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Kultur und Wissen
Protagonisten der 1848er-Revolution im Rheinland – die Annekes, Teil 2
Mathilde Franziska und Fritz Anneke
Von Klaus Schmidt

Unter den revolutionären Demokraten von 1848 gibt es Männer, die ohne Partnerin leben – wie der Arzt und Gründer des Kölner Arbeitervereins Andreas Gottschalk – oder solche, die mit ihren Frauen gemeinsam für Demokratie und Sozialismus kämpfen – wie Johanna und Gottfried Kinkel. Ein weiteres starkes Paar kam aus Westfalen ins Rheinland: Mathilde Franziska und Fritz Anneke.

Lesen Sie auch den ersten Teil des Artikels in der NRhZ (Ausgabe 181).

„Hochverrat“

Im Juli 1848 wird Anneke, ebenso wie Gottschalk Mitbegründer des Kölner Abeitervereins und März-Demonstrant, als staatsgefährdendes Element verhaftet und des Hochverrats angeklagt. Mathilde Anneke gründet die „Neue Kölnische Zeitung“, deren erste Ausgabe am 10. September erscheint, rasch aber von der Zensur gestoppt wird. Unter dem tarnenden Titel „Frauenzeitung“ führt sie das Blatt fort, muss dessen Erscheinen jedoch nach der dritten Ausgabe einstellen.

Karl Marx 1861
Karl Marx –
im Londoner Exil 1861
In der Zeitung „Freiheit, Brüderlichkeit, Arbeit“, dem Blatt der Kölner Arbeitervereins, schreibt Karl Marx am 16. November 1848, Anneke und Gottschalk seien absurderweise angeklagt, „Mord und Plünderung bezweckt zu haben“. In Berlin aber stehe das Militär wie bisher auf Wink des Königs bereit, „die Stadt in Grund und Boden zu schießen, zu morden, sich zu baden in Bürgerblut. […] Anneke und Gottschalk büßen den Gedanken, den Willen, ja die bloße Vermuthung, als hätten sie Köln mit Mord und Plünderung bedrohen wollen, mit einer Vorhaft, die ein Stück von sechs Monaten bereits aus ihrem Leben geschnitten hat, die ihre Gesundheit zerstört, sie um ihr Einkommen, ihre Nahrung bringt.“ Die Revolution werde in Zukunft die „Märzdummheiten wieder gutmachen“ und mit der Konterrevolution nicht rücksichtsvoller umgehen als diese mit ihren Gegnern.

In diesen düsteren Wochen bringt ein Ereignis in Düsseldorf einen besonderen Lichtblick: Der seit August wegen „Aufwiegelung der Massen“ inhaftierte Ferdinand Freiligrath wurde vom Geschworenengericht freigesprochen. „Sein Urteilsspruch“, so die Augenzeugin Mathilde Anneke, „wurde dem Dichter unter einem Blumenregen verkündet, den die nicht zu zügelnde Menge ihm spendete. Ich hatte einen Lorbeerkranz für ihn gewunden, den zu meiner Genugtuung im letzten Augenblick der Staatsgouverneur selbst überreichen mußte.“

Freispruch für die Angeklagten

Im Dezember beginnt in Köln endlich der Prozess vor dem Geschworenengericht. Mathilde Anneke hatte mit ihrer Schrift „Der politische Tendenzprozeß gegen Gottschalk, Anneke und Esser, herausgegeben nach den Akten, nach Mittheilungen der Angeklagten und nach stenographischen Aufzeichnungen der mündlichen Verhandlungen“ ausführliche Informationen verbreitet. Die Zuhörer strömen in Massen herbei, applaudieren den Angeklagten und reagieren erbost, als sie sehen, dass sie Ketten tragen.

NRhZ Neue Rheinische Zeitung „rote Ausgabe“
Die berühmte letzte und „rote Ausgabe“            
der Neuen Rheinischen Zeitung
Einen Tag nach Prozeßbeginn bemerkt die „Neue Rheinische Zeitung“ (NRhZ) angesichts der von Oberschicht-Vertretern dominierten Geschworenenliste, es wäre wohl ein Wunder, wenn das Gericht jetzt „Angeklagte, die der privilegierten Klasse und der bestehenden Staatsmacht offen opponiert haben, nicht direkt unter die absolute Gewalt ihrer rücksichtslosesten Feinde“ werfe. Dem möglichen Hinweis auf die Gewissensentscheidung der Geschworenen begegnet die Zeitung mit der lakonischen Sentenz: „Das ‚Gewissen’ der Privilegierten ist ein privilegiertes Gewissen.“ Dennoch rechnet das Blatt aufgrund der dürftigen Anklageschrift nicht mit einer Verurteilung. Da sei von „gefährlichen, dem Proletariat schmeichelnden, auf Kommunismus und Umsturz des Bestehenden hinarbeitenden Tendenzen“ des Arbeiter-Vereins die Rede. „Tendenzen also konnte man erkennen, aber keine gesetzwidrigen Tatsachen!“ höhnt die NRhZ. Im Übrigen: Wenn die Angeklagten schon „im Laufe des Jahres“ Komplotte geschmiedet hatten – warum sind dann die Behörden erst so spät eingeschritten? Und außerdem: Eine „gewaltsame Änderung der Staatsverfassung“ sei gar nicht möglich gewesen, weil der König sie schon vorher suspendiert hatte!


Am Mittag des 23. Dezember gehen die Verhandlungen zu Ende. Die Geschworenen plädieren im Blick auf alle Anklagepunkte für „nicht schuldig“. Eine Sensation, frohlockende Verse machen in der Stadt die Runde:

„Anneke, Gottschalk, Esser.
Es ging stets schlimmer anstatt besser.
Eine Klage ohne Halt und Kraft
Hielt sieben Monate uns in Haft.
Gestraft so von Richtern und Polizei,
Sprach uns der Geschworene von Strafe frei.
Der Richter Unabhängigkeit, so belobt
In Preußen, die hat sich an uns erprobt.“
 
Mathilade Franziska Anneke 1847
   Mathilde Anneke 1847
Danach bringen Mathilde und Fritz Anneke die „Neue Kölnische Zeitung für Bürger, Bauern und Soldaten“ wieder heraus. Doch er begibt sich
nach Niederschlagung des Mai-Aufstands von 1849, wie viele Demokraten aus der preußischen Rheinprovinz, zur Unterstützung der in Süddeutschland kämpfenden Freischärler in die Pfalz. Mathilde Annekle redigiert das Blatt alleine weiter. In der blutrot gedruckten letzten Ausgabe der NRhZ ist dann am 1. Juni zu lesen, der Chefredakteur Karl Marx habe „bei seinem Abschied von hier die Bestimmung getroffen, daß die fortwährend noch einlaufenden Berichte für die Neue Rheinische Zeitung der Neuen Kölnischen zur Benutzung übergeben werden“.

Das letzte Gefecht, Flucht und Exil


Gegen vier preußische Invasionsarmeen kann die kriegsunerfahrene Pfalz nur rund 13.000 teilweise schlecht bewaffnete Freiheitskämpfer aufbieten. Das Kampfgeschehen verlagert sich ganz nach Baden. Im Juni entbrennen in der Umgebung von Mannheim und Heidelberg Gefechte, in denen die Revolutionstruppen nach erbitterter Gegenwehr unterliegen. In Eilmärschen ziehen sie auf die Festung Rastatt zu, um die Kampflinie an der Murg zu erreichen. Eine drohende preußische Umzingelung bei Ubstadt wird durch einen erfolgreichen Artillerie-Angriff vermieden. Kommandeur ist Fritz Anneke.

Mathilde Anneke Pferd
Mathilde Anneke hoch zu Ross im letzten        
Aufgebot der Revolution
In Ubstadt hat Mathilde Anneke, die ihren Mann als couragierte Ordonnanz-Offizierin begleitet, eine seltsame Begegnung. Eine Gruppe von Frauen, so erzählt sie in ihren „Memoiren einer Frau aus dem badisch-pfälzischen Feldzuge“, klopft an die Tür ihres Quartiers. Eine ehrwürdige Matrone ergreift ihre Hand. „Wir sind gekommen“, sagt sie, „die Tochter Robert Blums zu sehen. Wir haben gehört, daß die mit in den Krieg für unsere Freiheit gezogen sei und daß Sie es wären.“ Mathilde Anneke erwidert tief berührt: „Meine lieben Frauen! Die Tochter Robert Blums bin ich nicht. Wohl aber komme ich aus der Stadt, in welcher dieser edle Mann als armer Knabe geboren ist und in der auch seine alte Mutter noch lebt.“


Die Revolutionstruppen müssen sich schließlich in die Festungsstadt Rastatt zurückziehen, vor deren Toren es Ende Juni zur Entscheidungsschlacht kommt. Mathilde Anneke erlebt vom Festungswall aus das mörderische Schauspiel, „die Flammen, gespieen aus tausend Feuerschlünden, den rollenden Kanonendonner, den die Berge in vielfachem Echo zurückgeben“. Bald geraten die Freiheitskämpfer in die Defensive. Fritz Anneke, der die Artillerie befehligt, schickt Carl Schurz in die Festung, um Munitionsnachschub zu organisieren, doch der Feind verhindert den Rückweg. An der Murg fällt Joseph Moll, der Freund von Marx und Engels und zeitweilige Präsident des Kölner Arbeitervereins. 

Gottfried Kinkel nach einer Zeichnung von Bernhard Höfling
Kinkel (Zeichnung
Höfling)
Die rund 5.600 verbliebenen Freiheitskämpfer haben gegenüber der fast zehnfachen Übermacht keine Chance. Einigen gelingt die Flucht aus Rastatt – Schurz durch einen Abwässerkanal, Mathilde und Fritz Anneke durch ein noch offenes Stadttor. Nach der Kapitulation auf Gnade oder Ungnade treten Ende Juli Standgerichte in Aktion. Da die Sieger nicht Tausende erschießen können, werden Exempel statuiert. Gottfried
Kinkel entgeht dem Todesurteil, wird zu lebenslangem Zuchthaus begnadigt und kann später von Carl Schurz befreit werden. [1]

Mathilde Anneke mit Freundin Mary Booth
Grundsteinlegung für die Emanzipation
Mathilde Anneke mit Freundin Mary Booth       
Viele „48er“ gehen, um Gefängnis oder Todesstrafe zu vermeiden, in den 1850er Jahren ins Exil – in die USA allein mehr als 720.000. Einige beteiligen sich später als Offiziere am Kampf der Nordstaaten gegen den sklavenhaltenden Süden, so auch Carl Schurz und Fritz Anneke. Schurz wird Senator und Innenminister, der glücklose Anneke aber stirbt nach einem Unfall. Mathilde Franziska Anneke arbeitet publizistisch, gründet eine hoch angesehene Mädchenschule in Milwaukee und wird eine gefeierte Vorkämpferin des Frauenwahlrechts. (CH)


[1] Vgl. dazu Klaus Schmidt, „Andreas Gottschalk“, NRhZ Nr. 170 und 171


Weiterführende Literatur
Maria Wagner: „Mathilda Franziska Anneke in Selbstzeugnissen und Dokumenten“, Fischer, Frankfurt am Main 1980 ISBN 3-596-22051-3
Irene Franken: „Bleibt länger nicht die Betrogenen!“ Die demokratische Feministin Mathilde Franziska Anneke in Köln (1847-1849), in: Fritz Bilz/Klaus Schmidt (Hg.): „Das war ’ne heiße Märzenzeit. Revolution im Rheinland 1848/49“, Köln 1998, PapyRossa Verlag ISBN 3-89438-153-1
Buch Mathilde Franziska Anneke KLaus Schmidt, Schmidt von Schwind Verlag Klaus Schmidt: „Mathilde Franziska und Fritz Anneke – Aus der Pionierzeit von Demokratie- und Frauenbewegung“ Köln 1999, Joachim Schmidt von Schwind Verlag, ISBN 3-932050-14-2
Dieter Wunderlich: „Mathilde Franziska Anneke (1817-1884), Pionierin der Frauenbewegung“ In: WageMutige Frauen. 16 Porträts: Piper Verlag, München 2008, ISBN 978-3-492-24772-6


Online-Flyer Nr. 182  vom 28.01.2009

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