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Literatur
Der Fortsetzungsroman in der NRhZ – Folge 31
Der Aufsteiger oder Ein Versuch zu leben
Von Wolfgang Bittner

Der Protagonist Erich Wegner arbeitet nach Abschluss der Schule im Tiefbau, aber in ihm reift allmählich der Entschluss, seine Situation zu verändern. Er holt das Abitur nach, beginnt Jura zu studieren und absolviert erfolgreich eine akademische Laufbahn. Eine verheißungsvolle Zukunft scheint vor ihm zu liegen, doch seine Hoffnungen und Erwartungen erfüllen sich nicht; sie werden durchkreuzt von seinen Vorstellungen von einem humanen und selbstbestimmten Leben in einer sozialen Gesellschaft. Er überlegt, fortzugehen, neu anzufangen. Es bleibt die Frage, ob Wegner jemals eine echte Chance hatte.

der aufsteiger wolfgang bittner horlemann-verlag cover
                                                   
Außer bequem als Buch im Horlemann-Verlag können Sie exklusiv in der NRhZ die überarbeitete Neuausgabe von Wolfgang Bittners 1978 erstmals erschienenen Roman „Der Aufsteiger oder Ein Versuch zu leben“ lesen – eine Rezension des Werks finden sie in der NRhZ 139: „Ein Roman über einen ‚Helden’ von unten, aus der Sicht von unten und deshalb wichtig für alle – und sogar mit nicht allzu viel Fantasie lässt sich auch der Roman auf heutige Verhältnisse übertragen.“, schreibt Rezensent und Buchhändler Uli Klinger über „Der Aufsteiger“.



11) Ein Unfall, Marianne und ihre Eltern (Fortsetzung)

„Es gibt gleich Mittagessen!“, rief Marianne aus der Küche, wohin sie sich mit ihrer Mutter zurückgezogen hatte. „Unterhaltet euch doch noch ein bisschen.“ Erich Wegner sah sich unauffällig um. Eine Dreizimmeretagenwohnung mit Küche und Bad. Im geräumigen Wohnzimmer an zentraler Stelle der Fernseher. Tisch und Sofa, drei Sessel. Ein Nussbaumschrank, zwei Stühle. In der Ecke auf einem Podest eine altertümliche Holzmadonna, blassblaurosa mit goldenem Heiligenschein und abgestoßener Nase, höchstwahrscheinlich echt antik, dennoch hässlich. Wenig Bücher, wenig Bilder, wenig Atmosphäre. Alles fast so wie zu Hause in Salstädt, nur etwas gediegener, besserer Polsterstoff, schwerere Gardinen, ein Stich an der Wand statt Dürers betender Plastikhände. Aber insgesamt ein bisschen zu kahl, zu unbelebt, zu nüchtern, überraschend bescheiden für eine Landgerichtsdirektorsfamilie. Er suchte nach einem passenden Ausdruck. Nicht primitiv und auch nicht spartanisch.

Puritanisch. Das war das richtige Wort, der richtige Eindruck.
Die steife Atmosphäre machte ihn noch nervöser und befangener, als er ohnehin schon war.
„Wir wollen das alles nicht so förmlich nehmen“, sagte Mariannes Vater zu ihm. „Wir freuen uns, dass ihr beide hier seid, dass wir Sie einmal kennenlernen und dass wir über eure Verlobung sprechen können.“ Ihr, Sie, eure. Er humpelte an seinem Stock behände zum Schrank hinüber und holte eine Flasche Weinbrand hervor.

Erich Wegner atmete auf. Am liebsten hätte er den Schlips vom Hals gezerrt und seinen Kragen geöffnet. Vielleicht war der Alte gar nicht so verkehrt. Einer dieser blöden Sprüche von Hannes Tammen fiel ihm ein: „Wer Schnaps trinkt, greift auch Weibern untern Rock.“ „Dann wollen wir uns vor dem Essen mal einen Kleinen genehmigen“, meinte sein zukünftiger Schwiegervater. Sie stießen an. Kurz darauf gab es an der weiß gedeckten Tafel den Braten mit Klößen und Rotkohl, dazu einen roten Burgunder.

Nach dem ausgiebigen Mahl saßen sie zusammen im Wohnzimmer, rauchten, tranken Orangensaft oder Mineralwasser, unterhielten sich. Marianne war ohnehin alle zwei bis drei Wochen bei ihren Eltern, so dass sie über alles genauestens unterrichtet waren. Im Laufe des Gesprächs stellte er allerdings fest, dass alles, was ihn anging, leicht verändert und auf eine merkwürdige, ihm jedoch nicht unsympathisch erscheinende Weise aufpoliert war.

Zum Beispiel war sein verstorbener Herr Vater bei einem Landkreis „tätig“ gewesen. Seine Mutter und die Geschwister kamen nicht zur Verlobung in zwei Monaten, weil die Entfernung zu groß war. Er selber hatte den interessanten Beruf eines Sozialarbeiters ausgeübt, bevor er anerkennenswerterweise, später als üblich, sein Jurastudium aufnahm. Davon, dass er kein Gymnasium, keine „Penne“ besucht, sondern sein Abitur nachgemacht hatte, wusste man nichts und konnte auch nichts wissen. Denn Marianne hatte ihn bisher nicht danach gefragt, und von sich aus hatte er keinen Grund gesehen, es ihr zu erzählen. Das lag alles schon so weit zurück. Warum sollte er sie mit Dingen belasten, die zumeist so unerfreulich waren, dass er sie am liebsten vergessen würde.

Mariannes Vater war Vorsitzender einer Zivilkammer. „Was?“, staunte er. „Sie haben weder einen Schönfelder noch einen Sartorius? Das ist doch das mindeste Handwerkszeug eines jeden Juristen!“ Er wollte sich gleich am Montag mit der Buchhandlung in Verbindung setzen, bei der er Prozente bekam, und die beiden Gesetzessammlungen bestellen. Der Stückpreis lag bei neunzig Mark. Einen BGB- und einen Strafrechtskommentar wollte er auch gleich mitbestellen. Das waren noch mal rund hundertfünfzig Mark.

„Über die Bezahlung machen Sie sich bloß keine Gedanken“, winkte er ab. „Ich hab ja auch mal studiert und weiß, wie das ist.“ Erich Wegner bedankte sich vielmals. Ihm fiel ein, dass Marianne finanziell ziemlich kurz gehalten wurde. Aber dass er schon sämtliche für das Erste Staatsexamen erforderlichen Übungsscheine zusammen hatte, schien ihren Vater sehr beeindruckt zu haben. „Das ist wirklich großartig“, meinte er, als die Sprache erneut darauf kam. „Es gibt eben immer noch Studenten, die ordentlich studieren und nicht nur gammeln, demonstrieren und sich auf Kosten ihrer Eltern einen guten Tag machen.“ Erich Wegner war von diesen Worten irritiert, schwieg jedoch lieber dazu.


Vor dem Kaffee ließ sich der Hausherr plötzlich die vom Mittagessen stehengebliebene Weinflasche hinüberreichen und schenkte ein. Dann erhob er sich ein wenig mühsam. „Mein lieber Herr Wegner“, begann er förmlich, „liebe Frau und Tochter! Wir haben uns hier zu viert zusammengefunden, weil ihr, liebe Kinder – ich darf das schon mal so sagen –, eine neue Familie gründen wollt.“ Er schaute bedeutungsvoll in die kleine Runde, bevor er seine Rede fortsetzte: „Wir Alten, und das sind wir ja nun inzwischen, wünschen euch dazu alles Gute und Gottes reichen Segen.

Was ihr aus eurem gemeinsamen Leben macht und wie ihr es in Zukunft gestaltet, das liegt natürlich bei euch, und wir wollen euch da selbstverständlich nicht hineinreden. Wir freuen uns darüber, dass du, liebe Marianne, einen lieben Mann gefunden hast. Und wir hoffen, dass Sie, lieber Herr Wegner, mit unserer Tochter eine glückliche Ehe führen werden, eine glückliche und harmonische Lebensgemeinschaft. – Wie wir beiden Alten es getan haben“, fügte er noch hinzu und blickte dabei seine Frau an, die ihm – man konnte sich des Eindrucks nicht erwehren – be- flissen, fast untertänig, zulächelte.

Erich Wegner sah zu Marianne hinüber, deren Blick voller Ergriffenheit an den Lippen ihres Vaters hing.
„Unsere Zustimmung, unseren Segen habt ihr also“, fuhr der fort. „Und wenn ihr im Herbst oder Winter dann heiraten und euch in Göttingen heimisch machen wollt, dann ist euch selbstverständlich auch unsere finanzielle Unterstützung sicher.“ Er legte eine bedeutungsvolle Pause ein, bevor er seine Rede fortsetzte: „Marianne ist unser einziges Kind. Wir können mein Gehalt sowieso nicht allein verbrauchen, selbst wenn wir schwelgen würden. Am Geld soll es also nicht scheitern. Dies nur, damit ihr wisst, dass ihr euch auf uns verlassen könnt. Ich erhebe nun mein Glas und möchte mit euch allen auf eine glückliche und zufriedene Zukunft anstoßen. Zuvor wollen wir Ihnen, lieber Herr Wegner, dir, lieber Erich, noch das familiäre Du anbieten.

Wenn du mal Sorgen hast, wenn ihr mal Sorgen habt, wir stehen euch jederzeit zur Verfügung.“ Er erhob sein Glas und prostete allen zu.
Erich Wegner stotterte ein paar belanglose Dankesworte. In seinem Kopf war es auf einmal so schwammig, so merkwürdig verworren. Eine Familie, die einem hilft, dachte er, auf die man sich verlassen kann. Im nächsten Herbst oder Winter heiraten.

Davon hatten sie eigentlich noch gar nicht gesprochen, eigentlich hatten sie sich erstmal nur verloben wollen. Aber warum sollte man nicht bald heiraten? Schlecht wäre das nicht, dann konnten sie sich, wenn sie umziehen würden, gleich eine nette kleine Wohnung einrichten. Und dazu hatten sie noch den finanziellen Rückhalt.

Er lehnte sich in seinem Sessel zurück, legte den Kopf in den Nacken und versuchte, zu sich zu kommen, diese dickflüssige Emulsion seiner Gefühle zu neutralisieren.
„Es ist hier vielleicht ein bisschen verraucht“, hörte er seine Schwiegermutter sagen. Sie stand auf und öffnete das Fenster.

Marianne sah zufrieden und glücklich aus. Sie fasste ihn unter dem Tisch bei der Hand. Da wurde es wieder klarer in seinem Kopf.
Sie rauchten, tranken Kaffee, aßen Kuchen. Hauptgesprächsthemen waren zuerst das Wetter und dann Autobahnunfälle. Der aktuelle Anlass: Mariannes Bericht über eine verkohlte und eine verstümmelte Leiche.

„Das ist ja grauenhaft“, klagte ihre Mutter mit leiser Stimme und leidendem Gesichtsausdruck. Sie schüttelte sich. Ihre Kopfund Schulterbewegungen waren ebenso übertrieben wie ihre fast jeden Satz unterstreichenden Handbewegungen. Sie machte den Eindruck einer nie erwachsen gewordenen Frau, eines Menschen, der nie zu sich gekommen ist. (...)

Lesen Sie in der kommenden Ausgabe die Fortsetzung des Kapitels „Ein Unfall, Marianne und ihre Eltern“ im Roman von Wolfgang Bittner.
(CH)


© 2008 Horlemann
Alle Rechte vorbehalten
Überarbeitete Neuausgabe – Erstveröffentlichung 1978 Büchergilde Gutenberg, Satz und Umschlaggestaltung Verlag.
Bitte fordern Sie das Verlagsverzeichnis an, unter:
Horlemann Verlag, Postfach 1307, 53583 Bad Honnef,
Telefax 02224 5429, E-Mail: info (at) horlemann-verlag.de
www.horlemann.info


 
Wolfgang Bittner Foto: Andreas Neumann arbeiterfotografie
Foto: Andreas Neumann              
Wolfgang Bittner, Jahrgang 1941, lebt als freier Schriftsteller in Köln. Der promovierte Jurist schreibt für Erwachsene, Jugendliche und Kinder. Er erhielt mehrere Literaturpreise, ist Mitglied im PEN und Mitarbeiter bei Zeitungen, Zeitschriften, Rundfunk und Fernsehen. Er hat mehr als 50 Bücher veröffentlicht, u.a. die Romane „Der Aufsteiger oder Ein Versuch zu leben“, „Niemandsland“ und „Flucht nach Kanada “, den Erzählband „Das andere Leben“ sowie das Sachbuch „Beruf: Schriftsteller“.



Online-Flyer Nr. 170  vom 29.10.2008

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