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Kultur und Wissen
Im Westen nichts Neues:
Pina Bausch – eine entzauberte Legende
Von Karl Schem
Anders als bei Forsythe ist bei Pina Bausch schon längst nicht mehr mit Überraschungen zu rechnen. Wo Pina drauf steht, ist immer Bausch drin. Da mag sich die Mehrheit der Kritikerkaste noch so überschlagen mit Lobeshymnen auf das „Genie“, das diesmal zwar auch glänzende Namen eingeladen hat, wie Anne Teresa De Keersmaeker oder Alain Platel, aber auch hierzulande unbekannte Künstler aus Australien oder aus Korea. Doch ob prominent oder nicht: Sie alle starren auf die Doyenne des deutschen Tanztheaters wie das Kaninchen auf die Schlange. Und merken nicht, wollen nicht merken, dass es wie in jenem Märchen die (alten) neuen Kleider (Choreografien) der Kaiserin sind. Da ist keiner, der sie nicht schönredet.

Neue Kleider oder alte Klamotten?! – „Cravos"-Inszenierung von Pina Bausch Foto: Clau Damaso
Was Peter Michalzik in der FR über den Amerikaner Forsythe schrieb, lässt sich über die 1940 in Solingen geborene, nur neun Jahre ältere Wuppertaler Tanzdirektorin kaum sagen: „Forsythe tut nicht, was so einfach wäre, er ruht sich nicht auf seinen Lorbeeren aus, er meidet den repräsentativen Tanzabend, er sucht und scheut bis heute nicht die Gefahr des Scheiterns.“
Es ist zwar Kosmetik der Extraklasse, aber eben Kosmetik, wenn Bausch ihr Festival mit ihrem eigenen Klassiker „Kontakthof“ mit Teenagern startet und wenige Tage später eine Variante mit Senioren. Sie zitiert sich (fast) nur noch selbst und lässt sich offensichtlich nur zu gern von den eingeladenen Compagnien zitieren. Bauchredner auch sie wie jene Wuppertaler „Kulturjournalistin“ Anne Linsel, die so erfolgreich eine überschwängliche Lobeshymne auf öffentlich-rechtliche Kultur-Fernsehschirme platzieren konnte, dass sie dank guter Beziehungen bereits den Auftrag für einen zweiten Bausch-Film in der Tasche haben soll. Es darf gewettet werden, dass auch dieses Porträt sich erneut in untertänigster Bewunderung hervortun wird, ganz nach der Nietzsche-Erkenntnis: „Im Lobe ist mehr Zudringlichkeit als im Tadel.“

Bausch nach Aufführung von „Rough
Cut“ in Wuppertal
Foto (Ausschnitt): Akynou
Ironie des Zufalls: Just zum Zeitpunkt des Bausch-Festivals wurde bekannt, dass Nordrhein-Westfalen im Länderfinanzausgleich von der Geber- auf die Nehmerseite abgerutscht ist. Auch der gar nicht mehr neuen Landesregierung, die das „Bauschi-Val“ in Düsseldorf, Essen und Wuppertal mitfinanziert, fällt nichts Neues mehr ein. Stillstand bedeutet eben immer Rückschritt.
Das gilt auch für die einstige Revolutionärin des Tanztheaters an der Wupper, wo Pina Bausch ab 1973 unter den Pohlbürgern für beträchtlichen Aufruhr sorgte, weil sie die Schwanensee-Ära ebenso rigoros wie erfrischend von der Bühne fegte. Wer dabei war, erinnert sich, wie bigotte Kommunalpolitiker und kunstliebende bergische Unternehmer sich erst an den aus den Dekolletés springenden Brüstchen der Tänzerinnen aufgeilten, um dann türeschlagend mit den empörten Gattinnen das Weite zu suchen.
Suchen lässt sich beim üppig bestücken Bausch-Tanzfestival vergeblich nach Namen wie Johann Inger (Cullberg Ballett Stockholm und Nederlands Dans Theater), Jorma Uotinen vom finnischen Nationalballett oder Marco Goecke. Der Stuttgarter weiß das Thema unserer Zeit, die Schnelligkeit, ebenso spannend umzusetzen wie Thierry Verger asiatische Kampfkunst, das Jazz-Ballett de Montreal Ragga-Jam, Hip-Hop oder „eri“ aus Finnland politische Themen – „eri“ bedeutet übrigens so viel wie „anders“ oder „verschieden“.

Auch das Schauspielhaus Elberfeld liegt im „Bauschi-Val“
Foto: Frank Vincentz
Die Adepten der Ballettlegende Bausch könnten leicht darauf verweisen, dass „Pina“, wie sie von ihnen gern anbiedernd genannt wird, doch nicht alle und jeden einladen könne. Und mit rund 60 Ensembles habe sie doch wahrlich einen breiten Bogen des gegenwärtigen Tanztheaters gezogen. Ja, gewiss doch. Nur vermissen kritische Besucher jene Choreografen und Compagnien, die sich inzwischen über die von der Wuppertaler Tanztheaterchefin einst weit hinausgezogenen Grenzen noch weiter entwickelt haben. Trotz oder wegen aller Verdienste scheint die mit Preisen fast zugeschüttete Pina Bausch keine fremden Götter neben sich dulden zu wollen. Da mag ihr Auftreten noch so sympathisch bescheiden wirken, wenn sie ätherisch selbst zu fortgeschrittener Stunde noch auf die Bühne schwebt, um ihren Gästen persönlich eine Blume in die verschwitzen Hände zu drücken.

Tanz-Pionierin Palucca
auf Briefmarke
Die Unzulänglichkeiten des diesjährigen Bausch-Tanzfestivals sollten Anlass zum Reflektieren darüber sein, dass die Modernisierung dieser Kunstsparte nicht erst mit Pina Bausch angefangen hat – hier seien nur die Namen Rudolph von Laban, Harald Kreutzberg, Kurt Jooss genannt oder Frauen wie Mary Wigman, Gret Palucca, Lola Rogge oder Berta Feist, die einst das deutsche Tanztheater international zum Vorreiter machten. Den „Ausdruckstanz“ mit seinem „deutschen Charakter“ schätzten anfangs sogar die Nationalsozialisten, bis sie ihn als „undeutsch“ und „überfremdet“ ablehnten. Nicht zu vergessen, dass nach dem Ende der NS-Diktatur neben Pina Bausch auch Künstler wie Tom Schilling, Johann Kresnik, Gerhard Bohner oder Reinhild Hoffmann, Saburo Teshigawara und Sasha Waltz die Tanztheaterbühnen der Bundesrepublik geprägt haben.
Während sich die Bausch, die – wie so viele andere – an der Folkwang-Hochschule in Essen ausgebildet worden war, ihre Ideen aus Geschlechterkampf und Kinderzeit holte, holte sich ihr Kollege Kresnik von der politisch-motivierten 68er Bewegung Inspiration: Beim Choreografen-Wettbewerb der Kölner Sommertanzakademie ließ er 1968 in „Paradies?“ einen Menschen an Krücken von Polizisten verprügeln.
Zu erwarten, dass eine Pina Bausch im Rentenalter noch politisch wird, wäre naiv. Während aber rundherum die alten Werte zersplittern und der Kapitalismus seine hässliche Fratze zeigt, war der Zeitgeist im Exil und von ihm bei den Bausch-Stücken und ihren Jüngern bislang wenig bis nichts zu spüren.

Er hat wie üblich das letzte Wort:
Karl Kraus (Gedenktafel) | Foto: Hejkal
Mehr Souveränität bei der Programmgestaltung, mehr Neues oder gar Avantgardistisches und mehr Aussage als Äußerlichkeit wäre von der einstigen Modernisiererin nicht zu viel verlangt gewesen, hatte sie doch bei „ihrem“ Festival alle Freiheiten der Welt. Wenigstens hätte sie Karl Kraus beherzigen können, der da, gültig bis heute, schon früh postulierte: „Der Künstler entdeckt, was nicht gebraucht wird. Er bringt das Neue.“ (CH)
Zur Webseite der Choreografin: pina-bausch.de
Online-Flyer Nr. 174 vom 26.11.2008
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Kultur und Wissen
Im Westen nichts Neues:
Pina Bausch – eine entzauberte Legende
Von Karl Schem
Anders als bei Forsythe ist bei Pina Bausch schon längst nicht mehr mit Überraschungen zu rechnen. Wo Pina drauf steht, ist immer Bausch drin. Da mag sich die Mehrheit der Kritikerkaste noch so überschlagen mit Lobeshymnen auf das „Genie“, das diesmal zwar auch glänzende Namen eingeladen hat, wie Anne Teresa De Keersmaeker oder Alain Platel, aber auch hierzulande unbekannte Künstler aus Australien oder aus Korea. Doch ob prominent oder nicht: Sie alle starren auf die Doyenne des deutschen Tanztheaters wie das Kaninchen auf die Schlange. Und merken nicht, wollen nicht merken, dass es wie in jenem Märchen die (alten) neuen Kleider (Choreografien) der Kaiserin sind. Da ist keiner, der sie nicht schönredet.

Neue Kleider oder alte Klamotten?! – „Cravos"-Inszenierung von Pina Bausch Foto: Clau Damaso
Was Peter Michalzik in der FR über den Amerikaner Forsythe schrieb, lässt sich über die 1940 in Solingen geborene, nur neun Jahre ältere Wuppertaler Tanzdirektorin kaum sagen: „Forsythe tut nicht, was so einfach wäre, er ruht sich nicht auf seinen Lorbeeren aus, er meidet den repräsentativen Tanzabend, er sucht und scheut bis heute nicht die Gefahr des Scheiterns.“
Es ist zwar Kosmetik der Extraklasse, aber eben Kosmetik, wenn Bausch ihr Festival mit ihrem eigenen Klassiker „Kontakthof“ mit Teenagern startet und wenige Tage später eine Variante mit Senioren. Sie zitiert sich (fast) nur noch selbst und lässt sich offensichtlich nur zu gern von den eingeladenen Compagnien zitieren. Bauchredner auch sie wie jene Wuppertaler „Kulturjournalistin“ Anne Linsel, die so erfolgreich eine überschwängliche Lobeshymne auf öffentlich-rechtliche Kultur-Fernsehschirme platzieren konnte, dass sie dank guter Beziehungen bereits den Auftrag für einen zweiten Bausch-Film in der Tasche haben soll. Es darf gewettet werden, dass auch dieses Porträt sich erneut in untertänigster Bewunderung hervortun wird, ganz nach der Nietzsche-Erkenntnis: „Im Lobe ist mehr Zudringlichkeit als im Tadel.“

Bausch nach Aufführung von „Rough
Cut“ in Wuppertal
Foto (Ausschnitt): Akynou
Das gilt auch für die einstige Revolutionärin des Tanztheaters an der Wupper, wo Pina Bausch ab 1973 unter den Pohlbürgern für beträchtlichen Aufruhr sorgte, weil sie die Schwanensee-Ära ebenso rigoros wie erfrischend von der Bühne fegte. Wer dabei war, erinnert sich, wie bigotte Kommunalpolitiker und kunstliebende bergische Unternehmer sich erst an den aus den Dekolletés springenden Brüstchen der Tänzerinnen aufgeilten, um dann türeschlagend mit den empörten Gattinnen das Weite zu suchen.
Suchen lässt sich beim üppig bestücken Bausch-Tanzfestival vergeblich nach Namen wie Johann Inger (Cullberg Ballett Stockholm und Nederlands Dans Theater), Jorma Uotinen vom finnischen Nationalballett oder Marco Goecke. Der Stuttgarter weiß das Thema unserer Zeit, die Schnelligkeit, ebenso spannend umzusetzen wie Thierry Verger asiatische Kampfkunst, das Jazz-Ballett de Montreal Ragga-Jam, Hip-Hop oder „eri“ aus Finnland politische Themen – „eri“ bedeutet übrigens so viel wie „anders“ oder „verschieden“.

Auch das Schauspielhaus Elberfeld liegt im „Bauschi-Val“
Foto: Frank Vincentz
Die Adepten der Ballettlegende Bausch könnten leicht darauf verweisen, dass „Pina“, wie sie von ihnen gern anbiedernd genannt wird, doch nicht alle und jeden einladen könne. Und mit rund 60 Ensembles habe sie doch wahrlich einen breiten Bogen des gegenwärtigen Tanztheaters gezogen. Ja, gewiss doch. Nur vermissen kritische Besucher jene Choreografen und Compagnien, die sich inzwischen über die von der Wuppertaler Tanztheaterchefin einst weit hinausgezogenen Grenzen noch weiter entwickelt haben. Trotz oder wegen aller Verdienste scheint die mit Preisen fast zugeschüttete Pina Bausch keine fremden Götter neben sich dulden zu wollen. Da mag ihr Auftreten noch so sympathisch bescheiden wirken, wenn sie ätherisch selbst zu fortgeschrittener Stunde noch auf die Bühne schwebt, um ihren Gästen persönlich eine Blume in die verschwitzen Hände zu drücken.

Tanz-Pionierin Palucca
auf Briefmarke
Während sich die Bausch, die – wie so viele andere – an der Folkwang-Hochschule in Essen ausgebildet worden war, ihre Ideen aus Geschlechterkampf und Kinderzeit holte, holte sich ihr Kollege Kresnik von der politisch-motivierten 68er Bewegung Inspiration: Beim Choreografen-Wettbewerb der Kölner Sommertanzakademie ließ er 1968 in „Paradies?“ einen Menschen an Krücken von Polizisten verprügeln.
Zu erwarten, dass eine Pina Bausch im Rentenalter noch politisch wird, wäre naiv. Während aber rundherum die alten Werte zersplittern und der Kapitalismus seine hässliche Fratze zeigt, war der Zeitgeist im Exil und von ihm bei den Bausch-Stücken und ihren Jüngern bislang wenig bis nichts zu spüren.

Er hat wie üblich das letzte Wort:
Karl Kraus (Gedenktafel) | Foto: Hejkal
Zur Webseite der Choreografin: pina-bausch.de
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