NRhZ-Online - Neue Rheinische Zeitung - Logo
SUCHE
Suchergebnis anzeigen!
RESSORTS
SERVICE
Unabhängige Nachrichten, Berichte & Meinungen
Aktueller Online-Flyer vom 09. Juni 2026  

zurück  
Druckversion

Kultur und Wissen
1848/49 – ein starkes Paar in Zeiten der Revolution – Teil II
Gottfried und Johanna Kinkel
Von Klaus Schmidt

Vielen Zeitgenossen sind die revolutionären Ereignisse vor 160 Jahren nicht präsent, einigen fallen Schlagwörter ein: „Hambacher Fest“, Paulskirche, Badische Revolution, die mit dem hier und jetzt nur wenig zu tun haben. Doch Deutschland hat eine revolutionäre Vergangenheit, auch wenn der Geschichtsschreibung der BRD nur wenig daran gelegen war, eine revolutionäre Kultur zu etablieren. Der Historiker und Theologe Klaus Schmidt beschreibt die Revolutionsjahre um 1848 in Köln und im Rheinland – in dieser Folge die Bonner Gottfried und Johanna Kinkel. Die Redaktion.

Lesen Sie in diesem Zusammenhang auch den ersten Teil des Artikels in der vorangegangenen Ausgabe der NRhZ!
Gottfried Kinkel wurde während des demokratischen Befreiungskampfes in Baden verwundet und gefangen genommen. Einem der prominentesten 1848er droht nun die Todesstrafe. CH


„Wer kann hier“, schreibt melodramatisch die „Rhein- und Moselzeitung“, „fern dem neuen Golgatha in der Pfalz und den schönen Oberlanden, wo weithin Leichengeruch aufsteigt als der Opferduft, nach dem die Throne des Absolutismus duften – wer kann hier wissen: Lebt Kinkel? Wird er leben? Oder hat ihn in dämmernder Morgenstunde eine fühllose Ordonnanz von seinem unruhigen Lager aufgescheucht, um den gefangenen Mann seinem Schicksal entgegen zu führen?“

Geistliche versuchen, ihn im Gefängnis in Karlsruhe mit Bibelsprüchen reumütig zu stimmen. Einen zuvor mit ihm befreundeten Pfarrer will der Gefangene am liebsten vor die Tür setzen. „Geistliche, deren Bildungsstufe so ziemlich mit den Dominikanern des Mittelalters übereinstimmt, haben Zutritt zu ihm und bearbeiten ihn mit Bekehrungsversuchen“, schreibt Johanna Kinkel. „Mir ward eine Unterredung mit ihm hartnäckig verweigert und endlich erst auf Kinkels wiederholte Bitten in Gegenwart eines Offiziers gestattet. Die fromme Clique hatte mich als Anstifterin zur Rebellion denunziert.“

Bettine von Arnim Ausschnitt nach Ludwig Emil Grimm Deutsche Fotothek
Bettine von Arnim
Ausschnitt nach Ludwig Emil Grimm
Deutsche Fotothek
In Berlin versucht die mit Johanna Kinkel befreundete Schriftstellerin Bettine von Arnim den ihr wohlwollend zugeneigten König gnädig zu stimmen: „Könnte ich sämtliche Evangelien und Episteln des Neuen Testaments zusammenschmelzen zur wahren Feuertaufe der Begnadigung Eurer Majestät für alle Bedürftigen, dann hätte ich die Überzeugung, auf die christliche Gesinnung in Eurer Majestät in rechter Weise gewirkt zu haben.“ Sodann wagt sie, mit den Beratern und Einflüsterern des Königs hart ins Gericht zu gehen: „Die den Tod eines Menschen durch Zeitungsartikel herbeihetzen, diese haben keine Liebe, weder zum König, noch als Gatten, noch als Eltern, da sie es als nichts achten, ein Familienhaupt durch ihre übermütigen Einwendungen zum Schafott zu drängen! Die da nachweisen, dass er Christus verlassen habe, während er im Kerker den dritten Teil der christlichen Kunstgeschichte vollendet.“

Der König verlangt, Kinkel solle erklären, dass er seine Amtspflichten und Untertanentreue verletzt habe und nach göttlichen und menschlichen Gesetzen den Tod verdiene; dass er nun alles aufrichtig bereue und um sein Leben bitte. Bettine von Arnim weigert sich empört, Kinkel diese inquisitorischen Bedingungen mitzuteilen.

Zum Schlimmsten kommt es nicht. Der in ganz Deutschland populäre Poet und ehemalige rheinpreußische Professor wird nicht zum Tode verurteilt, sondern zum Entsetzen vieler zu lebenslanger ehrloser Haft in das inmitten einer Garnison gelegene Zuchthaus Spandau verbracht.

Zitadelle Spandau Torhaus Foto: Robert Steffens
Die Zitadelle Spandau heute | Foto: Robert Steffens

Fluchthelfer Johanna Kinkel und Carl Schurz

Johanna Kinkel erhält keine Besuchserlaubnis. „Sokrates wurde frei von seinen Schülern und Freunden im Kerker besucht“, schreibt der Gefangene ihr, „und diesem Umstande verdanken wir zwei der herrlichsten Platonischen Gespräche, den Kriton und Phädon. Johannes der Täufer war im Kerker in stetem Verkehr mit seinen Schülern, und von Christi Kreuz trieb kein Kriegsknecht die Mutter weg.“ Die jetzige Verweigerung sei dagegen „historisch neu“: „Gefangene besuchen zählt die Kirche unter die Werke der Barmherzigkeit, der christliche Staat verbietet es in seiner Hausordnung. – Sieh, Liebe, das ist mein Trost, dass an meinem Beispiel der Welt einmal kund wird, welcher Art unsere Gesetze sind, und das System, aus dem sie fließen.“ [1]

Auf die Initiative von Johanna Kinkel wird ihr Mann durch den gemeinsamen Freund Carl Schurz auf abenteuerliche Weise aus militärisch bewachter Haft in Spandau befreit. Alle drei flüchten nach England (Schurz bald darauf in die USA). Gottfried Kinkel informiert in Vorträgen über die politische Lage in Deutschland, Johann schreibt den Emigrantenroman „Has Ibeles in London“ (Stuttgart 1860, Frankfurt 1991).
Gottfried und Johanna Kinkel 1855 im Londoner Exil Bundesarchiv
Gottfried und Johanna Kinkel 1855 im        
Londoner Exil | Quelle: Bundesarchiv
Vor 150 Jahren stirbt sie, seelisch erschöpft und gesundheitlich angeschlagen. Ferdinand Freiligrath, der „Trompeter der Revolution“, [2] schreibt zu ihrer Beerdigung ein langes Gedicht, in dem es heißt:


Wir senken in die Gruft dich ein,
Wie einen Kampfgenossen;
Du liegst auf diesem fremden Rain
Wie jäh vom Feind erschossen;
Ein Schlachtfeld auch ist das Exil – Auf dem bist du gefallen,
Im festen Aug’ das eine Ziel,
Das eine mit uns allen.




Der Internationalist

1870 ist die Erziehung des deutschen Volkes im nationalen Geist so weit gediehen, dass Kriege als „vaterländische Pflicht“ proklamiert werden können.[3] Der Reichskanzler und überzeugte Protestant Otto von Bismarck nutzt den machtpolitischen Ehrgeiz Napoleons III., um Frankreich in einen solchen Krieg zu treiben. [4]


Bayrische Truppen stürmen ein Haus                 
in Bazeilles bei Sedan
Der deutsch-französische Krieg von 1870/71 verursacht in der Folgezeit Tausende von Toten auf beiden Seiten. Massengräber werden ausgehoben, Freund und Feind hineingeschichtet. Die deutschen Regimentskapellen spielen „Jesus meine Zuversicht“. Neben dem französischen Heer bekämpfen auch Partisanen die deutschen Truppen. In einem Ort vor Sedan kommt es zum Häuserkampf und einem Massaker an der Zivilbevölkerung. Zwei Monate nach Kriegsbeginn, kapitulieren die dort eingeschlossenen Reste der französischen Armee. Zwei Tage später ruft die Bevölkerung von Paris die Republik aus und strebt nach einem Frieden ohne Gebietsverluste.

Doch preußische Militärs und Industrielle an Rhein, Ruhr und Saar starren samt der Mehrheit der Deutschen auf die Kohle- und Eisenvorkommen im Elsass und in Lothringen. Das Selbstbestimmungsrecht der Bevölkerung interessiert sie nicht. Stammtischstrategen fordern die Abtretung weiter Teile Ostfrankreichs und die Eroberung von Paris. Nur die Sozialdemokraten warnen vor zukünftigen Eskalationen, lehnen Eroberungen ab – und werden verhaftet. „Deutschland“ hört nicht auf zu siegen. Paris wird ausgehungert und erobert, Elsass-Lothringen „deutsches Reichsland“. 

Ganz Deutschland jubelt. Selbst Ferdinand Freiligrath, der ehemalige „Trompeter der Revolution“ von 1848, schmiedet nun entsprechende patriotische Verse:

Ferdinand Freiligrath 1851 Gemälde: Johann Peter Hasenclever
Schwaben und Preußen Hand in Hand;
Der Nord, der Süd ein Heer!
Was ist des Deutschen Vaterland, -
Wir fragen's heut nicht mehr!
Ein Geist, ein Arm, ein einz'ger Leib,
Ein Wille sind wir heut!
Hurra, Germania, stolzes Weib!



Ferdinand Freiligrath 1851
Gemälde: Johann Peter Hasenclever

Nur selten wird dem deutschen Eroberungssieg über Frankreich widersprochen. Im März 1872 löst der jetzt in der Schweiz lehrende Professor der Kunstgeschichte Gottfried Kinkel mit der Bemerkung, bei einem etwaigen deutschen Angriff auf die Schweiz würde er in den Reihen der Schweizer mitkämpfen, selbst unter demokratischen deutschen Emigranten eine Welle der Empörung aus. Schärfer noch als Kinkel äußert sich Georg Herwegh. Ironisch knüpft der revolutionäre Dichter an Freiligraths Versen an:

Georg Herwegh Zeichnung: Conrad Hitz
Georg Herwegh
Zeichnung: Conrad Hitz             
Schwarz, weiß und rot! Um ein Panier
Vereinigt stehen Süd und Norden;
Du bist im ruhmgekrönten Morden
Das erste Land der Welt geworden:
Germania, mir graut vor dir!

Mir graut vor dir, ich glaube fast,
Daß du, in argen Wahn versunken,
Mit falscher Größe suchst zu prunken
Und daß du, gottesgnadentrunken,
Das Menschenrecht vergessen hast. 

 
 


                                                                                       
klaus schmidt „gerechtigkeit - das Brot des Volkes" radius
                                                 

Lesen Sie in den kommenden Ausgaben der NRhZ weitere Artikel von Klaus Schmidt über die Vorkämpfer der Demokratie von 1848. (CH)


Literatur: Klaus Schmidt, „Gerechtigkeit – das Brot des Volkes“ Johanna und Gottfried Kinkel. Eine Biographie, Stuttgart 1996 Radius Verlag,

Klaus Schmidt, „Glaube, Macht und Freiheitskämpfe. 500 Jahre Protestanten im Rheinland“, 2. Aufl., Köln 2007, S. 127-153. Greven Verlag Köln




Fußnoten:
[1] Unter dem Eindruck drohender und vollstreckter preußischer „Standrechts“-Urteile dichtete Heinrich Heine im Dezember 1849 im fernen Paris: „Gelegt hat sich der starke Wind, / Und wieder stille wird’s daheime, / Germania, das große Kind, / Erfreut sich wieder seiner Weihnachtsbäume. / […] Gemütlich ruhen Wald und Fluß, / Vom sanften Mondlicht übergossen; / Nur manchmal knallt’s – ist das ein Schuß? / Es ist vielleicht ein Freund, den man erschossen.“
[2] Freiligrath war neben anderen berühmten 1848ern Autor der historischen NRhZ, Anm. d. Red.
[3] Zum Gesamtzusammenhang vgl. Schmidt, „Freiheitskämpfe“, 147-153.
[4] Nachdem Napoleon III. mit seinem Plan, Luxemburg von Holland zu kaufen, am Einspruch Preußens gescheitert war, strebte er ein Bündnis mit Österreich an, das einer Revanche für die Niederlage von Königgrätz (1866) nicht abgeneigt war. Gleichzeitig drohte eine europäische Machtverschiebung zugunsten Preußens: Spanien bot einem Hohenzollern-Prinzen seinen vakanten Königsthron an. Bismarck drängte Wilhelm I. zuzustimmen, Napoleon protestierte erfolgreich, verlangte aber vom Preußenkönig darüber hinaus eine Garantie, dass solche Kandidaturen auch in Zukunft unterblieben – diesmal erfolglos. Bismarck strich die in Bad Ems zustande gekommene königliche Ablehnung derart brüskierend und provozierend zusammen („Emser Depesche“), dass Frankreich den schon vorher von beiden Seiten in Erwägung gezogenen Krieg erklärte. Daraufhin war es angesichts der antifranzösischen Ressentiments für die preußenfreundliche Presse in Deutschland ein Leichtes, Frankreich als Schuldigen hinzustellen.




Online-Flyer Nr. 178  vom 24.12.2008

Druckversion     



Startseite           nach oben

KÖLNER KLAGEMAUER


Für Frieden und Völkerverständigung
FILMCLIP
FOTOGALERIE