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Literatur
Der Fortsetzungsroman in der NRhZ – Folge 40
Der Aufsteiger oder Ein Versuch zu leben
Von Wolfgang Bittner

Der Protagonist Erich Wegner arbeitet nach Abschluss der Schule im Tiefbau, aber in ihm reift allmählich der Entschluss, seine Situation zu verändern. Er holt das Abitur nach, beginnt Jura zu studieren und absolviert erfolgreich eine akademische Laufbahn. Eine verheißungsvolle Zukunft scheint vor ihm zu liegen, doch seine Hoffnungen und Erwartungen erfüllen sich nicht; sie werden durchkreuzt von seinen Vorstellungen von einem humanen und selbstbestimmten Leben in einer sozialen Gesellschaft. Er überlegt, fortzugehen, neu anzufangen. Es bleibt die Frage, ob Wegner jemals eine echte Chance hatte.

der aufsteiger wolfgang bittner horlemann-verlag cover
                                                   
Außer bequem als Buch im Horlemann-Verlag können Sie exklusiv in der NRhZ die überarbeitete Neuausgabe von Wolfgang Bittners 1978 erstmals erschienenen Roman „Der Aufsteiger oder Ein Versuch zu leben“ lesen – eine Rezension des Werks finden sie in der NRhZ 139: „Ein Roman über einen ‚Helden’ von unten, aus der Sicht von unten und deshalb wichtig für alle – und sogar mit nicht allzu viel Fantasie lässt sich auch der Roman auf heutige Verhältnisse übertragen.“, schreibt Rezensent und Buchhändler Uli Klinger über „Der Aufsteiger“.



14) Als Vertreter der Staatsgewalt (Fortsetzung)

Fast schien es so, als wolle er es sich mit dem Angeklagten nicht verderben.
Man erlebte nur Überraschungen. Wie hatte kürzlich ein älterer Anwalt gesagt? „Auf hoher See und vor Gericht liegt unser Schicksal in Gottes Hand.“ Auf hoher See, im Schützengraben, im Staatsexamen, vor Gericht ... Der Fahrer hatte die ganze Zeit warten müssen, das war so üblich.

Er saß im Wagen und las die Bildzeitung. Auch das noch.
Manchmal kam alles zusammen. Hätte es nicht wenigstens der „Stern“ oder ein Buch sein können? Er fühlte sich müde und ausgebrannt.
Bloß schnell nach Hause, dachte er, Abstand gewinnen von diesem Affentheater. Den Kleinen macht man den Prozess, die Großen, die Millionen veruntreuen, lässt man laufen; womöglich bekommen die noch einen Orden.

Sie fuhren durch helle Buchenwälder, Bauernland und kleine Dörfer mit hübschen Fachwerkhäusern. Eigentlich ist Deutschland schön, dachte er. Aber der Fall mit der Körperverletzung ging ihm nicht aus dem Kopf. Ob er vorschlagen sollte, in die Berufung zu gehen? „Haben Sie gelesen?“, unterbrach der Fahrer seinen Gedankengang.

„Der Nixon will jetzt endgültig Frieden machen in Vietnam.“ Mit einer Kopfbewegung deutete er auf die Bildzeitung auf dem Rücksitz.
Nixon, auch so ein Operettengangster. Er las den Artikel mit der Überschrift „Frieden in Vietnam?“.
„Aber dann machen die Kommunisten sowieso woanders weiter, zuerst wahrscheinlich in Indonesien“, sagte der Fahrer. Bild- Berichterstattung. Jetzt wurde der Kommentar kommentiert.

„Und wäre das so schlimm?“, fragte er. „Wenn die armen Schweine dann endlich ihr eigenes Land statt das von Großgrundbesitzern beackern könnten? Wenn sie ihren Reis selber essen und verwerten könnten, anstatt ihn als Landpacht abgeben zu müssen? Haben Sie schon mal ein Volk gesehen, das dreißig Jahre lang bis aufs Messer kämpft, nur weil irgendwelche Drahtzieher, so genannte böse Sozialisten oder Kommunisten, das angeblich so wollen?“

Der Fahrer guckte ihn erstaunt an. Aus Überraschung fuhr er einen Schlenker. „Hm“, brummte er. „So hab ich das noch gar nicht gesehen.“ Aber man konnte ihm deutlich anmerken, dass er das nur aus einem Gefühl der Unterordnung heraus sagte. Seine Meinung stand fest, die ließ sich nicht so leicht ändern. Hatte es Zweck, sich mit ihm über Sozialismus und Kapitalismus zu unterhalten? Oder über diesen primitiven Antikommunismus, den man tagtäglich in den Massenmedien las und hörte? Der so dumm war, dass er eine geistige Auseinandersetzung nicht nur nicht lohnte, sondern sogar verhinderte. Den schon Thomas Mann als die Grundtorheit des zwanzigsten Jahrhunderts bezeichnet hatte.


Welcher Beamte sagte denn schon noch offen seine Meinung? Es gab jetzt einen Radikalenerlass der Regierung. Die Restauration marschierte, und wer sich dagegenstellte, wurde diffamiert und diskriminiert. War es da ein Wunder, dass die ersten Radikalen kriminell wurden? Wer fragte denn nach den Ursachen? Wer fragte denn nach den Gründen? Aber so etwas durfte man ja schon gar nicht mehr laut sagen, wollte man sich nicht eine Hausdurchsuchung oder Festnahme einhandeln. Hätte ein anderer als Heinrich Böll den Baader-Meinhof-Artikel im „Spiegel“ geschrieben, er wäre sicherlich erst einmal ein bisschen in Untersuchungshaft genommen worden. In einigen Medien wurde Böll bereits als „Sympathisant“ und „Wegbereiter des Terrorismus“ bezeichnet.

Und die Hysterie nahm zu, auch der Antikommunismus. Mitglieder der Kommunistischen Partei oder sozialistischer Hochschulgruppen mussten sich bei Bewerbungen für den öffentlichen Dienst langwierigen Anhörungsverfahren unterziehen; sie hatten kaum noch eine Chance, als Lehrer, Betriebswirte, Pastoren, ja selbst als Postboten, Friedhofsgärtner oder Lokomotivführer eingestellt zu werden. Als Juristen schon gar nicht. Obwohl diese Hochschulgruppen nicht verboten waren und obwohl die DKP eine zugelassene Partei war, deren Mitglieder teilweise in Stadträten und Landesparlamenten saßen.

Dagegen konnten auf Veteranentreffen der ehemaligen Waffen- SS ehemalige Nazigrößen ohne Hemmungen ihre faschistischen Parolen verbreiten, und die NPD durfte allen Extremistenbeschlüssen und Radikalenerlassen zum Trotz neonazistische Propaganda betreiben. Die Angehörigen dieser politischen Richtung hatten nichts zu befürchten. Sie waren in allen öffentlichen Institutionen zu finden, als Bundeswehroffiziere, Lehrer, Bankbeamte, Behördenbedienstete oder sogar beim Bundesnachrichtendienst und Verfassungsschutz.

Während der Kommentator der Nürnberger Rassengesetze, Hans Globke, Staatssekretär bei Adenauer gewesen war, hatte man 1956 die führenden Kommunisten ins Zuchthaus gebracht.
Manche hatten vor denselben Richtern gestanden, die sie vor 1945 ins KZ einliefern ließen. Kiesinger, der sich seine Sporen bei Ribbentrop und Goebbels als stellvertretender Leiter der Rundfunkabteilung im Auswärtigen Amt verdient hatte, war Bundeskanzler geworden, der Altnazi Lübke Bundespräsident. Diese Leute hatten Deutschland in den Ruin geführt. Jetzt bekleideten sie höchste Staatsämter, bestimmten die Politik und verfolgten erneut ihre Gegner.

Konnte man unter solchen Bedingungen noch als Jurist in den Staatsdienst gehen? Konnte man in einem Staat, in dem die Verfassung gebeugt wurde, in dem Angehörigen nicht verbotener Parteien oder Gruppen der Zugang zu öffentlichen Ämtern versagt wurde, noch guten Gewissens Beamter werden? War das nicht staatliche Willkür? Lief das nicht – wieder einmal – auf ein Pogrom hinaus? Wie sagte die Sozialistin Rosa Luxemburg, die 1919, zusammen mit Karl Liebknecht, von Freikorpsoffizieren ermordet wurde? „Die Freiheit ist immer Freiheit der Andersdenkenden.“

Am Straßenrand stand ein vom letzten Wahlkampf übrig gebliebenes Schild der SPD mit der Aufschrift: „Wer morgen sicher leben will, muss heute für Reformen kämpfen.“ Aber die kurze Zeit der Reformen in den Jahren nach der 68er-Revolte war schon wieder vorbei. Was neuerdings als Reformen ausgegeben wurde, waren nicht selten Rückschritte, Einschränkungen der bürgerlichen Freiheiten und sozialen Errungenschaften.


Lesen Sie in der kommenden Ausgabe  mit dem Kapitel „Ein Sommertag“ die Fortsetzung von Wolfgang Bittners Romans .
(CH)

© 2008 Horlemann
Alle Rechte vorbehalten
Überarbeitete Neuausgabe – Erstveröffentlichung 1978
Büchergilde Gutenberg, Satz und Umschlaggestaltung Verlag.
Bitte fordern Sie das Verlagsverzeichnis an, unter:
Horlemann Verlag, Postfach 1307, 53583 Bad Honnef,
Telefax 02224 5429, E-Mail: info (at) horlemann-verlag.de
www.horlemann.info


 
Wolfgang Bittner Foto: Andreas Neumann arbeiterfotografie
Foto: Andreas Neumann              
Wolfgang Bittner, Jahrgang 1941, lebt als freier Schriftsteller in Köln. Der promovierte Jurist schreibt für Erwachsene, Jugendliche und Kinder. Er erhielt mehrere Literaturpreise, ist Mitglied im PEN und Mitarbeiter bei Zeitungen, Zeitschriften, Rundfunk und Fernsehen. Er hat mehr als 50 Bücher veröffentlicht, u.a. die Romane „Der Aufsteiger oder Ein Versuch zu leben“, „Niemandsland“ und „Flucht nach Kanada “, den Erzählband „Das andere Leben“ sowie das Sachbuch „Beruf: Schriftsteller“.



Online-Flyer Nr. 179  vom 07.01.2009

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