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Literatur
Der Fortsetzungsroman in der NRhZ – Folge 35
Der Aufsteiger oder Ein Versuch zu leben
Von Wolfgang Bittner

Außer bequem als Buch im Horlemann-Verlag können Sie exklusiv in der NRhZ die überarbeitete Neuausgabe von Wolfgang Bittners 1978 erstmals erschienenen Roman „Der Aufsteiger oder Ein Versuch zu leben“ lesen – eine Rezension des Werks finden sie in der NRhZ 139: „Ein Roman über einen ‚Helden’ von unten, aus der Sicht von unten und deshalb wichtig für alle – und sogar mit nicht allzu viel Fantasie lässt sich auch der Roman auf heutige Verhältnisse übertragen.“, schreibt Rezensent und Buchhändler Uli Klinger über „Der Aufsteiger“.
13) Promotion und Ehealltag
Der Kanarienvogel unterhielt sich mit der Schreibmaschine. Es war zehn Uhr am Vormittag, und die Sonne schien durch die Gardine hindurch auf das Papier. Erich Wegner saß an seinem Schreibtisch, von wo aus man an den Blumentöpfen vorbei auf die Straße b licken konnte. Jetzt fingen sie schon wieder an, die Straßendecke aufzureißen, innerhalb von zwei Jahren zum dritten oder vierten Mal. Ein paar Häuser weiter ratterten die Presslufthämmer.
Mal verlegten sie Kupferkabel, mal Breitbandkabel, mal Rohre, mal reparierten sie etwas. In zwei, drei Tagen würden sie heran sein.
Viel war es nicht, was er in den vergangenen drei Monaten zu Papier gebracht hatte, gerade die Einleitung und Überlegungen zur Aufgabenstellung und methodologischen Grundkonzeption.
Aber es ging endlich voran. Das Thema war gedanklich umrissen, der Rest war nur noch eine Sache des Fleißes, der Zeit und des Geldes.
Einen Monat lang vor einem Thema sitzen, ohne einen einzigen Schritt weiterzukommen! Hätte ihm das früher jemand gesagt, er hätte darüber gelacht. Dabei hatte er ursprünglich genau gewusst, worüber er schreiben wollte. Aber als es dann soweit war, als er den Urlaub eingereicht hatte, schaffte er in den ersten Wochen nicht einmal die Gliederung. Zuerst konnte er tagelang nur immer denken: Das schaffst du nie. Du nie. Den Doktor machen.
Da war eine Sperre gewesen, eine Art Angst vor der eigenen Courage. Das hatte nicht mehr mit Geld zu tun. Sicher, während der einjährigen Beurlaubung liefen die Referendarbezüge nicht weiter. Aber Mariannes Hauptschullehrergehalt reichte vollkommen.
Das war psychisch gewesen, als seien bestimmte Teile des Gehirns gelähmt gewesen. Ähnlich wie während des Examens, als ihn der eine Prüfer angefahren hatte, er solle gefälligst präzise antworten und nicht um die Sache herumreden.
Etwas mehr Souveränität sich selbst, anderen Menschen und dem Leben gegenüber, das wäre gut. Seine Gedanken gingen auf Reisen, wie so oft in letzter Zeit, wenn er in der Seminarbibliothek oder zu Hause hinter dem Schreibtisch saß. Wie oft hatte er aus Unsicherheit etwas verpatzt? Hundert Begebenheiten auf einmal fielen ihm ein. In der Schule, während des Studiums, im Zusammensein mit Lina, mit Marianne, dann im Staatsexamen und auch während des Referendariats. Oder damals, als er von den SDS-Leuten in München eingeladen worden war, weil sie ihn kennenlernen wollten. Er war aus diesem verfluchten Minderwertigkeitsgefühl heraus nicht hingegangen, hatte sie vergeblich warten lassen. Das war dieser Mangel an Selbstbewusstsein, an Vertrauen in die eigene Leistungsfähigkeit.
Diese Labilität war in letzter Zeit eher größer geworden. Schon wenn der Briefträger morgens klingelte und er dann im Bademantel die Tür öffnete: Ein Gefühl der Unsicherheit und des Unbehagens. Was dachte der sich jetzt? Ein normaler Mensch schlief doch um neun Uhr nicht mehr, der stand jeden Morgen um sechs Uhr auf. Die Klingel zu überhören, versuchte er gar nicht erst. Frau Specht aus der unteren Etage wusste genau, ob er zu Hause war oder nicht. Da konnte er nachts bis zwei oder drei gearbeitet haben, morgens meldete sich das schlechte Gewissen; und noch halb im Schlaf hoffte er, dass bloß niemand klingelte.
Er ging in die Küche hinüber, stellte das Radio an und machte sich eine Tasse Kaffee. In den Nachrichten wurde gemeldet, dass die Ministerpräsidenten der Bundesländer auf ihrer letzten gemeinsamen Konferenz Maßnahmen zur Bekämpfung von Radikalen im öffentlichen Dienst beschlossen hatten. Damit waren jedoch nicht Maßnahmen gegen Ex-Nazis, kalte Krieger und NPD-Mitglieder gemeint, wie aus einem Kommentar eindeutig hervorging. Die würden selbstverständlich dazu beitragen, die Verfassung zu schützen, wie schon einmal. Und diesmal blies die SPD zum großen Treiben, dieselbe Partei, die vor ziemlich genau hundert Jahren verboten worden war. Die Welt ist ein Tollhaus.
Inzwischen war es schon nach elf Uhr. Um halb eins würde Marianne nach Hause kommen, er musste anfangen das Essen vorzubereiten.
Als er den Abfalleimer zur Mülltonne brachte, sah er, dass der Hausflur vollkommen verdreckt war. Er holte Eimer und Lappen und wischte die Treppe gleich mit.
Natürlich hatte Frau Specht, die unter ihnen wohnte, gerade in diesem Moment auf dem Dachboden zu tun. Auf ihre übliche Frage, ob denn seine Frau krank sei, hätte er ihr am liebsten den Scheuerlappen um die Ohren geschlagen.
Es gab Bratwurst mit Kartoffeln und Blumenkohl. Marianne machte einen abgekämpften, nervösen Eindruck. Das Essen schmeckte ihr nicht. Sie hatte wieder Ärger gehabt. Mehrere Jungen aus der achten Klasse machten keine Hausaufgaben und ließen ständig ihre Bücher zu Haus.
„Wie soll man mit solchen Schülern arbeiten?“, schimpfte sie.
„Die sagen einem frech ins Gesicht, dass sie keine Lust haben.“ „Man müsste sie aktivieren“, meinte er. Das alte Thema.
„Aktivier mal Vierzehnjährige, die erstens in der Pubertät sind und zweitens die Schule nur als ein lästiges Übel empfinden.“ „Politisieren“, sagte er, „den Unterricht interessant und gesellschaftsbezogen gestalten. Die Widersprüche unseres Systems aufzeigen, in dem viele auf der Strecke bleiben, auch solche Hauptschüler, wie du sie unterrichtest.“ Sie lachte verärgert und winkte ab: „Du mit deinen Spinnereien!“ „Diskutieren“, fuhr er fort, „Rollenspiele machen, selbst Gedichte und Kurzgeschichten schreiben, Bilder malen, etwas Eigenes basteln lassen, Anregungen dazu geben. Die wollen doch nicht den ganzen Tag Grammatik lernen, Vokabeln pauken und Rechenaufgaben lösen. Dazu hätte ich auch keine Lust.“ „So ist es ja nun wirklich nicht mehr“, fiel ihm Marianne ins Wort. „Aber ohne zu lernen, geht es eben in der Schule nicht.
Und manche dieser Schüler wollen einfach nicht lernen.“ „Du begreifst nicht, was ich meine“, sagte er.
„Und du begreifst nicht, dass es in der Praxis anders aussieht, als du es dir denkst“, entgegnete sie.
„Ich meine“, sagte er, „man müsste gemeinsam mit den Schülern bestimmte Problemfelder erarbeiten, für die man vorher Interesse bei ihnen geweckt hat. Zum Beispiel könnte man einmal die Expansionspolitik der Großmächte behandeln, wirtschaftliche Ausbeutung und Verelendung in der Dritten Welt, die Lüge von dem „gottgewollten Geschichtsablauf“ aufdecken, und zwar an handfesten Beispielen, die Grausamkeit und Unmenschlichkeit unserer spätkapitalistischen Gesellschaft deutlich machen, die Widersprüche zwischen gesellschaftlicher Produktion und privater Aneignung, die Manipulation durch Werbung und Massenmedien aufzeigen.
Außerdem könnte man aktuelle tagespolitische Vorgänge besprechen, lokale Vorfälle aufgreifen, über die in der Zeitung berichtet wird, oder auch mal über den Sinn des Lebens sprechen und darüber, dass wir alle sterblich sind und nur für eine relativ kurze Zeit auf diesem Planeten leben. Auch auf diese Weise würden die Schüler mit der Zeit erfahren, dass es Haupt- und Nebensätze gibt, welche Bundesorgane wir haben und wie die einzelnen Minister heißen. Man könnte manchmal sogar Comics lesen, denke ich, wenn man hinterher darüber spricht. Da würden deine Schüler garantiert mitmachen.“ „Alles pure Theorie und Illusionen“, erwiderte Marianne aufgebracht.
Sie hatte sich erregt, als habe er an ihren pädagogischen Fähigkeiten gezweifelt. „Dabei weißt du genau, dass ich den vorgeschriebenen Stoff bringen muss“, fuhr sie ihn an und setzte noch hinzu: „Im Übrigen wärst du als Lehrer schon lange rausgeflogen, wo die auf Linke jetzt so scharf sind.“ „Spinn ich eigentlich“, fragte er, „oder leben wir in einem freiheitlich- demokratischen Rechtsstaat, in dem jeder seine Meinung sagen darf?“ Er musste an seinen Geschichtslehrer in Salstädt denken, dem niemand Vorhaltungen gemacht hatte, wenn er im Unterricht über die Kameradschaft im Krieg und die Tapferkeit des deutschen Soldaten sprach.
„Du kannst ja nach drüben gehen, wenn es dir hier nicht passt“, sagte Marianne. Das war einer der Lieblingssprüche ihres Vaters.
„Die sollen doch zu den Kommunisten in die DDR gehen, diese linken Utopisten!“ Er entgegnete nichts darauf, sondern stand auf und ließ Wasser ins Spülbecken einlaufen, um das Geschirr abzuwaschen. Marianne sagte, sie sei müde, und legte sich für eine Stunde ins Bett.
Wenn dieser ewige Kleinkrieg nicht wäre, diese fortwährenden Streitereien wegen nichts, diese kleinen und großen Auseinandersetzungen, andauernden Gefühlsausbrüche und entwürdigenden Szenen. Mit Marianne konnte man einfach nicht diskutieren.
Ja, man konnte sich nicht einmal vernünftig unterhalten.
Es passte alles nicht zusammen, wurde irgendwie schief und kontrovers.
Marianne war jetzt sechsundzwanzig. Ob man in dem Alter noch lernen konnte, mit seinen Gedanken zu spielen, in der Phantasie Höhenflüge zu unternehmen, mit Ideen wie mit Bausteinen umzugehen? So etwas war ihr von Haus aus fremd und nach wie vor suspekt.
Was ihn aber am meisten aufregte, war dieses übertriebene, fast schon inzestuös anmutende Eltern-Kind-Verhältnis. Dieses Begrabbeln und Betätscheln und Küsschen auf den Mund bei jeder Gelegenheit. Dabei hatte er noch nie beobachtet, dass sich ihre Eltern gegenseitig einmal einen Kuss gaben. Sie schienen nur Zuneigung zu ihrer Tochter zu empfinden. Und jeder Ausbruchsversuch wurde strengstens bestraft. Mit Missfallensäußerungen, Liebesentzug, Verstimmung und, wenn alles nichts half, sogar mit unverhüllten Drohungen. Manchmal merkte Marianne das, aber sie zog keine Konsequenzen, sondern ließ sich immer wieder einlullen.
Lesen Sie in der kommenden Ausgabe die Fortsetzung von Wolfgang Bittners Roman und des Kapitels „Promotion und Ehealltag“ .
(CH)
© 2008 Horlemann
Alle Rechte vorbehalten
Überarbeitete Neuausgabe – Erstveröffentlichung 1978
Büchergilde Gutenberg, Satz und Umschlaggestaltung Verlag.
Bitte fordern Sie das Verlagsverzeichnis an, unter:
Horlemann Verlag, Postfach 1307, 53583 Bad Honnef,
Telefax 02224 5429, E-Mail: info (at) horlemann-verlag.de
www.horlemann.info
Online-Flyer Nr. 174 vom 26.11.2008
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Der Fortsetzungsroman in der NRhZ – Folge 35
Der Aufsteiger oder Ein Versuch zu leben
Von Wolfgang Bittner

13) Promotion und Ehealltag
Der Kanarienvogel unterhielt sich mit der Schreibmaschine. Es war zehn Uhr am Vormittag, und die Sonne schien durch die Gardine hindurch auf das Papier. Erich Wegner saß an seinem Schreibtisch, von wo aus man an den Blumentöpfen vorbei auf die Straße b licken konnte. Jetzt fingen sie schon wieder an, die Straßendecke aufzureißen, innerhalb von zwei Jahren zum dritten oder vierten Mal. Ein paar Häuser weiter ratterten die Presslufthämmer.
Mal verlegten sie Kupferkabel, mal Breitbandkabel, mal Rohre, mal reparierten sie etwas. In zwei, drei Tagen würden sie heran sein.
Viel war es nicht, was er in den vergangenen drei Monaten zu Papier gebracht hatte, gerade die Einleitung und Überlegungen zur Aufgabenstellung und methodologischen Grundkonzeption.
Aber es ging endlich voran. Das Thema war gedanklich umrissen, der Rest war nur noch eine Sache des Fleißes, der Zeit und des Geldes.
Einen Monat lang vor einem Thema sitzen, ohne einen einzigen Schritt weiterzukommen! Hätte ihm das früher jemand gesagt, er hätte darüber gelacht. Dabei hatte er ursprünglich genau gewusst, worüber er schreiben wollte. Aber als es dann soweit war, als er den Urlaub eingereicht hatte, schaffte er in den ersten Wochen nicht einmal die Gliederung. Zuerst konnte er tagelang nur immer denken: Das schaffst du nie. Du nie. Den Doktor machen.
Da war eine Sperre gewesen, eine Art Angst vor der eigenen Courage. Das hatte nicht mehr mit Geld zu tun. Sicher, während der einjährigen Beurlaubung liefen die Referendarbezüge nicht weiter. Aber Mariannes Hauptschullehrergehalt reichte vollkommen.
Das war psychisch gewesen, als seien bestimmte Teile des Gehirns gelähmt gewesen. Ähnlich wie während des Examens, als ihn der eine Prüfer angefahren hatte, er solle gefälligst präzise antworten und nicht um die Sache herumreden.
Etwas mehr Souveränität sich selbst, anderen Menschen und dem Leben gegenüber, das wäre gut. Seine Gedanken gingen auf Reisen, wie so oft in letzter Zeit, wenn er in der Seminarbibliothek oder zu Hause hinter dem Schreibtisch saß. Wie oft hatte er aus Unsicherheit etwas verpatzt? Hundert Begebenheiten auf einmal fielen ihm ein. In der Schule, während des Studiums, im Zusammensein mit Lina, mit Marianne, dann im Staatsexamen und auch während des Referendariats. Oder damals, als er von den SDS-Leuten in München eingeladen worden war, weil sie ihn kennenlernen wollten. Er war aus diesem verfluchten Minderwertigkeitsgefühl heraus nicht hingegangen, hatte sie vergeblich warten lassen. Das war dieser Mangel an Selbstbewusstsein, an Vertrauen in die eigene Leistungsfähigkeit.
Diese Labilität war in letzter Zeit eher größer geworden. Schon wenn der Briefträger morgens klingelte und er dann im Bademantel die Tür öffnete: Ein Gefühl der Unsicherheit und des Unbehagens. Was dachte der sich jetzt? Ein normaler Mensch schlief doch um neun Uhr nicht mehr, der stand jeden Morgen um sechs Uhr auf. Die Klingel zu überhören, versuchte er gar nicht erst. Frau Specht aus der unteren Etage wusste genau, ob er zu Hause war oder nicht. Da konnte er nachts bis zwei oder drei gearbeitet haben, morgens meldete sich das schlechte Gewissen; und noch halb im Schlaf hoffte er, dass bloß niemand klingelte.
Er ging in die Küche hinüber, stellte das Radio an und machte sich eine Tasse Kaffee. In den Nachrichten wurde gemeldet, dass die Ministerpräsidenten der Bundesländer auf ihrer letzten gemeinsamen Konferenz Maßnahmen zur Bekämpfung von Radikalen im öffentlichen Dienst beschlossen hatten. Damit waren jedoch nicht Maßnahmen gegen Ex-Nazis, kalte Krieger und NPD-Mitglieder gemeint, wie aus einem Kommentar eindeutig hervorging. Die würden selbstverständlich dazu beitragen, die Verfassung zu schützen, wie schon einmal. Und diesmal blies die SPD zum großen Treiben, dieselbe Partei, die vor ziemlich genau hundert Jahren verboten worden war. Die Welt ist ein Tollhaus.
Inzwischen war es schon nach elf Uhr. Um halb eins würde Marianne nach Hause kommen, er musste anfangen das Essen vorzubereiten.
Als er den Abfalleimer zur Mülltonne brachte, sah er, dass der Hausflur vollkommen verdreckt war. Er holte Eimer und Lappen und wischte die Treppe gleich mit.
Natürlich hatte Frau Specht, die unter ihnen wohnte, gerade in diesem Moment auf dem Dachboden zu tun. Auf ihre übliche Frage, ob denn seine Frau krank sei, hätte er ihr am liebsten den Scheuerlappen um die Ohren geschlagen.
Es gab Bratwurst mit Kartoffeln und Blumenkohl. Marianne machte einen abgekämpften, nervösen Eindruck. Das Essen schmeckte ihr nicht. Sie hatte wieder Ärger gehabt. Mehrere Jungen aus der achten Klasse machten keine Hausaufgaben und ließen ständig ihre Bücher zu Haus.
„Wie soll man mit solchen Schülern arbeiten?“, schimpfte sie.
„Die sagen einem frech ins Gesicht, dass sie keine Lust haben.“ „Man müsste sie aktivieren“, meinte er. Das alte Thema.
„Aktivier mal Vierzehnjährige, die erstens in der Pubertät sind und zweitens die Schule nur als ein lästiges Übel empfinden.“ „Politisieren“, sagte er, „den Unterricht interessant und gesellschaftsbezogen gestalten. Die Widersprüche unseres Systems aufzeigen, in dem viele auf der Strecke bleiben, auch solche Hauptschüler, wie du sie unterrichtest.“ Sie lachte verärgert und winkte ab: „Du mit deinen Spinnereien!“ „Diskutieren“, fuhr er fort, „Rollenspiele machen, selbst Gedichte und Kurzgeschichten schreiben, Bilder malen, etwas Eigenes basteln lassen, Anregungen dazu geben. Die wollen doch nicht den ganzen Tag Grammatik lernen, Vokabeln pauken und Rechenaufgaben lösen. Dazu hätte ich auch keine Lust.“ „So ist es ja nun wirklich nicht mehr“, fiel ihm Marianne ins Wort. „Aber ohne zu lernen, geht es eben in der Schule nicht.
Und manche dieser Schüler wollen einfach nicht lernen.“ „Du begreifst nicht, was ich meine“, sagte er.
„Und du begreifst nicht, dass es in der Praxis anders aussieht, als du es dir denkst“, entgegnete sie.
„Ich meine“, sagte er, „man müsste gemeinsam mit den Schülern bestimmte Problemfelder erarbeiten, für die man vorher Interesse bei ihnen geweckt hat. Zum Beispiel könnte man einmal die Expansionspolitik der Großmächte behandeln, wirtschaftliche Ausbeutung und Verelendung in der Dritten Welt, die Lüge von dem „gottgewollten Geschichtsablauf“ aufdecken, und zwar an handfesten Beispielen, die Grausamkeit und Unmenschlichkeit unserer spätkapitalistischen Gesellschaft deutlich machen, die Widersprüche zwischen gesellschaftlicher Produktion und privater Aneignung, die Manipulation durch Werbung und Massenmedien aufzeigen.
Außerdem könnte man aktuelle tagespolitische Vorgänge besprechen, lokale Vorfälle aufgreifen, über die in der Zeitung berichtet wird, oder auch mal über den Sinn des Lebens sprechen und darüber, dass wir alle sterblich sind und nur für eine relativ kurze Zeit auf diesem Planeten leben. Auch auf diese Weise würden die Schüler mit der Zeit erfahren, dass es Haupt- und Nebensätze gibt, welche Bundesorgane wir haben und wie die einzelnen Minister heißen. Man könnte manchmal sogar Comics lesen, denke ich, wenn man hinterher darüber spricht. Da würden deine Schüler garantiert mitmachen.“ „Alles pure Theorie und Illusionen“, erwiderte Marianne aufgebracht.
Sie hatte sich erregt, als habe er an ihren pädagogischen Fähigkeiten gezweifelt. „Dabei weißt du genau, dass ich den vorgeschriebenen Stoff bringen muss“, fuhr sie ihn an und setzte noch hinzu: „Im Übrigen wärst du als Lehrer schon lange rausgeflogen, wo die auf Linke jetzt so scharf sind.“ „Spinn ich eigentlich“, fragte er, „oder leben wir in einem freiheitlich- demokratischen Rechtsstaat, in dem jeder seine Meinung sagen darf?“ Er musste an seinen Geschichtslehrer in Salstädt denken, dem niemand Vorhaltungen gemacht hatte, wenn er im Unterricht über die Kameradschaft im Krieg und die Tapferkeit des deutschen Soldaten sprach.
„Du kannst ja nach drüben gehen, wenn es dir hier nicht passt“, sagte Marianne. Das war einer der Lieblingssprüche ihres Vaters.
„Die sollen doch zu den Kommunisten in die DDR gehen, diese linken Utopisten!“ Er entgegnete nichts darauf, sondern stand auf und ließ Wasser ins Spülbecken einlaufen, um das Geschirr abzuwaschen. Marianne sagte, sie sei müde, und legte sich für eine Stunde ins Bett.
Wenn dieser ewige Kleinkrieg nicht wäre, diese fortwährenden Streitereien wegen nichts, diese kleinen und großen Auseinandersetzungen, andauernden Gefühlsausbrüche und entwürdigenden Szenen. Mit Marianne konnte man einfach nicht diskutieren.
Ja, man konnte sich nicht einmal vernünftig unterhalten.
Es passte alles nicht zusammen, wurde irgendwie schief und kontrovers.
Marianne war jetzt sechsundzwanzig. Ob man in dem Alter noch lernen konnte, mit seinen Gedanken zu spielen, in der Phantasie Höhenflüge zu unternehmen, mit Ideen wie mit Bausteinen umzugehen? So etwas war ihr von Haus aus fremd und nach wie vor suspekt.
Was ihn aber am meisten aufregte, war dieses übertriebene, fast schon inzestuös anmutende Eltern-Kind-Verhältnis. Dieses Begrabbeln und Betätscheln und Küsschen auf den Mund bei jeder Gelegenheit. Dabei hatte er noch nie beobachtet, dass sich ihre Eltern gegenseitig einmal einen Kuss gaben. Sie schienen nur Zuneigung zu ihrer Tochter zu empfinden. Und jeder Ausbruchsversuch wurde strengstens bestraft. Mit Missfallensäußerungen, Liebesentzug, Verstimmung und, wenn alles nichts half, sogar mit unverhüllten Drohungen. Manchmal merkte Marianne das, aber sie zog keine Konsequenzen, sondern ließ sich immer wieder einlullen.
Lesen Sie in der kommenden Ausgabe die Fortsetzung von Wolfgang Bittners Roman und des Kapitels „Promotion und Ehealltag“ .
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© 2008 Horlemann
Alle Rechte vorbehalten
Überarbeitete Neuausgabe – Erstveröffentlichung 1978
Büchergilde Gutenberg, Satz und Umschlaggestaltung Verlag.
Bitte fordern Sie das Verlagsverzeichnis an, unter:
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Telefax 02224 5429, E-Mail: info (at) horlemann-verlag.de
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Online-Flyer Nr. 174 vom 26.11.2008
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