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Literatur
Interview mit Gabriella Valera Gruber über ein internationales Lyrikprojekt
Dichtung und Solidarität
Von Gerrit Wustmann

Gabriella Valera Gruber ist Professorin für Geschichte und Methodologie an der Universität Triest. Gemeinsam mit ihrem Mann hat sie das Internationale Lyrikfestival „Castello Di Duino“ ins Leben gerufen, das 2008 zum vierten Mal stattfand und nun in die fünfte Runde geht. In Triest treffen sich dazu Dichter aus aller Welt zum kreativen Austausch. Begleitend erscheint jährlich eine Lyrikanthologie mit den prämierten Texten auf Italienisch und Englisch zusammen mit einem Hörbuch, das die Gedichte in ihrer jeweiligen Originalsprache enthält. Der Titel 2008 lautet „Stimmen/Schweigen“.

In den letzten Septembertagen wurde in Triest das Buch zum V. Lyrikwettbewerb Castello Di Duino vorgestellt, in dem zahlreiche junge Lyriker aus aller Welt vertreten sind. Wie kam denn der Wettbewerb ursprünglich zustande?

gabriella valera gruber
Gabriella Valera Gruber bei einer         
Laudatio 2008
Foto:
www.castellodiduinopoesia.it
Der Wettbewerb ist aus einer Begegnung junger Dichter innerhalb des Projektes „Dichtung und Solidarität: Sprachen der Völker“ entstanden. Der Wettbewerb ist heutzutage der wichtigste Aspekt des Projektes. An jener Begegnung nahmen auch junge Leute des United World College of the Adriatic in Duino teil. Diese jungen Leute, die aus verschiedenen Ländern der Welt kommen, studieren zusammen in Duino.

Das Thema war damals „Dichtung und Hoffnung“. Wir lasen Gedichte in verschiedenen Schulen, von Kindergarten bis zu Mittelschulen und Universitäten, und sammelten dadurch Geld für einen Verein, der alten Leuten hilft. Ottavio, mein Ehemann und „Mitreisender“, und ich begannen zu träumen, was tatsächlich später geschah: Zahlreiche junge Menschen aus aller Welt sind durch den Faden von Dichtung und Hoffnung miteinander verbunden.

Nach welchen Kriterien und Schwerpunkten werden die Lyriker ausgewählt, die alljährlich prämiert werden?

Es ist verständlicherweise sehr schwer, einheitliche Kriterien zum Auswahl der Gedichte zu bestimmen. Gedichte, die aus so vielen Ländern der Welt kommen (90 in der letzten Auflage), bergen in sich die Spuren verschiedener Kulturtraditionen, Zustände, Umgebungen, Sensibilitäten. Die Auswahl ist deswegen einer breiten Jury übertragen.

Nsikak Obot Ekanem aus Nigeria bei Preisverleihung 2007
Der Dichter Nsikak Obot Ekanem aus
Nigeria (Preisverleihung '07) | Quelle
Es sind zwanzig Sachverständige, die nicht nur die Sprachen, in denen die Gedichte geschrieben wurden, beherrschen (von Chinesisch über Hebräisch zu Deutsch, Russisch, Portugiesisch, Französisch und vielen mehr), sondern sie sind auch in der Lage, die eigentliche literarische und kulturelle Stimme zu empfinden. Sie können sozusagen die Gemütstimmungen der einzelnen Gedichte umfassend begreifen. Es wird also immer die Gesamtheit der poetischen Aussage prämiert, wodurch Form und Inhalt ein Einziges ist, und die bildende Kraft des „Wortes“ aufbricht.

Der Wettbewerb ist ein sehr ambitioniertes Projekt – nicht nur weil er ein Netz zwischen den weltweiten Lyrikszenen spannt, sondern auch weil er gemeinnützig ist. Die Preisträger verpflichten sich, einen Teil ihrer Prämie für wohltätige Zwecke zu spenden…

Wie gesagt, der Wettbewerb ist ein Teil des Projektes „Dichtung und Solidarität: Sprache der Völker“. Es stimmt, die Gewinner müssen einen Teil des Geldes an ein humanitäres Projekt im eigenen Land weitergeben. Der Ibiskos Risolo Verlag publiziert den Lyrikband kostenlos. Die Einnahmen werden der „Fondazione Luchetta-Ota-D’Angelo-Hrovatin“ überreicht, die an vier Kriegschauplätzen an dort getötete Reporter erinnert und sie ehrt, sowie Kindern hilft, die zu Kriegsopfern wurden.

gabriella gruber preisträger 2007
Gabriella Gruber (links) bei der Preisverleihung 2007
Foto: www.castellodiduinopoesia.it

Ich will aber auch unterstreichen, dass unser Hauptziel nicht die Dichtung als Mittel zum Fundraising ist; das ist nicht unsere Idee von Solidarität. Wir sind der Meinung, dass die dichterische Sprache einen Wert darstellt, und aus seiner Wiederentdeckung kann eine neue Kultur der Solidarität entstehen, was wiederum zu einer Verständigung zwischen den Menschen, Kulturen und Generationen führen kann.

Und so hat innerhalb der Aktivitäten des Wettebewerbes in Trieste vom 26. bis zum 28. September ein wichtiges internationales Jugend-Forum unter dem Titel „Diritto di Dialogo“ (Recht auf Dialog) stattgefunden. Wir hoffen, dies Jahr für Jahr wiederholen zu können und dadurch den aus aller Welt kommenden jungen Menschen die Möglichkeit zu geben, sich kennenzulernen und sich mit aktuellen Kulturfragen zu beschäftigen. Wir sind der Meinung, dass das Recht zum Dialog ein Grundrecht ist, doch wenn die Bedingungen für einen Dialog nicht gegeben sind, hat auch die Redefreiheit keinen Wert.

Das Thema in diesem Jahr war „Stimmen/Schweigen“. Wie kam es zustande?

Das Thema „Stimmen/Stille“ ist durch die Lektüre eines Gedichts einer jungen Lyrikerin aus Rom inspiriert. Ich muss aber auch sagen, es schien mir das Wesen der Dichtung zu betreffen: Gedichte leben durch einen Widerspruch – sie entstehen in der Innigkeit; ihr Schicksal aber, ist, in die Öffentlichkeit zu treten und Zeugnis zu geben. Die Stille ist also der heilige Platz, an dem das „Wort“ als Zeugnis entsteht.

Blick vom Castello Foto: Luigi Perrella
Ebenfalls inspirierend: Blick vom Castello aufs Meer | Foto: Luigi Perrella

In Deutschland pflegt die Lyrik eher ein Nischendasein. Ohne engagierte Kleinverlage, die oft selbstausbeuterisch arbeiten, würden zahlreiche, mitunter brillante Werke nie erscheinen. Ist das in Italien ähnlich? Und erhalten Sie von den Teilnehmern auch Feedback zur Stellung der Lyrik in deren Ländern?

Auch in Italien ist es sehr schwer, einen Verlag zu finden, der einen Lyrikband ohne Finanzierung des Autors publiziert. Unter diesen Umständen ist die Hilfe des Ibiskos Risolo Verlags noch beachtenswerter. Über andere Länder kann ich nicht viel sagen; die Möglichkeit zu publizieren hängt vielleicht an der soziale Rolle, die den Dichtern in der Gesellschaft zugewiesen wird.

Gabriella, ich danke Ihnen für das Gespräch.



Zur Webseite des Lyrikfestivals: www.castellodiduinopoesia.it

Zur Webseite von Gabriella Valera Gruber: www.gabriellavaleragruber.it

(CH)

Online-Flyer Nr. 171  vom 05.11.2008

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