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Kultur und Wissen
1848/49 – ein starkes Paar in Zeiten der Revolution – Teil II
Gottfried und Johanna Kinkel
Von Klaus Schmidt
Lesen Sie in diesem Zusammenhang auch den ersten Teil des Artikels in der vorangegangenen Ausgabe der NRhZ!
Gottfried Kinkel wurde während des demokratischen Befreiungskampfes in Baden verwundet und gefangen genommen. Einem der prominentesten 1848er droht nun die Todesstrafe. CH
„Wer kann hier“, schreibt melodramatisch die „Rhein- und Moselzeitung“, „fern dem neuen Golgatha in der Pfalz und den schönen Oberlanden, wo weithin Leichengeruch aufsteigt als der Opferduft, nach dem die Throne des Absolutismus duften – wer kann hier wissen: Lebt Kinkel? Wird er leben? Oder hat ihn in dämmernder Morgenstunde eine fühllose Ordonnanz von seinem unruhigen Lager aufgescheucht, um den gefangenen Mann seinem Schicksal entgegen zu führen?“
Geistliche versuchen, ihn im Gefängnis in Karlsruhe mit Bibelsprüchen reumütig zu stimmen. Einen zuvor mit ihm befreundeten Pfarrer will der Gefangene am liebsten vor die Tür setzen. „Geistliche, deren Bildungsstufe so ziemlich mit den Dominikanern des Mittelalters übereinstimmt, haben Zutritt zu ihm und bearbeiten ihn mit Bekehrungsversuchen“, schreibt Johanna Kinkel. „Mir ward eine Unterredung mit ihm hartnäckig verweigert und endlich erst auf Kinkels wiederholte Bitten in Gegenwart eines Offiziers gestattet. Die fromme Clique hatte mich als Anstifterin zur Rebellion denunziert.“

Bettine von Arnim
Ausschnitt nach Ludwig Emil Grimm
Deutsche Fotothek
In Berlin versucht die mit Johanna Kinkel befreundete Schriftstellerin Bettine von Arnim den ihr wohlwollend zugeneigten König gnädig zu stimmen: „Könnte ich sämtliche Evangelien und Episteln des Neuen Testaments zusammenschmelzen zur wahren Feuertaufe der Begnadigung Eurer Majestät für alle Bedürftigen, dann hätte ich die Überzeugung, auf die christliche Gesinnung in Eurer Majestät in rechter Weise gewirkt zu haben.“ Sodann wagt sie, mit den Beratern und Einflüsterern des Königs hart ins Gericht zu gehen: „Die den Tod eines Menschen durch Zeitungsartikel herbeihetzen, diese haben keine Liebe, weder zum König, noch als Gatten, noch als Eltern, da sie es als nichts achten, ein Familienhaupt durch ihre übermütigen Einwendungen zum Schafott zu drängen! Die da nachweisen, dass er Christus verlassen habe, während er im Kerker den dritten Teil der christlichen Kunstgeschichte vollendet.“
Der König verlangt, Kinkel solle erklären, dass er seine Amtspflichten und Untertanentreue verletzt habe und nach göttlichen und menschlichen Gesetzen den Tod verdiene; dass er nun alles aufrichtig bereue und um sein Leben bitte. Bettine von Arnim weigert sich empört, Kinkel diese inquisitorischen Bedingungen mitzuteilen.
Zum Schlimmsten kommt es nicht. Der in ganz Deutschland populäre Poet und ehemalige rheinpreußische Professor wird nicht zum Tode verurteilt, sondern zum Entsetzen vieler zu lebenslanger ehrloser Haft in das inmitten einer Garnison gelegene Zuchthaus Spandau verbracht.

Die Zitadelle Spandau heute | Foto: Robert Steffens
Fluchthelfer Johanna Kinkel und Carl Schurz
Johanna Kinkel erhält keine Besuchserlaubnis. „Sokrates wurde frei von seinen Schülern und Freunden im Kerker besucht“, schreibt der Gefangene ihr, „und diesem Umstande verdanken wir zwei der herrlichsten Platonischen Gespräche, den Kriton und Phädon. Johannes der Täufer war im Kerker in stetem Verkehr mit seinen Schülern, und von Christi Kreuz trieb kein Kriegsknecht die Mutter weg.“ Die jetzige Verweigerung sei dagegen „historisch neu“: „Gefangene besuchen zählt die Kirche unter die Werke der Barmherzigkeit, der christliche Staat verbietet es in seiner Hausordnung. – Sieh, Liebe, das ist mein Trost, dass an meinem Beispiel der Welt einmal kund wird, welcher Art unsere Gesetze sind, und das System, aus dem sie fließen.“ [1]
Auf die Initiative von Johanna Kinkel wird ihr Mann durch den gemeinsamen Freund Carl Schurz auf abenteuerliche Weise aus militärisch bewachter Haft in Spandau befreit. Alle drei flüchten nach England (Schurz bald darauf in die USA). Gottfried Kinkel informiert in Vorträgen über die politische Lage in Deutschland, Johann schreibt den Emigrantenroman „Has Ibeles in London“ (Stuttgart 1860, Frankfurt 1991).
Gottfried und Johanna Kinkel 1855 im
Londoner Exil | Quelle: Bundesarchiv
Vor 150 Jahren stirbt sie, seelisch erschöpft und gesundheitlich angeschlagen. Ferdinand Freiligrath, der „Trompeter der Revolution“, [2] schreibt zu ihrer Beerdigung ein langes Gedicht, in dem es heißt:
Wir senken in die Gruft dich ein,
Wie einen Kampfgenossen;
Du liegst auf diesem fremden Rain
Wie jäh vom Feind erschossen;
Ein Schlachtfeld auch ist das Exil – Auf dem bist du gefallen,
Im festen Aug’ das eine Ziel,
Das eine mit uns allen.
Der Internationalist
1870 ist die Erziehung des deutschen Volkes im nationalen Geist so weit gediehen, dass Kriege als „vaterländische Pflicht“ proklamiert werden können.[3] Der Reichskanzler und überzeugte Protestant Otto von Bismarck nutzt den machtpolitischen Ehrgeiz Napoleons III., um Frankreich in einen solchen Krieg zu treiben. [4]
Der deutsch-französische Krieg von 1870/71 verursacht in der Folgezeit Tausende von Toten auf beiden Seiten. Massengräber werden ausgehoben, Freund und Feind hineingeschichtet. Die deutschen Regimentskapellen spielen „Jesus meine Zuversicht“. Neben dem französischen Heer bekämpfen auch Partisanen die deutschen Truppen. In einem Ort vor Sedan kommt es zum Häuserkampf und einem Massaker an der Zivilbevölkerung. Zwei Monate nach Kriegsbeginn, kapitulieren die dort eingeschlossenen Reste der französischen Armee. Zwei Tage später ruft die Bevölkerung von Paris die Republik aus und strebt nach einem Frieden ohne Gebietsverluste.
Doch preußische Militärs und Industrielle an Rhein, Ruhr und Saar starren samt der Mehrheit der Deutschen auf die Kohle- und Eisenvorkommen im Elsass und in Lothringen. Das Selbstbestimmungsrecht der Bevölkerung interessiert sie nicht. Stammtischstrategen fordern die Abtretung weiter Teile Ostfrankreichs und die Eroberung von Paris. Nur die Sozialdemokraten warnen vor zukünftigen Eskalationen, lehnen Eroberungen ab – und werden verhaftet. „Deutschland“ hört nicht auf zu siegen. Paris wird ausgehungert und erobert, Elsass-Lothringen „deutsches Reichsland“.
Ganz Deutschland jubelt. Selbst Ferdinand Freiligrath, der ehemalige „Trompeter der Revolution“ von 1848, schmiedet nun entsprechende patriotische Verse:
Nur selten wird dem deutschen Eroberungssieg über Frankreich widersprochen. Im März 1872 löst der jetzt in der Schweiz lehrende Professor der Kunstgeschichte Gottfried Kinkel mit der Bemerkung, bei einem etwaigen deutschen Angriff auf die Schweiz würde er in den Reihen der Schweizer mitkämpfen, selbst unter demokratischen deutschen Emigranten eine Welle der Empörung aus. Schärfer noch als Kinkel äußert sich Georg Herwegh. Ironisch knüpft der revolutionäre Dichter an Freiligraths Versen an:

Lesen Sie in den kommenden Ausgaben der NRhZ weitere Artikel von Klaus Schmidt über die Vorkämpfer der Demokratie von 1848. (CH)
Literatur: Klaus Schmidt, „Gerechtigkeit – das Brot des Volkes“ Johanna und Gottfried Kinkel. Eine Biographie, Stuttgart 1996 Radius Verlag,
Klaus Schmidt, „Glaube, Macht und Freiheitskämpfe. 500 Jahre Protestanten im Rheinland“, 2. Aufl., Köln 2007, S. 127-153. Greven Verlag Köln
Online-Flyer Nr. 178 vom 24.12.2008
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Kultur und Wissen
1848/49 – ein starkes Paar in Zeiten der Revolution – Teil II
Gottfried und Johanna Kinkel
Von Klaus Schmidt
Lesen Sie in diesem Zusammenhang auch den ersten Teil des Artikels in der vorangegangenen Ausgabe der NRhZ!
Gottfried Kinkel wurde während des demokratischen Befreiungskampfes in Baden verwundet und gefangen genommen. Einem der prominentesten 1848er droht nun die Todesstrafe. CH
„Wer kann hier“, schreibt melodramatisch die „Rhein- und Moselzeitung“, „fern dem neuen Golgatha in der Pfalz und den schönen Oberlanden, wo weithin Leichengeruch aufsteigt als der Opferduft, nach dem die Throne des Absolutismus duften – wer kann hier wissen: Lebt Kinkel? Wird er leben? Oder hat ihn in dämmernder Morgenstunde eine fühllose Ordonnanz von seinem unruhigen Lager aufgescheucht, um den gefangenen Mann seinem Schicksal entgegen zu führen?“
Geistliche versuchen, ihn im Gefängnis in Karlsruhe mit Bibelsprüchen reumütig zu stimmen. Einen zuvor mit ihm befreundeten Pfarrer will der Gefangene am liebsten vor die Tür setzen. „Geistliche, deren Bildungsstufe so ziemlich mit den Dominikanern des Mittelalters übereinstimmt, haben Zutritt zu ihm und bearbeiten ihn mit Bekehrungsversuchen“, schreibt Johanna Kinkel. „Mir ward eine Unterredung mit ihm hartnäckig verweigert und endlich erst auf Kinkels wiederholte Bitten in Gegenwart eines Offiziers gestattet. Die fromme Clique hatte mich als Anstifterin zur Rebellion denunziert.“

Bettine von Arnim
Ausschnitt nach Ludwig Emil Grimm
Deutsche Fotothek
Der König verlangt, Kinkel solle erklären, dass er seine Amtspflichten und Untertanentreue verletzt habe und nach göttlichen und menschlichen Gesetzen den Tod verdiene; dass er nun alles aufrichtig bereue und um sein Leben bitte. Bettine von Arnim weigert sich empört, Kinkel diese inquisitorischen Bedingungen mitzuteilen.
Zum Schlimmsten kommt es nicht. Der in ganz Deutschland populäre Poet und ehemalige rheinpreußische Professor wird nicht zum Tode verurteilt, sondern zum Entsetzen vieler zu lebenslanger ehrloser Haft in das inmitten einer Garnison gelegene Zuchthaus Spandau verbracht.

Die Zitadelle Spandau heute | Foto: Robert Steffens
Fluchthelfer Johanna Kinkel und Carl Schurz
Johanna Kinkel erhält keine Besuchserlaubnis. „Sokrates wurde frei von seinen Schülern und Freunden im Kerker besucht“, schreibt der Gefangene ihr, „und diesem Umstande verdanken wir zwei der herrlichsten Platonischen Gespräche, den Kriton und Phädon. Johannes der Täufer war im Kerker in stetem Verkehr mit seinen Schülern, und von Christi Kreuz trieb kein Kriegsknecht die Mutter weg.“ Die jetzige Verweigerung sei dagegen „historisch neu“: „Gefangene besuchen zählt die Kirche unter die Werke der Barmherzigkeit, der christliche Staat verbietet es in seiner Hausordnung. – Sieh, Liebe, das ist mein Trost, dass an meinem Beispiel der Welt einmal kund wird, welcher Art unsere Gesetze sind, und das System, aus dem sie fließen.“ [1]
Auf die Initiative von Johanna Kinkel wird ihr Mann durch den gemeinsamen Freund Carl Schurz auf abenteuerliche Weise aus militärisch bewachter Haft in Spandau befreit. Alle drei flüchten nach England (Schurz bald darauf in die USA). Gottfried Kinkel informiert in Vorträgen über die politische Lage in Deutschland, Johann schreibt den Emigrantenroman „Has Ibeles in London“ (Stuttgart 1860, Frankfurt 1991).

Gottfried und Johanna Kinkel 1855 im
Londoner Exil | Quelle: Bundesarchiv
Wir senken in die Gruft dich ein,
Wie einen Kampfgenossen;
Du liegst auf diesem fremden Rain
Wie jäh vom Feind erschossen;
Ein Schlachtfeld auch ist das Exil – Auf dem bist du gefallen,
Im festen Aug’ das eine Ziel,
Das eine mit uns allen.
Der Internationalist
1870 ist die Erziehung des deutschen Volkes im nationalen Geist so weit gediehen, dass Kriege als „vaterländische Pflicht“ proklamiert werden können.[3] Der Reichskanzler und überzeugte Protestant Otto von Bismarck nutzt den machtpolitischen Ehrgeiz Napoleons III., um Frankreich in einen solchen Krieg zu treiben. [4]
Der deutsch-französische Krieg von 1870/71 verursacht in der Folgezeit Tausende von Toten auf beiden Seiten. Massengräber werden ausgehoben, Freund und Feind hineingeschichtet. Die deutschen Regimentskapellen spielen „Jesus meine Zuversicht“. Neben dem französischen Heer bekämpfen auch Partisanen die deutschen Truppen. In einem Ort vor Sedan kommt es zum Häuserkampf und einem Massaker an der Zivilbevölkerung. Zwei Monate nach Kriegsbeginn, kapitulieren die dort eingeschlossenen Reste der französischen Armee. Zwei Tage später ruft die Bevölkerung von Paris die Republik aus und strebt nach einem Frieden ohne Gebietsverluste.
Doch preußische Militärs und Industrielle an Rhein, Ruhr und Saar starren samt der Mehrheit der Deutschen auf die Kohle- und Eisenvorkommen im Elsass und in Lothringen. Das Selbstbestimmungsrecht der Bevölkerung interessiert sie nicht. Stammtischstrategen fordern die Abtretung weiter Teile Ostfrankreichs und die Eroberung von Paris. Nur die Sozialdemokraten warnen vor zukünftigen Eskalationen, lehnen Eroberungen ab – und werden verhaftet. „Deutschland“ hört nicht auf zu siegen. Paris wird ausgehungert und erobert, Elsass-Lothringen „deutsches Reichsland“.
Ganz Deutschland jubelt. Selbst Ferdinand Freiligrath, der ehemalige „Trompeter der Revolution“ von 1848, schmiedet nun entsprechende patriotische Verse:
Nur selten wird dem deutschen Eroberungssieg über Frankreich widersprochen. Im März 1872 löst der jetzt in der Schweiz lehrende Professor der Kunstgeschichte Gottfried Kinkel mit der Bemerkung, bei einem etwaigen deutschen Angriff auf die Schweiz würde er in den Reihen der Schweizer mitkämpfen, selbst unter demokratischen deutschen Emigranten eine Welle der Empörung aus. Schärfer noch als Kinkel äußert sich Georg Herwegh. Ironisch knüpft der revolutionäre Dichter an Freiligraths Versen an:

Lesen Sie in den kommenden Ausgaben der NRhZ weitere Artikel von Klaus Schmidt über die Vorkämpfer der Demokratie von 1848. (CH)
Literatur: Klaus Schmidt, „Gerechtigkeit – das Brot des Volkes“ Johanna und Gottfried Kinkel. Eine Biographie, Stuttgart 1996 Radius Verlag,
Klaus Schmidt, „Glaube, Macht und Freiheitskämpfe. 500 Jahre Protestanten im Rheinland“, 2. Aufl., Köln 2007, S. 127-153. Greven Verlag Köln
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