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Literatur
Der Fortsetzungsroman in der NRhZ – Folge 36
Der Aufsteiger oder Ein Versuch zu leben
Von Wolfgang Bittner

Der Protagonist Erich Wegner arbeitet nach Abschluss der Schule im Tiefbau, aber in ihm reift allmählich der Entschluss, seine Situation zu verändern. Er holt das Abitur nach, beginnt Jura zu studieren und absolviert erfolgreich eine akademische Laufbahn. Eine verheißungsvolle Zukunft scheint vor ihm zu liegen, doch seine Hoffnungen und Erwartungen erfüllen sich nicht; sie werden durchkreuzt von seinen Vorstellungen von einem humanen und selbstbestimmten Leben in einer sozialen Gesellschaft. Er überlegt, fortzugehen, neu anzufangen. Es bleibt die Frage, ob Wegner jemals eine echte Chance hatte.

der aufsteiger wolfgang bittner horlemann-verlag cover
                                                   
Außer bequem als Buch im Horlemann-Verlag können Sie exklusiv in der NRhZ die überarbeitete Neuausgabe von Wolfgang Bittners 1978 erstmals erschienenen Roman „Der Aufsteiger oder Ein Versuch zu leben“ lesen – eine Rezension des Werks finden sie in der NRhZ 139: „Ein Roman über einen ‚Helden’ von unten, aus der Sicht von unten und deshalb wichtig für alle – und sogar mit nicht allzu viel Fantasie lässt sich auch der Roman auf heutige Verhältnisse übertragen.“, schreibt Rezensent und Buchhändler Uli Klinger über „Der Aufsteiger“.



13) Promotion  und Ehealltag (Fortsetzung)

Nachmittags, während er an seiner Dissertation weiterarbeitete, ging Marianne in die Stadt einkaufen. Ihre Freizeitbeschäftigung erschöpfte sich in letzter Zeit darin, Kaffee zu trinken, Schaufenster anzusehen, einzukaufen und nach Stuttgart zu fahren.

Manchmal kamen ihm ernsthaft Zweifel, ob diese Ehe überhaupt noch einen Sinn hatte.
Beim Abendessen fragte er sie, was sie damit gemeint habe: Er solle nach drüben gehen, wenn es ihm hier nicht passe. Er fand das anmaßend und es hatte ihn den ganzen Nachmittag beschäftigt.

„Dass du alles immer gleich dramatisieren musst“, seufzte sie.
„So ernst war das doch gar nicht gemeint. Aber du tust wirklich oft so, als ob in der Ostzone und in Russland alles in Ordnung wäre.“ Ostzone als Bezeichnung für die DDR, so sprach ihr Vater. Es machte ihn wütend. „Das stimmt nicht“, entgegnete er schroff.

„Wir haben uns über die DDR und die UdSSR noch nie richtig unterhalten. Allerdings habe ich in der Tat ein etwas differenzierteres Verhältnis zu diesen Staaten als die meisten unserer durch die Massenmedien belogenen und verhetzten Landsleute.“ „Das meine ich ja“, hielt sie ihm entgegen. „Du findest dieses System da drüben zumindest nicht schlecht.“ „Ich wehre mich gegen jede Art von Einseitigkeit“, widersprach er. „Dieses Gerücht von den bösen Untermenschen im Osten, die irgendwann kommen werden, um zu sagen: „Frau komm mit“, ist eben primitive Meinungsmache. Traurig genug, dass man dazu überhaupt ein Wort verlieren muss. Ich glaube auch nicht, dass die kleine DDR uns angreifen will und wir deswegen aufrüsten müssen, wie uns manche Politiker, die der Waffenindustrie zuarbeiten, weismachen wollen.“ „Und dass die Russen in die Tschechoslowakei einmarschiert sind, dass an der Mauer und an der Zonengrenze immer wieder Menschen erschossen werden, die fliehen wollen, dass die Aggression der Russen eine Tatsache ist, das alles übersiehst du wohl völlig?“ „Meinst du wirklich, ich finde das gut?“, fragte er.

Sie sah ihn an und nickte. „Du machst so den Eindruck.“ „Unsinn!“, rief er. „Du drehst alles so hin, wie es dir am besten passt. Ich bin grundsätzlich gegen Gewalt und militärische Interventionen.
Aber ich kann nicht übersehen, dass auch an anderen Grenzen fortwährend scharf geschossen wird. Auch der Westen versucht seine Einflusssphären mit allen Mitteln zu erhalten.

Hat es nicht allein in den letzten zwei Jahrzehnten im westlichen Einflussbereich an allen möglichen Orten regelrechte Blutbäder gegeben? Abgesehen vom Koreakrieg und den Kriegen in Indochina, zum Beispiel in Algerien, Angola, Katanga, Nigeria, Palästina, Pakistan, Kurdistan, Nordirland, und wer weiß wo noch.

Wenn man einmal genauer hinschaut, handelt es sich dabei zumeist um Befreiungsversuche unterdrückter Völker. Selbstverständlich unterstützen das die sozialistischen Staaten.“ „Das sagst du“, entgegnete sie. „Wie kommt es dann eigentlich, dass so viele aus diesen angeblich so menschenfreundlichen Staaten in den Westen flüchten? „Ganz einfach“, erwiderte er. „Wenn man hier dem Mann auf der Straße erzählte, es gäbe ein Land, wo ihm die gebratenen Tauben ins Maul fliegen, würde er sich sofort auf die Socken machen, um da hinzugehen. Und er würde die Unzulänglichkeiten eines politischen Systems dabei in Kauf nehmen, ganz gleich, ob dieses Land im Westen oder im Osten liegt.“ „Wenn es den Menschen hier im Westen besser geht“, meinte Marianne, „dann ist das für mich ein Beweis dafür, dass unsere Gesellschaftsordnung und unser Wirtschaftssystem besser sind.

Das ist doch eindeutig.“ „Eben nicht“, widersprach er. „Zum Beispiel lässt sich das Akkumulationsprinzip, also die Anreicherung des Kapitals, einer der tragenden Pfeiler des Kapitalismus, nicht bis in alle Ewigkeit fortführen. Man kann schließlich keine Autos, Fernseher und Kühlschränke herstellen, die nur noch ein halbes Jahr halten, bloß damit die Arbeiter bei uns Arbeit haben und die Aktionäre weiter ihre Tantiemen kriegen. Es wird also über kurz oder lang erheblich mehr Arbeitslose und schwerwiegende Wirtschaftskrisen geben, denn irgendwann macht sich dieser Turbokapitalismus selbst kaputt.“ „Sozialismus, Kapitalismus“, seufzte Marianne, „wenn ich das schon höre!“ Er versuchte ihr das, was er dachte, deutlich zu machen. Der Unternehmer kaufe sich Arbeitskräfte, denen er weniger zahlte, als er für die in Waren umgesetzte geleistete Arbeit erhalte. Die Differenz stecke er als so genannten Mehrwert für sich und sein Management ein, beziehungsweise investiere einen Teil in das Unternehmen. Je mehr der Unternehmer verdiene, desto mehr investiere er, wozu ihn schon die Konkurrenz und das Profitdenken zwängen. Die Arbeiter erhielten gerade so viel Lohn, wie sie für die Reproduktion ihrer Arbeitskraft bräuchten und für den durch Werbung angeheizten Konsum von Waren. Sie würden dazu gebracht, immer mehr Güter zu konsumieren, damit die fortwährend steigende Produktion abgesetzt werden könne.

Es entstehe ein Kreislauf, in dem viele von wenigen ausgebeutet würden, ein Kreislauf der Idiotie, in dem sich alles um Konsum und Profit drehe, angetrieben durch Egoismus und Habgier.
Und die Nutznießer dieses Systems wachten streng darüber, dass sich nichts zu ihrem Nachteil verändere, dass sie ihre Pfründen behielten, dass die dämlichen Arbeitstiere das Maul hielten und ihren Fernseher hätten.

Marianne sagte nichts dazu.
Um die gesellschaftliche Wirklichkeit menschlich gestalten zu können, fuhr er fort, müsse zunächst einmal die Theorie entwickelt werden, die es dann in die Praxis umzusetzen gelte, und zwar gegen den Widerstand von Interessengruppen und Profi- teuren. Im sozialistischen Staat gehörten die Produktionsmittel der Allgemeinheit. Es werde nur so viel produziert, wie man tatsächlich brauche.

„Ja, ja, die Verwalter des Mangels“, warf Marianne eher gelangweilt und mit einem, wie ihm schien, hämischen Unterton ein.
„Das ist schließlich bekannt.“ Sie goss sich noch eine Tasse Kaffee ein und öffnete einen Becher Früchtejoghurt.

Doch er ließ sich nicht beirren, sondern setzte seinen Gedankengang fort: Der Marxismus-Leninismus gehe von dem Grundsatz aus: „Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Leistungen.“ Für einen modernen wissenschaftlichen Sozialismus, wie er vereinzelt an der Berliner oder an der Frankfurter Universität gelehrt werde, müsse jedoch der alte kommunistische Grundsatz gelten: „Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen.“ Das setze allerdings eine freie, emanzipierte Gesellschaft voraus, Individuen, die über ein hohes Maß an Selbstdisziplin und Gemeinschaftssinn verfügen. So gesehen, stelle der Sozialismus keine Utopie dar, sondern eine erstrebenswerte Form des menschlichen Zusammenlebens. Die sozialistische Theorie schaffe Bewusstsein und eröffne die Möglichkeit, die Welt zu verändern; nicht die Menschen von der Geschichte überrollen zu lassen, sondern Geschichte durch die Menschen zu machen, von der Tierheit den Schritt zum Menschsein zu schaffen.

Dass aber bis dahin noch ein weiter Weg zurückzulegen sei, sehe man beispielsweise an der aggressiven Wirtschaftspolitik der westlichen Großmächte gegenüber den Ländern der so genannten Dritten Welt.

Er hatte sich in eine Art Begeisterung hineingeredet, aber Marianne hörte ihm kaum noch zu. In Gedanken schien sie inzwischen ganz woanders zu sein. Ernüchtert trank er seinen Kaffee aus. Während sie gemeinsam den Abendbrottisch abräumten, überlegte er, dass es sinnlos war, sie mit Worten überzeugen zu wollen. Wenn jemand nicht irgendwann von allein merkte, worum es ging, war ihm nicht zu helfen.

Seine Mutter rief an. Seit sie sich Telefon zugelegt hatten, rief sie mit penetranter Regelmäßigkeit alle vierzehn Tage an, erzählte ihre Neuigkeiten, erkundigte sich, wie es ihnen ging und wie weit er denn nun mit seiner Doktorarbeit sei. Das regte ihn zwar auf; aber konnte man ihr deswegen böse sein? Sie wusste es einfach nicht besser. Beim Kaufmann und bei den Nachbarn erzählte sie: „Mein Sohn macht seinen Doktor.“ Das war ihre Art der Selbstbestätigung. Aber sie hätte das niemals zugegeben. Wenn er sie deswegen zur Rede stellen wollte, würde sie sagen: „Was du dir da so zusammenreimst. Bilde dir doch bloß nichts ein. Du denkst wohl, du bist jetzt was Besseres, und die ganze Familie spricht nur noch von dir.“ Das war so ihre Art.

„Helgas Hochzeit ist auf den Vierzehnten nächsten Monat festgesetzt“, sagte sie. „Ihr kommt doch?“ Helga heiratete einen Kollegen aus dem Friseursalon, in dem sie arbeitete. Manfred hieß er.

„Wir kommen“, antwortete er, obwohl er wenig Lust dazu hatte.
Es würden wieder zwei dieser unerfreulichen Tage werden, an denen man sich über das Wetter unterhält und über das Essen und sich ansonsten zusammenreißen muss, um nicht aus der Haut zu fahren. Aber immerhin war Helga seine Schwester. Sie würden es ihm nie verzeihen, wenn er nicht hinführe.

„Schön, dass wir uns mal alle wiedersehen“, sagte seine Mutter.
„Wo du doch schon fast ein Jahr nicht mehr zu Hause gewesen bist.“ War das schon wieder so lange her? Ein Jahr. Und eineinhalb Jahre, seit er mit Marianne in Salstädt war, drei Tage lang, und seine Mutter Marianne hinterher sehr nett gefunden hatte und sehr lieb, obwohl sie sich alle nichts zu sagen gehabt hatten.

„Übrigens lässt dich der Franz Kruse schön grüßen“, hörte er die Stimme seiner Mutter. „Und Frau Kruse auch. Und der Boni Funke, den hab ich neulich in der Stadt getroffen. Der sieht schon ganz aufgedunsen aus vom vielen Biertrinken.“ Sie erzählte, dass die Nachbarstochter ein uneheliches Kind bekommen habe und was für eine schreckliche Belastung das für die Eltern sei. Sie erzählte, dass die Firma Mönkeberg dabei sei, ein ganzes Stadtviertel neu zu bauen. Und sie erzählte, dass Karin Möller geheiratet hatte.

„Karin Möller, die kennst du doch noch? Mit der du mal zusammen warst, die Tochter von Doktor Möller.“ „Sicher kenne ich die noch.“ „Ja, stell dir vor, die hat ihren Chef geheiratet.“ „Na und“, wehrte er ab.
„Aschbrenner heißt sie jetzt“, sagte seine Mutter. „Und zwanzig Jahre älter ist er.“ „Na, Hauptsache, der hat Geld“, erwiderte er.

„Die hatten ja schon lange was miteinander“, sagte seine Mutter.
„Schon bevor der Aschbrenner geschieden war. Aber Geld hat der, Geld wie Heu. Und einen Mercedes 300 fährt der.“ „Grüß Helga und Tobias schön“, sagte er. „Bis zum Vierzehnten dann.“ „Wir telefonieren ja zwischendurch noch mal miteinander“, meinte sie. „Dann können wir ja alles Weitere besprechen, mit der Kleidung und so. Ich glaube, Tobias und Manfred wollen im Smoking gehen.“ „Ich komme im dunklen Anzug“, sagte er. „Was anderes habe ich nicht.“ Und er konnte sich nicht enthalten hinzuzufügen: „Außerdem ist ein Smoking ein Abendanzug.“ Sie stutzte einen Moment. „Aber die kirchliche Trauung findet doch am Vormittag statt.“ „Eben“, sagte er. „Vielleicht sollten sich Tobias und Manfred einen Frack oder wenigstens einen Cut zulegen.“ In demselben Moment, in dem er das sagte, schämte er sich und füge rasch hinzu: „Sie werden schon wissen, was sie anziehen.“ Doch sie hatte seine Ironie gar nicht bemerkt. „Na gut“, meinte sie. „Du kannst ja noch mal mit Helga und Manfred telefonieren.“ „Okay“, sagte er.

„Auf Widersehen, schönen Gruß an Marianne.“ Er zündete sich eine Zigarette an und dachte an Karin Möller.

Lesen Sie in der kommenden Ausgabe die Fortsetzung von Wolfgang Bittners Roman und des Kapitels „Promotion und Ehealltag“ .
(CH)


© 2008 Horlemann
Alle Rechte vorbehalten
Überarbeitete Neuausgabe – Erstveröffentlichung 1978
Büchergilde Gutenberg, Satz und Umschlaggestaltung Verlag.
Bitte fordern Sie das Verlagsverzeichnis an, unter:
Horlemann Verlag, Postfach 1307, 53583 Bad Honnef,
Telefax 02224 5429, E-Mail: info (at) horlemann-verlag.de
www.horlemann.info


 
Wolfgang Bittner Foto: Andreas Neumann arbeiterfotografie
Foto: Andreas Neumann              
Wolfgang Bittner, Jahrgang 1941, lebt als freier Schriftsteller in Köln. Der promovierte Jurist schreibt für Erwachsene, Jugendliche und Kinder. Er erhielt mehrere Literaturpreise, ist Mitglied im PEN und Mitarbeiter bei Zeitungen, Zeitschriften, Rundfunk und Fernsehen. Er hat mehr als 50 Bücher veröffentlicht, u.a. die Romane „Der Aufsteiger oder Ein Versuch zu leben“, „Niemandsland“ und „Flucht nach Kanada “, den Erzählband „Das andere Leben“ sowie das Sachbuch „Beruf: Schriftsteller“.



Online-Flyer Nr. 175  vom 03.12.2008

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