27
Der Aufsteiger oder Ein Versuch zu leben
Von Wolfgang Bittner

Der Protagonist Erich Wegner arbeitet nach Abschluss der Schule im Tiefbau, aber in ihm reift allmählich der Entschluss, seine Situation zu verändern. Er holt das Abitur nach, beginnt Jura zu studieren und absolviert erfolgreich eine akademische Laufbahn. Eine verheißungsvolle Zukunft scheint vor ihm zu liegen, doch seine Hoffnungen und Erwartungen erfüllen sich nicht; sie werden durchkreuzt von seinen Vorstellungen von einem humanen und selbstbestimmten Leben in einer sozialen Gesellschaft. Er überlegt, fortzugehen, neu anzufangen. Es bleibt die Frage, ob Wegner jemals eine echte Chance hatte.
der aufsteiger wolfgang bittner horlemann-verlag cover
                                                   
Außer bequem als Buch im Horlemann-Verlag können Sie exklusiv in der NRhZ die überarbeitete Neuausgabe von Wolfgang Bittners 1978 erstmals erschienenen Roman „Der Aufsteiger oder Ein Versuch zu leben“ lesen – eine Rezension des Werks finden sie in der NRhZ 139: „Ein Roman über einen ‚Helden’ von unten, aus der Sicht von unten und deshalb wichtig für alle – und sogar mit nicht allzu viel Fantasie lässt sich auch der Roman auf heutige Verhältnisse übertragen.“, schreibt Rezensent und Buchhändler Uli Klinger über „Der Aufsteiger“.



10) München

Zähflüssiger Großstadtverkehr, Baustellen und Umleitungen, UBahn- Bau. Erich Wegner arbeitete sich die Prinzregentenstraße hinunter, nervös, verärgert über die andauernden Staus. Jedes Mal, wenn er anhalten musste, ging ihm der Motor aus. Der Leerlauf war zu niedrig eingestellt; die Inspektion war schon seit längerem überfällig.

Auf einer Stahlbehelfsbrücke überquerte er die Ludwigstraße und geriet am Oskar-von-Miller-Ring erneut in eine Stockung.
Drei Fahrspuren Autos nebeneinander, vorn und hinten knapp zwei Meter Platz. Individualverkehr. Wenn man mit der Straßenbahn fuhr, war es auch nicht bequemer und dauerte noch erheblich länger.

Irgendwo vorn war eine Demonstration. Man konnte von weitem die Spruchbänder sehen, allerdings nicht lesen. Fluchende Autofahrer kamen aus ihren Wagen. „Diese Scheißstudenten! Diese Gammler! Die sollen doch studieren!“ Ob diese Meinung, die man jetzt täglich in der Springer-Presse lesen konnte, repräsentativ war? Danach steckte man dieses Packzeug, die Studenten, am besten in einen Sack, um sie zu ersäufen.

Die Demonstranten waren jetzt näher gekommen, man konnte die Plakate und Spruchbänder entziffern. „Der Schah ist ein Mörder“, „Gestapo-Methoden in Persien“.

Die Autofahrer, fast alles Männer, standen neben ihren Autos, viele BMW- und Mercedesfahrer, die nach dem Mittagessen in die Firma zurückwollten. „Was die das überhaupt angeht! Diese Revoluzzer! Die sollten lieber studieren, diese Spinner!“ Ein lebensgroßes Bild des Schah-in-schah in Galauniform, darunter die Aufschrift „Marionette des Imperialismus“ und „Operettengangster“.

Es ging gegen den Schah-Besuch in Berlin, gegen den Faschismus in Persien. Mindestens tausend junge Leute nahmen teil an dieser Protestaktion, hauptsächlich Studenten. Der Demonstrationszug war mehrere hundert Meter lang. Erich Wegner überlegte, ob er sich anschließen sollte. Aber natürlich konnte er seinen Wagen nicht einfach mitten auf der Straße stehen lassen.

Er hatte vor kurzem mit einem Perser gesprochen, dessen frische Narben am Handgelenk unübersehbar waren. Der sollte von heut auf morgen wegen einer Bagatelle nach Persien zurück, obwohl er dort auf der schwarzen Liste stand. Im Gefängnis hatte er sich die Pulsadern aufgeschnitten, weil er in Persien als politischer Gegner liquidiert worden wäre. Er hatte Glück und kam ins Krankenhaus, konnte sich dann einen Anwalt nehmen.

Das waren Rechtsfälle des täglichen Lebens, mit denen man an der Universität nicht befasst wurde, von denen man überhaupt nichts erfuhr. Da wurden einem Waffen in die Bude geschmuggelt oder Rauschgift ins Gepäck, und plötzlich war er dran. Die Geheimdienste wissen, wie man Leute fertigmachen kann. Und bei Terroranschlägen fragt man sich jedes Mal, wer wirklich dahinter steckt.

„Acht Arbeiter hingerichtet“, las er. „Gewalt und Terror in Persien“.
Offenbar waren doch noch nicht alle Sozialisten und Anhänger des ehemaligen Ministerpräsidenten Mossadegh, der die britische Erdölgesellschaft verstaatlicht hatte, vom persischen Geheimdienst Savak liquidiert worden.

Die demonstrieren gegen Unterdrückung und Terror, dachte er, und ich Trottel fahr zu einer Strafrechtsübung in die Uni. Warum hatte er nichts davon erfahren? Die anderen wussten doch Bescheid. Er kam sich auf einmal isoliert vor, vom tatsächlichen politischen Geschehen ausgeschlossen.

Als es weiterging, bog er spontan in eine Nebenstraße ein, stellte das Auto ab und ging zu Fuß zurück. Die Straßen waren hier fast menschenleer. In der Ferne hörte man dumpf die Sprechchöre, dazwischen plötzlich Lautsprecherdurchsagen. Einige Mannschaftswagen der Polizei überholten ihn, in jedem mindestens vierzig, fünfzig Polizisten, junge Leute mit erwartungsvollen oder auch bangen Gesichtern, wahrscheinlich Bereitschaftspolizei bei ihrem ersten größeren Einsatz.

Das kann ja heiter werden, dachte er. Die Polizeiautos bogen ab und verschwanden in einer Seitenstraße. Als er um die nächste Straßenecke kam, war auf einmal der Teufel los. Lautsprecherdurchsagen: „Gehen Sie nach Hause! Räumen Sie unverzüglich die Straße! Das ist die letzte Warnung!“ „Landfriedensbruch“, hörte er, und „Knüppel marsch!“, sah die aufgefahrenen Wasserwerfer, quer über die Straße einen doppelten Polizeikordon, der sich langsam in Bewegung setzte in Richtung auf die wartenden Demonstranten, die Schlagstöcke wie Schwerter.

„Ho-Ho-Ho-Tschi-Minh!“, hörte er. „Kommilitonen und Genossen! Lasst euch nicht einschüchtern!“ Plötzlich Gedränge, Handgemenge, zerrissene Plakate und Transparente, durch die Luft sausende Schlagstöcke, aus den Nebenstraßen Polizisten hervorquellend, ganze Hundertschaften, die in den Krieg zogen, auf die Demonstranten zustürmten, in sie hineinbrachen, wild drauflosprügelnd, brutal auf Köpfe, Gesichter und Körper schlagend, sich an einzelnen Demonstrationsgruppen festbeißend.

Auf einmal flogen Steine durch die Luft. Er wusste nicht woher, irgendwoher. Zwei Wasserwerfer fegten zwischen die Demonstranten.
Flüchtende, blutende, schreiende, wild um sich schlagende Menschen. Von einer Minute auf die andere ein Bild wie im Bürgerkrieg. Revolution!, schoss es ihm durch den Kopf.
Ist es endlich soweit? Die Interessentenbörse wird geschlossen, die Expropriateure werden expropriiert. Die Vernunft wird siegen, muss siegen, im Interesse der Humanität.

Er war mittendrin im Gewühl. „Ho-Ho-Ho-Tschi-Minh!“ Neben ihm galoppierten zwei berittene Polizisten auf ihren durchgehenden Pferden vorbei. Eine Fahnenstange mit roten Fetzen daran flog durch die Luft. Ein Pferd stolperte, stürzte, überschlug sich samt seinem Reiter, blieb mit gebrochenem Vorderfuß liegen, eine Schaufensterscheibe zersplitterte. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite brannten zwei umgestürzte Autos. Chaos, wohin man blickte.

Vor ihm sammelte sich eine Gruppe von etwa fünfzig Studenten.
„Ho-Ho-Ho-Tschi-Minh!“ Hinter ihm plötzlich Polizei. Die ganze Straße war abgeriegelt. Ein Mädchen wurde an Händen und Füßen zu einem Polizeiauto geschleift. Überall Polizisten, schwarz in Leder, mit Nagelstiefeln, Schutzhelmen und Knüppeln in den Händen.

Ich bin ein Demonstrant, dachte er. Wenn das ein Grund ist, Leuten die Köpfe blutig zu schlagen, bin ich ein Demonstrant. – „Ho-Ho-Ho-Tschi-Minh!“ Ein Megaphon: „Genossen! Jeder Knüppelhieb schärft euer Bewusstsein! Genossen! Solidarisiert euch! Proletarier aller Länder, vereinigt euch!“ Der Strahl eines Wasserwerfers zischte durch die Luft. Wasser spritzte auf, klatschte auf Köpfe und in gekrümmte Rücken. Er rannte, er wusste nicht wohin.

„Genossen! Die Notstandsgesetze sind euer Untergang! Der Polizeistaat formiert sich! Schafft, zwei, drei, schafft viele Vietnams!“ Das Megaphon klirrte auf das Straßenpflaster. Vor ihm die verbissenen geröteten Gesichter von Polizisten. Schutzhelme.
Schlagstöcke. Er rannte, spürte einen Schlag an der Schläfe, einen am Hinterkopf, rannte, fiel hin, rannte. Wie von weit her hörte er das Gebrüll. Er rannte.

Etwas Warmes lief ihm über das Gesicht. Blut. Blut, durchfuhr es ihn. Es lief ihm in den Kragen, auf das Hemd, tropfte auf die Hose. Scheiße, dachte er, die neue Hose. Er blickte sich um und sah vier, fünf Polizisten, sprang in einen Hauseingang, fiel durch die Tür, bloß weg von hier, zwei, drei Treppen hoch, eine Tür öffnete sich.

„Mein Gott!“, sagte eine Frauenstimme. „Mein Gott! Wie sehen Sie denn aus!“ Er fuhr sich über das Gesicht, konnte nicht richtig aus den Augen gucken. Unten wurde die Haustür geöffnet.

„Schnell!“, flüsterte er. „Schnell die Tür zu!“ Sie wischte ihm das Blut aus dem Gesicht. Behutsam, fast zärtlich, stellte keine Fragen, holte ein Handtuch und wickelte es ihm um den Kopf. Sie war etwa zwanzig Jahre alt.
„Man hat mich vergewaltigt“, sagte er im Adrenalinrausch und mit einem Anflug von Sarkasmus.

Sie versuchte ein Lächeln, aber es missglückte. Er zeigte auf seinen Turban: „Ist nicht so schlimm, wie es aussieht.“ „Sie müssen aber zu einem Arzt“, entgegnete sie.
Er wollte nicht. Erst einmal abwarten. Hier holte ihn so schnell keiner raus. Auf der Straße verhafteten sie ihn womöglich noch.

„Die haben sich da draußen gleich beruhigt“, erklärte er ihr. „Ich kann jetzt nicht auf die Straße.“ Sie nickte. Saß da, starrte ihn mit ihren großen Kinderaugen an. Als käme er von einem fremden Stern. „Soll ich Ihnen vielleicht eine Tasse Kaffee machen?“ Ihre Gesichtszüge waren ebenmäßig, aber sehr weich und noch ungefestigt.

„Das wäre furchtbar nett“, erwiderte er, obwohl er nicht wusste, ob Kaffee gerade jetzt das Richtige war, ob er den überhaupt vertragen konnte. Hauptsache, die Zeit verging. Hauptsache, die beruhigten sich da unten. Er blickte aus dem Fenster. Einige Krankenwagen fuhren vorbei, einige grüne Minnas. Sonst war kein Mensch zu sehen.

Ihm fiel auf, dass sie das Kaffeewasser mit einem Tauchsieder erhitzte. „Sie wohnen allein hier?“, fragte er, um das Schweigen zu brechen.
Sie blickte ihn mit einer Mischung aus Ängstlichkeit und Misstrauen an. „Ja, ganz allein“, sagte sie zögernd, fast trotzig.

Lesen Sie in der kommenden Ausgabe
Fortsetzung des Romans von Wolfgang Bittner und des Kapitels „München“.
(CH)


© 2008 Horlemann
Alle Rechte vorbehalten
Überarbeitete Neuausgabe – Erstveröffentlichung 1978 Büchergilde Gutenberg, Satz und Umschlaggestaltung Verlag.
Bitte fordern Sie das Verlagsverzeichnis an, unter:
Horlemann Verlag, Postfach 1307, 53583 Bad Honnef,
Telefax 02224 5429, E-Mail: info (at) horlemann-verlag.de
www.horlemann.info


Wolfgang Bittner, Jahrgang 1941, lebt als freier Schriftsteller in Köln. Der promovierte Jurist schreibt für Erwachsene, Jugendliche und Kinder. Er erhielt mehrere Literaturpreise, ist Mitglied im PEN und Mitarbeiter bei Zeitungen, Zeitschriften, Rundfunk und Fernsehen. Er hat mehr als 50 Bücher veröffentlicht, u.a. die Romane „Der Aufsteiger oder Ein Versuch zu leben“, „Niemandsland“ und „Flucht nach Kanada “, den Erzählband „Das andere Leben“ sowie das Sachbuch „Beruf: Schriftsteller“.


Online-Flyer Nr. 166  vom 01.10.2008

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