NRhZ-Online - Neue Rheinische Zeitung - Logo
SUCHE
Suchergebnis anzeigen!
RESSORTS
SERVICE
Unabhängige Nachrichten, Berichte & Meinungen
Aktueller Online-Flyer vom 09. Juni 2026  

zurück  
Druckversion

Literatur
Der Fortsetzungsroman in der NRhZ – Folge 33
Der Aufsteiger oder Ein Versuch zu leben
Von Wolfgang Bittner

Der Protagonist Erich Wegner arbeitet nach Abschluss der Schule im Tiefbau, aber in ihm reift allmählich der Entschluss, seine Situation zu verändern. Er holt das Abitur nach, beginnt Jura zu studieren und absolviert erfolgreich eine akademische Laufbahn. Eine verheißungsvolle Zukunft scheint vor ihm zu liegen, doch seine Hoffnungen und Erwartungen erfüllen sich nicht; sie werden durchkreuzt von seinen Vorstellungen von einem humanen und selbstbestimmten Leben in einer sozialen Gesellschaft. Er überlegt, fortzugehen, neu anzufangen. Es bleibt die Frage, ob Wegner jemals eine echte Chance hatte.

der aufsteiger wolfgang bittner horlemann-verlag cover
                                                   
Außer bequem als Buch im Horlemann-Verlag können Sie exklusiv in der NRhZ die überarbeitete Neuausgabe von Wolfgang Bittners 1978 erstmals erschienenen Roman „Der Aufsteiger oder Ein Versuch zu leben“ lesen – eine Rezension des Werks finden sie in der NRhZ 139: „Ein Roman über einen ‚Helden’ von unten, aus der Sicht von unten und deshalb wichtig für alle – und sogar mit nicht allzu viel Fantasie lässt sich auch der Roman auf heutige Verhältnisse übertragen.“, schreibt Rezensent und Buchhändler Uli Klinger über „Der Aufsteiger“.



12) Weihnachten diesmal anders

Weihnachten im eigenen Heim. Sie hatten sich wirklich gemütlich eingerichtet. Ein freundliches, helles Wohnzimmer mit bequemen Sesseln, das Arbeitszimmer angrenzend, außerdem Schlafzimmer, Küche, Bad und Toilette. Eineinviertel Jahr waren sie jetzt schon verheiratet.

Erich Wegner schaltete den Fernseher ein: Ihr Kinderlein kommet. Er schaltete um auf das Zweite Programm: Bescherung in einem Waisenhaus. Teddybären, Puppen, Legosteine, Kräne, Bulldozer; eine Spielzeugeisenbahn, die im Kreis fuhr. Ein schenkender Politiker mit Gattin, strahlende Waisenkinder und zufriedene Betreuerinnen. Im Hintergrund der reich geschmückte Weihnachtsbaum, darunter eine Krippe.

Fünf Uhr. War es schon so spät? Er drückte das Dritte Programm: Leise rieselt der Schnee. Ein Kinderchor mit Orgelmusik.
Dazu Bilder von Maria und Joseph, vom Jesuskind in der Krippe, von Hirten, den Heiligen drei Königen und Engeln. Und aus den Wolken schaute ein alter Mann mit weißem Bart. Stand nicht schon in der Bibel: „Du sollst dir kein Bildnis noch irgendein Gleichnis von Gott machen, um ihn damit zu verehren“? War das nicht sogar eines der zehn Gebote? Er ging zum Fenster und blickte hinaus. In diesem Jahr war noch kein Schnee gefallen in Göttingen. Es würde einen späten Winter geben. Durch die Fenster der gegenüberliegenden Häuser sah er vereinzelt Tannenbäume mit brennenden Kerzen schimmern.

Es war schon lange dunkel draußen. Sti – – hi – le Naaaacht. Hei – – li – ge Naaaacht. Er drehte sich abrupt um und schaltete den Fernseher ab, konnte diese verfluchte Weihnachtsstimmung nicht vertragen, diese sentimentale Scheiße, diesen Kitsch und Kram, der einem schon seit Wochen in den Warenhäusern und auf den Straßen entgegenschwappte. Das machte ihn krank.
Wenn die wenigstens einen Krimi oder einen Western gebracht hätten. Jedenfalls etwas anderes als diesen Weihnachtssound, diesen beschissenen, verlogenen Weihnachtsschwindel.

Und das in allen drei Programmen. Es gab doch genug Leute, die Weihnachten nicht in der Familie feiern konnten oder wollten, die etwas anderes lieber sahen als rosige Kindergesichter in Großaufnahme, glückliche Milch von glücklichen Kühen. Wer konnte denn noch ernsthaft daran glauben, dass nicht der Tischler Joseph, sondern ausgerechnet der alte Mann mit dem weißen Bart die Maria geschwängert hat? Dieser impotente alte Mann mit dem weißen Bart, der weiße Riese mit der RIE – SEN – WASCH – KRAFT.

Marianne war bei ihren Eltern in Stuttgart. Eigentlich hatten sie ja vorgehabt, alle zusammen zu feiern. Aber im letzten Moment war er dann doch noch zur Vernunft gekommen und zurückgefahren.
Er warf sich in den Sessel. Nicht einmal in eine Kneipe konnte man gehen, am Heiligen Abend. Die hatten alle geschlossen. Es blieben nur noch die Heilsarmee oder der Bahnhof. Gegen vier war er kurz in der Bahnhofswirtschaft gewesen. Außer dem Wirt und zwei besoffenen Wermutbrüdern, mit denen man kein vernünftiges Wort wechseln konnte, war niemand da gewesen. Aus Verlegenheit hatte er sich eine Illustrierte gekauft und war wieder nach Hause gegangen.

In der Oberwohnung fand anscheinend gerade die Bescherung statt. Man hörte das Geschrei der Kinder, die sich über ihre Geschenke hermachten. Über diese heute üblichen Weihnachtsgaben für Hunderte von Mark, über ferngesteuerte Autos, mit Platzpatronen schießende Panzer und Flugzeuge, ganze Autorennbahnen oder sogar Gokarts, sprechende und laufende und pinkelnde Puppen und dieses ganze Industriegerümpel, das in ein paar Wochen unten auf dem Müll liegen würde.

In einer Nachbarwohnung wurden Weihnachtslieder gesungen.
Hier wusste jeder, was der andere machte; und jeder kümmerte sich um jeden. Aber nur, solange es die eigene Neugier zu befriedigen galt. Wenn einer mal Hilfe brauchte, dann kannte keiner den andern.

Er holte die Weinbrandflasche aus dem Schrank, legte seine Füße auf den Tisch und sah sich die Illustrierte an. „Was nachts auf Parkplätzen wirklich geschieht“, las er. Und „Ehekonflikte: Der Wüstling“. Schon auf dem Titelbild lockte ein nacktes Weib. Warum nicht mal zur Abwechslung ein Mann? Aber auf den Dreh, statt nackter Titten, rund und saftig wie zum Reinbeißen, erigierte Männerschwänze zu bringen, kamen die auch noch. Schöne steife Schwengel, von der Tittenwelle zur Pimmelwelle.

Oder vorher, nein besser doch danach, nackte Weiber mit gespreizten Beinen. Voll da. Die ganze Fotze. Und zum Schluss dann, vielleicht in ein paar Jahren, sozusagen als Krönung des Geschäfts, beide zusammen in Aktion. Greifbar und öffentlich für jeden, Menschen als Ware.

Nun, was machten denn die Autos nachts auf den Parkplätzen? Die machten gar nichts, standen nur da rum, wippten höchstens mal. Aber da drin, da war der Teufel los. Wenn die nur mal geschrieben hätten, was da los war. Ehrlich und offen.
Dass da gefickt wurde. Meistens nicht einmal gevögelt, sondern gefickt. Weniger Amateure, weniger Liebespaare oder solche, die es werden wollten, sondern vielmehr Profis. Der Familienvater hat Ehekrach und fickt auf dem Parkplatz eine Nutte.

Im Sonntags-Nachmittags-Kaffee-Ausfahr-Auto. Das dauert im Durchschnitt fünf Minuten. Mit An- und Abfahrt, Aus- und Anziehen und kurzem Vorspiel höchstens fünfzehn Minuten. Das Nachspiel kommt zu Hause. Kostenpunkt: Zwanzig bis dreißig Mark zurzeit. Und wenn die Mädchen sich nur fünfmal an einem Abend nageln lassen, dann machte das schon 100 bis 150 Mark. Das sind in der Woche 700 bis 1.050 Mark, im Monat 3.000 bis 4.500 Mark. In den Puffs, da geht es noch schneller. Da fällt die An- und Abfahrt weg. Die können auch ein bisschen teurer sein, denn die Nachfrage ist erstaunlich groß. Da kommen gute Pferdchen ohne Schwierigkeiten auf 10.000 Mark im Monat.

Und wenn man Mäck ist und seine drei, vier Pferdchen laufen hat, dann kann sich der Bundeskanzler mit seinem Hungerlohn verstecken. Das grenzt dann schon an Apanage.
Er sah sich die Fotos an. Scharfe Weiber waren das. Er nahm sich das nackte Mädchen von der Titelseite vor, fuhr ihr über die prallen Brüste und onanierte. Irgendwie musste man sich schließlich Erleichterung verschaffen, wenn die Hormone drängten und die letzte Triebabfuhr schon zehn Tage zurücklag. Fuck yourself. Das beruhigte.

Anschließend ging er ins Badezimmer sich waschen. Tabuthema Onanie. Man sollte eine Plakataktion darüber machen, dachte er. Vielleicht gäb's dann weniger Aggressionen und weniger Sittlichkeitsverbrechen.
Er las den Artikel über die Ehekonflikte wegen Dauerschärfe und seelischer Grausamkeit des Mannes. So etwas lief unter Aufklärung.
Der geneigte Leser erfuhr, wie das ist, wenn die Männer zu scharf oder zu wüst sind, was sie dann alles mit den Frauen machen, natürlich nur andeutungsweise. Zum Schluss drang er dann immer in sie ein.

Oder es gab einen Exklusivbericht auf knapp zwei Seiten, die Bilder mit nackten Eingeborenen mitgerechnet, über die Sitten eines imaginären Indianerstammes am Amazonas, wo der Sippenälteste die jungen Mädchen vor der Hochzeit immer mit einer riesigen unreifen Banane entjungferte. Vielleicht ging der nächste Artikel dann über das Liebesleben der Eskimos, die dasselbe mit einem steif gefrorenen Hering machten. Wenn das keine Bewusstwerdung war! Emanzipation hin zu Straßenecken-Hundauf- Hund-Ideologie, zur Dauer-Orgasmus-Mentalität. Wie sollten solche Erwachsene vernünftige Kinder erziehen? Vor einem Jahr hatten sie zu Hause gefeiert, mit Tannenbaum, brennenden Kerzen und Weihnachtsliedern aus dem Radio. Zwar war der Puter angebrannt und das Gemüse versalzen gewesen, aber das hatte ihrer Stimmung keinen Abbruch getan. Und bestimmt wäre es auch diesmal wieder einigermaßen gut gegangen, wenn sie sich nicht schon vorher wie die Irren gezankt hätten.

Zuerst dieser Ärger beim Landgericht mit einem Urteil, das er nicht schreiben wollte, weil er nicht dahinter stand, das er aber dennoch schreiben musste. „Als Referendar soll man lernen, Urteile abzufassen“, meinte der Kammervorsitzende. „Ein Jurist muss auch mal eine ihm persönlich nicht passende Meinung überzeugend vertreten können.“ Es ging um Schadenersatz wegen einer so genannten Arisierung. Kläger war ein Abkömmling im KZ umgekommener Juden, Beklagter ein stadtbekannter Geschäftsmann; die Klage wurde abgewiesen.

Lesen Sie in der kommenden Ausgabe die Fortsetzung von Wolfgang Bittners Roman und des Kapitels „Weihnachten diesmal anders“ .
(CH)


Wolfgang Bittner liest
aus „Der Aufsteiger oder Ein Versuch zu Leben“ sowie aus seinem mit Karikaturen von Kostas Koufogiorgos
jüngst erschienenen Buch
MINIMA POLITIKA – Politische Texte und Karikaturen“ (Beide Bücher Horlemann Verlag)

am Dienstag, 25.11.2008 um 19.30 Uhr

im Friedensbildungswerk Köln
Am Rinkenpfuhl 31, 50676 Köln


© 2008 Horlemann
Alle Rechte vorbehalten
Überarbeitete Neuausgabe – Erstveröffentlichung 1978 Büchergilde Gutenberg, Satz und Umschlaggestaltung Verlag.
Bitte fordern Sie das Verlagsverzeichnis an, unter:
Horlemann Verlag, Postfach 1307, 53583 Bad Honnef,
Telefax 02224 5429, E-Mail: info (at) horlemann-verlag.de
www.horlemann.info


 
Wolfgang Bittner Foto: Andreas Neumann arbeiterfotografie
Foto: Andreas Neumann              
Wolfgang Bittner, Jahrgang 1941, lebt als freier Schriftsteller in Köln. Der promovierte Jurist schreibt für Erwachsene, Jugendliche und Kinder. Er erhielt mehrere Literaturpreise, ist Mitglied im PEN und Mitarbeiter bei Zeitungen, Zeitschriften, Rundfunk und Fernsehen. Er hat mehr als 50 Bücher veröffentlicht, u.a. die Romane „Der Aufsteiger oder Ein Versuch zu leben“, „Niemandsland“ und „Flucht nach Kanada “, den Erzählband „Das andere Leben“ sowie das Sachbuch „Beruf: Schriftsteller“.



Online-Flyer Nr. 172  vom 12.11.2008

Druckversion     



Startseite           nach oben

KÖLNER KLAGEMAUER


Für Frieden und Völkerverständigung
FILMCLIP
FOTOGALERIE