NRhZ-Online - Neue Rheinische Zeitung - Logo
SUCHE
Suchergebnis anzeigen!
RESSORTS
SERVICE
Unabhängige Nachrichten, Berichte & Meinungen
Aktueller Online-Flyer vom 09. Juni 2026  

zurück  
Druckversion

Globales
Seemachtkategorien der US-Politik und die Rolle Europas
Das Phänomen „Kalter Krieg“
Von Wolfgang Effenberger

Die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg wurde bestimmt vom Kampf zweier politischer Systeme und war überschattet durch die Androhung der gegenseitigen atomaren Vernichtung. Dieser “Kalte Krieg“ endete mit dem Triumph des Westens über den Kommunismus, in der Ent-Kolonisierung, der Globalisierung und nicht zuletzt in einem partisanenhaften Krieg mit militanten Islamisten.


Präsident James Monroe – entwarf
1823 die Grundzüge der
US-Außenpolitik
und des
Panamerikanismus,…
Quelle: Monroe-Museum
Vielschichtig beschreibt Professor Bernd Stöver die Jahre von 1946 bis zur Einholung der roten Fahne auf dem Kreml, als die „Geschichte eines radikalen Zeitalters“. Für seinen amerikanischen Kollegen, John Lewis Gaddis, geht die gefährliche Dynamik von der Sowjetunion – der Inkarnation des Bösen – aus. Die Wurzeln dieses ideologischen Konfliktes sieht er bereits in der bolschewistischen Revolution.
 
Beginn des “Dritten Weltkriegs“
 
Der rechte Ideologe James Burnham datierte den Beginn des “Dritten Weltkrieges“ auf einen Tag im April des Jahres 1944, als griechische Streitkräfte unter kommunistischer Führung meuterten. Nach Burnham die stalinistische Weichenstellung für eine kommunistische Weltherrschaft. In der Tat konzentrierten bereits im Sommer 1944 die von Kommunisten geführten Partisanen ihre Angriffe nicht mehr auf die deutschen Truppen, sondern auf die rivalisierenden nichtkommunistischen Widerstandsbewegungen.(1)
 
Bevor der junge Philosophieprofessor James Burnham zu einem Ideologen der amerikanischen Rechten wurde, war er Mitglied der trotzkistischen Socialist Workers Party. Mit schneidender Ironie führt Friedrich A. von Hayek den Beweis, dass Sozialismus und politische Freiheit miteinander unvereinbar sind. Nun erkannten führende militärische Kreise der USA Analogien zwischen der Hitler-Diktatur und dem Stalinismus und hielten einen künftigen Weltkrieg als ein “Kräftemessen zwischen Gut und Böse“(2) für möglich.
 
Churchills Balkanpläne
 
Noch einigten sich die ungleichen Bündnispartner. Anfang Oktober 1944 konnte Churchill in Moskau Stalin für seine monarchistischen Balkanpläne gewinnen. Mit dem Rückzug der Wehrmacht besetzten britische Soldaten Griechenland. Gegen sie nahmen griechische Kommunisten, Sozialisten und Nationaldemokraten den Kampf für ein republikanisches Griechenland auf. Die Schlacht um Athen ging verloren, weil Stalin sich an das gegebene Versprechen hielt und ein Hilfeersuchen der griechischen KP am 16. Januar 1945 ablehnen ließ: „Die internationale Lage erlaubt keine Entsendung militärischer Hilfe.“ (3)
 
Charta der Vereinten Nationen
 
Hoffnung keimte auf, als am 26. Juni 1945 die Charta der Vereinten Nationen angenommen wurde. In der Präambel wurde zugesichert, die Geschlechter vor der Geißel des Krieges zu bewahren und die Grundrechte des Menschen zu achten.

Trotz aller Bekenntnisse zur UNO ließen sich die Großmächte von ihren nationalen Interessen leiten und setzten in sicherheitspolitischen Fragen vornehmlich auf die eigene militärische Stärke und den Beistand von Verbündeten. Zu diesem Zweck gründeten die USA in den Jahren nach 1945 ein Reihe von Regionalpakten, wie z.B. den Pazifik-Pakt zwischen Australien, Neuseeland und USA (ANZUS, 1952), die Südostasiatische Vertragsorganisation (SEATO, 1954), oder den “Bagdadpakt“. In diesem Kontext ist auch die Gründung der von den USA geführten Nordatlantik-Vertrags Organisation (NATO) und der von der Sowjetunion kontrollierten Warschauer Vertrags Organisation (WVO) zu sehen.
 
“Monroe“-Doktrin
 
Über die militärische Bündnispolitik hinaus konnten die USA aufgrund ihrer aktiven Rolle nach Kriegsende zahlreiche internationaler Wirtschaftsabkommen (GATT) schließen und internationale Organisationen (IWF, Weltbank) gründen. Damit waren die Weichen für ein offenes und liberales Weltwirtschaftssystem im Sinne der frühen “Open Door“-Doktrin gestellt. Aus der gesamten Vorgehensweise lässt sich die Trinität amerikanischer Außenpolitik seit 1898 ablesen: ökonomisch durch die “Open Door“-Doktrin, geopolitisch durch die erweiterte “Monroe“-Doktrin und theologisch durch die “Manifest Destiny“-Doktrin. Als Überbau steht das Sicherheitsdenken einer Seemacht, die zu allen Zeiten die Kontrolle über die gegenüberliegenden Küsten erzwingen will. Dieses Denken ist einem Kontinentaleuropäer ebenso wie den Amerikanern im Mittleren Westen fremd. Die amerikanischen Politiker, die nicht in Seemachtkategorien denken, werden fälschlicherweise als Isolationisten diffamiert.
 
Unkenntnis oder Absicht?
 
So gesehen hat seit dem Eintritt der Vereinigten Staaten in die Weltpolitik 1917 und der zeitgleichen russischen Oktoberrevolution kein Entscheidungskampf zwischen Kapitalismus und Kommunismus, Pluralismus und Totalitarismus, liberal-demokratischem und staatssozialistischem System stattgefunden. Aus Unkenntnis oder Absicht prägte die Literatur aber über den Kalten Krieg zwei einander widersprechenden Grundauffassungen: die in der westlichen Literatur zunächst dominierende “traditionelle“(4) These vom sowjetischen Expansionismus als Ursache der Auseinandersetzung und der “revisionistischen“ (4) These vom ökonomischen Imperialismus der USA als zentralem Faktor der Weltpolitik seit dem Zweiten Weltkrieg.
 
Eurasisches “Herzland“
 
Daneben war die amerikanische “Grand Strategy“ nach 1945 von einem führenden britischen Geostrategen, Sir Halford Mackinder, beeinflusst worden. Im Sommer 1943 beschwor er das atlantische Bündnis, die Bedeutung des eurasischen “Herzlands“ zu berücksichtigen. Als Herzland definierte Mackinder Zentralasien mit der Region um das kaspische Meer. Den Lesern von Foreign Affairs schärfte er ein: „… wenn die Sowjetunion aus diesem Krieg als Eroberer Deutschlands hervorgeht, dann wäre es die größte Landmacht der Welt“,(5) die dann Eurasien und die Welt dominieren könnte. Mackinder setzte die Kontrolle über Osteuropa für eine globale Vorherrschaft der USA voraus.
 
Zweifellos war der Kalte Krieg zu einem erheblichen Teil eine US-amerikanische Strategie zur Kontrolle der Nachkriegs-Weltordnung. Dabei wurden ein feindliches Rußland und ein feindliches China instrumentalisiert, um den militärischen Schutz der USA durch die NATO und durch verschiedene asiatische Verteidigungsbündnisse zu etablieren. (6)

Barak Obama
…an die sich auch sein Nachfolger Barack Obama halten wird
Quelle: NRhZ-Archiv


Hellseherisch sagte bei Kriegsende James Burnham Amerikas Rolle voraus: „Die USA bilden den Kern einer der großen zukünftigen Supermächte. Von ihrer kontinentalen Basis aus sind sie dazu berufen, in der Auseinandersetzung mit den anderen Supermächten die Weltmacht zu erringen.“
 
Brückenkopf Europa
 
In der Tat nutzen die USA bis heute den Brückenkopf Europa. Vom Hauptquartier Stuttgart-Vaihingen aus wird Europa als das größte der fünf US-Kommandos (EUCOM) geführt. Alle militärischen US-Einsätze im mittleren Osten wie in Zentralasien werden über das Rhein-Main-Gebiet abgewickelt.
 
Als Ende Dezember 1979 die alten Herren des Politbüros der KPdSU die sowjetische Armee nach Herat und Kabul marschieren ließen, ahnten sie nicht, dass mit dieser Invasion der Niedergang des sowjetisch-eurasischen Imperiums eingeläutet wurde. Wenn auch viele Dokumente in London, Washington und Moskau noch für weitere Generationen unter Verschluß gehalten werden, so sind doch inzwischen englische und amerikanischen Archive nach und nach zur Benutzung freigegeben worden. So hat sich 1998 das Gerücht bestätigt, dass Churchill am 1. Juli 1945 im Rahmen der Operation “Unthinkable“ mit 113 Divisionen die Sowjetunion angreifen wollte. Um das Phänomen “Kalter Krieg“ zu verstehen, müssen überbrachte und häufig eingeschliffene Denkmuster mit den Polen “Gut und Böse“ überwunden und die Strukturen “der Grauzone“ herausgearbeitet werden. Die militärische Stärke der Vereinigten Staaten hat nach Robert Kagan die Neigung wachsen lassen, diese auch auszuspielen, während Europas militärische Schwäche zu einer verständlichen Abneigung gegen die Ausübung militärischer Macht geführt hat.(7) (PK)



(1) Wie Zervas in Griechenland und Mihailowitsch in Jugoslawien, in: Burnham 1950, S. 101
(2) Siehe Sherry, Michael S.: Preparing for the Next War. 1941-45. New Haven/London 1977, S. 53
(3) Stalin hatte sich dennoch vor allem mit Churchill vor und dann auf der Konferenz von Jalta Anfang 1945 auf einen Aufteilungsplan für Osteuropa eingelassen ("75%" für Stalin in Rumänien, Bulgarien und Ungarn, "50:50" in Jugoslawien und "100%" (!!!) für Churchill in Griechenland.
(4) Die revisionistische These ist zunächst ansatzweise von inneramerikanischen Gegnern der Trumanschen Außenpolitik entworfen worden. Vgl. Hamby, Alonzo, L.: Henry A. Wallace, the Liberals and Soviet-American Relations, in: Review of Politics 30/1968, S. 153f.
(5) Sir Halford J. Mackinder, The Round World and the Winning of the Peace, New York Council on Foreign Relations, Foreign Affairs, Jahrg. 21, Nr. 4, Juli 1943, S. 599–601
(6) Bereits im Herbst 1945 sah der Plan mit Namen TOTALITY (JIC 329/1) einen Atomangriff auf die Sowjetunion mit 20 bis 30 Atombomben vor. Details in Kaku, Michio / Axelrod, Daniel: To Win a Nuclear War. The Pentagon's Secret War Planes. Boston 1987, S. 30f.
(7) Robert Kagan, Macht und Schwäche, in: Blätter für deutsche und internationale Politik, Heft 10/2002, S. 1198






Wolfgang Effenberger, Jahrgang 1946, wurde mit 18 Jahren Zeitsoldat, studierte Bauingenieurwesen und erhielt als junger Pionieroffizier Einblick in das von den USA vorbereitete atomare Gefechtsfeldin Europa. Nach dem Ausscheiden aus der Bundeswehr studierte er in München Politikwissenschaft und Höheres Lehramt. Er ist Autor der Bücher “Pax Americana“ und “Pfeiler der US-Macht“ und lebt als freier Autor in München.


Online-Flyer Nr. 184  vom 11.02.2009

Druckversion     



Startseite           nach oben

KÖLNER KLAGEMAUER


Für Frieden und Völkerverständigung
FILMCLIP
FOTOGALERIE