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Über einen, der aussteigt...
Abflug
Von Katja Kutsch

„Abflug" bei Olympischen Spielen 1908 | Bearbeitung: Christian Heinrici
Gott ja, ich bin auch ein wenig erregt, denkt er grimmig und macht einige Kniebeugen zur Lockerung. Dass er den Körper anspannen kann wie kein Zweiter, liegt nur an der Angst, die seine Muskeln erstarren lässt, sobald seine Füße ihn vom Sockel abstoßen und er mit dem Kopf voran hinuntersaust.
In wenigen Minuten wird es soweit sein. Die Zuschauer, inklusive seiner Eltern, stehen stolz, als würden sie selbst springen, um ihn herum und beklatschen seine pure Anwesenheit.
„Jörg! Jörg!“ feuern sie ihn an.
Hört sich an wie „Würg! Würg!“ denkt Jörg und lächelt verkniffen ins Publikum.
Der Typ, der vor ihm an der Reihe ist, ein Chinese, springt sauber, die Punkte sind trotzdem nur mittelmäßig. Jörg kann Chinesen nicht besonders gut leiden. Überhaupt mag er keine Turmspringer. Sie sind langweilig und stupide. Er selbst hat nie einer werden wollen, vor allem nicht, weil er eigentlich unter Höhenphobie leidet. Damals als Zwölfjähriger war er nur vom Zehner gesprungen, um seinem Vater das höhnische Grinsen auszutreiben, und ein übereifriger Jugendtrainer hatte ihn dabei als Jahrhunderttalent entdeckt. Seine Eltern hatten beglückt die große Begabung ihres Sohnes forciert und seine Lehrer überzeugt, dass er dem Unterricht fernbleiben konnte. Zu den endlos langweiligen Berufswahlgesprächen hatte er auch nie gehen müssen. Das alles war Jörg einmal sehr vorteilhaft erschienen, die Vorzüge hatten ihn überrannt, ihn stumm gemacht und seine Phobie zur Nebensache werden lassen. Einer von unzähligen Kompromissen, die sein Leben bestimmen, eine Armee aus Notlösungen, die ihn gefangen hält.

Einfach mal daneben springen ist immer
eine Option... | Foto: Kay Körner
Ich könnte einfach ein bisschen zu weit nach rechts springen, überlegt Jörg, dann wäre ich tot, mein athletischer Körper auf den glitschigen Fliesen zerschmettert. Jörg löst sich aus der Reihe seiner Kameraden, Trainer und Physiotherapeuten und trottet seinem nächsten Sprung entgegen. Der Tod ist auch keine Lösung, denkt er, weil er keinem das geheuchelte Mitleid und die falschen Tränen gönnen will. Schon gar nicht seinen Eltern. Er fasst mit beiden Händen an das chromfarbene Geländer, hält kurz inne und setzt den ersten Fuß auf die Trittleiter. Langsam und bedächtig, so wie immer, steigt er hinauf. Die Zuschauer halten das Zögern für eine Marotte, böse Zungen nennen ihn eine Diva, aber in Wirklichkeit ist es die Furcht, die Angst des Turmspringers vorm Zehnmeter, die wie Blei an seinen Beinen hängt und ihn zwingt, zu schleichen wie ein Gefangener auf dem Weg zum Schafott.
Jörg geht in die Knie, hebt die Arme, streckt sich wieder und holt tief Luft. Oft will er in solchen Momenten, in denen die Angst vor allem seinen Harndrang fördert, ins Becken pinkeln, von oben hinunter im hohen Bogen.
Die Fans jubeln, einige Mädchen johlen, als wäre er irgendein Rockstar. Jörg schließt die Augen, denkt an die vielen versäumten Tage in seinem Leben und trifft eine längst überfällige Entscheidung. Er will nicht mehr Jörg der Turmspringer sein, überhaupt will er nicht mehr „Jörg-Würg!“ sein und auch nicht mehr der Sohn seiner Eltern, der Schützling seines Trainers, der Träger einer Badehose oder sonst ein Mensch, der sein Geld damit verdient, ins Wasser zu springen. Er will keine Werbeverträge mehr unterschreiben, nicht mehr in die Kamera grinsen, weder für Mädchen, für Jungs, für Müsliriegel oder koffeinhaltige Limonade. Damit ist nun Schluss. Endgültig.
„Jörg Sutholt hat die Muskeln angespannt, als seien sie aus Draht. Ja, so kennen und lieben wir ihn. Er springt und...was ist das? Er springt nicht, er fliegt. Er schwebt weit über das Becken hinaus...“
Ein Raunen geht durch die Menge, stoppt die Jörg-Würg-Rufe der mitgereisten Fans, während Jörg über ihre Köpfe hinweggleitet. Einer der anderen Turmspringer, ein Franzose, hält erstaunt ein Taschentuch in die Luft, um zu sehen, ob es vielleicht besonders windig ist. Der Italiener, der als Nächster an der Reihe gewesen wäre, flieht ängstlich in die Kabine.
„Er fliegt, flieeegt!“ Der Kommentator schreit aus Leibeskräften. „Er fliegt, fliegt und fliegt immer weiter. Jetzt hat er das Stadion hinter sich gelassen...“

Ist es Jörg?! | Foto: Hober mallow
Ein Jahr später
Augenzeugenberichten zufolge, nämlich denen zweier Piloten, stieg Jörg weit in den Himmel auf, über die Wolken hinweg, hinaus bis ins Weltall. Man hielt diese Piloten für verrückt oder vermutete, dass sie wenigstens betrunken gewesen wären. Auch den russischen Astronauten, die Jörg ein paar Jahre später im All gesehen haben wollen, glaubte man nicht, weil so etwas Absurdes einfach nicht sein kann. Nur Jörgs Vater steht manchmal noch am Fenster und starrt hoffnungsvoll in den Himmel hinauf.
Die Erzählung „Abflug“ erschien in dem Band „Schützenfest“ von Katja Kutsch im Jahre 2007 im Landpresse Verlag.
Wenn Sie Katja Kutsch nicht nur lesen, sondern auch hören wollen, besuchen Sie ihre gemeinsame Lesung mit Gerrit Wustmann
am 30.10. 2008 um 20 Uhr im „Tee de Cologne“ – Landmannstraße 30 in Köln Neu-Ehrenfeld (Eintritt 8 Euro). (CH)
Online-Flyer Nr. 169 vom 22.10.2008
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Über einen, der aussteigt...
Abflug
Von Katja Kutsch

„Abflug" bei Olympischen Spielen 1908 | Bearbeitung: Christian Heinrici
Gott ja, ich bin auch ein wenig erregt, denkt er grimmig und macht einige Kniebeugen zur Lockerung. Dass er den Körper anspannen kann wie kein Zweiter, liegt nur an der Angst, die seine Muskeln erstarren lässt, sobald seine Füße ihn vom Sockel abstoßen und er mit dem Kopf voran hinuntersaust.
In wenigen Minuten wird es soweit sein. Die Zuschauer, inklusive seiner Eltern, stehen stolz, als würden sie selbst springen, um ihn herum und beklatschen seine pure Anwesenheit.
„Jörg! Jörg!“ feuern sie ihn an.
Hört sich an wie „Würg! Würg!“ denkt Jörg und lächelt verkniffen ins Publikum.
Der Typ, der vor ihm an der Reihe ist, ein Chinese, springt sauber, die Punkte sind trotzdem nur mittelmäßig. Jörg kann Chinesen nicht besonders gut leiden. Überhaupt mag er keine Turmspringer. Sie sind langweilig und stupide. Er selbst hat nie einer werden wollen, vor allem nicht, weil er eigentlich unter Höhenphobie leidet. Damals als Zwölfjähriger war er nur vom Zehner gesprungen, um seinem Vater das höhnische Grinsen auszutreiben, und ein übereifriger Jugendtrainer hatte ihn dabei als Jahrhunderttalent entdeckt. Seine Eltern hatten beglückt die große Begabung ihres Sohnes forciert und seine Lehrer überzeugt, dass er dem Unterricht fernbleiben konnte. Zu den endlos langweiligen Berufswahlgesprächen hatte er auch nie gehen müssen. Das alles war Jörg einmal sehr vorteilhaft erschienen, die Vorzüge hatten ihn überrannt, ihn stumm gemacht und seine Phobie zur Nebensache werden lassen. Einer von unzähligen Kompromissen, die sein Leben bestimmen, eine Armee aus Notlösungen, die ihn gefangen hält.

Einfach mal daneben springen ist immer
eine Option... | Foto: Kay Körner
Jörg geht in die Knie, hebt die Arme, streckt sich wieder und holt tief Luft. Oft will er in solchen Momenten, in denen die Angst vor allem seinen Harndrang fördert, ins Becken pinkeln, von oben hinunter im hohen Bogen.
Die Fans jubeln, einige Mädchen johlen, als wäre er irgendein Rockstar. Jörg schließt die Augen, denkt an die vielen versäumten Tage in seinem Leben und trifft eine längst überfällige Entscheidung. Er will nicht mehr Jörg der Turmspringer sein, überhaupt will er nicht mehr „Jörg-Würg!“ sein und auch nicht mehr der Sohn seiner Eltern, der Schützling seines Trainers, der Träger einer Badehose oder sonst ein Mensch, der sein Geld damit verdient, ins Wasser zu springen. Er will keine Werbeverträge mehr unterschreiben, nicht mehr in die Kamera grinsen, weder für Mädchen, für Jungs, für Müsliriegel oder koffeinhaltige Limonade. Damit ist nun Schluss. Endgültig.
„Jörg Sutholt hat die Muskeln angespannt, als seien sie aus Draht. Ja, so kennen und lieben wir ihn. Er springt und...was ist das? Er springt nicht, er fliegt. Er schwebt weit über das Becken hinaus...“
Ein Raunen geht durch die Menge, stoppt die Jörg-Würg-Rufe der mitgereisten Fans, während Jörg über ihre Köpfe hinweggleitet. Einer der anderen Turmspringer, ein Franzose, hält erstaunt ein Taschentuch in die Luft, um zu sehen, ob es vielleicht besonders windig ist. Der Italiener, der als Nächster an der Reihe gewesen wäre, flieht ängstlich in die Kabine.
„Er fliegt, flieeegt!“ Der Kommentator schreit aus Leibeskräften. „Er fliegt, fliegt und fliegt immer weiter. Jetzt hat er das Stadion hinter sich gelassen...“

Ist es Jörg?! | Foto: Hober mallow
Ein Jahr später
Augenzeugenberichten zufolge, nämlich denen zweier Piloten, stieg Jörg weit in den Himmel auf, über die Wolken hinweg, hinaus bis ins Weltall. Man hielt diese Piloten für verrückt oder vermutete, dass sie wenigstens betrunken gewesen wären. Auch den russischen Astronauten, die Jörg ein paar Jahre später im All gesehen haben wollen, glaubte man nicht, weil so etwas Absurdes einfach nicht sein kann. Nur Jörgs Vater steht manchmal noch am Fenster und starrt hoffnungsvoll in den Himmel hinauf.

Wenn Sie Katja Kutsch nicht nur lesen, sondern auch hören wollen, besuchen Sie ihre gemeinsame Lesung mit Gerrit Wustmann
am 30.10. 2008 um 20 Uhr im „Tee de Cologne“ – Landmannstraße 30 in Köln Neu-Ehrenfeld (Eintritt 8 Euro). (CH)
Online-Flyer Nr. 169 vom 22.10.2008
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