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Aktueller Online-Flyer vom 09. Juni 2026  

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Literatur
Kleine Kunst ganz groß: „Schöner Lesen“ im Oktober
Feine Ablese und böse Spitzen
Von Klaus Godinar

Am kommenden Sonntag findet die nächste Ausgabe der Leseshow „Schöner Lesen – Texte, Torten, Heißgetränke“ im Ehrenfelder Café Franck statt: Eingeladen hat Autor und Organisator Armin Bings zwei Mitstreiter, die mal herbe und mal zarte Pointen zu setzen wissen – Ismael Fischmord und Martin PeeWee Cordemann sind feste Größen in der Kölner Kleinkunstszene. Abwechslungsreich wird es auf alle Fälle.

Ismael Fischmord hat schon eine lange Karriere als Rockmusiker hinter sich, die unter anderem zwei Platten mit Götz Alsmann hervorbrachte. Mit dreißig tauschte er die Trommelstöcke gegen Stifte und begann mit dem ersten Schreiben. Seit drei Jahren betreibt er mit seinem Kollegen und WDR Redakteur Stefan Reusch zusammen die Leseshow „Die Ableser“ in Köln. Im Oktober kommt mit „Feine Ablese“ sein mittlerweile sechstes Buch auf den Markt, das erstmals in Zusammenarbeit mit seinem Bühnenpartner entstand und neben Dialogen und Interviews auch Erzählungen und Kolumnen beinhaltet.

Fischmord Foto: privat
Fischmord – eingezwängt zwischen Stapeln Papiere...
Foto: Fischmord

Der Bestsellerautor Richard David Precht („Wer bin ich und wenn ja wie viele“) sagt über das Buch der beiden Kölner Autoren schlicht: „Sagenhaft!“ und der Suhrkamp-Autor Guy Helminger rezensiert: „Eine Lichtung im Dunkel allgegenwärtiger Comedy. Geistreich, irre und witzig.“ Fischmord treibt in seinen Texten den ganz alltäglichen Wahnsinn auf die Spitze und gibt zum Beispiel eine Anleitung, wie man einen Schalterbeamten der Bahn durch Wortklaubereien entnerven kann oder schreibt einen Essay „Zum Welttag des Herpes“.

Bei mehr als 200 Auftritten in ganz Deutschland hat Fischmord sich bereits einen Kreis begeisterter Zuhörer erlesen. Fischmord schrieb und schreibt für unterschiedliche Internetmagazine, für den WDR und war für ein Fußballmagazin sogar Auslandsreporter in Österreich – allerdings als die WM in Deutschland war. Der Mann ist also immer am Puls der Zeit – man darf gespannt sein auf seinen Auftritt in der alten Backstube.

PeeWee Cordemann comic
PeeWee Cordemann gibt's auch selbst     
als Comic | Quelle: peewee.de
Kabarettist, Comic-Texter und Vorleser: Martin Cordemann alias PeeWee ist auf vielen Feldern unterwegs. 2005 war er nominiert für den Kabarett-Preis „Das schwarze Schaf“, in Köln ist er unter anderem bereits im Stollwerck und im Gloria aufgetreten. Seit drei Jahren ist er außerdem bei der Theaternacht mit von der Partie. Im letzten Jahr erschien der Köln-Comic „Die DomSpitzen“, zu dem er die Texte schrieb, ein München-Comic folgte erst vor kurzen.


Ab sofort geht PeeWee auch monatlich in Serie: Am 15.10. 2008 gibt es die erste Ausgabe der neuen Kabarettreihe „Politisch, korrekt!“ im Severins-Burg-Theater, deren Organisator und fester Bestandteil er ist. Der Titel trägt das Ausrufezeichen nicht ohne Grund, denn Cordemann sieht seine Aufgabe als Kabarettist so: „Kabarett sollte den Leuten weh tun, jedenfalls hin und wieder. Man sollte auch mal den Mut haben, auf der Bühne was zu machen, wo die Leute keinen so großen Spaß dran haben. Unbequem sein.“ Das Schreiben ist für ihn also durchaus auch eine Waffe.

Es müsse aber nicht immer böse sein, findet PeeWee und so hat er auch leichte Literatur im Repertoire. Leicht und immer auch leicht irrwitzig: So gibt es von ihm einen zweistündigen gereimten Krimi, Lieder, die ausschließlich zum Vorlesen und nicht zum Singen geschrieben wurden oder auch spielerische Sechszeiler in Ringelnatz-Manier, die zum Beispiel beschreiben, was passiert, wenn ein kleiner Mann in zu große Klamotten steigt. Alles ist möglich: Wer wissen möchte, was tatsächlich passiert, hat am Sonntag um 17 Uhr bei freiem Eintritt Gelegenheit dazu. (CH)


„Schöner Lesen“
So. 5.10.2008, 17 Uhr:
mit Martin „Peewee“ Cordemann und Ismael Fischmord
im Café Franck

Eichendorffstrasse 30, 50825 Köln
Eintritt frei

Schöner Lesen auf Abwegen:

Mi, 29.10.2008, 20 Uhr
mit Martell Beigang und Florian Cieslik
im Café Creativo, Hückelhoven,
Eintritt: 5 Euro


Und wer jetzt schon einmal selbst „schöner lesen“ möchte, kann es mit den beiden folgenden Texten von Fischmord und Martin PeeWee Cordemann tun:


Als ich eine Revolution anzustiften trachtete


Von Fischmord

Es fing beinahe harmlos an. Schnee und ich hatten an der Uni in München
Flugblätter gegen die Naziregierung gedruckt und unter das illustre Volk
gestreut. Es klingt harmlos, war aber ganz schön gefährlich. Dafür sind
andere schon hingerichtet worden.

Schnee und ich waren jung und mutig, und wir waren gut im Austeilen. Alle
Blätter waren flink unters Volk verteilt, und wir verschwanden wieder im
Untergrund, also in einem Café neben der Uni.

Irgendein Student kam ein paar Tage später auf uns zu und meinte, das
Flugblatt sei prinzipiell gut, schön gestaltet, cooler Text und so. Wir
hätten nur einen Fehler gemacht. Es stimme nicht, dass wir eine
Naziregierung hätten. Helmut Schmidt sei an der Macht. Der sei Raucher,
nicht Nazi.

Schnee und ich studierten beide nicht Politologie – woher hätten wir das
wissen sollen? Wir waren politisch aktiv, nicht politisch interessiert
oder so. Wir hatten einfach keine Zeit, um Zeitung zu lesen, wir trafen
uns lieber und schrieben Manifeste oder besuchten Feste.

Schnee meinte damals, wir sollten uns das nicht zu Herzen nehmen und das
Flugblatt in jedem Falle aufheben, nur für den Fall, dass wir noch mal
eine Naziregierung bekommen würden. Fürs Erste aber fügten wir Korrekturen
ein. Wir strichen  „Nazi“ durch, schrieben  „Schmidt“ darüber und verteilten
das gleiche Flugblatt noch einmal, aber zu dem Boykott, zu dem wir
aufgerufen hatten, kam keiner. Besser gesagt: kamen alle, aber sie gingen
an uns vorbei und rein in die Vorlesung. Ist nicht einfach, einen Aufstand
anzuzetteln, wenn alle fleißig sind und Spitzenjobs haben wollen.

Aber wir waren Revolutionäre, wir brauchten den Widerstand, um zur
Höchstform aufzulaufen.

Schnee hieß natürlich nicht Schnee, also nicht wirklich, aber es war der
Name, den er sich für unsere Revolution ausgedacht hatte. Er meinte, jeder
Anführer bräuchte einen guten Namen: Das sei wichtig. Noch wichtiger als
ein Programm oder ein Konzept. Zuerst ein Name! Sonst folgen sie dir
nicht, weil sie nicht wissen, wem sie folgen sollen, sagte Schnee.
Mein Gott, waren wir damals durcheinander, der Schnee und ich. Ich nannte
mich  „Al Pacino“.

Das war der Name eines kubanischen Revolutionsführers, glaube ich, und er
klang gleichermaßen mysteriös wie gefährlich. Später hat sich irgend so
ein Schauspieler nach mir benannt, hat man mir erzählt. Is’ wurscht, isma
egal. Kann er haben, meinen Revolutionsnamen.

Schnee und ich haben das mit der Revolution nicht durchgezogen. Hätte er
wissen müssen, als Physikstudent. Trägheit der Masse. Das ist eine
Gesetzmäßigkeit, aus der niemand rauskommt. Wir auch nicht. Von der
Tragweite unserer Revolution irgendwann nicht mehr gänzlich überzeugt,
gaben wir auf, und ich nahm irgend so einen Spitzenjob an, kaufte mir ein
Haus, ein Boot, eine Ranch und eine Frau.

Was aus Schnee geworden ist, weiß ich nicht so genau. Ich habe ihn nach
den Wirren der Jahre aus den Augäpfeln verloren.

© Fischmord


schoepfung Gerd Altmann pixelio.de
Idyllisch, doch sie könnte einem auf den Fuß fallen...
Foto: Gerd Altmann, pixelio.de

Gottes Schöpfung

Von Martin PeeWee Cordemann


Die Sonne fiel ihm auf den Fuß. Gott sah hoch. Was hatte er da nur wieder angerichtet? Er hatte seinem Verleger versprochen, in 7 Tagen eine Welt zu erschaffen – inklusive einem Tag auf der faulen Haut liegen – und nun war es 5 Tage her, und er hatte noch nicht mal angefangen. Genau genommen hatte er noch nicht mal den Tag als solchen erfunden, geschweige denn einen Ort, an dem er ihn mal testen konnte.

Gott seufzte und hob die Sonne wieder auf.
 
„Autsch!“ schrie er, als er sich die Hände verbrannte. Das Ding war ganz schön heiß. Und wofür war das noch mal gut? Er konnte sich nicht erinnern. Irgendwo musste doch eine Quittung dafür sein. Und die Gebrauchsanweisung. Gott schaute in den Karton. Nein, die hatte er wohl schon weggeschmissen. Mist!

Er hängte die Sonne an einen Nagel und wandte sich wieder seiner Aufgabe zu. Der Schöpfung. Er seufzte. ERschöpfung, die hatte er schon geschaffen - aber damit konnte er seinem Verleger nicht kommen.

„Und, Gott, was haben Sie in den sieben Tagen gemacht?“
„Ich habe die Erschöpfung er... schaffen?!“
„Wenn Sie wollen, daß man Sie für irgendeinen Preis nominiert, müssen Sie schon mit etwas besserem daherkommen.“

Und das hatte er vor. Gott hatte einen Plan. Naja, er hatte einen Plan gehabt. Vor ein paar Tagen. Die es ja noch nicht gab. Also sagen wir: Vor einer Ewigkeit.

Genau, das war es gewesen. Die Ewigkeit. Die war ihm tierisch auf den Senkel gegangen. Alles dauerte eine Ewigkeit. Jeder kam zu spät. Warum auch nicht, man hatte ja Zeit. Also genau genommen nicht, denn die war ja noch nicht erfunden.

Und so hatte Gott begonnen, über ein Konzept nachzusinnen, wie man das ändern könnte. Er wollte die Zeit erfinden. Aber nicht nur so, als abstraktes Konzept, sondern irgendwie real, mit einem echten Beispiel und Dingen, an denen man sich orientieren konnte. Er wollte ein Uhrwerk bauen. Was an sich ein irreales Konzept war, da es in Ermangelung von Zeit auch keine Uhr als solche geschweige denn überhaupt gab.

Es war verzwickt. Er vermied bewußt das Wort „verteufelt“, aus rechtlichen Gründen! Wenn er darüber nachdachte, würde er mit seiner Schöpfung vielen das Leben schwer machen. Denn wenn es eine halbwegs klare Größe namens Zeit gab, dann konnten die Züge nicht mehr dann fahren, wann es ihnen paßte, sondern sie mußten sich an genaue Zeiten halten. Gott wußte nicht, daß er sich in diesem Punkt absolut irren sollte!

Er sah das leuchtende Ding an. Sonne. Japp, das war es. Sah irgendwie cool aus und stylisch. Sowas würde sich gut in der Mitte machen. Aber in der Mitte von was? Seinem System. Seinem... Sonnensystem! Das war doch mal ein gut klingender Name. Obwohl er Gottessystem eigentlich besser gefunden hätte, aber er wollte bescheiden sein.

Gut, er hatte diesen leuchtenden Ball... und drum herum posierte er ein paar andere Bälle. In verschiedenen Größen und Farben. Für die Abwechslung, damit das Ding nicht so langweilig aussah.

Okay, Schalter an, alles leuchtete, gut. Aber irgendetwas fehlte noch. Irgendwie war das ganze noch etwas lahm. Vielleicht sollte es... rollen? Nein, das war ganz furchtbar. Drehen? Ja, drehen war besser. Er stellte es so ein, daß sich alles um die Sonne drehte. Für die Idee würde niemand gefeuert werden... höchstens verfeuert!

Und jetzt? Hatte er Staub in der Nase... und mußte niesen. Schnell griff er nach einem Taschentuch... aber es war zu spät. Gott nieste und das meiste klatschte auf eine der kleinen Kugeln. Mist. Er wollte sie gerade abwischen, als es klingelte. Sein Verleger. Toll!

„Und, was haben wir denn hier?“ fragte der Verleger, als er sich vor das Sonnensystem stellte.
„Es ist...“
„Ja?“
„Eine Uhr“, sagte Gott.
„Eine was?“
„Ein Zeitmesser. Sehen Sie, wir haben hier diesen leuchtenden Mittelpunkt, ja, und drum herum drehen sich lauter kleine Kugeln in verschiedener Geschwindigkeit. Und anhand dieser Geschwindigkeit kann man ablesen, wieviel Ewigkeit vergangen ist.“
„Häh?
Gott deutete auf die dritte Kugel, die, auf die er geniest hatte.
„Hier äh, ich hab diese Kugel markiert“, murmelte er. „Wenn die sich einmal ganz um sich selbst gedreht hat, dann ist das ein Tag und wenn die sich einmal um diese leuchtende Kugel gedreht hat, dann ist das ein Jahr...“
„Und wofür sind die anderen Kugeln?“
Gott dachte einen Moment darüber nach. „Zierde“, sagte er unsicher.
Sein Verleger seufzte.
„Lieber Gott... ich frage Sie eins: Wofür soll das gut sein?“
Gott wußte nicht, was er darauf sagen sollte.
„Naja“, meinte sein Verleger und klopfte ihm freundlich auf die Schulter, „ist ja nur der erste Versuch. Vielleicht wird der nächste ja besser!“
Gott nickte. Genau. Bei seinem nächsten Versuch, da würde er etwas wirklich tolles schaffen.
„Und was machen wir jetzt damit?“ fragte er.
„Ach, lassen wir es einfach mal laufen. Vielleicht wird ja doch noch irgendwann was gutes daraus.“

Und so begann Gott eine tolle Karriere voller genialer Ideen und Schöpfungen. Er wurde immer besser, erschuf grandiose Konzepte und heimste jede Menge Preise ein. Nur mit seinem ersten Werk war er immer ein ganz klein wenig unzufrieden!

© Martin PeeWee Cordemann

Online-Flyer Nr. 166  vom 01.10.2008

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