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Literatur
Der Fortsetzungsroman in der NRhZ – Folge 42
Der Aufsteiger oder Ein Versuch zu leben
Von Wolfgang Bittner

Außer bequem als Buch im Horlemann-Verlag können Sie exklusiv in der NRhZ die überarbeitete Neuausgabe von Wolfgang Bittners 1978 erstmals erschienenen Roman „Der Aufsteiger oder Ein Versuch zu leben“ lesen – eine Rezension des Werks finden sie in der NRhZ 139: „Ein Roman über einen ‚Helden’ von unten, aus der Sicht von unten und deshalb wichtig für alle – und sogar mit nicht allzu viel Fantasie lässt sich auch der Roman auf heutige Verhältnisse übertragen.“, schreibt Rezensent und Buchhändler Uli Klinger über „Der Aufsteiger“.
15) Ein Sommertag (Fortsetzung)
Er legte sich wieder auf den Rücken und guckte in den wolkenlosen Himmel hinein, in dessen Bläue kein Ende abzusehen war. Es ging immer weiter, wer weiß wohin.
„Warum warst du eigentlich nicht beim Militär?“, fragte Marianne plötzlich.
„Meine Bandscheiben“, sagte er. „Die würden das nicht mitmachen.
Ich könnte gar kein Gewehr tragen.“ „Aber du hast doch mal auf dem Bau gearbeitet“, meinte sie.
„Das war etwas anderes“, entgegnete er. „Dazu reichen meine Bandscheiben immer noch aus.“ „Du wolltest dich nur drücken“, scherzte Marianne. „Ich kenn dich schon.“ Er musste auf einmal an die Leichen denken, Berge von toten Menschen, die damals am Straßenrand gelegen hatten. Was ist mit denen?, hatte er damals seine Mutter gefragt. Und sie hatte geweint und gesagt: „Guck nicht hin, das sind Tote.“ „Drücken nicht“, antwortete er, „aber ich hätte wahrscheinlich verweigert, wenn ich seinerzeit eingezogen worden wäre.“ „Sieh an, so einer bist du also“, versuchte Marianne ihn zu foppen.
„Wolltest du nicht Leutnant werden? Oder Hauptmann? So mit Sternen auf der Schulter und einem silbernen Band um die Mütze?“ „Ich wäre sowieso höchstens Gefreiter geworden“, entgegnete er grinsend.
„Ach du!“, rief sie belustigt. „Gefreiter! Du spinnst ja.“ Er sang ihr das Igel-Lied von Kurt Tucholsky vor: „Und du gabst dich mir im Unterholze / einmal hin und einmal her, / und du fragtest mich mit deutschem Stolze, / ob ich auch im Krieg gewesen wär ... / Anna-Lui – i – se! – “ „Das ist schön“, sagte Marianne, „das musst du mir heute Abend mit der Gitarre vorsingen. Versprichst du es mir?“ Er versprach es.
Der Bussard zog immer noch seine Kreise. Inzwischen hatte sich ein zweiter, etwas kleinerer, dazugesellt. „Das ist bestimmt das Weibchen“, vermutete Marianne. „Ob die sich mögen?“ „Sicher“, erwiderte er grinsend. „Genau wie wir. Wahrscheinlich feiern die beiden dort oben gleich Hochzeit, das können Bussarde in der Luft.“ Marianne kicherte. „Du bist heute so guter Laune. Das kennt man ja gar nicht an dir.“ Er stützte sich auf die Ellenbogen. „Ich stell dir mal eine ganz spaßige Frage“, sagte er. „Was würdest du tun, wenn die Regierung anordnete, dass in Zukunft alle Zeugen Jehovas oder alle Gastarbeiter Zipfelmützen tragen und statt der Bürgersteige die Fahrbahn benutzen müssen?“ „Zipfelmützen!“, amüsierte sie sich. „Das ist wirklich drollig.“
Sie dachte einen Augenblick nach. „Ich weiß natürlich, worauf du hinaus willst. Bloß würde das niemals passieren. Wer käme schon auf so einen Gedanken?“ „Ich meine ja nur, gesetzt den Fall, dass so etwas passieren würde.“ „Ja, was soll man denn da tun?“, sagte sie und zog die Stirn in Falten. „Ich glaube, da könnte man gar nichts tun. Ich wüsste jedenfalls nicht, was ich tun würde. Ich glaube, gar nichts.“ Sie überlegte. „Aber ich weiß etwas viel Besseres.“ „Na?“, fragte er gespannt.
„Das ist richtig lustig!“ Sie lachte schon im Voraus. „Sag mal: Blaukraut bleibt Blaukraut, Brautkleid bleibt Brautkleid.“ Er sagte es.
„Schneller, ganz schnell hintereinander!“ trieb sie ihn lachend an.
Er sagte: „Bleikraut blaubt Blauklaut, Blautkreid breit Blaukreid.“ Sie schüttelte sich vor Lachen. „Siehst du“, schnaufte sie unter Tränen, „du kannst es auch nicht. Genau so wenig wie die Schüler neulich.“ Zufrieden drehte sie sich wieder auf den Rücken und legte einen Arm quer über seinen Bauch. Er ließ sich nicht lange bitten, küsste sie und schmiegte sich an sie. Wohlig stöhnend kam sie ihm entgegen.
Anschließend lagen sie nebeneinander, guckten in die Luft und rauchten eine Zigarette.
„Eigentlich komisch, dass die Vögel so da oben leben können“, meinte Marianne. „So frei. Findest du nicht auch?“ „Ja“, antwortete er, „das ist erstaunlich. In der Luft die Vögel, im Zimmer die Fliegen, im Badezimmer die Silberfischchen, im Keller die Ratten und Mäuse, im Garten die Igel, auf dem Feld die Hasen, im Wald die Rehe, im Wasser die Fische – das sind alles Lebensbereiche, jeder eine Welt für sich. Und dazwischen gibt es die Menschen, die sich ungeheuer wichtig nehmen und sich selber die größte Gefahr sind.“ „Igittigitt“, kicherte Marianne. „Ratten und Mäuse und Silber-fischchen.“ „Nicht zu vergessen Bakterien und Viren“, erweiterte er seine Aufzählung.
Sie schüttelte sich. „Ekelhaft. Pfui Teufel!“ Er versuchte, sich in den Bussard am Himmel über ihnen hineinzuversetzen, sich im Aufwind zu wiegen, unten die Bäume und Wiesen und Felder. Einmal waren wir vielleicht ein Vogel oder eine Fliege, ein Silberfischchen, eine Ratte, ein Fisch oder ein Baum. Auf diesem Planeten oder einem anderen. Ist das so abwegig? „Manchmal sehe ich den Schwalben zu“, überlegte er laut. „Im Sommer, wenn die Jungen flügge sind und in der Luft Jagen spielen.
Das ist ein Leben und Treiben und Zwitschern. Bis sie sich dann eines Tages sammeln und nach Süden ziehen. Ein halbes Jahr machen sie Urlaub, suchen sich ein freundlicheres Fleckchen Erde als Europa im Winter. Da möchte man direkt mitziehen, in die grünen Täler des Nil, nach Afrika. Und im Frühling kommen sie dann zurück, bauen sich ihre Nester, haben Junge, spielen durch die Luft, brauchen keine Kleidung und kein Geld. Was sind wir doch für armselige Wesen geworden, wir Menschen.“ Sie packten zusammen und gingen zurück zum Auto. Marianne hatte ein Radio mit Kassettenrecorder einbauen lassen, so dass sie unterwegs Musik hören konnten: Bob Dylan, Leonard Cohen, Hannes Wader, Franz Josef Degenhardts Spiel nicht mit den Schmuddelkindern. Den Degenhardt mochte Marianne nicht, dagegen schwärmte sie für Leonard Cohen. „Er singt so schön traurig-romantisch“, meinte sie.
Gegen sieben waren sie wieder zu Hause. Während des Abendbrots hörten sie in den Nachrichten, dass sich Franz-Josef Strauß über die Durchsuchung der Verlagsräume einer rechten Zeitschrift aufgeregt hatte. Marianne fand das gut, was der Strauß sagte. „Meinst du nicht auch, Erich, dass er Recht hat?“, fragte sie ihn. „So etwas geht doch nicht, schließlich haben wir Pressefreiheit.“ Was sollte er darauf antworten? Dass auf das Konto eben dieses deutschen Vollblutpolitikers, der hier von Pressefreiheit redete, weil es gerade mal in seinen Kram passte, die Durchsuchung der Verlagsräume des „Spiegel“ kam? Dass Franz-Josef Strauß in verschiedene Bestechungs- und Korruptionsaffären verwickelt war, dass er das Parlament belogen hatte? Dass er deutsche Schriftsteller als Ungeziefer bezeichnet hatte? Marianne wusste so etwas nicht oder hatte es wieder vergessen. Sie wusste nur, dass er Strauß nicht mochte.
„Ich halte den Kerl für einen Politgangster“, sagte er schroffer, als er eigentlich wollte. „Dass jemand wie Strauß in Deutschland noch immer Politik machen kann, liegt an Leuten wie dir.“ Sie war beleidigt, sagte aber nichts weiter, was ihn noch mehr ärgerte. Schweigend aßen sie fade Treibhaustomaten und giftig schmeckende Gurken.
„Schmeckt wie komprimierter Kunstdünger“, lästerte er.
„Wenn ich nicht wüsste, dass unsere Politiker auch so was essen, würde ich behaupten, die wollen uns alle vergiften. Auf direktem Wege.“ „Immer musst du meckern“, sagte Marianne. „Ich hab bald den Eindruck, du fühlst dich sonst nicht mehr wohl.“ „Es ist was faul im Staate Dänemark“, brummte er verstimmt, „man merkt es am Gemüse.“ „Jetzt kommen wohl wieder deine sozialistischen Sprüche“, meinte sie spöttisch.
„Ach was“, entgegnete er, „das hat mit Sozialismus nur entfernt zu tun. Denk doch nur mal daran, was mit verschiedenen Tieren geschieht, dass zum Beispiel manche Vogelarten vom Aussterben bedroht sind, weil sich in ihren Eiern zuviel Pflanzenschutzmittel ansammelt.“ Aber darüber konnte sich Marianne nicht aufregen. Sie beunruhigte nur das, was ihr unmittelbar und persönlich Verdruss bereitete.
Lesen Sie in der kommenden Ausgabe mit dem Kapitel „Wieder in Salstädt“ die Fortsetzung von Wolfgang Bittners Roman .
(CH)
© 2008 Horlemann
Alle Rechte vorbehalten
Überarbeitete Neuausgabe – Erstveröffentlichung 1978
Büchergilde Gutenberg, Satz und Umschlaggestaltung Verlag.
Bitte fordern Sie das Verlagsverzeichnis an, unter:
Horlemann Verlag, Postfach 1307, 53583 Bad Honnef,
Telefax 02224 5429, E-Mail: info (at) horlemann-verlag.de
www.horlemann.info
Online-Flyer Nr. 181 vom 21.01.2009
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Der Fortsetzungsroman in der NRhZ – Folge 42
Der Aufsteiger oder Ein Versuch zu leben
Von Wolfgang Bittner

15) Ein Sommertag (Fortsetzung)
Er legte sich wieder auf den Rücken und guckte in den wolkenlosen Himmel hinein, in dessen Bläue kein Ende abzusehen war. Es ging immer weiter, wer weiß wohin.
„Warum warst du eigentlich nicht beim Militär?“, fragte Marianne plötzlich.
„Meine Bandscheiben“, sagte er. „Die würden das nicht mitmachen.
Ich könnte gar kein Gewehr tragen.“ „Aber du hast doch mal auf dem Bau gearbeitet“, meinte sie.
„Das war etwas anderes“, entgegnete er. „Dazu reichen meine Bandscheiben immer noch aus.“ „Du wolltest dich nur drücken“, scherzte Marianne. „Ich kenn dich schon.“ Er musste auf einmal an die Leichen denken, Berge von toten Menschen, die damals am Straßenrand gelegen hatten. Was ist mit denen?, hatte er damals seine Mutter gefragt. Und sie hatte geweint und gesagt: „Guck nicht hin, das sind Tote.“ „Drücken nicht“, antwortete er, „aber ich hätte wahrscheinlich verweigert, wenn ich seinerzeit eingezogen worden wäre.“ „Sieh an, so einer bist du also“, versuchte Marianne ihn zu foppen.
„Wolltest du nicht Leutnant werden? Oder Hauptmann? So mit Sternen auf der Schulter und einem silbernen Band um die Mütze?“ „Ich wäre sowieso höchstens Gefreiter geworden“, entgegnete er grinsend.
„Ach du!“, rief sie belustigt. „Gefreiter! Du spinnst ja.“ Er sang ihr das Igel-Lied von Kurt Tucholsky vor: „Und du gabst dich mir im Unterholze / einmal hin und einmal her, / und du fragtest mich mit deutschem Stolze, / ob ich auch im Krieg gewesen wär ... / Anna-Lui – i – se! – “ „Das ist schön“, sagte Marianne, „das musst du mir heute Abend mit der Gitarre vorsingen. Versprichst du es mir?“ Er versprach es.
Der Bussard zog immer noch seine Kreise. Inzwischen hatte sich ein zweiter, etwas kleinerer, dazugesellt. „Das ist bestimmt das Weibchen“, vermutete Marianne. „Ob die sich mögen?“ „Sicher“, erwiderte er grinsend. „Genau wie wir. Wahrscheinlich feiern die beiden dort oben gleich Hochzeit, das können Bussarde in der Luft.“ Marianne kicherte. „Du bist heute so guter Laune. Das kennt man ja gar nicht an dir.“ Er stützte sich auf die Ellenbogen. „Ich stell dir mal eine ganz spaßige Frage“, sagte er. „Was würdest du tun, wenn die Regierung anordnete, dass in Zukunft alle Zeugen Jehovas oder alle Gastarbeiter Zipfelmützen tragen und statt der Bürgersteige die Fahrbahn benutzen müssen?“ „Zipfelmützen!“, amüsierte sie sich. „Das ist wirklich drollig.“
Sie dachte einen Augenblick nach. „Ich weiß natürlich, worauf du hinaus willst. Bloß würde das niemals passieren. Wer käme schon auf so einen Gedanken?“ „Ich meine ja nur, gesetzt den Fall, dass so etwas passieren würde.“ „Ja, was soll man denn da tun?“, sagte sie und zog die Stirn in Falten. „Ich glaube, da könnte man gar nichts tun. Ich wüsste jedenfalls nicht, was ich tun würde. Ich glaube, gar nichts.“ Sie überlegte. „Aber ich weiß etwas viel Besseres.“ „Na?“, fragte er gespannt.
„Das ist richtig lustig!“ Sie lachte schon im Voraus. „Sag mal: Blaukraut bleibt Blaukraut, Brautkleid bleibt Brautkleid.“ Er sagte es.
„Schneller, ganz schnell hintereinander!“ trieb sie ihn lachend an.
Er sagte: „Bleikraut blaubt Blauklaut, Blautkreid breit Blaukreid.“ Sie schüttelte sich vor Lachen. „Siehst du“, schnaufte sie unter Tränen, „du kannst es auch nicht. Genau so wenig wie die Schüler neulich.“ Zufrieden drehte sie sich wieder auf den Rücken und legte einen Arm quer über seinen Bauch. Er ließ sich nicht lange bitten, küsste sie und schmiegte sich an sie. Wohlig stöhnend kam sie ihm entgegen.
Anschließend lagen sie nebeneinander, guckten in die Luft und rauchten eine Zigarette.
„Eigentlich komisch, dass die Vögel so da oben leben können“, meinte Marianne. „So frei. Findest du nicht auch?“ „Ja“, antwortete er, „das ist erstaunlich. In der Luft die Vögel, im Zimmer die Fliegen, im Badezimmer die Silberfischchen, im Keller die Ratten und Mäuse, im Garten die Igel, auf dem Feld die Hasen, im Wald die Rehe, im Wasser die Fische – das sind alles Lebensbereiche, jeder eine Welt für sich. Und dazwischen gibt es die Menschen, die sich ungeheuer wichtig nehmen und sich selber die größte Gefahr sind.“ „Igittigitt“, kicherte Marianne. „Ratten und Mäuse und Silber-fischchen.“ „Nicht zu vergessen Bakterien und Viren“, erweiterte er seine Aufzählung.
Sie schüttelte sich. „Ekelhaft. Pfui Teufel!“ Er versuchte, sich in den Bussard am Himmel über ihnen hineinzuversetzen, sich im Aufwind zu wiegen, unten die Bäume und Wiesen und Felder. Einmal waren wir vielleicht ein Vogel oder eine Fliege, ein Silberfischchen, eine Ratte, ein Fisch oder ein Baum. Auf diesem Planeten oder einem anderen. Ist das so abwegig? „Manchmal sehe ich den Schwalben zu“, überlegte er laut. „Im Sommer, wenn die Jungen flügge sind und in der Luft Jagen spielen.
Das ist ein Leben und Treiben und Zwitschern. Bis sie sich dann eines Tages sammeln und nach Süden ziehen. Ein halbes Jahr machen sie Urlaub, suchen sich ein freundlicheres Fleckchen Erde als Europa im Winter. Da möchte man direkt mitziehen, in die grünen Täler des Nil, nach Afrika. Und im Frühling kommen sie dann zurück, bauen sich ihre Nester, haben Junge, spielen durch die Luft, brauchen keine Kleidung und kein Geld. Was sind wir doch für armselige Wesen geworden, wir Menschen.“ Sie packten zusammen und gingen zurück zum Auto. Marianne hatte ein Radio mit Kassettenrecorder einbauen lassen, so dass sie unterwegs Musik hören konnten: Bob Dylan, Leonard Cohen, Hannes Wader, Franz Josef Degenhardts Spiel nicht mit den Schmuddelkindern. Den Degenhardt mochte Marianne nicht, dagegen schwärmte sie für Leonard Cohen. „Er singt so schön traurig-romantisch“, meinte sie.
Gegen sieben waren sie wieder zu Hause. Während des Abendbrots hörten sie in den Nachrichten, dass sich Franz-Josef Strauß über die Durchsuchung der Verlagsräume einer rechten Zeitschrift aufgeregt hatte. Marianne fand das gut, was der Strauß sagte. „Meinst du nicht auch, Erich, dass er Recht hat?“, fragte sie ihn. „So etwas geht doch nicht, schließlich haben wir Pressefreiheit.“ Was sollte er darauf antworten? Dass auf das Konto eben dieses deutschen Vollblutpolitikers, der hier von Pressefreiheit redete, weil es gerade mal in seinen Kram passte, die Durchsuchung der Verlagsräume des „Spiegel“ kam? Dass Franz-Josef Strauß in verschiedene Bestechungs- und Korruptionsaffären verwickelt war, dass er das Parlament belogen hatte? Dass er deutsche Schriftsteller als Ungeziefer bezeichnet hatte? Marianne wusste so etwas nicht oder hatte es wieder vergessen. Sie wusste nur, dass er Strauß nicht mochte.
„Ich halte den Kerl für einen Politgangster“, sagte er schroffer, als er eigentlich wollte. „Dass jemand wie Strauß in Deutschland noch immer Politik machen kann, liegt an Leuten wie dir.“ Sie war beleidigt, sagte aber nichts weiter, was ihn noch mehr ärgerte. Schweigend aßen sie fade Treibhaustomaten und giftig schmeckende Gurken.
„Schmeckt wie komprimierter Kunstdünger“, lästerte er.
„Wenn ich nicht wüsste, dass unsere Politiker auch so was essen, würde ich behaupten, die wollen uns alle vergiften. Auf direktem Wege.“ „Immer musst du meckern“, sagte Marianne. „Ich hab bald den Eindruck, du fühlst dich sonst nicht mehr wohl.“ „Es ist was faul im Staate Dänemark“, brummte er verstimmt, „man merkt es am Gemüse.“ „Jetzt kommen wohl wieder deine sozialistischen Sprüche“, meinte sie spöttisch.
„Ach was“, entgegnete er, „das hat mit Sozialismus nur entfernt zu tun. Denk doch nur mal daran, was mit verschiedenen Tieren geschieht, dass zum Beispiel manche Vogelarten vom Aussterben bedroht sind, weil sich in ihren Eiern zuviel Pflanzenschutzmittel ansammelt.“ Aber darüber konnte sich Marianne nicht aufregen. Sie beunruhigte nur das, was ihr unmittelbar und persönlich Verdruss bereitete.
Lesen Sie in der kommenden Ausgabe mit dem Kapitel „Wieder in Salstädt“ die Fortsetzung von Wolfgang Bittners Roman .
(CH)
© 2008 Horlemann
Alle Rechte vorbehalten
Überarbeitete Neuausgabe – Erstveröffentlichung 1978
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