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Literatur
Der Fortsetzungsroman in der NRhZ – Folge 41
Der Aufsteiger oder Ein Versuch zu leben
Von Wolfgang Bittner

Der Protagonist Erich Wegner arbeitet nach Abschluss der Schule im Tiefbau, aber in ihm reift allmählich der Entschluss, seine Situation zu verändern. Er holt das Abitur nach, beginnt Jura zu studieren und absolviert erfolgreich eine akademische Laufbahn. Eine verheißungsvolle Zukunft scheint vor ihm zu liegen, doch seine Hoffnungen und Erwartungen erfüllen sich nicht; sie werden durchkreuzt von seinen Vorstellungen von einem humanen und selbstbestimmten Leben in einer sozialen Gesellschaft. Er überlegt, fortzugehen, neu anzufangen. Es bleibt die Frage, ob Wegner jemals eine echte Chance hatte.

der aufsteiger wolfgang bittner horlemann-verlag cover
                                                   
Außer bequem als Buch im Horlemann-Verlag können Sie exklusiv in der NRhZ die überarbeitete Neuausgabe von Wolfgang Bittners 1978 erstmals erschienenen Roman „Der Aufsteiger oder Ein Versuch zu leben“ lesen – eine Rezension des Werks finden sie in der NRhZ 139: „Ein Roman über einen ‚Helden’ von unten, aus der Sicht von unten und deshalb wichtig für alle – und sogar mit nicht allzu viel Fantasie lässt sich auch der Roman auf heutige Verhältnisse übertragen.“, schreibt Rezensent und Buchhändler Uli Klinger über „Der Aufsteiger“.



15) Ein Sommertag

Nach einer Reihe kühler Regentage war es warm geworden. Es roch nach frischem Heu und der Himmel war fast wolkenlos.
Über den Bäumen am Waldrand flimmerte die Luft. Sie beobachteten einen Bussard, der hoch über ihnen seine Kreise zog.

Marianne gähnte. „Ob er uns wohl sieht?“, fragte sie schläfrig.
„Der hat andere Interessen“, antwortete er.
Das Gras war hüfthoch. Sie hatten eine Decke ausgebreitet und sich darauf ausgestreckt. Sonne, endlich wieder einmal Freizeit, das tat richtig gut. Nach drei Wochen Plackerei war dieser Samstag der erste freie Tag.

Marianne betrachtete auf einmal angestrengt sein linkes Bein.
„Du kriegst ja Krampfadern“, sagte sie erstaunt, „richtige Krampfadern.“ „Na und?“, brummte er.

„Ich dachte immer, die kriegen nur Frauen. Während der Schwangerschaft oder so.“ „Ich hab auch kaputte Bandscheiben“, seufzte er, „und außerdem krumme Füße und Hämorrhoiden.“ „Hämorrhoiden?“, fragte sie neugierig. „Was ist denn das?“ Ihre Ahnungslosigkeit in solchen Sachen ging ihm, wie immer, auf die Nerven. „Wenn man am Arsch Knoten hat und blutet“, sagte er missmutig.

„Wie du wieder sprichst“, meinte sie, halb beleidigt. „Wie ein Arbeiter.“ Wie ein Arbeiter, dachte er. Wie Hannes Tammen oder Ommo oder Schuster. Ihm fiel ein, dass er Marianne einmal erzählt hatte, dass er Arbeiter war. „Ach, bei einer Baufirma?“, hatte sie beiläu- fig gefragt, sich ihre Fingernägel feilend. „Der Torsten, der Mann von Roswitha, der hat in den Semesterferien auch manchmal gearbeitet.

Bei Karstadt. Als die sich den neuen Wagen gekauft hatten. In der Lebensmittelabteilung, Regale auffüllen und so. Der war abends immer ganz geschafft.“ Zusammen mit Roswitha, deren Mann jetzt Studienreferendar in Stuttgart war, hatte sie dieselbe Schule besucht. Sie trafen sich gelegentlich, wenn Marianne zu ihren Eltern fuhr, was nicht mehr so oft vorkam. Sie war in letzter Zeit erwachsener und ernsthafter geworden, sehr viel konzentrierter, nicht mehr so verspielt, so unbeherrscht, zur Hysterie neigend wie früher.

Die Arbeit als Lehrerin tat ihr gut. Nachdem die Anfangsschwierigkeiten überwunden waren, hatte sie auch mehr Selbstvertrauen entwickelt und kam jetzt in der Schule ganz gut zurecht. Obwohl die Schüler offenbar schwieriger, unkonzentrierter und hibbeliger geworden waren, seit sie mehrere Stunden täglich vor der Glotze verbrachten. Hinzu kam die hohe Quote an Ausländerkindern mit Sprachschwierigkeiten.

Er betrachtete sie unauffällig von der Seite. Eigentlich liebe ich sie immer noch, dachte er. So eine Ehe ist eben immer mit Problemen und Kompromissen verbunden. Besser, als allein zu leben. Als er die Augen schloss, sah er den Bautrupp wieder vor sich, wie sie Kabel verlegten, wie sie im Dreck wühlten. Aber die Tretmühle jetzt beim Rechtsanwalt war im Grunde genommen auch nicht viel besser. Seit über zwei Monaten war er nun schon in dieser Praxis, der letzten Stelle vor dem zweiten Staatsexamen.

Bisher hatte er keinen Augenblick Zeit für die Examensvorbereitungen gehabt, und die Klausuren wurden bereits im nächsten Monat geschrieben.

Eigentlich hatte er nur einen Einblick in die praktische Arbeit eines Rechtsanwalts erhalten sollen, wozu natürlich auch die selbständige Bearbeitung einzelner Fälle gehörte. Aber die Anwälte, bei denen er war, hatten sich gleich seiner bemächtigt. Sie wussten die zusätzliche Arbeitskraft von Referendaren, die sie sich aussuchen konnten und nicht einmal zu bezahlen brauchten, auf ihre Weise zu nutzen. Seit Wochen machte er schon die Urlaubsvertretung für den Juniorsozius.

„Sie müssen sagen, wenn Ihnen die Arbeit zuviel wird“, hatte ihm der Seniorsozius gleich zu Anfang erklärt, als er um acht Uhr abends immer noch hinter dem Diktiergerät saß. „Wir können das nicht so genau abschätzen, was die Referendare schaffen.

Aber Sie sehen ja, Herr Kollege, dass auch ich um acht Uhr noch im Büro bin. Der Anwaltsberuf ist ein hartes Geschäft. Da bleibt kein Auge trocken, wenn man eine gut gehende Praxis aufrechterhalten will.“ Er besaß mehrere Mietshäuser, als Alterssicherung (wie er sagte), fuhr einen Opel Admiral und verdiente gut und gerne seine fünfzehntausend Mark netto im Monat. Zu seiner Klientel gehörten mehrere Großbetriebe und Behörden. Mit Gastarbeitern und Sozialhilfeempfängern ließ er sich gar nicht erst ein, mit linken Vögeln wie Kriegsdienstverweigerern oder nicht eingestellten Lehrern erst recht nicht. Seine Praxis galt als seriös, er selber, ebenso wie sein Sozius, als aufgeschlossen.

Mit Vorliebe verteidigte er gegen Sonderhonorare Honoratioren, wenn sie zum Beispiel betrunken mit dem Auto gefahren waren. Für einen Industriellen, der mit besoffenem Kopf einen totgefahren hatte, konnte er sogar eine Bewährungsstrafe herausholen.
Aber ein dicker Grundstückskaufvertrag, ein Erbvertrag oder eine Unternehmensfusion waren ihm noch lieber als fünf Strafverteidigungen. Das Notariat brachte das große Geld.

Sein Intimfreund war ein Richter, der jedem Lkw-Fahrer, der ihm vor die Flinte kam, erst einmal vorhielt, dass er im Kriege Panzerfahrer gewesen sei und sich nichts vormachen lasse. Ein anderer Freund, den er noch aus dem Krieg kannte, war Kammervorsitzender am Oberlandesgericht. Da gab es einen handverlesenen monatlichen Juristenstammtisch, an dem so ganz nebenher und privat Gelegenheiten und Posten ausgekungelt wurden.

Am Ende der jeweiligen Ausbildungsstation schrieben diese Leute dann Zeugnisse und erteilten eine bestimmte Anzahl von Punkten, die in die Gesamtnote für das Assessorexamen einflossen.
Ob man wollte oder nicht, man musste sich anpassen, arrangieren, sonst war man geliefert. Der Staat hat nicht nur ein Ausbildungsmonopol für Juristen, sondern auch ein Anpassungsmonopol.

Während der Referendarausbildung wird die Idiotie des Studiums sozusagen vertieft.
Am wichtigsten für Juristen ist es, unkritisch zu sein und gut auswendig lernen zu können. Vor allem muss man eine größere Anzahl von Entscheidungen oberer und oberster Gerichte im Kopf haben, je mehr, desto besser. Dann erspart man sich jedes eigene Nachdenken, ist in seinen Entscheidungen immer abgesichert und genießt dazu noch die Achtung der Kollegen.

„Was für Probleme wälzt du denn da so angestrengt?“, erkundigte sich Marianne.
„Ach, nichts weiter“, wich er aus. „Ich habe nur mal darüber nachgedacht, was ich nach meinem Examen machen könnte.“ „Ist doch klar“, sagte sie und sah ihn mit großen Augen an.
„Na?“, fragte er.
„Richter“, schlug sie vor, „oder Staatsanwalt oder Regierungsrat.
Beim Staat, da ist es immer am sichersten.“ Er drehte sich ihr zu. „Ach, so etwas. Daran habe ich noch gar nicht gedacht.“ Sie lachte ihn an. „Du Spaßvogel. Du willst mich wohl verulken.“ Aber ihm war absolut nicht zum Lachen zumute. Und in Wirklichkeit regte es ihn schon wieder auf, dass mit Marianne kein ernsthaftes Gespräch möglich war, dass man mit ihr nicht über existenzielle Fragen, über Probleme und Sorgen sprechen konnte, über Politik schon gar nicht. Sie gehörte zu den Menschen, die ständig so viel mit sich selber zu tun haben, dass ihnen kaum noch Zeit für andere Dinge bleibt. Sachlich begonnene Gespräche endeten fast immer in emotionalem Gezänk. Andererseits konnte man mit ihr auch nicht richtig blödeln, weil sie dann gleich eingeschnappt war.

Lesen Sie in der kommenden Ausgabe die Fortsetzung von Wolfgang Bittners Romans und des Kapitels „Ein Sommertag“ .
(CH)

© 2008 Horlemann
Alle Rechte vorbehalten
Überarbeitete Neuausgabe – Erstveröffentlichung 1978
Büchergilde Gutenberg, Satz und Umschlaggestaltung Verlag.
Bitte fordern Sie das Verlagsverzeichnis an, unter:
Horlemann Verlag, Postfach 1307, 53583 Bad Honnef,
Telefax 02224 5429, E-Mail: info (at) horlemann-verlag.de
www.horlemann.info


 
Wolfgang Bittner Foto: Andreas Neumann arbeiterfotografie
Foto: Andreas Neumann              
Wolfgang Bittner, Jahrgang 1941, lebt als freier Schriftsteller in Köln. Der promovierte Jurist schreibt für Erwachsene, Jugendliche und Kinder. Er erhielt mehrere Literaturpreise, ist Mitglied im PEN und Mitarbeiter bei Zeitungen, Zeitschriften, Rundfunk und Fernsehen. Er hat mehr als 50 Bücher veröffentlicht, u.a. die Romane „Der Aufsteiger oder Ein Versuch zu leben“, „Niemandsland“ und „Flucht nach Kanada “, den Erzählband „Das andere Leben“ sowie das Sachbuch „Beruf: Schriftsteller“.



Online-Flyer Nr. 180  vom 14.01.2009

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