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Kultur und Wissen
Zum 140. Geburtstag der Dichterin und Künstlerin Else Lasker-Schüler
Forum in Berlin und virtuelles Museum im Netz
Von Peter Kleinert

Über eine viertägige literarische Veranstaltung vom 5. bis 8. März anlässlich ihres 140. Geburtstags kehrte die 1945 im Exil in Jerusalem gestorbene und 1869 in Wuppertal geborene Dichterin und Künstlerin Else Lasker Schüler wieder nach Berlin zurück, wo sie bis 1933 eine wichtige Figur der Boheme gewesen war. Es war das XV. Else Lasker-Schüler-Forum und das erste, das in der Berlin stattfand. Zwei Tage nach dem Forum, am 10. März, wurde ein “Virtuelles Museum der verfolgten Künste“ online gestellt.

Selbstporträt von Else Lasker-Schüler
Da Else Lasker-Schüler in Berlin maßgeblich für die wichtigste expressionistische Zeitschrift “Der Sturm“ tätig gewesen war, eröffnete die Schauspielerin Angela Winkler mit Rezitationen von ELS-Texten und Gedichten von Freunden aus dem Umkreis der Dichterin das Forum. Auf dem Programm stand ein neues Theaterstück über die Autorin, das als inszenierte Lesung in der Tschechischen Botschaft vorgestellt wurde. Dort präsentierte die Schauspielerin Nina Hoger mit einem Musikensemble auch Lyrik und Prosa der Dichterin. Experten sprachen über das zeichnerische Werk der Künstlerin und ihre Freundschaften mit den berühmten Künstlern jener Epoche in Berlin. 
 

ELS – Dichterin, Zeichnerin, Flötespielerin
Ein Jahr vor ihrer Flucht ins Exil hatte sie 1932 den Kleist-Preis, die damals wichtigste Literaturauszeichnung in Deutschland, erhalten, 1937 wurden 104 ihrer Zeichnungen als “entartet“ von den Nazis aus der Berliner Nationalgalerie entfernt. Die hätten - so Hajo Jahn, Vorsitzender der Else Lasker-Schüler-Gesellschaft und der namensgleichen Wuppertaler Stiftung - „von einem anderen Wuppertaler gerettet werden können. Denn seine eigenen schweren Ölbilder, Werke berühmter Maler, hat er in Sicherheit gebracht und später seiner Heimatstadt geschenkt: Baron Eduard von der Heydt. Der “Bankier der Nazis“ mit Schweizer Pass war nämlich einflussreicher Vorsitzender des Freundeskreises der Berliner Nationalgalerie. Seine wertvolle Sammlung dürfte er zu erheblichen Teilen aus den Provisionen seiner Geldwaschgeschäfte für das “Dritte Reich“ finanziert haben. Immerhin hat es die Else Lasker-Schüler-Gesellschaft nach jahrelangen Kämpfen geschafft, daß der Kulturpreis der Stadt in diesem Jahr erstmals ohne den belasteten Vornamen des NSDAP-Mitglieds Eduard von der Heydt verliehen wurde.“ Den Preis nach der vertriebenen Künstlerin Else Lasker-Schüler zu benennen, wie es Hajo Jahn und einige wenige Wuppertaler Stadtverordnete gern gesehen hätten, dazu war die Mehrheit von CDU und SPD im Rat der Stadt nicht bereit.
 

Bei der Mehrheit im Stadtrat nicht beliebt 
– ELS-Archivfoto aus der Berliner Zeit
International beliebter als in Wuppertal
 
Dabei ist Else Lasker-Schüler, wie NRhZ-LeserInnen wissen, heute international anerkannt und beliebter als in ihrer Geburtsstadt. Hajo Jahn hat auf Einladung einer Pekinger Hochschule Vorträge über die Künstlerin auf Deutsch in Peking halten können, dazu einen Vortrag über Deutschlands “verbrannte Dichter“. Im Stockholmer Ersatz-Verlag ist gerade ein bibliophil aufgemachtes Buch mit deutschen Originalgedichten und deren schwedischen Übersetzungen sowie mit Essays von Else Lasker-Schüler in der Landessprache erschienen. Im Goethe-Institut Prag wurde der “Prinz von Theben“ - so einer der vielen alias-Namen der Künstlerin - vor vielen Gästen in einer Doppelveranstaltung ausführlich vorgestellt, gut besucht von Tschechen und Deutschen, die in Prag wohnen und arbeiten. Gefördert wurde dieses stark beachtete Symposium vom Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds, während das Berliner ELS-Forum keine öffentliche Unterstützung bekam. Lediglich die Stiftung Preußische Seehandlung förderte das ELS-Forum. Ähnliche Foren wie das in Berlin hatte die Wuppertaler Else Lasker-Schüler-Gesellschaft in den vergangenen Jahren unter anderem in Breslau, Prag, Zürich und Jerusalem organisiert. Die Literatur-Organisation hat nach Angaben ihres Vorsitzenden international mehr als 1.400 Mitglieder (www.else-lasker-schueler-gesellschaft.de).
 
Virtuelles Museum der verfolgten Künste
 
Hebräisch ist die achte Fremdsprache des Internetprojekts www.exil-archiv.de, das am 10. März unter dem Dach des “Virtuellen Zentrums der verfolgten Künste zur Förderung demokratischer Kultur“ (www.exil-zentrum.de) online geschaltet wurde. Vor fünf Jahren, im Frühling 2004, startete die Wuppertaler Else Lasker-Schüler-Gesellschaft mit ihrer „Stiftung verbrannte und verbannte Dichter/Künstler“ zuerst das “Exil-Archiv“, dem inzwischen die pädagogische Plattform www.exil-club.de angegliedert wurde. Nun steht diese einmalige Erinnerungseinrichtung im weltweiten Netz. In dieser Zeit sind auch die Sprachen jener Länder hinzugekommen, die Exilanten während der NS-Zeit aufgenommen hatten oder von der deutschen Wehrmacht besetzt worden waren: Englisch, Französisch, Spanisch, Polnisch, Tschechisch und Farsi im angeschlossenen „Iranischen Exilarchiv“, das von Schweden aus bearbeitet wird. Aufgearbeitet sind hier inzwischen 1.300 Biografien, 100 weitere Lebensläufe vorbildhafter widerständiger Persönlichkeiten stehen bereits in der „Warteschlange“.
 
Keinerlei staatliches Interesse
 
Sie sind im weltweiten Web das Pendant eines realen Zentrums, das unter dem Dach des Kunstmuseums Solingen (Museumsdirektor Dr. Rolf Jessewitsch) mit einer Exil-Literatursammlung, einer Bilder-Sammlung, mit Thomas-Mann-Exilbriefen und Zeichnungen von Else Lasker-Schüler wächst. „Also in der sogenannten Provinz, weil sich bislang nirgendwo in der Welt ein Platz für diese einmalige Einrichtung gefunden hat, in der die 1933 begonnene Vertreibung von Künstlern und anderen Intellektuellen dargestellt wird“, sagt Hajo Jahn. Heinrich Heines Satz, dass dort, wo man Bücher verbrennt, auch Menschen verbrannt werden, habe sich unter den Nationalsozialisten erschreckend bestätigt. „Ab 1933 wurden Schriftsteller, Journalisten, Maler, Musiker und sogar Sportler aus Deutschland und später aus den besetzten Ländern vertrieben. Es waren die besten der deutschen und damit abendländischen Kultur. Mit ihren Biografien und ihren Werken lässt sich eine moderne Erinnerungskultur und Arbeit gegen Fremdenhass und Antisemitismus besser verbinden als mit steinernen Denkmälern und dem geplanten Zentrum gegen Vertreibung in Berlin.“ Die Else Lasker-Schüler-Gesellschaft habe ihr “Zentrum der verfolgten Künste“ mit Ausstellungen in Israel, Polen und Tschechien vorgestellt und sei dort im Gegensatz zu dem Projekt des Bundes der Vertriebenen auf Sympathie gestoßen. Vaclav Havel und Wladislaw Bartoszewski waren Schirmherren dieser Veranstaltungen. Fernziel der Gesellschaft sind solche Ausstellungen auch für Holland, Dänemark und Norwegen. Partner nicht nur des realen Zentrums, sondern auch des virtuellen ist das Kunstmuseum Solingen, an dem sich inzwischen als einzige öffentlich-rechtliche Institution in Deutschland der Landschaftsverband Rheinland beteiligt.

Hoffen auf Sponsoren
 
Hajo Jahn, Initiator und Motor dieses ungewöhnlichen, ehrenamtlich organisierten Projektes bedauert, dass es ansonsten keinerlei staatliches Interesse für die vertriebenen Besten aus der deutschen und abendländischen Kultur zu geben scheint. Das Internetprojekt und das reale Zentrum/Museum litten immer wieder unter akuter Geldnot. „In den USA hätten längst Mäzene oder Unternehmen erkannt, welches (Werbe-)Potential in dieser Thematik liegt.“ Er und mit ihm die 1.400 Mitglieder der Else-Lasker-Schüler-Gesellschaft hoffen aber trotz der wirtschaftlich schwierigen Zeiten auf Unterstützer und Sponsoren, „auf weitere Zustiftungen und Sammlungen, mit denen Gönner sich, wenn man so will, verewigen können.“ (PK)
 
Alle Bilder: www.exil-archiv.de
 
Das reale Zentrum der verfolgten Künste mit der (Bilder-)Sammlung Schneider und der (Exil-Literatur-)Sammlung Jürgen Serke befindet sich im Kunst-Museum Solingen, Wuppertaler Straße 160 (42 653 Solingen-Gräfrath)

Zugang zum virtuellen Zentrum: www.exil-zentrum.de, www.exil-archiv.de, www.exil-club.de

Telefonkontakt: Hajo Jahn (0202-305198) / Dr. Rolf Jessewitsch (0212-25814-0)

Online-Flyer Nr. 189  vom 18.03.2009

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